Visagist im Gespräch

„Alles beseitigen!“

Von Jennifer Wiebking
 - 12:49

Herr Verheyen, Sie sind Hair und Make-up Artist in Berlin und arbeiten mit Stars für Auftritte auf dem roten Teppich und für Modeproduktionen. Kann man bei Männern von Schminken sprechen?

Ja. Aber es geht vor allem um die Haare, das ist bei Männern das Wichtigste. Und es geht darum, dass sie nicht glänzen, also frisch aussehen. Ein Vitamin-Booster ist dann wichtig, damit die Haut vital bleibt.

Sind denn die Haare noch wichtiger als bei den Frauen?

Das nicht. Aber bei einer Frau verändert man von Event zu Event die Haare, als Mann trägt man seine Frisur über einen längeren Zeitraum. Obwohl, jetzt arbeite ich mit einem Schauspieler, der ein Toupé trägt. Für eine Rolle hat er einen furchtbaren Haarschnitt bekommen, damit er ins 17., 18. Jahrhundert passt. Deshalb haben wir die Haare jetzt so hergerichtet, dass er pressetauglich ist.

Können Sie verraten, wer das ist?

Nein. Aber ich kann Ihnen einen Namen nennen, mit dem ich gerade zusammenarbeite: Rupert Everett.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe das Glück, von den Verleihen und PR-Agenturen angeschrieben zu werden, wenn Stars nach Berlin kommen. Zum Beispiel auch, wenn Diane Kruger in Deutschland ist. Mit Rupert Everett arbeite ich zum ersten Mal. Und ich arbeite auch mit Felix Jaehn zusammen. Er hat eine ganz junge Haut.

Er ist ja auch erst 23.

Ja. Eine ältere Haut braucht andere Produkte. Wobei es immer auf den Typ ankommt. Auch beim Make-up muss man darauf achten, dass ein Image gezielt gepflegt wird.

Wie schminkt man Männer überhaupt?

Pflege und Grundierung sind wichtig. Erst mal müssen alle Barthaare entfernt werden, die nicht da sind, wo sie hin gehören. Das Trimmen ist entscheidend, dass die Augenbrauen gestutzt sind, dass kein Haar absteht. Und dann muss man schauen: Haare in den Nasen? Haare in den Ohren? Alles beseitigen! Dann kommt die Pflege, eine gute Augenpflege gehört dazu. Wichtig ist auch, dass die Männer von sich aus viel Wasser trinken. Je weniger Make-up, desto besser. Das wollen die meisten Männer auch so. Es gibt wenige, die all-over contouring bekommen. Man benutzt Concealer, um Augenringe zu kaschieren, kleine Rötungen an der Nasolabialfalte oder an den Nasenflügeln, dass man kleine Unreinheiten abdeckt. Dann ist das Puder wichtig, damit die Haut nicht zu sehr glänzt. Vor der Kamera oder im Blitzlicht sieht das nochmal ganz anders aus.

Das ist es?

An graue Haare im Bart gehe ich mit dem Kajalstift ran.

Bedeutet das Trimmen der Barthaare rasieren oder schneiden?

Beides. Ich rasiere aus hygienischen Gründen nie mit einer nassen Klinge. Je nach Bartlänge mit einem elektrischen Rasierer oder mit Kamm und Schere. Ich habe zum Beispiel mal mit Christian Bale gearbeitet. Er hat längere Barthaare, und die trimmt man mit Schere und Kamm.

Machen Sie das alles an einem Termin?

Ja, für die Männer plane ich eine Stunde ein. Für die Haare, die Pflege, vielleicht eine Maske zuvor, die Fingernägel. Allerdings muss man dazu sagen, dass die meisten Männer schon sehr gepflegt ans Set oder in die Suite kommen. Dann ist nur noch Feintuning nötig.

Wie lange brauchen Sie für Frauen?

Zwei Stunden.

Inwiefern verhalten sich Männer anders als Frauen beim Termin?

Frauen wirken mehr mit, sind interessierter, schauen, was man für Produkte verwendet, wollen auch in der Kombination mit dem Stylisten und mit dem Management genau schauen, welcher Look zum Anlass passt. Das ist beim Mann anders, denn da geht es ja nicht um Dekoratives, man schaut nicht nach Farben oder danach, wie man aussieht, wenn die Augen geschminkt sind. Bei Männern geht es um die Selbstoptimierung.

Wie ist das Hautbild von Männern?

Bei Männern ist die Haut viel fester und dicker. Meistens ist sie auch grobporiger. Dadurch sieht man sehr schnell, wenn Make-up aufliegt. Wenn es sich in den Barthaaren festsetzt, selbst wenn man glattrasiert ist, hat man immer eine leichte Erhebung der Haut. Je mehr Produkt auf der Haut ist, umso mehr Erhebungen sieht man. Ich würde deshalb niemals Make-up auf das ganze Gesicht auftragen. Auch bei Frauen mache ich das selten, bei Männern noch viel weniger. Da schaue ich, wo es punktuell etwas auszugleichen gibt. Bei Männern ist es besonders wichtig, dass sie ein ausgeglichenes Hautbild bekommen und nicht geschminkt wirken.

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Was wissen Männer über ihr Aussehen?

Männer legen in erster Linie Wert auf ihre Haare, das ist ein großes Thema. Da hat auch jeder seine Technik. Man benutzt jahrelang dasselbe Wachs, dasselbe Mousse. Bei der Haut ist das anders. Da gibt es selten Männer, die nur auf dieses oder jenes Produkt schwören. Sie wollen in erster Linie nicht, dass sie glänzen - genau das Gegenteil von Frauen. Männer wollen es matt. Ein Satz, der sehr oft fällt: Am besten so gut wie gar nichts, aber matt.

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Gibt es Produkte, die jeder Mann im Badezimmer haben sollte?

Wichtig ist Feuchtigkeitspflege, Gesichtsreinigung - und dass man sein Gesicht einmal die Woche peelt.

Das machen sicher die wenigsten.

Ja, aber es ist sehr wichtig zur Vorbereitung auf die Rasur. So entstehen auch weniger Pickel. Wenn man sich feucht rasiert, muss man die Haut pflegen. Aber die meisten Männer rasieren sich trocken, weil es einfacher ist und schneller geht. Andererseits ist es dann nie zu 100 Prozent exakt.

Haben sich Männer für Auftritte eigentlich schon immer zurechtmachen lassen?

Ja. In den Vereinigten Staaten sind Männer zu Preisverleihungen genauso hergerichtet wie Frauen, sie bekommen genauso viel Maske. In Deutschland bekommen sie oft höchstens ein bisschen Puder, und da sieht man dann leider doch Ränder unter den Augen und ein nicht so ausgeglichenes Hautbild. Das ist nicht kameratauglich. Bei Fernsehproduktionen wiederum werden Männer viel zu stark geschminkt. Da kommt oft eine Schicht Make-up aufs Gesicht, ohne dass es nötig wäre. Viele der Fernsehmasken arbeiten mit HD-Produkten.

HD wie High Definition?

Ja, dieses Make-up ist für die Auflösung der Produktionen geeignet. Davon halte ich trotzdem nicht viel, das braucht man nicht. Es ist viel fester und dicker, aber damit auch sehr „maskig“. Ich gehe gezielt ran und schaue.

Sollen Männer denn wirklich schön sein?

Naja, wie definiert man schön? Niemand wacht morgens auf und ist das blühende Leben. Wenn man morgens geduscht und sich fertiggemacht hat, ist man ja auch schon optimiert. Ich bin dann nur dazu da, noch etwas zu perfektionieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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