Leib & Seele
Die „Jodel“-App

Frust und Fun für alle

Von Sara Kreuter
© dpa, F.A.S.

Energisch hämmert Studentin Luise ihren Missmut über die langweilige Vorlesung in ihr iPhone: #erschießmich, #waiting4friday. Sie postet ihre Frustration in der App „Jodel“; sofort können alle Nutzer im Umkreis von zehn Kilometern ihren anonymen Beitrag sehen und bewerten. Zum Ende der Vorlesung, es ging um Führungsstil und Teamspirit, hat Luise 55 Likes, hier Upvotes genannt, gesammelt – keine schlechte Ausbeute. Auch wenn es nicht an ihren besten Beitrag heranreicht, einen Witz über „Harry Potter“, der 500 Leuten gefiel. Die Top-Jodel in Deutschland bekommen sogar regelmäßig mehrere tausend Upvotes für Sprüche wie: „Gerade einen Brief mit der Aufschrift ‚Letzte Mahnung‘ bekommen. Wurde aber auch Zeit, dass die damit aufhören.“ Und: „Heute ist der Erfinder der Autokorrektur verstorben. Restaurant in Peace.“

„Jodel“? Was ist das nun wieder? Jodel ist eine Mischung aus einem Messenger und einem sozialen Netzwerk für junge Erwachsene. Hauptsächlich Studenten, aber auch zunehmend Berufseinsteiger und Schüler nutzen die App. Gepostet werden vor allem Witze und Alltagsanekdoten, aber auch Infos zum Semesterticket, Meldungen über Kontrolleure in der S-Bahn und philosophische Fragen, nach dem Sinn des Lebens und dergleichen.

Gegründet wurde Jodel vor fast drei Jahren von Alessio Avellan Borgmeyer, der damals selbst noch Student an der RWTH Aachen war. Heute erreicht die App mehr als 1,5 Millionen Nutzer. Fünf Millionen Jodel werden am Tag gepostet, das sind mehr als fünfzig Stück pro Sekunde. Und das nicht nur in Deutschland, mittlerweile hat sich Jodel auch in Österreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, der Schweiz und kürzlich auch in einer Region in Saudi-Arabien etabliert.

Anonym – und deswegen interessant

Jodel ist anonym. Wichtig ist, was geschrieben wird; nicht, wer schreibt. Daher rührt auch der Name der App, der auf die Gesangstechnik in den Alpen verweist. Denn was in den Bergen fröhlich gejodelt wird, kommt im Tal akustisch zwar an, die Person jedoch bleibt verborgen – genau wie in der App. Diese Anonymität grenzt Jodel von Diensten wie Whatsapp, Twitter und Facebook ab, gerade sie macht die App für Jugendforscher und Soziologen besonders reizvoll. Schließlich bildet Jodel ziemlich detailgetreu ab, was junge Erwachsene wie Luise beschäftigt – und wie sie sich verhalten, wenn sie unter sich sind, ohne den Druck, sich profilieren zu müssen.

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Interessant dabei ist, dass sich die soziale Interaktion nicht auf die App beschränkt, sondern dass die Jodler immer wieder aktiv in das lokale Geschehen eingreifen. „Jodel konstruiert Gemeinschaft“, erklärt York Kautt, Mediensoziologe an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Und dieser virale Gemeinschaftssinn wirkt sich auf die lokale Gemeinschaft aus. Tatsächlich: Seit der Erfindung der App haben junge Erwachsene durch Jodel Hilfsnetzwerke gegründet, sich Späße auf Kosten der Bürger ihrer Stadt erlaubt und für kleine Sozialdramen gesorgt. Einige Beispiele finden sich hier zusammengetragen aus Jodel-Posts, Zeitungsberichten und Gesprächen mit Beteiligten:

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Upvotes statt Likes: Die @jodelapp ist gerade bei Studenten äußerst beliebt. Warum?

Jodelahihi

Mit USB-Stick zur Beerdigung: Die Passauer Studentin Sara, 20, hat an der Uni ihren USB-Stick verloren, auf dem ein fünfminütiges Video für die Beerdigung ihres Vaters am Folgetag gespeichert war. Sie bittet die Jodel-Community um Hilfe. Mehrere hundert Mitglieder verfolgen den Jodel, sprechen Sara ihr Beileid aus. Dutzende Jodler schließen sich zu Suchtrupps zusammen, fahren sogar am späten Abend gemeinsam zum Campus, um den Stick zu finden. Bevor sie sich am nächsten Tag auf den Weg nach Stuttgart macht, blickt Sara nochmals auf ihr Handy. Der USB-Stick sei aufgetaucht, heißt es unter ihrem Beitrag, der Finder wolle sie am Bahnhof treffen. Dort angekommen, wird Sara tatsächlich von einem jungen Mann erwartet. Er hält ein Pappschild mit der Aufschrift „USB-Stick gefunden“ in der Hand.

Burger im Bordell: Familien mit kleinen Kindern, hungrige Pärchen auf der Durchreise und unwissende Erstsemester kommen in München zeitweise ziemlich in Verlegenheit. Der Grund: Das angepriesene 3-Sterne-Restaurant „Leierkasten“, in dem sie dinieren wollen, entpuppt sich – als Puff. Nährboden für diese peinliche Verwechslung ist Jodel. Dort wird das Bordell als Gourmet-Restaurant angepriesen, ein Scherz, der immer größere Ausmaße annimmt. Ein Nutzer lobt das Frühstücksbuffet – „üppig und lecker“ –, ein anderer jodelt nervös vor seinem vermeintlichen Vorstellungsgespräch als Koch-Lehrling. Damit nicht genug, plötzlich erhält der „Leierkasten“ Fake-Bewertungen auf Google, jemand macht sich sogar die Mühe, eine Website zu erstellen. Unter leierkasten.tk wird die Speisekarte des falschen Restaurants veröffentlicht, die Spezialitäten des Hauses sollen Perlhuhn und Schokoküchlein sein. Kein Wunder bei dieser Masse an falschen Indizien, dass Hungrige fehlgeleitet werden.

Dennis und der Obdachlose: Dennis liegt im April 2017 für zwei Wochen im Krankenhaus. Sein Zimmer teilt er sich mit Andreas, einem polnischen Staatsbürger ohne Arbeit und Obdach. Dennis will helfen und informiert Jodel über das Schicksal des Mannes. Die ganze Community reagiert. Dennis richtet eine Website ein, beginnt, Spenden zu generieren. Kleidung wird abgegeben, ein Handy, Turnschuhe. Eine Zahntechnik-Firma spendet einen Zahnersatz. 7000 Euro werden gesammelt. Heute hat Andreas eine Kranken- und Sozialversicherung, renoviert gerade seine kleine Wohnung und arbeitet auf 450-Euro-Basis in einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Falscher Vater entlarvt: Unter dem vielgenutzten Hashtag „Jodler hilft Jodler“ – #jhj – fragt ein junges Mädchen: „War heute Blut spenden, habe Blutgruppe B+, mein Vater 0 und meine Mutter A. Ich hab nicht gut in Bio aufgepasst, aber das ist nicht normal so, richtig?“ Dass das nicht normal ist, bestätigen ihr die Jodler schnell. Die Geschichte spinnt sich immer weiter, die Protagonistin schickt regelmäßige Updates. Sie fährt nach Hause, konfrontiert ihre Mutter und erfährt, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. Was diesem bewusst war; trotzdem hat er sich entschieden, sie als eigenes Kind großzuziehen.

Quelle: F.A.S.
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