Kosmetik für Krebspatientinnen

Was ein wenig Farbe im Gesicht bewirkt

Von Katharina Pfannkuch
 - 13:41

Gerade eben war der Besprechungsraum des Brustzentrums im Hamburger Marienkrankenhaus noch von Stimmengewirr erfüllt, nun herrscht konzentrierte Stille. Alle Blicke sind gerade auf Inge gerichtet. Normalerweise kommt sie her, um mit ihrer Ärztin über ihre Chemotherapie, deren Nebenwirkungen und ihren Heilungsprozess zu sprechen. Heute aber ist Inge aus einem anderen Grund da. Heute möchte sie vor allem lernen, wie sie ihre Augenbrauen, die sie im Laufe der Therapie verloren hat, so nachzeichnet, dass sie ganz natürlich aussehen. Und deshalb beobachtet Inge in dem kleinen Spiegel, der vor ihr zwischen großen Schalen mit Obst, Wasser, Säften und Schminkanleitungen auf dem Konferenztisch steht, ganz genau jedes noch so kleine Strichlein, das Anissa Ben Chaabane gerade sorgfältig malt. Dorthin, wo vor der Therapie Inges Brauen waren.

Ben Chaabane ist Make-up-Artist und leitet heute das Seminar „look good feel better“, zu dem die DKMS Life ins Marienkrankenhaus geladen hat. Die gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Köln, eine Tochter der DKMS – so nennt sich heute die ehemalige Deutsche Knochenmarkspenderdatei –, organisiert diese Seminare in rund 300 medizinischen Einrichtungen in ganz Deutschland, insgesamt über 1.400 Mal pro Jahr. Mehr als 130.000 Patientinnen haben in den vergangenen zwanzig Jahren teilgenommen. Finanziert werden die Seminare mit Hilfe zahlreicher Sponsoren, privater Spender und durch den tatkräftigen Einsatz von fast 300 ehrenamtlichen Kosmetikexpertinnen.

Eine von ihnen ist die 34 Jahre alte Ben Chaabane. „Du brauchst nur ein bisschen Geduld“, sagt Anissa Ben Chaabane in beruhigendem und optimistischem Ton, als Inge mit heller, fast mädchenhafter Stimme von ihren Hoffnungen erzählt: „Meine letzte Behandlung ist zwei Wochen her, sie müssten also bald wieder nachwachsen.“ Zwei bis vier Wochen kann es noch dauern, hat ihre Ärztin gesagt, doch Inge ist ungeduldig. „Keine Augenbrauen zu haben fällt mehr auf, als keine Wimpern zu haben“, findet sie. Tatsächlich prägen Augenbrauen unsere Mimik, sie geben dem Blick einen Rahmen, und spätestens seit Cara Delevingne die Kosmetikindustrie zu immer neuen Wundermitteln für die Partie oberhalb der Augen inspiriert, sind Models mit betont vollen Brauen auf Plakatwänden und in Hochglanzmagazinen allgegenwärtig.

Rote Lippen soll man küssen

Das weiß auch Anissa Ben Chaabane. Deshalb nimmt sie sich Zeit, um genau zu erklären, wie sich die perfekte und doch natürlich wirkende Braue schminken lässt. Die Hamburger Patientinnen hören ihr aufmerksam zu. „Ich wollte mich schon immer sozial engagieren“, erzählt Ben Chaabane: „Das Thema ist mir persönlich wichtig. Meine Großmutter hatte Brustkrebs.“ Für einen kurzen Moment wird der Blick der tunesisch-stämmigen Hamburgerin ernst. Eine Kollegin brachte sie auf die Idee, die DKMS Life zu unterstützen: „Schließlich liebe ich Kosmetik und Schönheit!“ Nun erhellt ein Lächeln ihr Gesicht. Seit diesem Sommer hilft sie Krebspatientinnen in ganz Norddeutschland dabei, die eigene Schönheit wiederzuentdecken und anders als bisher zu definieren: „Ich will euch motivieren, auch Neues auszuprobieren“, sagt sie zu den Patientinnen.

Die betrachten gerade zögerlich die knallroten Lippenstifte, die sich neben anderen hochwertigen Produkten zahlreicher Sponsoren in den großen Kosmetiktaschen verbergen, welche auf jedem Platz bereitstehen. „Ich trage eigentlich nie Lippenstift“, sagt Manuela, die neben Inge sitzt. Dann zuckt sie fast unmerklich mit den Schultern, stimmt leise „Rote Lippen soll man küssen“ an und trägt lächelnd die ungewohnt starke Farbe auf. Ihre Sitznachbarin muss lachen und tut es ihr gleich.

Unbeschwerte Momente wie dieser dürften ganz im Sinne der Organisatoren sein. Denn eines der erklärten Ziele der „look good feel better“-Seminare ist es, den Patientinnen zwei Stunden zu schenken, in denen es endlich einmal nicht in ernstem Tonfall um medizinische, sondern um vermeintlich triviale Fragen geht: Wie wird aus einem verpatzten doch noch ein elegant geschwungener Lidstrich? Welche Pflege ist für die empfindliche und ungeschützte Kopfhaut am besten? Hält Wimpernserum aus der Drogerie, was es verspricht? Und passt goldener Glitzer-Lidschatten zu grünen Augen?

„Auch Krebspatientinnen wollen schön sein und sich so fühlen“, betont Anke Frahm, wenn Nichtbetroffene sie fragen, ob die Erkrankten denn keine anderen Sorgen hätten. Frahm führt ein Kosmetikstudio in der Nähe des schleswig-holsteinischen Bad Segeberg und leitet ebenfalls ehrenamtlich „look good feel better“-Seminare. „Es geht hier nicht nur um den perfekten Lidstrich, sondern darum, gemeinsam einen schönen Nachmittag zu verbringen und an etwas anderes als an die Krankheit zu denken“, sagt Frahm. Ihre Motivation ist eine ganz persönliche: Sie hat selbst zwei Krebserkrankungen hinter sich und weiß aus eigener Erfahrung, dass schon ein wenig Farbe im Gesicht viel bewirken kann.

Nun gibt sie ihr Wissen an Frauen weiter, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. „Wenn man selbst gesundet, entwickelt man eine Art schlechtes Gewissen denen gegenüber, die noch krank sind“, erklärt sie mit fast entschuldigendem Lächeln. „Ich kenne den Weg, den man geht“, sagt Frahm zu den Teilnehmerinnen, die an einem grauen Dezember-Nachmittag im Universitätsklinikum Kiel eingetroffenen sind: „Es gibt gute und schlechte Tage. Und heute machen wir einen guten Tag daraus.“ Es wird sogar ein sehr guter Tag – dank Anke Frahm und dank der Patientinnen. Die beweisen nämlich einen so offenen und humorvollen Umgang mit den Auswirkungen ihrer Therapien und Behandlungen, dass ihr immer wieder aufbrausendes Gelächter bis ins Schwesternzimmer am anderen Ende des Flurs zu hören ist.

Das Lachen hat Vorrang

Da ist die Patientin, die sich bei der Begrüßung durch die schulterlangen Haare fährt und lächelnd erklärt: „Noch habe ich sie. Aber nicht mehr lange, nächste Woche geht die Behandlung los.“ Statt beklommener Stille erntet sie hierfür verständnisvolle Lacher und aufmunternde Worte: „Aber sie kommen ja auch wieder!“ Da ist die ältere Dame, die unermüdlich und mit norddeutscher Herzlichkeit alle anderen Teilnehmerinnen ermutigt, noch ein bisschen mehr Rouge und Lidschatten aufzutragen: „Das Gesicht ist ja nun mal das Einzige, womit wir momentan punkten können.“ Und da ist die junge Mutter, bei der während der Schwangerschaft Brustkrebs diagnostiziert wurde und die mit glucksendem Lachen von ihrem Umgang mit Wimperntusche seit der Erkrankung erzählt: „Auch die letzten drei Wimpern, die ich noch habe, schminke ich hartnäckig.“ Ihre Sitznachbarin nickt zustimmend: „Wir malen einfach alles an, was noch da ist.“ Beide müssen kurz innehalten. Das Lachen hat Vorrang.

Innerhalb kürzester Zeit ist der Raum erfüllt von solidarischer Offenheit. Das gemeinsame Abschminken wird mit einem trockenen „Jetzt kommt die Wahrheit ans Licht“ kommentiert, zwischen dem Fachsimpeln über Puder-Pinsel und Rouge-Töne, Perücken und Haarteile werden Nebenwirkungen der Chemotherapie, Risiken brusterhaltender Operationen und Sorgen um die Kinder diskutiert. Das alles geschieht in einem Tonfall, der alles andere als betroffen klingt – gerade weil es Betroffene sind, die sich hier austauschen. Ganz ungestört und ganz ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer.

Dass eine solche Atmosphäre entstehen kann, liegt auch daran, dass das medizinische Personal des jeweiligen Veranstaltungsortes bei den Seminaren nicht anwesend ist. „Wenn sie unter sich sind, sprechen die Patientinnen über ganz andere Themen. Und genau das ist auch gewollt“, erklärt Melanie Ameling, Pflegeexpertin für Brusterkrankungen und Fachbeauftragte am Hamburger Marienkrankenhaus: „Es soll nur um sie gehen.“ Seit einem Jahr bringt sie Patientinnen und Kosmetikexpertinnen zusammen. Die meisten Teilnehmerinnen kämen mit einer Mischung aus Neugier, Aufregung und Zurückhaltung; fast alle haben bereits mit der Therapie begonnen.

Auch Malgorzata Banys-Paluchowski, Leiterin des Brustzentrums im Marienkrankenhaus, zieht sich nach einer kurzen Begrüßung zurück. Sie sieht in den Seminaren viel mehr als nur Schminkkurse: „Eine Patientin erzählte mir, dass sie sich vor der Erkrankung nie schminkte und erst während der Chemotherapie damit begann. Sich mit Make-up zu beschäftigen, wurde für sie zu einem neuen Hobby, das sie auch nach Ende der Behandlung beibehielt und mir gegenüber als Lichtblick im dunklen Tunnel der Krebserkrankung beschrieb.“

Solche Erfahrungen kennt auch Marie-Ève Schröder, Corporate Senior Vice President bei Henkel Beauty Care. Schröder sammelt auf Veranstaltungen wie den „Ladies Lunches“ in ganz Deutschland Spenden für die DKMS Life: „Manche Patientinnen begreifen die Krankheit und deren Bewältigung als Neustart. Die einen definieren ihre Schönheit neu, andere denken über einen neuen Job nach.“ Für Unternehmen, deren Produkte um die Inbegriffe des klassischen weiblichen Schönheitsideals kreisen, sei es wichtig, sich hier zu engagieren. Als Frau gehe ihr das Thema besonders nahe, sagt Schröder: „Die Wahrscheinlichkeit, im direkten Umfeld oder selbst betroffen zu sein, ist einfach sehr hoch. Wenn ich erlebe, wie kämpferisch manche Patientinnen mit ihrer Diagnose umgehen, stelle ich mir oft die Frage, wie ich selbst reagieren würde.“

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren

Dass diese Frage viele Frauen umtreibt, ist angesichts der Zahlen nicht überraschend. Mehr als 230.000 Frauen erkranken jährlich neu an Krebs. Für sie setzen sich auch Prominente ein. Gerade erst brachte etwa das Model Lena Gercke eine Kollektion mit Weihnachtspullovern heraus, zu der auch ein Modell gehört, dessen Verkaufserlös zu 100 Prozent an das „look good feel better“-Programm geht. Die Sponsoren geizen ebenfalls nicht und steuern hochpreisige Produkte für die prall gefüllten Kosmetiktaschen bei, die bei den Seminarteilnehmerinnen regelmäßig für große Überraschung und noch mehr Freude sorgen.

Nur, ist das alles am Ende vielleicht vielmehr ins Gewand der Wohltätigkeit gehüllte Werbung in eigener Sache? Marie-Ève Schröder muss bei dieser Frage unweigerlich lächeln: „Wissen Sie, wenn man nichts tut, gibt es Kritik, und wenn man etwas tut, gibt es auch Kritik. Dann tue ich doch lieber etwas!“

Während Schröder Events organisiert und Spenden sammelt, verleihen die Kosmetikexpertinnen vor Ort den „look good feel better“-Seminaren eine ganz persönliche Note. Das sagt auch Schröder mit Nachdruck: „Ich bewundere die Energie der Ehrenamtlichen. Ohne sie wäre das alles gar nicht möglich.“ Christine Kreissig, Krankenschwester am Universitätsklinikum Kiel, erzählt sichtlich beeindruckt von einer Kosmetikexpertin aus Süddeutschland, die erst vor kurzem fünf Stunden Zugfahrt in den Norden auf sich nahm, um das zweistündige Seminar zu leiten.

Das strahlende Lächeln der anfangs oft zurückhaltenden Teilnehmerinnen am Ende eines jeden Seminars sei für sie die schönste Belohnung, sagt Anissa Ben Chaabane aus Hamburg, selbst begeistert strahlend. Auch Anke Frahm wirkt nach den zwei intensiven Stunden mit den Kieler Patientinnen zufrieden: „Man kommt aus einem schlimmen Anlass zusammen und geht mit einem tollen Gefühl nach Hause.“ Und vom Flur, wo einige Teilnehmerinnen sich noch miteinander unterhalten, ertönt schon wieder lautes Lachen.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDKMSDeutschlandFrauenCara DelevingneBrustkrebs