Plädoyer fürs Schwimmen

Wasser lesen lernen

Von John von Düffel
 - 12:57

Wenn ich einen Schwimmer sehe, male ich einen Ertrinkenden." An diesen Satz von Jacques Prévert aus "Le Quai de brumes" muss ich diesen Sommer oft denken. In Zeiten, in denen die Meere wieder Grenzen oder gar Festungsgräben bilden, hat er neben seiner ästhetisch-poetischen Bedeutung auch eine erschreckend konkrete. Selten zuvor war die Schönheit des Schwimmens so eng verbunden mit dem Gedanken an den Tod im Wasser und der Frage des Überlebens. In dem Maße, in dem die Migration über die Meere zugenommen hat (und die Berichterstattung darüber), schwimmt das schlechte Gewissen des Privilegiertseins bei fast jedem Badeausflug mit.

Ich will nicht so tun, als gäbe es keine Momente sommerlicher Unbeschwertheit mehr im Freibad oder im Baggersee. Doch spätestens bei der Urlaubsplanung lässt sich die Weltlage nicht länger ausblenden. Und vielleicht zeigt sich beim Badetourismus mehr als bei manch anderer Ferienvorliebe, dass viele Selbstverständlichkeiten von einst fragwürdig geworden sind. Die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten stoßen sich hart im Raum mit den teutonischen Urlaubsträumen vom Mittelmeer. Die gesamte Sandstrand-Romantik scheint endgültig die Unschuld verloren zu haben, die sie vermutlich nie hatte.

Spricht das gegen das Schwimmen? Mal abgesehen von den politischen und moralischen Fragen, die sich im Wasser nicht lösen lassen, kann man nur sagen: im Gegenteil! Vielleicht steht beim Nachdenken über das Schwimmen heute weniger der Sport oder die Ästhetik im Vordergrund, sondern seine Bedeutung als Survival-Technik.

Doch damit rückt ins Bewusstsein, wie elementar das Erlernen des Schwimmens war und ist, menschheitsgeschichtlich wie für jeden einzelnen. Wir sind Landwesen. Und bei aller Faszination für das andere Element ist uns eine gewisse Scheu vor dem Wasser eigen, eine natürliche Angst vor dem Unwägbaren, Fließenden und vor der Tiefe.

Ein Kriechstrom von Unheimlichkeit in jedem offenen Gewässer

Der Gang ins Wasser bedeutet auch für einen routinierten Schwimmer eine gewisse Überwindung. Gewohnheit hilft, doch man kann nie wirklich wissen, was einen erwartet. Denn Wasser ist immer anders. Schon ein kleiner Temperaturunterschied, eine stärkere Strömung, ein tieferer Sonnenstand, Wind, Wolken - und das Wasser hat ein anderes Gesicht, bewegt und schwimmt sich anders. Nicht selten verändert es sich im Zuge eines Schwimmausflugs. Wasser ist das Element der Verwandlung. Und bei aller Geborgenheit, dem Getragenwerden und Umhülltsein im Sommer bleibt ein Kriechstrom von Unheimlichkeit in jedem offenen Gewässer.

Der Blick auf die Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft beweist das. 2016 sind in Deutschland erstmals wieder mehr als 500 Menschen ertrunken: 537. Hauptproblem sind die unbewachten Binnengewässer, Flüsse, Seen, Teiche mit 406 Toten. An den Küsten von Nord- und Ostsee ertranken im Vergleich dazu lediglich 26 Menschen; der Wasserrettungsdienst an den Stränden hat vielen das Leben gerettet. Im Geschlechtervergleich trifft es nur 20 Prozent Frauen. Die Hauptursachen - Leichtsinn, Selbstüberschätzung, Übermut - sind offenbar dominant männliche Eigenschaften. Besonders bitter und tragisch ist der hohe Anteil von 64 ertrunkenen Asylsuchenden in hiesigen Seen und Flüssen.

Schwimmen ist eine Überlebenstechnik. Und es zu erlernen ist so wichtig wie eine Sprache - eine zweite Sprache des Körpers. Im alten Rom mit seiner hochentwickelten Bäderkultur gab es das geflügelte Wort: "Er kann weder schwimmen noch lesen." Gemeint war: Er ist ein ungebildeter Mensch. Die Fähigkeit zu schwimmen hatte nicht nur denselben Stellenwert wie das Lesenkönnen. Beides gehörte im Denken der Antike zusammen und ergänzte sich wie Lesen und Schreiben. Schwimmen war ein elementarer Bestandteil der menschlichen Bildung: der körperlichen wie der geistigen. Aus dem panischen Versuch, sich hundepaddelnd oder froschgrätschend über Wasser zu halten, war eine Kulturtechnik geworden.

Wer schwimmt, liest seinen Körper im Dialog mit dem Element

Schwimmen und Lesen sind zutiefst verwandt: Wer sich im Wasser nicht nur gegen das Ertrinken wehrt, sondern sein Gespür für das Element so weit entwickelt hat, dass er weiß, wie man sich darin bewegt, der "liest" das Wasser mit allen Sinnen. Er "beherrscht" es nicht - das zu behaupten, käme einer Selbstüberschätzung gleich. Doch er beherrscht die Fähigkeit, ihm so nahe zu sein, wie es menschenmöglich ist. Und dazu braucht er ein hohes Maß an Kenntnis und Kontrolle über seine Kräfte, seine Atmung, seine Ängste.

Wer schwimmt, liest seinen eigenen Körper im Dialog mit dem Element. Je mehr die Kulturtechniken des Schwimmens und Lesens verkümmern oder nur unzureichend weitergegeben werden, desto rückschrittlicher ist eine Gesellschaft. Die vielbeklagte Bildungsmisere hierzulande zeigt sich nicht zuletzt darin, dass aufgrund der zahlreichen Bäderschließungen, aufgrund von Lehrermangel und knappen Kassen in vielen Schulen kein Schwimmunterricht mehr angeboten wird.

Damit gerät nicht nur die Fähigkeit, das Wasser zu lesen, zunehmend in Vergessenheit, es entstehen auch immer mehr Analphabeten des eigenen Körpers. Um das Wort von Prévert zu travestieren: Wenn ich ein geschlossenes Schwimmbad sehe, sehe ich einen Ertrinkenden.

Guter Schwimmunterricht ist durch nichts zu ersetzen

Die Bäder dagegen, die in jüngster Zeit gebaut und eröffnet werden, sind überwiegend sogenannte Spaßbäder. Auch das ist bezeichnend. Ohne ein quietschfideles "Fun"-Versprechen ist offenbar keine Familie mehr ins Wasser zu locken. Dabei ist das Standardargument, die jüngere Generation werde über den Spaßfaktor mit dem Wasser vertraut, äußerst fraglich.

Adipöse Kinder, die mit Hochgeschwindigkeit durch verschlungene Tunnelröhren rutschen, um in ein brusttiefes Wasserbecken zu klatschen, mutieren nicht zwangsläufig zu Schwimmern. Und den Analphabetismus der Körper überwindet man damit auch nicht. Ein gut angeleiteter Schwimmunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Er legt - wie das Lesenlernen - Grundlagen fürs Leben. Im Übrigen ist das beste aller möglichen Spaßbäder immer noch der nächste See.

Grund für einen wasserflächendeckenden Kulturpessimismus ist das keineswegs. Denn mit seiner reichen Fluss- und Seenlandschaft und einer vergleichsweise hohen Wasserqualität ist Deutschland immer noch ein Schwimmparadies. Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen der Welt ist hier fast überall ein schwimmbares Gewässer ohne großen Aufwand erreichbar.

Das Land für eine wundersame Zeit der Verwandlung verlassen

"Wenn nur das Wetter nicht wäre", halten Schwimmmuffel dagegen. Doch auch das ist eine Ausrede. Das Mutterland der Wiederentdeckung des Schwimmens nach einer düsteren Zeit der Sinnenfeindlichkeit im Mittelalter war England, wo das Wetter bekanntlich noch schlechter ist. Die spleenigen englischen Aristokraten des 19. Jahrhunderts hat das nicht daran gehindert, sich über die kirchlich tabuisierte Nacktheit hinwegzusetzen, in die Flüsse und Tümpel zu springen und den Schwimmsport salonfähig zu machen. Wetter ist Einstellungssache.

Und gerade die etwas durchwachsenen deutschen Schwimmsommer sind eigentlich die schönsten. Die Ufer quellen nicht über von Handtuchlagern und Einweg-Grills. Die Hundedichte hält sich in Grenzen. Das Wasser ist frisch und fordert zum Schwimmen heraus statt zum bloßen Dahindümpeln.

Es liegt bei jedem selbst, sich den Ruck zu geben und seine Landexistenz für Momente hinter sich zu lassen - für eine besondere, immer wieder wundersame Zeit der Verwandlung. Denn das Wasser ist da und wartet nur darauf, von uns gelesen zu werden.

Der Autor

John von Düffel ist Schriftsteller, Dramaturg und passionierter Schwimmer.

Neben den Wasser-Romanen "Vom Wasser" und "Houwelandt" schrieb er den essayistischen Band "Schwimmen - Philosophie der Passionen" und zuletzt eine "Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDLRGPlädoyer