Roggenmehl für die Haare

„Es fühlt sich seifig an“

 - 17:38

Hätte mir früher jemand erzählt, wie gut das funktioniert, ich hätte es bestimmt nicht geglaubt. Aber seit fast anderthalb Jahren wasche ich mir meine Haare mit Roggenmehl. Ich bin selbst überrascht, aber es geht, definitiv. Ich glaube, die Stärke im Mehl bindet den überschüssigen Talg, also das, was die Haare fettig macht. Meine Haare sind hinterher frisch und sauber, wie mit normalem Shampoo auch, fluffig, weich und griffig. Sie fühlen sich gut an. Und sie riechen nach nichts.

Ich habe langes, dunkelblondes Haar, das früher oft entweder schuppig oder fettig war. Wenn ich Schuppen hatte, nahm ich ein Shampoo gegen schuppige Haare, wenn ich fettige Haare hatte, aggressives Zeug gegen das Fett. Das war wie ein Kreislauf: Weil die Chemie gegen die Schuppen so radikal war, musste die Kopfhaut mehr Talg produzieren. Das Shampoo gegen fettige Haare wiederum trocknete so aus, dass die Schuppen wiederkamen. Später bin ich auf natürliche, milde Shampoos umgestiegen, ohne Silikone und ohne spezielle Wirkung, ich habe immer mal neue Produkte ausprobiert. Eine Weile hat sich das Haar ganz gut arrangiert. Irgendwann fing es wieder an mit meinem alten Problem. Seit ich das Roggen-Shampoo benutze, ist dieser Kreislauf durchbrochen. Roggenmehl hat den gleichen pH-Wert wie die Haut. Es greift die Kopfhaut nicht an, die Kopfhaut kann sich vielmehr regenerieren und in Ruhe ihre natürliche Arbeit tun.

Ich bin 37 Jahre alt, Personalentwicklerin, und komme aus Hannover. Ich wusste schon länger, dass es Leute gibt, die ganz auf Shampoo verzichten. In einem Urlaub in Norwegen dann habe ich mir recht selten die Haare gewaschen. Beim Zelten in der freien Natur hatte ich nicht die Gelegenheit, und auf den Campingplätzen musste man jedes Mal teuer bezahlen. Ich habe mir meine Haare angeguckt und gemerkt: ungefähr einmal die Woche, das reicht. Später habe ich mich im Internet mit dieser „No poo“-Bewegung beschäftigt. „Poo“ ist das englische Wort für Kacke oder steht eben für Shampoo. In einem Blog bin ich auf die Methode mit dem Mehl gestoßen.

Daraufhin bin ich in den nächsten Bioladen gegangen und habe ein Kilo Roggenvollkornmehl gekauft. Damit habe ich es eine Weile versucht. Es blieben aber immer noch Restbestandteile im Haar, die musste man auskämmen. Später empfahl mir jemand feineres Mehl. Seit ich Roggenmehl Typ 1150 verwende, bin ich sehr, sehr zufrieden. Ich wasche meine Haare jetzt alle drei bis vier, teilweise auch nur alle fünf Tage. Früher war das definitiv alle drei Tage nötig.

Eine Kilo-Packung kostet etwas mehr als einen Euro und reicht für zwei bis drei Monate. Das Mehl steht in der Küche neben der Spüle. Ich habe es abgefüllt in ein Glasgefäß, weil es sich dann besser portionieren lässt und schöner aussieht. Daraus löffele ich vielleicht zwei Fingerbreit in eine kleine Schale und vermische es mit lauwarmem Wasser, bis eine sämige Konsistenz entsteht, so ein bisschen gelartig. Wenn es schnell gehen muss, rühre ich das Mehl erst unter der Dusche an. Die Mehlmasse benutze ich genau wie Shampoo: Ich verteile sie, spüle sie wieder aus, und es ist gut. Es schäumt halt nicht, die Masse ist eher trocken, und es riecht auch nicht. Aber es dauert nicht länger als mit normalem Shampoo auch, und es fühlt sich durchaus ein bisschen seifig an.

Außerdem enthält Roggenmehl natürliche Proteine und andere Stoffe, die Shampoos beigemischt werden müssen. Dadurch hat es einen pflegenden Aspekt. Manchmal lasse ich das angerührte Mehl auch zwei Stunden stehen, weil sich dann angeblich noch mehr gute Pflegebestandteile lösen. Ich brauche jedenfalls keine Spülung mehr. Meine Haare sehen trotzdem gesund aus.

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Es muss übrigens auf jeden Fall Roggenmehl sein. Bei Weizen und Dinkel ist der Glutenanteil zu hoch. Dann erhält man eine Pampe, die sich nicht wieder aus den Haaren entfernen lässt. Das habe ich zum Glück nie ausprobiert. Einmal allerdings hat mein Freund aus Versehen Roggenschrot gekauft. Das war furchtbar. Erst habe ich das Zeug kaum in die Haare gekriegt, anschließend kaum wieder raus. Ich habe noch versucht, den Schrot zu mörsern. Kein Spaß.

Inzwischen benutze ich mein Roggenmehl-Shampoo auch als Duschbad, weil ich merke, dass es besser ist für die Haut. Früher hatte ich immer sehr trockene Haut, vor allem an den Unterschenkeln. Das ist besser geworden - nicht wie eingecremt, aber nicht mehr ganz so trocken. Auch meine Gesichtshaut spannt weniger, seit ich die Mehlmasse beim Duschen im Gesicht wie eine Maske verwende. Vor allem im Winter hatte ich trockene Stellen im Gesicht. Die sind jetzt weg. Mein Freund hat sogar sein teures Bart-Shampoo ersetzt. Mit normalem Shampoo wurde sein Vollbart eher strohig. Mit dem Roggenmehl ist er sehr zufrieden. Nur als Duschgel nutzt er es nicht, weil er meint, das bringt es nicht, es ist anscheinend nicht stark genug. Er macht viel Sport, da braucht er Seife.

Für mich ist Roggenmehl-Shampoo einfach praktisch. Ich sehe, dass es meinen Haaren und meiner Kopfhaut gut tut. Und ich verwende weniger Plastik. Ich versuche grundsätzlich, nachhaltiger zu leben und auf Plastik zu verzichten. Ich gehe oft auf dem Markt einkaufen und habe meistens Stoffbeutel dabei. Unsere Biomülltüten falte ich mir aus Zeitungen, für das Baby nutze ich Stoffwindeln. Und ich kaufe viel Secondhand. Die Ressourcen sind begrenzt, das kann ich alleine nicht ändern, aber ich kann zumindest etwas tun, indem ich zusehe, dass möglichst wenig für mich produziert werden muss.

Aber meine Haare sind mir schon sehr wichtig. Wenn die nicht gut aussähen, würde ich das mit dem Mehl nicht machen. Wenn ich demnächst anfange, meinem Baby die Haare zu waschen, werde ich auch Roggenmehl benutzen. Warum soll ich Chemie an diese zarte Haut lassen, wenn es auch natürlich geht?

Aufgezeichnet von Julia Schaaf.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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