„‚Mahlzeit‘ ist eine Floskel“


„Es ist die Einladung zum Gemeinschaftserlebnis“

Von MONA JAEGER und ECKART LOHSE

15.05.2018 · Unsere tägliche Unabhängigkeitserklärung: Ein Mail-Wechsel unter Kollegen über die Kunst des richtigen Mittagessens zwischen Büro, Terminen und Smartphone.

Mahlzeit, Kollegin Jaeger! Na, Suppe fassen?



Danke für die Wünsche, lieber Herr Lohse. Heute gab es bei mir nur Salat. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie viel Pfund das Wort Mahlzeit auf die Waage bringt. Für mich klingt es nach dicker Gulaschsuppe, die ist mittags nicht so bekömmlich. Was ist eigentlich aus dem netten „Guten Appetit“ geworden?



Guten Appetit habe ich von alleine, den muss mir wirklich keiner mehr wünschen. Der Mahlzeit-Gruß ist ja mehr eine Feststellung. Ein Pflock, der in der Mitte des Tages eingerammt wird. Am besten um zwölf Uhr, denn bekanntlich ist der Mittag ja die Mitte des Tages. „Mahlzeit“ heißt: Ich habe den ersten Teil meiner Pflicht erfüllt für diesen Tag. Jetzt hat mir mal für eine halbe Stunde niemand etwas zu sagen. „Mahlzeit“ zu sagen ist eine tägliche Unabhängigkeitserklärung.



Unsere Unabhängigkeit haben wir doch Apple gegeben. Das soll nicht defätistisch klingen, nur realistisch. Wir schauen alle während der Mahlzeit-Zeit auf unser Handy. Und was, wenn uns die Mails dann daran erinnern, dass wir noch nicht den ersten Teil der täglichen Pflicht erfüllt haben? „Mahlzeit“ zu sagen setzt uns unter Druck.

„Mahlzeit“ nur zu sagen genügt nicht. Der Gruß hat nur einen Sinn, wenn man nach seiner Bedeutung handelt. Da steckt das Wort Mahl drin. Ich will jetzt gar nicht mit dem Abendmahl kommen. Aber die gemeinsame Einnahme des Mahls ist nicht nur Ausdruck einer Pause. Eine Gemeinschaft ernährt sich in einem zentralen Moment des Tages, meist in seiner Mitte, manchmal am Abend. Das ist ein existentieller Vorgang. Den kann man nicht ersetzen mit Sushi to go inklusive Sojasoße auf dem Designerhemd. Und übrigens: Ihr Smartphone kommt auch mal eine halbe Stunde ohne Sie aus.



Ich schätze es sehr, dass Sie sich der Bedeutung des Wortes Mahl noch bewusst sind und danach leben. Auch mir sind Rituale und Regeln wichtig. Ich befürchte nur, Sie retten das Ritual der Mahlzeit nicht, auch wenn Sie es beschwören. Im Gegenteil: Das Mahl wird immer kleiner, je häufiger „Mahlzeit“ gewünscht wird. Es ist eine Floskel. Das ist viel schlimmer als „Guten Appetit“.



„Guten Morgen“ zu wünschen ist auch eine Floskel, trotzdem freue ich mich immer, wenn Sie mich so grüßen, liebe Frau Jaeger. Ich bin nicht gegen die Grußformen „Guten Morgen“ oder „Guten Appetit“. Ich setze mich nur für eine Ehrenrettung von „Mahlzeit“ ein, dem in gewissen Schichten gerne verhöhnten Gruß. Er ist ja mehr als der Wunsch, ein Tag solle gut verlaufen oder etwas gut schmecken. Er ist die Einladung zum Gemeinschaftserlebnis. „Guten Appetit“ ist nur an das Individuum gerichtet. Ein weiterer Beitrag zur Vereinzelung. Hauptsache jedem für sich schmeckt's.

Grau, lieber Kollege, ist alle Theorie und grün der mittägliche Salat – reden wir doch mal darüber, was denn nun schmeckt und vor allem woraus. Denn auch wenn ich nicht „Mahlzeit“ sage, um gegen die Vereinzelung anzukämpfen, so bringe ich mir doch so gut wie nie etwas zu essen mit, damit ich mit meinen Kollegen die Mittagspause verbringen kann. Also: Butterbrotdose ja oder nein?



Da haben Sie mich jetzt erwischt. So halb jedenfalls. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Klischee über Berliner Korrespondenten mache ich (wie die meisten mir bekannten Berliner Kollegen) nicht jeden Mittag die Runde durch die Hochglanzspesentempel zwischen Pariser Platz und Gendarmenmarkt, gehe nicht einmal in die Bundestagskantine, sondern komme mit einem zu Hause geschmierten Brot ins Büro. Dazu allerdings gibt es täglich Salat, eingenommen wird das Ganze mit einem Kollegen. Also keine Vereinsamung, wenn auch nicht die große Runde in der Kantine. Apropos: Was gibt es denn da so an leichter Kost? Frikadellensalat oder veganen Mettigel?



Ob es Studien darüber gibt, wie sehr die nette Gesellschaft bei der Mittagspause mittelmäßiges Essen kompensiert? Kantinenessen ist kein einfaches Thema. Es gibt immer irgendwas mit Reis, sehr hartes Gemüse, Braten und natürlich die Salatbar. Die Kantine müsste Ihnen doch eigentlich gefallen, denn mit dieser Essenauswahl ist sie der perfekte Ort, um „Mahlzeit“ zu sagen. Sie geben mir bestimmt Recht, wenn ich erleichtert sage, dass es kein Sushi in der Kantine gibt, weil das nun wirklich zu dekadent wäre.

Sie schätzen mich da falsch ein. Ich hatte mich gegen Sushi to go gewandt. Sushi als sitzend eingenommene Mittagsmahlzeit ist nicht zu verachten. Alle ein bis zwei Wochen essen wir in der Stille des Büros diesen in Reis gewickelten rohen Fisch. Schmeckt klasse, wenn man nicht zu viel von dem grünen Brandbeschleuniger draufschmiert, der wahrscheinlich früher in japanischen Gefängnissen als Folterwerkzeug eingesetzt wurde. Sie haben in mir also einen Sushi-Fan, der den „Mahlzeit“-Gruß verteidigt. Das bringe ich so locker übereinander wie andere Männer den Hass auf den FC Bayern mit dem Jubel über einen Münchner Sieg im Champions-League-Finale.

Ich glaube, Sushi ist nur deswegen so ein Erfolg und „in“, weil es kleine Happen sind, die man wunderbar to go essen kann, zwischen zwei Terminen, zwischen zwei U-Bahnen im Trubel. Und dazu „Mahlzeit“ wünschen? Sushi ist das fischgewordene Gegenteil zum gediegenen „Mahlzeit“. Also was denn nun? Ruhe mit Mahlzeit? Oder Trubel mit Sushi?

Okay, neulich habe ich tatsächlich zwischen zwei Terminen zum Thema Krieg im Cyberraum Sushi an einem mobilen Stand gekauft und mich allein auf eine Wiese gesetzt, weil ich zu blöd war, eine Bank zu finden. Da war nichts mit „Mahlzeit“. Die Vorbeieilenden haben mich nur fragend angeguckt und sich vermutlich gefragt, ob der Kerl sich in einen Hundehaufen gesetzt hat. Aber das war eine Ausnahme. Im Grunde passt Sushi ideal zu meiner Vorstellung der Mittagspause. Die Einnahme mit einem oder mehreren Kollegen dauert etwa eine halbe Stunde. Gerade genug, um Luft zu holen, sich auszutauschen und das Essen zu genießen, nachdem man eingangs gepflegt „Mahlzeit“ gewünscht hat. Doch selbst wenn man das nicht gesagt hat, ist es eine typische „Mahlzeit“-Mahlzeit.

Ich habe auch eine Geschichte vom aushäusigen Essen: Neulich holte ich mir auf dem Weg beim Döner-Laden meines Vertrauens eine Dönerbox, Fleisch, Pommes und Sauce. Ich stellte mich in die letzten Sonnenstrahlen des Tages und aß. Ein Mann kam vorbei, musterte mich, und sagte: „Auf der Straße essen. Na Mahlzeit!“ Vielleicht habe ich seither ein Problem mit dem Begriff?



Tatsächlich wird mit dem wunderbaren Wort Mahlzeit oft achtlos umgegangen. Es wird in Situationen benutzt, die uns an westdeutsche Verwaltungsgebäude der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts denken lassen, in denen bierbäuchige Männer in braunen Kunstledersandalen und leicht verfärbten weißen Socken Richtung Kohlrouladenausgabe schlurfen und schon beim ersten Bissen mit feuchten Lefzen an den Nachschlag denken. Vielleicht muss das Wort Mahlzeit seine Geschichte abstreifen und in die Moderne übertragen werden. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit guten Freunden bei einem selbst gekochten asiatischen Essen in Ihrer Wohnung, so gegen 21 Uhr, und sagen „Mahlzeit“ zueinander, weil Sie sich gegenseitig Zeit schenken für ein gemeinsames Mahl. Würde es so gehen? Oder ist der Begriff für Sie gar nicht zu retten?

Das ist eine schöne Idee. Gut, wir sitzen um den Tisch, das Essen duftet, und wir wünschen uns „Mahlzeit“. Ein bisschen ungelenk wäre es vielleicht schon. Womöglich kicherten ein paar, weil sie das Wort noch nie aus dem Mund ihrer Freunde gehört haben. Das wäre so, das ist jetzt ein kühner Gedanke, als steckten sie für einen Moment im Körper von Personen, die sich eben „Mahlzeit“ wünschen. Die sich vielleicht sogar kurz an den Händen fassen? Nein, das war jetzt gemein. Helfen Sie mir bitte, lieber Herr Lohse, dass ich das Wort „Mahlzeit“ wieder ganz unschuldig sehen kann!

Liebe Frau Jaeger, ich will zumindest versuchen zu helfen. Das mit dem falschen Körper ist nicht schlecht. Sie gehen in die Kantine, finden aber das Wort Mahlzeit blöd und antiquiert. Ich finde das Wort gut, esse aber Salat und mitgebrachtes Brot. Wer ist nun mehr im Mahlzeit-Körper: derjenige, der spricht, oder derjenige, der handelt? Oder ist das egal? Denn: Steckt nicht jeder ein bisschen im falschen Körper?



Das ist eine interessante Frage. Sie meinen nach dem Motto: Ich finde Fallschirmspringen ganz cool, habe aber Höhenangst – ergo falscher Körper? Das kann schon sein. Ich befürchte nur, diese Erkenntnis hilft mir noch nicht weiter, das Wort Mahlzeit zu akzeptieren.



Ich hätte nach reiflichem Nachdenken und Austausch vieler Argumente mit Ihnen einen pragmatischen Vorschlag, sofern Sie den Mahlzeit-Gedanken nicht grundsätzlich und rundheraus ablehnen. Ich nutze bei der Idee meine zur Hälfte norddeutsche Herkunft, mein Vater ist aus Eutin. Warum einigen wir uns nicht einfach auf „Mahltied“, wie es die Norddeutschen sagen? Klingt immerhin nicht nach Kohlroulade mit Sandalen.



„Mahltied“ – das ist für meine Herkunft, also Offenbach, ein langer Weg. Es klingt doch stark nach „Mahlzeit“, finden Sie nicht? Vielleicht noch mit abgespreiztem Finger. Verzeihung, das war wieder gemein. In Hessen sagt man ja „Gude“. Das kann man, je nach Stimmung, mit unterschiedlich vielen „u“s sagen, also „Guuude“ oder „Guuuuude“. Das ist praktisch das „Ciao“ Hessens – man kann „Gude“ zu jeder Tageszeit sagen und zu vielen Anlässen. Ich möchte es jetzt eigentlich mittags sagen. Was meinen Sie?

Das geht ja zu wie bei schlechten Koalitionsverhandlungen: Je länger wir sprechen, desto weiter sind wir auseinander. Gestartet waren wir mit „Mahlzeit“ und „Guten Appetit“. Wenn Sie mittags „Gude“ sagen und sich nicht mal auf die Zahl der „u“s festlegen wollen, schlage ich vor, am Salatbuffet „Moin Moin“ zu sagen. Das ist auch ein für den ganzen Tag gültiger Gruß, hat allerdings mit der Essenseinnahme nichts mehr zu tun.



„Moin, Moin“ geht nur bei Fischbrötchen – vielleicht also bei Sushi? Nein, Sie haben recht, „Moin Moin“ ist nichts, dann eben auch nicht „Gude“. Wir wollen ja nicht, dass das wie bei den Jamaika-Sondierungsgesprächen ausgeht: Kurz vor zwölf bricht einer von uns das Mittagessen ab und stellt sich mit einem vor Stunden ausgedruckten Zettel an die Kasse und erzählt irgendetwas vom „Geiste der Tomate“, der nicht gestimmt habe.

Zweiter Kompromissvorschlag: Wir akzeptieren den Föderalismus und die unterschiedlichen Grußneigungen der Menschen. Platt gesagt: Jeder sagt vor den dampfenden Kartoffeln, was er will. Oder ist Ihnen das zu konsensorientiert? Bestehen Sie auf einem Ausweg aus dem falschen Körper?



Das wäre einen Versuch wert. Allerdings verlangt das vermutlich ein bisschen Kraft. Also, lieber Kollege, was halten Sie von einem Gang in die Kantine? Heute gibt es Coq au Vin. Prost!

Quelle: F.A.Z. Magazin