Trendsport Krafttraining

Schwere Gewichte zu heben, ist gar nicht so abenteuerlich

Von Jennifer Wiebking
 - 15:22

Es ist eine andere Art von Obergrenze. Viele Menschen reizen sie aus, wenden dafür Zeit und Mühe auf und schwitzen sogar. Für diese Obergrenze, die ohne große Diskussion daherkommt, braucht es vor allem Muskelkraft. Beim Laufen - 15, 20, gar 42,195 Kilometer - geht es um Bestzeiten. Aber zum Ausdauertraining kommen in sportlichen Zeiten nun ganz andere Herausforderungen: Sogar Frauen, besonders junge, stemmen Gewichte. „Da wird sich im Laufe des Trainings eine Obergrenze ergeben", sagt Sportmediziner Herbert Löllgen. „Und dann arbeitet man daran, die Wiederholungen zu steigern." Das geht zum Beispiel mit exzentrischem Bankdrücken, bei dem man liegend eine Langhantelstange nach oben drückt und wieder absenkt. Oder indem man zwei kleinere Hanteln langsam nach oben zieht und senkt, sodass sich die Schulterblätter parallel zusammenziehen.

Alles bestens dokumentiert in den sozialen Netzwerken, wo man später auch die muskelgewordenen Ergebnisse - die Bäuche mit Ab-Cracks und Six-Packs, die Oberarme mit Relief - zu sehen bekommt, mit Markierungen wie #fitspo oder #fitnessjunkie. Es sind echte Werte, schwere Gewichte. Eine Hantelstange kann schnell massiver aussehen als die Frau, die sie stemmt.

Trend Richtung Krafttraining

Der Trend geht also Richtung Krafttraining, und wenn die Szenen auf den Fotos zuweilen geradezu gefährlich anmuten, dann kann dieser Eindruck täuschen. Löllgen meint, es sei begrüßenswert, dass auch Frauen das Krafttraining nicht mehr mit dem Gedanken an das Bild eines Bodybuilders abtun, sondern es mit einem athletischen Menschen verbinden. Und dabei ist noch nicht einmal der Mythos „strong not skinny" gemeint, den halb Hollywood bei jeder Gelegenheit bekräftigt. Auf ihren Körper angesprochen, sagte Diane Kruger zum Beispiel Anfang des Jahres, dass sie fit und stark werden wolle statt einfach nur dünn. Emma Stone, Hilary Duff, Amy Adams, Emily Blunt, sie alle sind Mitglieder bei Rise Movement, einem Fitnessclub, der fast nur Privatstunden anbietet. Kreuz-heben soll dort trotzdem eine feste Institution sein. Und Kate Upton erzählte vor einer Weile, sie schaffe mehr als 500 Pfund auf dem Gewichtsschlitten. „Seit gut zwei Jahren handelt es sich um eine gewisse Modeerscheinung", sagt auch Löllgen. „Aber es ist eine positive Entwicklung."

Extreme gibt es immer. Der Body-Wahnsinn, das Streben nach Ab-Crack, Hip-Dent und einem total transformierten Körper ist am Ende nur eine krankhafte Übertreibung eines eigentlich guten Gedankens. Wer an seinem Muskelaufbau arbeitet, ist nicht suchtgefährdet. So wie jemand, der auf eine ausgewogene Ernährung achtet, nicht automatisch unter Orthorexie leiden muss. Man muss es eben richtig machen. Und das bedeutet, dass ein Youtube-Tutorial eher gefährlich werden kann, selbst wenn es Hannah Bronfman leitet oder Jen Selter. Bei den Bewegungsabläufen gibt es einfach zu viel zu beachten. „Bei Überbeanspruchung können zudem Verletzungen entstehen", sagt Löllgen. „Aber wenn man es unter Anleitung macht und die Durchführung der Gewichthebungs-Aufgaben methodisch einwandfrei ist, gibt es kein Risiko." Es lohnt sich also, zumindest für den Anfang, ein Fitnesstrainer, der einem das Heben und Bewegen erklärt und zeigt, wie man sich steigert, Stichwort Obergrenze.

Ein bisschen sportlich soll ja heute jeder sein. „Um wirklich sichtbar Muskeln zu trainieren, braucht es drei bis vier Einheiten die Woche", sagt Löllgen. „Am besten neben einem Ausdauertraining, ebenfalls zweimal die Woche." Ungeübte beginnen mit Hanteln, die ein Gewicht von 2,5 Kilogramm haben, und steigern sich dann allmählich auf fünf Kilogramm. „Das ist schon eine ganze Menge." 20 bis 25 Wiederholungen sollte man mit seinem Gewicht stets schaffen. Nach sechs bis acht Wochen kann man dann erste Ergebnisse sehen.

Da Krafttraining erheblich den Stoffwechselumsatz steigert, tue er gerade Frauen mit Übergewicht und mit Diabetes im Frühstadium gut. „So kann Zucker wieder unter Kontrolle kommen oder sogar ganz zurückgehen", sagt Löllgen. Das sei eine recht neue Erkenntnis. Auch Frauen mit Osteoporose profitierten vom Sport mit Gewichten. Die Obergrenze beim Krafttraining ist schließlich keine Frage des Alters.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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