Achtsame Kosmetik

Balsam für die Seele

Von Celina Plag
 - 10:17
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Frisch und säuerlich fruchtig duften die Cremes und Lotionen, die Human Afschari seinen Gästen strahlend zum Schnuppern und Ausprobieren reicht. Entfernt weckt der Geruch Assoziationen an die gesunde Sanddornschnitte aus dem Reformhaus. Und tatsächlich bildet die orangefarbene Frucht die Essenz der vor kurzem gegründeten Schönheitsmarke namens Sea Buck, die Afschari unlängst in Berlin präsentiert hat.

Trotz Duft und Öko-Zertifikat: Bei seinen pflegenden Tinkturen handelt es sich unverkennbar um Luxusprodukte mit stolzen Preisen, die in feinen silber- und goldfarben schimmernden Tiegeln in der intimen Runde jetzt begeistert von einem zum nächsten gereicht werden. An diesem Nachmittag sind viele neugierig auf die Produkte - in einer Stadt wie Berlin, in der beinahe stündlich jemand auf die Idee für neue Produkte kommt, ist das durchaus ungewöhnlich.

Allein die Ankündigung einer neuen Naturkosmetikmarke reicht nicht. Zumal wenn der Firmensitz in der Schweiz liegt. Das Interesse an Sea Buck erklärt sich also am besten durch den Gründer selbst. Human Afschari ist nämlich praktizierender Buddhist. Für den Anlass der Neueinführung hat sich Afschari in sein orangefarbenes buddhistisches Gewand gehüllt. Bestens gelaunt, mit blankpoliertem Kopf und in traditioneller Montur, wirkt diese Frohnatur fast schon wie die quietschfidele menschliche Inkarnation des lachenden Buddha.

Er strahlt etwas Gutmütiges aus. Kaum verwunderlich, dass einige der buddhistischen Sanddorncremes an diesem Nachmittag praktisch schon geordert sind. Wer käme auch nicht in Versuchung? Immerhin könnte man die Cremes sogar verzehren, so reich an natürlichen und gesunden Inhaltsstoffen sind sie.

Das schöne Event hinterlässt aber kurzzeitig einen faden Beigeschmack - denn absurd ist die Szenerie bei allem Bohei dann doch. Wird hier von guter Haut oder dem guten Geist gepredigt? Der Umgang mit Beauty mag für einige schon eine Ersatzreligion sein. Aber müssen die Produkte dazu wirklich angepriesen werden, als wären es Reliquien? Und überhaupt: Was hat der Buddhismus im Badezimmerschrank verloren?

Mit seinem buddhistisch-holistischen Konzept ist Afschari nicht allein. Spirituelle Kosmetika und Pflegeprodukte erleben einen Boom. Der Trend kommt natürlich mal wieder aus den Vereinigten Staaten. Dort füllen magische Puder, Karma-Tinkturen, schamanische Lotionen, Mondschein-Extrakte oder Produkte aus Klöstern die Regale. Neuerdings machen sogar Hexentinkturen schön. Wenn das so weitergeht, kommt bald keine Handcreme mehr ohne transzendentalen Überbau aus - und aus der menschlich-allzumenschlichen Hand wird flugs die Hand Gottes.

„Spiritualität ist nichts Neues, aber mehr denn je suchen Menschen nach neuen Wegen, zu Erfüllung zu gelangen und den Sinn ihres Selbst zu finden, um den Ansprüchen der Gegenwart gerecht zu werden“, heißt es im 2016 erschienenen „The New Spirituality Report“ eines New Yorker Trendforschungskollektivs.

Schuld sind auch in diesem Fall mal wieder die beschleunigte Leistungsgesellschaft und der Verlust der guten alten Werte. Es entsteht ein metaphysisches Vakuum, das durch die neuen Glücklichmacher angefüllt wird. Auf der Suche nach Sinn kommt dem gestressten Großstädter die Spiritualität gerade recht. Wenn sie obendrein einen Zweck hat, nämlich schöner macht - umso besser.

Es sind Lebensgeschichten wie die von Human Afschari selbst, die Menschen nach dem Sinn ihres Lebens suchen lassen. Er hat persische Wurzeln, wuchs in Düsseldorf auf, studierte Internationales Management in den Vereinigten Staaten, ging 2006 nach Dubai, gründete zwei „sehr erfolgreiche Unternehmungen“, wie er sagt, und verdiente sich dumm und dämlich. „Ich habe rund um die Uhr gearbeitet und in jeder freien Sekunde exzessive Partys gefeiert. Das ging so lange, bis ich jegliche Empathie verloren hatte.“

Das Erweckungserlebnis ließ nicht lange auf sich warten. Nach vier Jahren zog er in die Schweiz und nahm sich eine längere Weile frei, „zum Runterkommen“. In der Zeit tauchte er tiefer ein in die Welt des Buddhismus und fand seinen Lama. Zunächst wollte er das Mönchsgelübde ablegen und nur noch Gutes tun. Dann traf er seine Heiligkeit, Kyabgön Chetsang Rin-poche, der ihn einlud, mit auf eine Reise in den Himalaja zu kommen. Afschari wollte der Bergbevölkerung helfen, Schulen und Waisenhäuser bauen. Aber wie? In der Region Ladakh stießen sie auf Sanddornbäume - sie wachsen in der kargen Gebirgslandschaft und gelten schon deshalb als Wunderfrucht. Die Frauen der Bergregion benutzen das an Antioxidantien, Mineralstoffen und Vitaminen reiche Sanddornöl seit jeher für Gesicht und Haare. „Und ich habe mich immer gewundert, warum die alle so top aussehen“, sagt Afschari und lacht.

Seine Heiligkeit soll daraufhin die Frage gestellt haben, warum er daraus nicht eine Creme mache. Afschari war zunächst wenig begeistert. Man könnte es sich damit erklären, dass er ja eigentlich gekommen war, um Schulen zu bauen. „Ich selbst mochte bis dahin gar keine Cremes“, sagt er, „viel zu schmierig.“

Zurück in Deutschland macht er sich dennoch auf die Suche und findet Experten, mit deren Hilfe er den bewährten Himalaja-Sanddorn mit moderner Wissenschaft kreuzt. Einen Teil von dem, was er heute mit Sea Buck verdient, spendet er nach eigenen Angaben an die Organisation „The Mountain Institute“ zur Unterstützung der Bevölkerung des Himalaja.

Um dem stressigen Leistungsdruck zu entfliehen und aus dem Spirituellen einen neuen Sinn für sein Leben zu ziehen, muss man nicht gleich einen so extremen Weg einschlagen. „Die neuen Mönche“, wie die Trendagentur k-Hole die Akteure der Achtsamkeitsbewegung nennt, suchten sich aus einem riesigen Pool existierender spiritueller Konzepte einfach die Rituale und Praktiken, die genau zu der jeweiligen Situation passen. Das kann der Buddhismus sein. Oder was ganz anderes.

Die neue Spiritualität entpuppt sich bei näherer Betrachtung nämlich als eine Art All-you-can-heal-Buffet, an dem sich jeder, den das eigene Leben hungrig nach Höherem hinterlässt, nach Gusto bedienen kann. Während dem einen als temporäres Heilsversprechen schon gelegentliches digitales Detox und die Yoga-Stunde ausreicht, üben sich andere in stundenlanger Meditation, nehmen am Wochenende an schamanischen Natur-Ritualen außerhalb der Stadt teil, ernähren sich ayurvedisch und verbringen ihre Urlaube im Kloster-Retreat. Und natürlich hält man dafür die passenden Produkte bereit. „Im Marketing werden durch Bilder, Materialitäten und Semantiken Bezüge zu einer transzendenten Instanz hergestellt, um mit Produkten auf die Aura des Heiligen anzuspielen“, sagt Inken Prohl vom Institut für Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg. Das Glücksversprechen einer Religion lasse sich so auf Produkte übertragen. In der Welt der konventionellen Kosmetik seien die Begriffe „Zen“, „Nirvana“, „Karma“, „Spiritual“, „Moon“ und „Magical“ die Schlagwörter unserer Zeit. Bei Naturkosmetik gehe es dank „Botanicals“ und „Crystals“ mehr um eine Rückbesinnung auf Mutter Erde und das Selbst. In Produktnamen oder farblich und optisch stimmigen Verpackungen lassen sich spirituelle Assoziationen hervorragend transportieren.

Das transzendente Marketing erfüllt seinen Zweck. „Es gibt Grund zu der Annahme, dass sich viele Dinge besser verkaufen, wenn sie mit dem Spirituellen umgeben werden“, sagt Prohl. „Das hat damit zu tun, dass zumindest in einigen Teilen der Welt Mann oder Frau eigentlich gar nichts mehr kaufen will, weil man schon alles hat.“ Mit spirituellen Anleihen bekommt der Konsum dann Legitimität.

In der Kosmetikbranche geht es also längst nicht mehr nur um die Bekämpfung von Falten, Unreinheiten oder trockener Haut. Die klassischen Problemkategorien rücken bei den spirituellen Helfern sogar in den Hintergrund. Neue Cremes und Wässerchen sollen vor allem Balsam für die Seele sein. „Der religiöse Kontext ist nicht erstaunlich“, sagt Prohl. „In diesen Lehren ging es schon immer um die Heilung von Geist und Körper.“ Gerade in Klöstern - in buddhistischen wie christlichen - existiert jahrhundertealtes Wissen um pflegende Kräuter- und Heilpflanzen.

Damit kennt sich Martin Erdmann bestens aus. Als „Kreativer Einkäufer“ bei Manufactum sucht er seit der Einführung der Produktsparte „Gutes aus Klöstern“ im Jahr 2000 in ganz Europa nach hochwertigen Erzeugnissen, von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Körperpflegeartikeln. Als eine der wichtigsten Motivationen der Kunden, Kosmetika aus Klöstern zu kaufen, sieht Erdmann „die Möglichkeit, die Produktherkunft zu verorten, sowie die Klarheit über die Qualität“. Das sei ein Unterschied gegenüber Herstellern, die ihre Produktion unter nicht transparenten Bedingungen auch mal dorthin verlagern, wo es gerade am günstigsten ist. „Bei einem Klosterprodukt wäre das natürlich undenkbar.“

Das passt gut zum Gedanken der Legitimität. Einer Ringelblumencreme, deren Pflanzenextrakt von einem Mönch in traditioneller Handarbeit aus dem eigenen Klostergarten gewonnen wird, kann der Kunde vertrauen. „Oft sind diese Produkte alltagstauglich, einfach und nicht so überkandidelt. Teils werden die Rezepturen seit Jahrzehnten in gleichbleibend guter Qualität angeboten. Da hat man Artikel, auf die man sich verlassen kann.“ Hinzu kommt, dass der Zweck solcher Produkte ein ganz anderer ist als der eines Beautykonzerns, der versucht, mit immer neuen Produkten so viel Geld wie möglich zu verdienen. „Klöster sind spirituelle Zentren und Orte religiösen Lebens“, sagt Erdmann. „Die Hauptaufgabe von Ordensleuten ist die geistliche Seelsorge, die Liturgie und das Gebet.“ Es gehe eben nicht hauptsächlich darum, eine Seife oder eine Creme herzustellen. „Das dient allein der Erwirtschaftung des konkreten Lebensunterhalts.“

An religiöse Lehren muss man also gar nicht glauben, um der Funktion eines im weitesten Sinne spirituellen Shampoos oder Mundwassers zu vertrauen. Das würde auch Mimi Young unterschreiben. Die junge Kanadierin ist praktizierende Schamanin. Zu ihrer Spiritualität hat sie eine passende Pflegelinie namens Ceremonie entwickelt. Im Sortiment finden sich Artikel, die so mystische Namen tragen wie „Good Vibes Elixir“, „Transcendental Meditation Mist“ oder „Infinity“.

Die Produkte sollten eben auch emotional wirken. „Die Rose als Inhaltsstoff ist ein gutes Beispiel“, sagt Mimi Young. „Sie hat bewährte hautpflegende Funktionen. Andererseits wirkt sie als Aphrodisiakum und Antidepressivum.“ Alle Inhaltsstoffe sind natürlich auf rein pflanzlicher Basis - und obendrein von Young gesegnet. „Einige Kundinnen kaufen meine Produkte nur, weil sie Fans von Naturkosmetik sind. Andere schätzen auch den schamanischen Wert. So ganz kann sich der spirituellen Wirkung niemand entziehen.“

Der moderne rituelle Schamanismus, wie er vor allem in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien praktiziert wird, ist ein schwer zu fassendes Feld. Young beschreibt es im weitesten Sinne als Praxis, in welcher der Akteur durch verschiedene Bewusstseinsstadien reist, um mit „Spirits“ zu interagieren. Diese „Geister“ können beispielsweise Pflanzen, Mineralien oder Tiere sein. Von den Reisen bringen Schamanen heilende Botschaften mit. Young tauscht sich mit den Geistern mittlerweile ganz beiläufig aus, „wie wenn man einem Freund eine Nachricht schreibt“.

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Auf die Idee mit der Kosmetik kam sie eher aus Eigennutz. „Nach meiner zweiten Schwangerschaft fühlte ich mich unwohl in meiner Haut. Die ersten Pflegeöle mischte ich nur für mich. Auch meine Freundinnen waren begeistert von den Produkten, und so führte eines zum anderen.“ Für neue Ideen seien die Geister mitverantwortlich, sagt Young: „Oft raten mir die Pflanzen erst zu einem neuen Produkt. Sie erzählen mir dann, was im Sortiment noch fehlt und welche Zutaten ich dafür nehmen soll.“ Heute spricht sie mit den Pflanzen, wenn sie diese zu Produkten weiterverarbeitet und wenn sie die Versandbox für die Kunden packt: Die Bestellung energetisiert sie mit Mantras und Ritualen. „Ich rufe dann die Geister und nenne den Namen des Kunden. Das Irre: Die Spirits kennen jeden einzelnen.“

Ob irre oder nicht, mit Ceremonie bestreitet Young mittlerweile ihren Lebensunterhalt. Und im Segment schamanischer Beautycare ist sie eine von vielen. Bei der boomenden Branche stellt sich die Frage, welchen Einfluss die Kommerzialisierung des Schamanismus eigentlich auf dessen spirituelle Wirkung hat. Mimi Young sagt, sie verpuffe nicht einfach im Nirvana, nur weil sich damit Geld verdienen lässt. „Das überrascht vielleicht, aber ich bin genauso sehr Kapitalistin wie Schamanin. Im Herzen des Kapitalismus steht die Freiheit. Konsumenten können wählen, was sie wollen. Das gefällt mir.“ Im Gegensatz zu anderen Konzepten funktioniere schamanische Kosmetik im Massenmarkt allerdings ohnehin nicht. „Ich mache alles selbst, alles per Hand. Jede einzelne Flasche ist von mir geweiht. Da ist es vollkommen klar, dass die Herstellung großer Mengen unmöglich ist.“

Aber selbst Inken Prohl vom Institut für Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg kann sich dem Generalverdacht gegenüber der neuen Kommerzialisierung von Religionen oder spirituellen Konzepten nicht so ganz hingeben. „Zumindest religiöse Institutionen waren schon immer auch ökonomisch handelnde Institutionen. Natürlich sollte man sich immer bewusst machen, warum sich gerade dieses oder jenes Produkt gut verkauft. Aber vielleicht könnte man den Gebrauch des Spirituellen tatsächlich als Chance sehen, eine neue Seite an sich zu entdecken und sich und anderen gegenüber achtsamer zu werden?“ Wenn das mit Hilfe spiritueller Kosmetik gelänge, hätten die pflegenden Helfer aus dem Tiegel tatsächlich Trost gespendet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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