Love Vegas

Von INSA HAGEMANN, Fotos STEFAN FINGER
Bitte warten: Das Las-Vegas-Zeichen ist ein beliebtes Fotomotiv – was oft zu langen Schlangen führt.

24.05.2018 · Schnell, einfach und teils sogar romantisch: Heiraten in Las Vegas ist wie Fast-Food. Nur die Deutschen brauchen etwas länger.

D avid ist nervös. Mit zusammengepressten Lippen steht er in dem alten Fahrstuhl mit den vergoldeten Spiegeln, auf dem Weg in den ersten Stock der Little White Wedding Chapel. Fahrtrichtung: Eheglück. Mit geschlossenen Augen drückt er sich in seinem weißen Anzug an die roten Wände, während Cynthia Nachrichten mit dem Handy verschickt. Das Brautkleid trägt sie jungfräulich verpackt in der Schutzhülle über dem Arm. Fürs Make-up hatte sie nur zehn Minuten, sie habe am Casinotisch die Zeit vergessen. Pech im Spiel – Glück in der Liebe?

Fahrstuhl zur Trauung: Cynthia und David aus Kalifornien bereiten sich auf die Hochzeit vor. Jeder auf seine Art.

Mit der Liebe versucht sie es heute in einer der größten der mehr als 70 Kapellen in Las Vegas. 200 Paare geben sich an diesem Samstag allein in der Little White Wedding Chapel das Ja-Wort – im Dreiminutentakt. Draußen fährt Adheesh aus Indien im geliehenen Lamborghini zur Drive-Through-Hochzeit vor. Das funktioniert so schnell und unkompliziert, wie man im Drive-in eines Fastfood-Restaurants einen Burger bestellt: reinfahren, Ring tauschen, Segen am Schalter abholen, Kreditkarte durch den Schlitz ziehen – vorbei ist die Spritztour in den Hafen der Ehe. Kosten: 75 Dollar. Tipps für die perfekte Beziehung will der Mann am DriveThrough-Schalter, der die Trauung vornimmt, nicht geben. Aber einen Ratschlag für den Leihwagen hat er: „Be gentle, it‛s a rental“, sagt er. Dann widmet er sich wieder seinem Handy.

Im Leihwagen: Ein Paar aus Bombay heiratet am Drive-Through-Schalter der Little White Wedding Chapel.

Las Vegas ist die amerikanische Hauptstadt der Hochzeiten – nicht zuletzt dank Filmen wie „Hangover“ und Stars wie Britney Spears, Frank Sinatra, Angelina Jolie, Bruce Willis oder Demi Moore. Cindy Crawford und Richard Gere heirateten einst hier. Mehr als 78.000 Paare haben sich im vergangenen Jahr in Las Vegas trauen lassen, rund ein Fünftel davon waren Ausländer. Deutschland lag 2017 mit 1335 Eheschließungen auf Platz vier, hinter den Vereinigten Staaten, England und Kanada. Auch Siglinde Jähnig hat in Las Vegas ihren Mann Frank geheiratet, im April 1998. Doch die Trauung damals war leider ein Reinfall. Die deutschen Urlauber verstanden das Bürokraten-Englisch auf dem Standesamt nicht, und die Fotos des Hochzeitsfotografen taugten auch wenig. Die Jähnigs dachten sich: Das können wir besser – und gründeten eine Hochzeitsagentur. Seit mehr als 15 Jahren trauen sie nun deutsche Paare in Las Vegas, rund 500 pro Jahr. Nicht alle kommen, weil es hier so schrill zugeht. „Viele wollen dem Stress in Deutschland aus dem Weg gehen“, sagt Siglinde Jähnig. Zum Beispiel, weil sie keine Lust auf Verwandtschaft haben. „Viele haben das Gefühl, dass sie nicht mehr für sich, sondern für andere heiraten. Hier können sie machen, was sie wollen. Und gehen gleich noch auf Hochzeitsreise.“

Lizenz zum Ja-Sagen: Erst mit der offiziellen Bescheinigung des Standesamts darf man in Las Vegas heiraten.

Heute traut sie Darina und Dominik aus Nürnberg. Dominik sitzt angespannt im Hotelzimmer. Zwei Stunden sind es noch bis zu dem Moment, dem er seit Jahren entgegenfiebert. Sein Anzug liegt gebügelt auf dem Bett, ein Actionfilm flimmert über den Bildschirm. Er schaut nicht hin, ist in Gedanken versunken. Seit langem wollen die beiden heiraten, aber in Deutschland scheiterte das an den Behörden. Darina, die sich im Nachbarzimmer schminken lässt, kommt aus Lettland. Für eine Hochzeit in Deutschland brauchte sie Papiere aus ihrer Heimat. Die sind aber nur ein halbes Jahr gültig und müssen zuvor vom lettischen Konsulat in Berlin übersetzt werden. „Es ist schwer, in Deutschland in weniger als einem halben Jahr eine Hochzeit zu organisieren“, sagt Dominik. In Las Vegas ist das einfacher. Das staatliche Hochzeitsbüro hat sieben Tage die Woche geöffnet – von acht bis 24 Uhr. Unbürokratisch und ohne Voranmeldung bekommt dort jeder, der einen gültigen Pass vorlegt und eine Unterschrift leistet, eine Heiratserlaubnis. Mit der Unterschrift versichert man, nicht anderweitig verheiratet zu sein. Überprüfen wird das niemand.

Glücksspiel: Am Valentinstag schreitet ein Hochzeitspaar durch das Casino des Hotels Venetian.

Charlotte Richards verheiratet seit mehr als 60 Jahren Paare, „manche auch zum fünften oder sechsten Mal“. Mehr als anderthalb Millionen Ja-Sager haben in ihrer Little White Wedding Chapel „I do“ gehaucht, unter ihnen Frank Sinatra, Paul Newman, Michael Jordan und Pamela Anderson. Die Amerikanerin hat viel erlebt: die Braut, die plötzlich nicht mehr ihren Freund, sondern den Elvis-Darsteller heiraten wollte; den Mann, der am Abend vor der Hochzeit mit der besten Freundin der Braut ins Bett stieg; und die Hochzeit von Britney Spears im Januar 2004, deren Ehe nur 55 Stunden hielt und vor Gericht annulliert wurde, da Spears „das Verständnis für ihre Handlungen“ zum Zeitpunkt des Ja-Worts gefehlt habe. Die schönste Hochzeit war für Richards die von Bruce Willis und Demi Moore. „Bruce hat sie auf Händen getragen. Und dann der Kuss! Das war der innigste Hochzeitskuss, den ich je gesehen habe. Das war so romantisch. Man konnte die Liebe der beiden richtig fühlen.“

  • Der König ruft: Ula und Andreas aus Deutschland haben das Vergnügen mit Elvis.
  • Zwei Bräute für Elvis: Catherine (links) und Cynthia aus San Diego heiraten als gleichgeschlechtliches Paar.
  • Elvis-Ekstase: Die Vegas-Ikone bringt das britische Paar beim Erneuern des Eheversprechens in Fahrt.

In zwei Stunden könne man bei ihr verheiratet sein, sagt sie stolz. Inklusive Abholung mit Limousine am Flughafen, Beantragen der Heiratslizenz im Hochzeitsbüro, Hochzeit in der Kapelle, Hochzeitsfotos und Ablieferung am Flughafen. Zehn minister, Trauungs-Bevollmächtigte, und etliche Elvis-Darsteller hat sie zur Verfügung, mal dicke, mal dünne, „wie Elvis eben auch war“. Charlotte Richards, die längst die 80 überschritten hat, traut auch selbst noch Paare. Wer sich von ihr verheiraten lässt, bekommt ihre Tränen in den richtigen Momenten gratis dazu.

Auch bei Darina und Dominik geht es schnell. Immerhin haben sich die beiden vier Tage Zeit genommen: Ankunft am Montag, Junggesellenabschied mit Freunden am Dienstag, Hochzeit am Mittwoch im Hubschrauber über Las Vegas, Rückflug am Donnerstag. Kaum ist der Hubschrauber in der Luft, beginnt Siglinde Jähnig mit der Trauung. Schließlich ist Las Vegas von oben nur über dem Sunset Strip schön, und vom Flughafen bis zum Ende des Strips sind es gerade mal sieben Kilometer, maximal sechs Minuten Flugzeit. „Auf dem Hinweg möchte ich die Trauung durch haben, damit das Paar auf dem Rückweg den Ausblick genießen kann“, sagt Jähnig und beeilt sich.

  • Starthilfe: Darina fährt im Hubschrauber der Schreck in die Glieder. Dominik beruhigt sie.
  • Flugnummer: Gerd und Katharina aus Österreich gehen für ihr Ja-Wort in die Luft – im Hubschrauber.

Darina greift Dominiks Hand noch ein wenig fester. „Willst du Darina zu deiner Frau nehmen, sie lieben und ehren?“, tönt es über den Bordfunk. „Ja, ich will“, funkt Dominik zurück. Ihre Augen leuchten, unter ihnen glitzern die Neonlichter. Dann beginnt der Landeanflug. Am Abend wird es nichts mehr mit dem Hochzeitstanz – der Jetlag macht sich bemerkbar. Dabei geht es am nächsten Morgen schon wieder zurück ins Fränkische. 1999 Dollar ohne Hotel und Anreise wird Siglinde Jähnig dem Brautpaar für den schönsten Tag des Lebens berechnen.

Viele Deutsche heiraten auch in Las Vegas eher klassisch. Die meisten Paare buchten weit im Voraus, sagt Jähnig, oft ein Dreivierteljahr. Und in der Kapelle wollen sie sich Zeit lassen. „Wir blockieren die Kapelle dann über einen längeren Zeitraum für eine richtige Zeremonie, nicht nur fünf Minuten wie sonst.“

In der Viva Las Vegas Chapel geht es nicht so klassisch zu. Hier werden gerne Themenhochzeiten gebucht: Western, Hawaii, Seventies, Gothic. Brian Mills ist der minister und je nach Bedarf Cowboy, Elvis oder auch der Leibhaftige, der bei der Trauung dem Sarg entsteigt. Früher war er Musical-Darsteller, als Danny in „Grease“ ist er durch Europa getourt. Heute ist sein Publikum überschaubar. Der Form des Eheversprechens sind keine Grenzen gesetzt – zumindest fast keine: Verheiratet ein minister ein Paar, das wegen Alkohols oder Drogen nicht zurechnungsfähig ist, droht ihm der Lizenzentzug. Auf Wolke sieben dürfen Brautpaare nur durch die Liebe schweben.

  • Bereit: Horrorbuchautor Todd aus Oregon ist auf die Zeremonie in der Kiss Wedding Chapel gespannt.
  • In der Kiss-Kapelle: Denise und Todd aus Oregon erneuern nach 13 Jahren stilbewusst ihr Eheversprechen.
  • Wenn der Redner aus dem Sarg kommt: Natascha und Ken aus Albuquerque wählen die „Gothic“-Hochzeit.

Das würde Todd jetzt auch gerne. In Kiss-Montur und auf wackeligen Beinen wartet der Autor von Horror-Romanen auf seine Braut. Vor genau 13 Jahren hat er die Zukunft mit Denise schon einmal besiegelt. Heute möchte er sein Eheversprechen erneuern – Zweithochzeiten liegen im Trend. Der flexible Kunststoff seines silbernen Panzers knatscht bei jeder Bewegung. Noch bevor seine Braut die Kapelle betritt, verliert er das erste Mal den Boden unter den Füßen – die diabolischen Fratzen auf den 20 Zentimeter hohen Plateausohlen scheinen ein Eigenleben zu führen. Nur mit Hilfe des ministers, einer Reinkarnation des Kiss-Bassisten Gene Simmons, der gleich die Trauung in der Kiss Wedding Chapel vornehmen wird, schafft es Todd, auf dem weichen Plüschteppich Halt zu finden. Dann betritt seine Braut leichtfüßig in schwarzer Strumpfhose unter weißem Kleid und ohne Schuhe die Kapelle.

Für Sheryl und Leo wäre so eine Hochzeit undenkbar. Gemächlich schaukelt ihre Gondel über das stille Wasser des Canal Grande. Leo küsst seine Braut zärtlich, während der Gondoliere „O sole mio“ anstimmt. Von 20 Dollar pro Person an gibt es im Themenhotel Venetian die Illusion von Bella Italia. Zehn Minuten Venedig, nur schöner. Klimatisiert, geruchsneutral, unter blauem, künstlichem Himmel. Für Sheryl und Leo ist es der Abschluss eines ganz besonderen Tages. Für die Touristen sind sie an diesem Abend nur eines von vielen Brautpaaren.

Las-Vegas-Romantik: Sheryl und Leo aus New York fahren nach ihrer Hochzeit Gondel im Hotel Venetian.
Quelle: F.A.Z.-Magazin