Loyalität und Schönheit

Muss man seinem Friseur treu sein?

Von Jennifer Wiebking
 - 14:15
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Sonja Paul dachte nicht an Treue oder Untreue, als sie mal einen anderen Salon zur Fußpflege aufsuchte. Sie hatte ein Spezialproblem. Der Shellac, ein besonders haltbarer Lack, den sie sich im Urlaub aus Spaß auf die Fußnägel hatte auftragen lassen, musste abgeschliffen werden. Jetzt war sie sich unsicher, ob die Kosmetikerin in ihrem Salon am Stadtrand, den sie bis dahin alle zwei bis drei Wochen besucht hatte, mit dem roten Lack umzugehen wüsste.

„Das ist dort eine relativ einfache Behandlung“, sagt Sonja Paul. „Es gibt zum Beispiel kein Fußbad, aber die Kosmetikerin arbeitet davon abgesehen gut, sie schiebt die Nagelhaut zurück und feilt. Handwerklich ist das in Ordnung, und eigentlich reicht mir das.“ Ihr Shellac-Problem aber schien der 64-Jährigen größer. Also vereinbarte sie einen Termin in einer Parfümerie in der Innenstadt.

„Die Kosmetikerin dort war ganz neu. Es war sehr nett, und sie hat so gut gearbeitet, dass ich noch einmal einen Termin vereinbart habe. Das passte mir zeitlich auch sehr gut, weil ich da ohnehin in der Stadt zu tun hatte.“ Zwischendurch ging Sonja Paul, die eigentlich anders heißt, trotzdem zusätzlich weiterhin zu ihrer Stammkosmetikerin am Stadtrand. „Ich dachte mir, ich könnte ja öfter mal wechseln, das würde ja weder die eine noch die andere merken.“ Damit lag sie falsch. Aber dazu später.

Was Treue gegenüber dem Friseur ist

Denn was ist das überhaupt, Treue gegenüber der Kosmetikerin oder dem Friseur? Wenn Menschen von Treue sprechen, dann meinen sie für gewöhnlich die Loyalität gegenüber einem Partner, einem, mit dem man sein Leben teilt oder in naher Zukunft vorhat, das zu tun. Einer, mit dem man intime Momente erlebt. Es ist weit entfernt von dem, was man so mit einem Dienstleister mitmacht.

Mit einem Kellner zum Beispiel oder einem Handwerker. Der Friseur oder jemand, der sich der eigenen Haut oder der Nägel annimmt, könnte trotzdem eine Ausnahme sein. Einer, der einem zu einer etwas schöneren Version seiner selbst verhilft, bei dem man zudem Zeit verbringt und Zeit zum Reden hat. Dem man sich mit geschlossenen Augen anvertraut, während, wie etwa bei der Kosmetikerin, heißer Dampf das Gesicht umhüllt und da nur diese eine andere Person in der Kabine ist, die sich um einen kümmert.

In Großbritannien hat der Verband der Kosmetiker (BABTAC) dazu vor zwei Jahren eine Studie unter Frauen im Alter von 18 bis dreißig durchgeführt, die länger als drei Monate in einer Beziehung sind. Das Ergebnis mag, so gesehen, nicht gerade die Meinung der Gesamtbevölkerung reflektieren, ist aber umso erfreulicher für die eigene Zunft: 49 Prozent der Frauen gaben an, ein guter Friseur sei schwerer zu finden als ein guter Partner. Und 89 Prozent sagten, sie seien einem guten Friseur gegenüber treu. 26 Prozent würden demnach sogar eher ihren Freund betrügen als ihren Friseur.

Beim Friseur hat man ein freundschaftliches Verhältnis

„Man fasst sich an, am Hals, an den Haaren, am Kopf“, sagt der Berliner Star-Friseur Shan Rahimkhan im Hinblick auf die Beziehung zwischen Dienstleister und Kunde, die aus diesem Grund eine etwas andere ist als jene, die man mit Menschen aus anderen Berufsgruppen hat.

„In der U-Bahn oder beim Bäcker würde man niemanden anfassen. Stattdessen sitzt man beim Friseur da, quatscht eine Stunde lang und hat ein freundschaftliches Verhältnis. Das ist dann aber trotzdem nicht so eng, als dass man verpflichtet wäre, den anderen zum Essen zu sich nach Hause einzuladen“, sagt Shan Rahimkhan.

Es ist eine besondere Beziehung. So ging es damit ja auch los. Wer es sich leisten konnte, hielt sich zum Beispiel im Alten Ägypten einen persönlichen Friseur. Bei den alten Griechen und Römern erledigte in wohlhabenden Haushalten das Personal diese Aufgaben oder allenfalls besonders fähige Sklaven.

Schon Elisabeth I. legte viel Wert auf ihr Äußeres

Und es ist bekannt, dass Elisabeth I., die 45 Jahre lang im 16. und 17. Jahrhundert als Königin von England in einer von Männern beherrschten Welt als einzige Frau regierte, ziemlich anspruchsvoll im Hinblick auf ihr Äußeres war.

Gut vier Stunden sollen ihre Dienstboten gebraucht haben, um sie für den Tag zurechtzumachen, und in der Zeit sahen sie nur die engsten Bediensteten ohne die vielen Schichten Kosmetik und ohne ihre roten Perücken, wobei es sich bei den Haaren ja um ihr äußerliches Markenzeichen handelte. Es ist davon auszugehen, dass es dafür großes Vertrauen brauchte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewöhnte man sich dann an die Idee, diese Dienste auch abseits der Wohnräume, in einem Salon, erledigen zu lassen. Die Treue zu Menschen, die sich um das eigene Äußere kümmern, blieb dabei aber ein wichtiges Thema. Vielleicht weil, anders als etwa der Koch im Restaurant, der in der Küche bleibt, hier ein Mensch seine Dienstleistung unmittelbar an einem anderen erbringt.

Im Schönheitssalon entflieht man seinem Alltag

Und wem sein Äußeres nicht total egal ist, der offenbart sich in diesen Momenten zu einem gewissen Grad auch noch im Schönheitssalon wie damals Elisabeth I. vor ihren Dienstboten. In den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Schönheitssalons dann zuerst in den Vereinigten Staaten und später in Europa zu sozialen Orten, an denen man seinem Alltag für eine Weile entfliehen konnte.

Aus dem Dienstleister wurde auch ein Entertainer. Klar, dass die Beziehung somit nicht nüchterner wurde, dass man ihm die Treue hält, jedenfalls so lange, wie es für einen selbst passt.

Denn so wie auch Sonja Paul zeitlich ausgelastet war und es genoss, mal zur Pediküre in den einen Salon zu gehen, mal in den anderen, geht es heute schließlich vielen. Die einen ziehen um, die anderen haben Partner in anderen Städten.

„Früher waren die Kunden fixiert auf eine Kosmetikerin“

Je einfacher es ist zu reisen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, nicht nur an einem einzigen Ort verwurzelt zu sein. Hinzu kommt, dass man sich heute nicht etwa mehr auf die Empfehlungen von Bekannten bei der Suche des einzig wahren, richtigen Salons verlassen muss, sondern im Netz anhand der Bewertungen einen ganz guten Eindruck davon bekommt, ob es sich lohnt, mal was Neues auszuprobieren.

Wer einmal irgendwo zur Behandlung war, bekommt dann trotzdem schnell eine Treuekarte in die Hand gedrückt, auf dass dieser Besuch zu vielen weiteren führt. Das ist selbst bei vielen Zehn-Euro-Friseuren so, bei denen man sich die Haare selbst föhnen muss.

Anita Albrecht leitet seit vierzig Jahren das Kosmetikinstitut der familieneigenen Frankfurter Parfümerie Albrecht. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kunden früher schon sehr fixiert auf eine Kosmetikerin waren.“ Das gebe es noch immer, aber mit den veränderten Lebensumständen sei eine zweite Art von Klientel dazugekommen. „Speziell in Frankfurt ist es so, dass viele nach einer Weile umziehen, vielleicht nach Zürich, nach New York, nach Dubai.“

„Etwa 75 bis 80 Prozent sind Stammkunden“

Aber auch von der Klientel, von der die Mehrheit in der Finanzbranche arbeitet und deshalb jobbedingt den Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt verlagert, kämen viele hin und wieder noch zur Behandlung. Sofern sie es sich eben einrichten können. Treue Kunden gebe es trotzdem weiterhin. „Etwa 75 bis 80 Prozent sind Stammkunden“, sagt Anita Albrecht. „Der andere Teil, Gelegenheitskunden, ist mit den Jahren etwas größer geworden.“

Sonja Paul kam als Gelegenheitskundin in dem Salon in der Innenstadt auch irgendwann mit der Kosmetikerin ins Gespräch und erzählte ihr, wo sie wohne, in einem Naherholungsgebiet ein paar Kilometer außerhalb der Stadt.

Ausgerechnet an diesem Ort hatte die Kosmetikerin gerade begonnen, eine Ferienwohnung zu mieten. Sie freue sich auf Wochenenden, an denen ihr Hund endlich mal Auslauf habe und sie und ihr Ehemann es alles etwas ruhiger angehen lassen könnten. Sonja Paul fragte sie, wo sie denn dort etwas gemietet habe.

„Die zwei seien Seelenverwandte“

„Und dann war es genau die Straße, in der auch meine ursprüngliche Kosmetikerin wohnt. Ich dachte mir noch, na ja, das ist zwar keine lange Straße, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei sich begegnen und darauf kommen, dass ich bei beiden in Behandlung bin, ist ja auch wieder nicht so groß.“

Sonja Paul verhielt sich ruhig und saß drei Wochen später wieder bei ihrer Kosmetikerin am Stadtrand im Salon. „Die erzählte dann irgendwann von einer neuen Freundschaft mit jemandem bei sich im selben Haus.

Ein Ehepaar, das nur am Wochenende da sei, super nett, und was ganz witzig sei: Die Frau arbeite ebenfalls als Kosmetikerin. Dann sagte sie noch, sie habe das Gefühl, die zwei seien Seelenverwandte und könnten sich richtig gut unterhalten.“ Sonja Paul erwiderte nur, wie schön das sei. Ihr wurde heiß. „Ich dachte mir, oh, wie ziehst du deinen Kopf jetzt aus dieser Schlinge?“

„Ich habe mir überlegt, beiden einen Brief zu schreiben“

Ihr erster Schritt: Sie sagte alle weiteren Termine bei der neueren Kosmetikerin, mit der sie die Treue gegenüber der anderen quasi gebrochen hatte, ab. Der zweite: „Ich habe mir überlegt, beiden einen Brief zu schreiben.“ In dem wollte sie sich erklären, dass sie nicht eine von den beiden vor den Kopf habe stoßen wollen. „Na ja, diesen Einfall habe ich dann schnell wieder verworfen.“

Auch der Berliner Friseur Shan Rahimkhan, der zwei Salons in der Stadt unterhält, sagt, man dürfe nicht Freundschaft und berufliche Beziehung verwechseln. „Wir haben sehr viele Berlin-Besucher bei uns im Salon.“ Die kämen einmal und nie wieder. Nicht, weil sie unzufrieden seien, sondern weil sie eben gerne mal was Neues ausprobieren. „Damit habe ich überhaupt kein Problem, die Kunden sind doch frei in ihrer Entscheidung, wo sie hingehen wollen.

Und die Leute sind heute nun mal flexibler.“ Das heißt nicht, dass er seine Kunden gerne schnell loswerden möchte. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich schlüge ihnen vor, mal woanders hinzugehen. Ich setze natürlich alles daran, dass sie hierbleiben.“ Das hat der Friseur sogar systematisiert. „Ich sehe es als meine Pflicht, für Vielfalt zu sorgen. Deshalb leuchtet auch bei uns im Computer nach jedem sechsten Termin eines Kunden ein roter Punkt.“

Paul hatte sich mit der Zweigleisigkeit versorgt gefühlt

Soll heißen: Bitte bietet dem Kunden mal etwas anderes an. Eine andere Nuance Braun, weniger oder mehr Stufen im Haarschnitt. Aus Erfahrung weiß Shan Rahimkhan, dass die meisten Kunden den Salon wechseln, wenn sie sich langweilen. „Klar kann man seinem alten Friseur gegenüber dann auch ein schlechtes Gewissen haben.“

Das hatte Sonja Paul auch, nachdem sie sich so gut wie sicher sein konnte, dass die beiden Kosmetikerinnen mittlerweile davon wussten, die gleiche Kundin zu behandeln. „Nach der Idee mit den Briefen habe ich mir auch überlegt, dort gar nicht mehr hinzugehen. Aber eigentlich hatte ich ja weder an der Arbeit der einen noch an der anderen etwas auszusetzen.Es passte einfach zeitlich mal hier, mal dort.“

Paul hatte sich mit der Zweigleisigkeit eigentlich ganz gut versorgt gefühlt. Sie entschied sich dazu, die Situation aufzuklären. „Als ich das nächste Mal bei der Kosmetikerin war, bei der ich schon länger in Behandlung bin, bei der am Stadtrand, sagte ich, dass ich ihre neue Bekannte kennen würde und dass sich Termine bei ihr für mich zeitlich einfach gut angeboten hätten.

Ich sagte dann auch noch, dass sie nicht denken müsse, dass ich nicht gerne zu ihr käme oder nicht zufrieden sei. Ich glaube, da war sie erleichtert.“ Sonja Paul ist ihr seitdem wieder treu.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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