Muslimische Schönheitsideale

Kardashian statt Kopftuch

Von Cigdem Toprak
 - 11:52

Im Alter von sieben Jahren lernte ich Schönheitsoperationen kennen. Meine Tante, damals 28 Jahre alt, hatte sich die Nase verkleinern und anheben lassen. Die ganze Familie redete darüber. Meine Kinderaugen aber erkannten keinen Unterschied zwischen ihrer großen Nase und der neuen kleinen Stupsnase. Verwundert fragte ich mich, weshalb sie sich an einem Detail wie ihrer Nase stören konnte. Denn sie war für mich eine Schönheit, mit ihren dunklen Locken, den tiefbraunen großen Augen, den geschwungenen Brauen, der zierlichen Figur, die sie in elegante Kleider hüllte.

Heute verstehe ich, dass der medizinische Eingriff ein logischer Schritt für eine Frau war, die ihre Schönheit perfektionieren wollte. Eine große Nase störte. Eine große Nase sollte an die gängigen Standards angepasst werden.

Mit den Jahren entdeckte ich überhaupt die vielen großen Nasen meiner weiblichen Verwandten in Familienalben. Und ich erkannte, wie enorm der Druck für uns Frauen ist, gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit entsprechen zu müssen. Ob wir uns dagegen wehren, die vorgegebenen Standards ablehnen oder sie totschweigen – unter dem sozialen Diktat des Äußeren leiden wir alle.

Anders als in der deutschen Gesellschaft sprechen viele meiner Freunde und Bekannten offen über Schönheitsvorstellungen. Nasenverkleinerungen, Brustvergrößerungen, Botoxbehandlungen, Lippenunterspritzungen dominieren alltägliche Gespräche neben Beziehungsproblemen oder der deutsch-türkischen Krise in meiner Migranten-Community. Ich habe mich schon in etlichen Diskussionen wiedergefunden, in denen es um die vielen Wege ging, den Idealvorstellungen näherzukommen, also schön, jung und attraktiv zu werden oder zu bleiben.

Die Frage, ob man dem Oberflächlichen eine Bedeutung beimessen und sich für das Künstliche statt für das Natürliche entscheiden sollte und sich damit gesellschaftlichen Normen beugt, muss keine feministische Debatte entfachen. Die Entscheidung für ästhetische Korrekturen liegt bei jeder Frau selbst. Sie sollte gesellschaftlich nicht verurteilt werden.

Botox ist hierzulande schnell gesellschaftlich verpönt

Natürlich, Botox, Nasenkorrekturen und Brustvergrößerungen werden dann zur anti-feministischen Waffe, wenn man den eigenen Körper nicht für ein besseres Körperempfinden verändert, sondern um anderen gefallen zu wollen, zum Beispiel Männern. Denn wenn eine über starre Normen definierte Schönheit zur Ideologie wird, wenn sie zur einzigen Quelle von Kraft, Lebensfreude und Selbstbewusstsein wird – dann hören die Operationen so wenig auf wie die Selbstzweifel. Eine Frau, die mit sich unzufrieden ist, kann niemals schön sein. Eine starke Persönlichkeit definiert Schönheit, keine abstrakten Ideen von Maßen und Symmetrien.

Nicht nur Botox ist hierzulande schnell gesellschaftlich verpönt, sondern überhaupt der Wunsch der Frau, als schön gelten zu wollen. Schönheit in meiner Migranten-Community hat hingegen eine ganz andere Bedeutung. Sie macht uns zu Frauen, die selbstbewusst mit ihrem Aussehen umgehen können. Wir kennen unsere äußerlichen Stärken. Unsere Schwächen bleiben uns dadurch aber nicht verborgen. So verfallen wir immer schneller der Versuchung, auch dank dem technischen Fortschritt, uns künstlich korrigieren und optimieren zu müssen.

In deutschen Medien herrscht eine verzerrte Darstellung von Frauen mit Wurzeln in der Türkei, in Marokko oder Bosnien, die als Musliminnen vor allem mit dem Kopftuch und der Verdeckung ihrer weiblichen Reize in Verbindung gebracht werden. Die meisten deutschen Frauen mit orientalischem Hintergrund streben stärker den Idealen der Kardashians nach als denen ihrer Religion.

Türkische Fernsehsender zeigen in ihrer Werbung, die sich speziell an die türkische Diaspora in Europa richtet, neben Supermarkt-Eröffnungen in Offenbach oder Duisburg in Endlosschleife Schönheitskliniken in Istanbul oder Izmir: ein Wochenende Sightseeing und dazu einmal Fettabsaugen. Nach der Werbung werden dann türkische Serien ausgestrahlt, in denen die Protagonistinnen über den Bildschirm flimmern, mit kleinen Nasen, vollen Lippen und zierlichen Körpern. Die wenigsten von ihnen dürften einen Beautydoc vermieden haben. Auch unzählige meiner Freundinnen, Verwandten und Bekannten haben ihre Nasen oder Brüste im Türkei-Urlaub verkleinern und vergrößern lassen, haben sich Botox spritzen lassen, Botoks, wie es auf Türkisch heißt. Dafür werden Sparbücher angelegt, Eltern oder Ehemänner um Geldsummen gebeten – alles für den Traumkörper.

Wir wachsen mit einem starken Bewusstsein für unser Aussehen auf. Nicht nur von der Schönheitsoperation meiner Tante erfuhr ich schon mit sieben Jahren. Schon als Kinder wurden wir oft auf unsere Körper und Gesichter angesprochen. Tanten und Onkel bewerteten die Größe unserer Augen oder die Länge unserer Haare. Unfreiwillig mussten wir uns an die Komplimente auf Hochzeiten und beim wöchentlichen Einkauf in türkischen Supermärkten gewöhnen. Plötzlich wurden wir in die Wange gekniffen, und schon schossen die Sätze in alle Richtungen. „Bist du hübsch!“ – „Ist das Ihre Tochter?“ – „Wunderschön!“

Unsere Schönheit wurde vielseitig definiert

Komplimente bekamen wir genug. Ein starres Ideal gab es dabei nicht. Unsere Schönheit wurde vielseitig definiert. Jedes Mädchen galt irgendwie als schön – egal, ob sie pummelig war, eine große Nase hatte oder buschige Augenbrauen. Man suchte ständig nach etwas Schönem in uns, das man erwähnen muss.

Es sind inflationäre Komplimente. Sie verlieren und gewinnen gleichzeitig an Bedeutung. Die täglichen Bemerkungen über unseren Körper rücken das Thema Schönheit in den Mittelpunkt. Gleichzeitig wurde es zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens, und wir konnten locker mit unserem Körper umgehen. Klar wollen wir auch später schön sein, wenn wir es als Kinder stets gesagt bekamen. Der Natürlichkeitsdrang der deutsch-deutschen Frauen war uns dagegen lange fremd. Unrasierte Achseln? Kein Make-up? Das irritierte uns.

Wir hingegen kämpfen noch heute für ein perfektes Aussehen. Die meisten zupfen die Augenbrauen wöchentlich in Form. Sie waxen und epilieren störende Härchen weg. Brechen monatlich neue Diäten ab. Lassen sich bei stummen Asiatinnen Gel-Fingernägel in Neongelb oder mit Strasssteinchen anbringen. Als es uns noch an Glätteisen mangelte, wurden die Haare von unseren Müttern oder Freundinnen auf dem Bügelbrett in Form gebracht. Ein Besuch bei Douglas gehörte zu den Highlights der Woche.

Auch deutsche Frauen ohne Migrationshintergrund gehen gerne in der Parfümerie einkaufen. Auch sie investieren viel Geld und Zeit in ihr Aussehen. „Nur wollen sie in keinem Fall, dass man es ihnen ansieht“, sagte mal meine deutsch-türkische Freundin, Geschäftsführerin eines Frankfurter Friseursalons.

Wir hingegen mussten schon früh lernen: Schön sollten wir sein, aber nicht attraktiv. Der Kontakt zum anderen Geschlecht wurde bis ins Erwachsenenalter streng kontrolliert. Unsere Schönheit galt uns und der Gemeinschaft, nicht den Männern. Wir sollten selbstbewusst auftreten, auf Hochzeiten oder Familienfeiern. Begleitet wurden wir vom ständigen Kampf um eigentlich selbstverständliche Freiheiten wie abendliche Kinobesuche mit Freunden. Wenn wir etwas Unabhängigkeit errangen, machte uns das stärker. Was nutzte uns ein gepflegtes Äußeres, wenn wir unfrei waren? Diese Stärke formte unsere Persönlichkeit und spiegelt sich auch in unserer Körperhaltung wider. Noch heute wundere ich mich immer wieder über die starke Haltung von jungen Mädchen mit orientalischen Wurzeln. Ob mit oder ohne Kopftuch, oft sind sie frech, laut und wortgewandt. Sie klimpern mit ihren falschen Wimpern leidenschaftlich, wenn sie mit ihren Eltern lauthals über ihr Wochenendprogramm diskutieren.

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Zugleich ist diese Begeisterung für das schöne Äußere nicht ungefährlich. Der Sog der Schönheitsindustrie zieht einen immer stärker in die Spirale nicht endender Korrekturen. Auf Instagram zum Beispiel finden sich unzählige türkisch-, arabisch-oder iranischstämmige Studentinnen, Mütter und Bloggerinnen aus Deutschland, deren Gesichter sich so ähneln, dass sie Schwestern sein könnten. Andere Instagrammerinnen mit Hunderttausenden oder Millionen Followern sind zu ihren Vorbildern geworden. Sie machen kein Geheimnis daraus, dass ihre Lippen, Wangen und Tränensäcke mit Hyaluron gepolstert sind, dass sie schon die dritte Nasenoperation hinter sich haben. Sie markieren die Herstellernamen ihrer Extensions auf den Bildern und bewerben sie mit Rabatt-Codes wie #dilara20 oder #samira50. Die operierte Brust drücken sie fürs Foto zusammen. Den photogeshoppten Hintern positionieren sie seitlich.

Der Schönheitswahn hat einen Punkt erreicht, der gefährlich ist. Der Blick auf den Selfies wirkt selbstsicher. Die Mädchen sind glücklich über ihr Aussehen, das jetzt geradezu standardisiert ist. Auch in meinem Bekanntenkreis entschieden sich viele junge Frauen schon mit Anfang 20 für Schönheitsoperationen, die sie durchschnittlicher erscheinen lassen.

Es ist ein schmaler Grat zwischen einer Korrektur, die uns ein gutes Körpergefühl schenken kann, und einer Endlosschleife an operativen Anpassungen, die unsere persönlichen Merkmale verschwinden lassen. Der Wunsch nach Schönheit ist legitim. Aber allein eine glatte Stirn macht uns nicht schön. Eine Stupsnase lässt uns nicht attraktiver wirken. Auch meine Tante war ja damals mit 28 Jahren für mich schon eine Schönheit – bevor sie sich die Nase operieren ließ.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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