Haute Parfumerie

Alles Roja

Von Maria Wiesner
 - 06:43
zur Bildergalerie

Manche Dinge weiß man schon früh im Leben. Für Roja Dove war bereits als Junge klar, dass ihn Parfum faszinierte: „Meine Leidenschaft begann, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Meine Mutter kam, um mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, und ich erinnere mich noch genau an ihr Puder und ihr Parfum.“ Der Duft ist mit dem Bild der eleganten Frau verbunden, die sich zurechtgemacht hatte, um auszugehen, und deren Lamé-Kleid das Licht des Flurs so reflektierte, dass es ihr einen kleinen Heiligenschein zauberte. „Für mich sah sie aus wie ein Engel oder eine Fee aus dem Märchenbuch. Als sie ging, blieb dieser Duft zurück, eine Mischung aus Jasmin, Aldehyden und Vanille.“ Bis heute weiß er den Namen: „Es war L'Aimant von François Coty. Das bekommt man heute noch zu kaufen, in ziemlich abgewandelter Mixtur natürlich.“

Während er das Bild heraufbeschwört, sitzt Roja Dove in einem Hotelzimmer vor einem Sofatisch, auf dem seine eigenen Parfumkreationen stehen. Alle in klassischen viereckigen Flakons, geschliffene Kristalle. Auf den Verschlusskappen spiegelt sich die spärliche Wintersonne. Am Tag zuvor hat er seine Marke in der Frankfurter Parfümerie Albrecht vorgestellt, die sich auf Nischendüfte spezialisiert hat. Seit diesem Winter sind seine Düfte bei ausgewählten Händlern auch in Deutschland erhältlich, zuvor musste man dafür nach London zu Harrods oder nach New York zu Bergdorf Goodman. Bis zur international vertriebenen Marke für Luxusnischendüfte war es ein langer Weg für den Einundsechzigjährigen. Doch wenn er mit britischem Akzent davon erzählt, klingt es wie ein großes Abenteuer, bei dem im Nachhinein alles einen Sinn hatte.

Die Mutter also weckte in ihm die Leidenschaft für die schönen Dinge des Lebens. Ins Haus seiner Familie brachte ein Freund aus Frankreich immer wieder Eau-de-Cologne-Flakons als Gastgeschenk. Die Mutter bewahrte sie in der Nachttischschublade auf. Dem Jungen, den es immer wieder dorthin zog, wurden Düfte und ihre Geschichte zur Obsession. Nach einer Ausbildung in der südfranzösischen Parfumstadt Grasse kam er zu Guerlain. 20 Jahre blieb er dem Haus treu, bis es vom Konzern LVMH aufgekauft wurde. „Ich bin kein Mensch für große Firmen“, sagt Dove. Plötzlich sei es um Zahlen und Bestellgrößen gegangen und nicht mehr um Kreativität. Also beschloss er an Weihnachten 2000, seinen Job aufzugeben, und zu Halloween im Jahr darauf ging er wirklich. „Ich hatte mich in die Parfümerie als Kunst verliebt. Was ich aber sah, war das Gegenteil davon. Viele der alten Parfummarken hatten geschlossen oder waren aufgekauft worden. Auf diesem Markt reichte es nicht einmal mehr, dass etwas neu war, um einen Duft zu verkaufen. Parfum wurde so entwertet, dass man am Ende noch ein kleines Geschenk draufgepackt hat, damit sich der Duft überhaupt verkaufte.“ Freunde und Bekannte fragten ihn um Rat, und alle beschwerten sich: too much choice or no choice. Entweder waren die Kunden überwältigt von der riesigen Auswahl, oder alle Düfte rochen für sie gleich. Dove aber sah sich als Künstler, und seine Kunst wollte er erhalten wissen.

Weil er dank der Jahre bei Guerlain bekannt war, konnte er bei Harrods eine Boutique mit besonderen Parfums eröffnen, die er selbst auswählte: „Haute Parfumerie“, eine Auswahl der handwerklich besten Düfte, die sich von der Masse unterscheiden wie Haute Couture von Prêt-a-porter.

So exklusiv, dass die Düfte erst auf Nachfrage gezeigt wurden

Und hier bot er seine eigenen Düfte dann auch zum ersten Mal an. Das Konzept der Exklusivität reizte er dabei so weit aus, dass sie zunächst nur in der Schublade lagen und Kunden explizit nachfragen mussten, um sie gezeigt zu bekommen. Als Dove an diesem Punkt seiner Erzählung anlangt, wendet er sich den Flakons zu. Er liebt Zahlen und Zahlenspiele. Viele Duftkreationen gehören zu einem Trio. Es handelt sich dabei nicht um Abwandlungen des gleichen Dufts, sondern um Variationen zu einem Überthema – wie zum Beispiel das Trio rund um die Verführung aus Unspoken, Scandal und Enslaved.

Wie er seine Düfte kreiert, erklärt er anhand von Scandal. „Ich fragte mich, was einen Skandal ausmacht: viel Gerede, Sex und Geld.“ Für das Parfum verwendete er weiße Blumen, insbesondere natürliche Tuberose. „Weiße Blumen haben den sinnlichen Geruch von Haut, da haben Sie den Sex. Und die Tuberose ist ihr Gewicht in Gold wert.“ Der Duft ist voluminös, so wie das Gerede, das ein Skandal braucht. „Naja, und dann ging ich davon aus, dass bei einem Skandal ja auch immer ein bisschen versteckte Eifersucht im Spiel ist. Wenn man den Duft trägt, werden die Leute reden, weil sie eifersüchtig sind, wie gut man riecht.“

Natürliche Tuberose ist für ihn keine Ausnahme, sondern die Regel. Dove setzt bei seinen Düften auf natürliche Öle und Extrakte, seien es Rose, Jasmin oder Ambra. „Nur die beste Qualität, denn das merkt man dem Duft am Ende an.“ Synthetische Stoffe nutze er zwar auch, aber in geringer Dosis, für den Effekt: „So wie ein Baumwollshirt mit zwei Prozent synthetischen Fasern die Vorteile beider Grundstoffe perfekt kombiniert, so ist es auch mit natürlichen und synthetischen Duftstoffen.“

Wenn Dove seine Ideen auf die weißen Teststreifen sprüht, entfalten sich Welten, durch die er wie ein kundiger Bewohner führt. In einer Hommage an die britische Nationalfigur „Britannia“ weist er auf eine Ananasnote zwischen Zitrusaromen hin. „Diese exotische Frucht aus den Kolonien durfte um die Jahrhundertwende auf keinem Tisch fehlen.“ Die Duftnote schwingt also mit, ohne zu dominieren, so wie man auf Gemälden aus der Zeit die Ananas suchen muss – und sie dann unvermutet entdeckt.

Seine Düfte erinnern in der Komplexität an die Kunstfertigkeit der großen Parfumhäuser des vergangenen Jahrhunderts und sind dabei trotzdem modern. Cleane Düfte? Für diesen Effekt gibt es doch Badeprodukte, sagt er. Nein, wer sein Parfum trägt, verwandele sich. „Für mich ist es das größte Kompliment“, sagt Dove, „wenn eine Frau, die meinen Duft aufgetragen hat, einige Zentimeter größer wirkt, wenn sie aus dem Raum geht.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
FacebookTwitter
  Zur Startseite