Messe „Tattoo Convention“

Nicht nur für Piraten und Verbrecher

Von Tabea Stock
 - 12:19
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Beim ersten Stich in die Haut verzieht Anna keine Miene. In ihrem Gesicht breitet sich eher eine gewisse Erleichterung aus. Denn Anna ist Tattoo-Neuling. „Und der Oberschenkel ist eine besonders sensible Stelle“, sagt sie. Die surrende Tattoo-Nadel führt Jacky Flegel. Sie tunkt das klinisch anmutende Gerät fast rhythmisch immer wieder in Farbe, setzt die Nadel an und zieht fein säuberlich eine Linie. Mit einem weißen Tuch wischt sie die überschüssige Farbe weg. Hoch konzentriert wiederholt sie den Ablauf. Langsam ergibt sich aus den Linien die Kontur eines Segelschiffes, das auf tosenden Wellen schwimmt. Noch ist die Haut rund um die Farbe gerötet, die Linien sind angeschwollen, aber „das legt sich in den nächsten Stunden“, beruhigt Flegel und setzt dann wieder die Nadel an.

„Früher war das Tätowieren nichts für Frauen“, berichtet Flegel. „Da waren nur Seefahrer und Verbrecher tätowiert.“ Doch die Zeiten änderten sich, bei den Künstlern und bei den Kunden. Heute seien bereits etwa ein Drittel der Tätowierer Frauen. Flegel selbst ist seit zwei Jahren ausgebildete Tätowiererin, seitdem nennt sie sich „Tattoo-Artist“. Seit Juli vergangenen Jahres arbeitet sie im „Unbelievable Tattoo Art“ in Offenbach. Ihre Kolleginnen sind alle weiblich. Stephie und Verena sind noch in der Ausbildung. Ein rein weibliches Tattoo-Studio ist in der vor allem männlich geprägten Branche unüblich. Das weiß auch Flegel. „Unser Studio ist schon eine Ausnahme, ansonsten habe ich nur männliche Kollegen.“

Männerdominierten Tattoo-Welt

Als besonders wichtig empfindet es Flegel aber nicht, dass das Geschlechterverhältnis in der Branche ausgewogen ist. Sie komme auch in der männerdominierten Tattoo-Welt zurecht. Dass sie aufgrund ihres Geschlechts in der Vergangenheit nicht ernst genommen oder diskriminiert worden sei, habe sie nie erlebt. „Ich glaube das kommt immer darauf an, wie man sich selbst verhält. Man selbst ist da ein Spiegel“, sagt Flegel.

Ihre Kundschaft ist vor allem eines: weiblich. Flegel schätzt, dass 80 Prozent der Kundschaft des „Unbelievable Tattoo Art“ Frauen sind. Das hänge aber auch mit ihrer speziellen Tattoo-Technik zusammen. „Meine Leidenschaft ist das Watercolouring“, erzählt sie. Watercolouring, das sind feine, zarte Farbverläufe, die sich wie ein Aquarell über die Haut ziehen. Flegel verwendet bei der Technik meist Pastellfarben, die sich wie ein Farbklecks über meist florale Motive und Schnörkel legen. Harte Linien und Kanten steche sie natürlich auch, aber eher bei Männern. Das sind dann meist Totenköpfe oder Tribals; Phantasiesymbole und abstrakte Ornamente.

Mehr als 650 nationale und internationale Tätowierer

Das Tätowieren hat Flegel bei der Frankfurter Tattoo-Größe Thomas Köhler gelernt. Köhler ist nicht nur Inhaber des „Unbelievable Tattoo Art“, sondern auch Gründer der „Tattoo Convention“. Mehr als 650 nationale und internationale Tätowierer präsentierten dort ihre Kunst an diesem Wochenende. Die jüngsten Trends der Messe: Dotwork, Formen und Linien aus meist schwarzen Punkten, sowie Blackwork, ausschließlich mit schwarzer Tinte kreierte großflächige Motive. Diese Stile praktizierten heute vor allem Tätowiererinnen, erzählt Köhler. Bei der ersten Messe vor 25 Jahren sei unter 40 Ausstellern noch keine einzige Frau gewesen. Er freue sich, dass sich das inzwischen geändert habe. Frauen verfügten über ein „filigranes und feines Gespür“ und eine „soziale Komponente“, die beim Tätowieren sehr wichtig sei.

Auch Anna lässt sich von Flegel tätowieren, weil „es menschlich einfach gepasst hat“. Nach zwei Stunden setzt Flegel die Nadel ab und strahlt. Gerade habe sie beschlossen, sich mit dem Segelschiff-Tattoo an einem der Convention-Wettbewerbe zu beteiligen, sagt sie. Dann setzt wieder das Surren der Maschine ein. Fast zwei Stunden wird es wohl noch dauern, bis das Motiv vollendet ist.

Quelle: F.A.Z.
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