Fotos: Jan Kapitän, FAZ.NET-Multimedia

Sie sind so frei

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Sexpositiv: Wo die Grenzen des Begehrens sehr achtsam neu vermessen werden.

21.03.2018

Text und Protokolle: CAROLIN WIEDEMANN
Fotos: JAN KAPITÄN

Auf der Tanzfläche hüpft eine Person, die nichts trägt als Sneakers an den Füßen und einen Hut auf dem Kopf. Daneben verweben zwei Frauen in grünen Pailletten Beine und Zungen im Techno-Takt. Und ein Mann kreist um eine Stange, den Oberkörper im pinken Ledergeschirr. Discover, chill, dance, fuck. Oder auch nicht – jede, wie sie will. Die eigene Freiheit endet da, wo sie die Grenzen einer anderen verletzt. Und Grenzen sind hier weit gesteckt: Auf den neuen „sexpositiven“ Partys, die seit ein paar Jahren in verschiedenen Clubs in Berlin stattfinden und immer populärer werden, zu denen Menschen aus Amsterdam, Madrid und London für eine Nacht anreisen. Die etwas aufzeigen: einen bewussteren und gleichzeitig ein bisschen freieren Umgang mit Begehren, Körpern und Berührung.
Neu ist die Lust auf Nähe im Rausch natürlich nicht. Das „Berghain“ ist seit den nuller Jahren dafür bekannt, dass sich dort Rave, Sex und Nacktheit verbinden, im „KitKat“, Berlins bekanntester Fetisch-Disko, geht es noch expliziter zu, und Swingerclubs gibt es längst in jeder deutschen Kleinstadt. Doch die „sexpositiven“ Partys sind anders. Im Vordergrund stehen Respekt und Achtsamkeit: Hier werden verschiedenste Geschlechter, verschiedenste Körperformen und verschiedenste Arten von Sexualität und das Experimentieren mit ihnen zelebriert – solange sie einvernehmlich sind. Hauptsache, alle Anwesenden fühlen sich wohl.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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„Sexpositiv“ nannten sich schon in den achtziger Jahren Feministinnen, um sich einerseits gegen jene Frauen in der Bewegung zu stellen, die Pornographie als antifeministisch verbannen wollten, und um andererseits eine patriarchalische Kontrolle der Sexualität zu bekämpfen, die Sex aus der Perspektive des heterosexuellen Mannes bestimmt.
Beides greifen die Partys auf: Die Reihe „Pornceptual“ etwa startete als Online-Erotik-Galerie mit dem Ziel, andere Bilder zu verbreiten als in der misogynen und oft rassistischen Porno-Industrie üblich. Queer und inklusiv sollte ihr Porno sein, so die beiden Künstler hinter dem Projekt – und so sind jetzt auch ihre Partys. Einmal alle drei Monate stehen mehrere tausend Leute Schlange vor einem der Berliner Clubs, in dem die Feier steigt, junge Menschen in Jeans und T-Shirt oder im Fetischkostüm, Menschen von überall.
Drinnen findet sich zwar kein utopischer Idealraum. Denn was eine Gesellschaft noch nicht kann, schafft auch die schillerndste Party nicht. Doch zeigt die Verbreitung dieser Spielwiesen ein zunehmendes Interesse vieler Menschen daran, sich auszuprobieren.
In Berlin nimmt das nur seinen Anfang, ob mit der „Pornceptual“, der „House of Red Doors“ oder der „Polymotion“. Auch in Frankfurt setzt sich bereits eine „sexpositive“ Feier durch, in Hamburg gibt es erste Pläne. Diejenigen, die hier erzählen, warum sie auf diese Partys gehen, warum sie welche veranstalten oder auf deren Verbreitung etwa in Leipzip hoffen, haben eine gemeinsame Sehnsucht: Sie wollen zusammen Perspektiven erweitern, Körper und Lüste entdecken, die vielfältiger und individueller sind, als es ihnen je vermittelt wurde. „Cause desire can’t be fixed“, wie es auf dem Flyer der „Polymotion“ heißt. 

Anna-Lena

„In meinem Freundeskreis gibt es immer mehr Leute, die sich nicht mehr auf ein Geschlecht festlegen wollen. Für die ist auf den Partys auch immer mehr Raum.“

Anna-Lena, 23, Fotografin, Berlin

ANNA-LENA: „Ich bin in Berlin aufgewachsen und hier auch auf die ersten Partys und in Clubs gegangen. Für mich war es immer normal, zu sehen, dass dort eine große Offenheit herrscht, im Umgang mit Körpern und auch mit Sexualität. Und die nimmt weiter zu. Im ‚Berghain‘ waren schwule Männer vor ein paar Jahren noch in der Mehrheit. Heute ist das Publikum viel gemischter, und auch Frauen haben Raum, sich zu inszenieren. In meinem Freundeskreis gibt es immer mehr Leute, die sich gar nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen, für die ist auf den Partys auch immer mehr Raum.
Ich denke, die Entwicklung auf diesen Partys zeigt, dass die Menschen Grenzen in Frage stellen wollen, die woanders noch gelten. Für mich geht es dabei nicht primär um Sex, sondern – wie etwa bei der Partyreihe ‚Pornceptual‘ – darum, Normen aufzubrechen, sein zu können, was man möchte, sich freier auszudrücken. Ob das mit einem interessanten Kostüm oder dem nackten, eigenen Körper ist. Mir fällt es gar nicht mehr auf, wenn einzelne Personen etwa gar nichts tragen, nur Schuhe oder Hut. Viele meiner Freunde machen ihre Kleider für die Partys selbst, nutzen Geschirr, wie man es aus der SM-Szene kennt, und auch Latex. Oft werden Outfits, die man auf Partys schon früher gesehen hat, auch in der Modebranche aufgegriffen, Fetischklamotten etwa landen dann auf dem Laufsteg.
Die Partys ermöglichen den Gästen, ihre Identitäten zu hinterfragen, sich freier zu entfalten – aber nicht so individualistisch, sondern in der Gemeinschaft. Gerade heutzutage, in einer Zeit, in der die technische Entwicklung so weit ist, dass der direkte Kontakt weniger wird, sind die Nähe und Intimität auf diesen Partys eine noch wichtigere Erfahrung.
Ich fühle mich dort auch sicherer als auf konventionellen Partys, auf denen Heteromänner einen antanzen. Weil diese Partys lange durch die schwule Szene bestimmt waren, gibt es nicht so ein mackeriges Verhalten bei den Heteromännern. Auch dass dort nicht fotografiert werden darf, dass niemand sein Handy bei sich trägt, schafft einen Schutzraum. Außerdem macht es auch klar: Die Inszenierung ist für den Moment. Es geht um das gemeinsame Erleben und nicht darum, möglichst viele Likes für eine Verkleidung zu bekommen.“ 

Susanne & Paul

„Wir gehen regelmäßig zusammen hin und bleiben dort auch zusammen. Wir sprechen als Paar gemeinsam Leute an. Es wird zu wenig offen darüber geredet, wie schön das ist.“

Susanne, 29, Übersetzerin, und Paul, 28, Bestatter, Leipzig

SUSANNE: „Wir haben uns Ende 2015 auf dem Online-Dating- und Sex-Portal ‚Joyclub‘ kennengelernt. Ich war damals gerade nicht auf der Suche nach einer Beziehung und hatte schon seit einer Weile Sex-Dates, als ich das Profil von Paul entdeckte, das mich sehr interessierte.
Als wir uns dann trafen, war schnell klar, dass es mehr wird. Durch unsere Begegnung über die Plattform wussten wir bereits, dass wir beide ziemlich offen mit Sexualität umgehen. Ich hatte schon vor Paul mit anderen Ex-Freunden Swingerclubs besucht und freute mich, dass er auch Interesse daran hatte – schließlich haftet ihnen oft ein Stigma an, dass nur Menschen ab 50 und nur Männer hingehen. Das stimmt nicht. Doch jüngere Leute trauen sich zum Teil erst seit kurzem. Es gibt jetzt zunehmend ‚Youngster-Partys‘ für Leute unter 35 – hoffentlich ist das ein Vorbote dafür, dass sich auch in Leipzig bald sexpositive Partys etablieren.“

PAUL: „Als Susanne und ich uns zum ersten Mal trafen, zeigte sich schnell, dass wir total zusammenpassen – auch in Bezug auf unsere sexuelle Offenheit. Sie hat mir recht bald von ihren Erfahrungen in einem Leipziger Swingerclub erzählt, die überhaupt nicht dem schmuddeligen Klischeebild entsprachen, das viele davon haben, und die mich wirklich neugierig machten. Bei meinem ersten Besuch lernten wir gleich ein anderes Pärchen kennen, das mir Komplimente machte. Das hat mich entspannt und war ein super Einstieg. Seitdem gehen wir regelmäßig zusammen hin und bleiben dort auch zusammen. Wir sprechen als Paar gemeinsam Leute an und finden es toll, uns dabei zuzusehen, wenn wir jeweils mit anderen Spaß haben. Es wird einfach zu wenig offen darüber geredet, wie schön das ist. Ich hätte auch Hemmungen, beispielsweise meinem Arbeitgeber davon zu erzählen.“ 

Hendrik

„Ich wollte einen Safe Space für alle Menschen, die sich auf die Idee von offener, vielfältiger Sexualität einlassen können.“

Hendrik, 30, Musikwissenschaftler, Frankfurt

HENDRIK: „Ich habe zehn Jahre lang in Berlin gewohnt und wurde dort in einer Feierkultur sozialisiert, die ich hier gleich vermisst habe. Die Clubs in Frankfurt, gerade die Technoclubs, sind sehr heteronormativ und werden von Mackern dominiert. Das ist nicht nur mein Eindruck, diese Wahrnehmung teilen sehr viele. Es gibt natürlich queere Partys, also Partys, auf denen die Menschen Geschlechterzuschreibungen und deren Begren-zungen hinterfragen, aber die sind dann wiederum oft eher asexuell, eher so kindlich mit Einhörnern und so. Deshalb kam ich auf die Idee, eine eigene Partyreihe zu starten: ‚La Différance‘. Eine sexpositive Partyreihe, die gleichzeitig für queere Menschen, Heterosexuelle, Homosexuelle, Techno- und Fetischfans sein sollte.
Ich habe gemeinsam mit anderen einen Ankündigungstext entwickelt, der klarmachen sollte, dass es ein Safe Space sein wird für alle Menschen, die sich auf die Idee von offener, vielfältiger Sexualität einlassen wollen, und auch für die, die jenseits herkömmlicher Clubkultur zu Techno tanzen möchten. Diskriminierendes, ignorantes und ausschließlich selbstbezogenes Verhalten wird nicht geduldet. Auch werden Menschen, denen die Kontrolle über sich selbst entgleitet, oder solche, die Grenzen anderer überschreiten, ohne Diskussion von der Party verabschiedet.
Ein Dresscode ist uns auch wichtig, der reicht von Lack, Leder, Latex über Glamour und Glitzerkostüme bis zu eleganter Abendgarderobe. Eigentlich ist alles erwünscht außer Jeans und T-Shirt. Deshalb saßen am Eingang gleich bei der ersten Party drei sensible Menschen, eine davon eine zwei Meter große Dragqueen. Wenn die mit einer Gerte an der Tür steht und spielerisch fragt, ob man weiß, um was für eine Party es hier geht und ob man wirklich rein will, dann ist das schon eine gute Selektion. Da kommen dann nur die, die auch wirklich dorthin wollen. Die das Konzept gut finden. Und es wurden immer mehr von Party zu Party. Am Ende mussten wir sehr viele wegschicken, weil die Räumlichkeiten zu klein wurden.
Die Gäste waren bislang immer überwiegend aus einem studentischen Umfeld und schon sehr politisch, linksliberal. Jetzt hat die Reihe aber erst mal für ein paar Monate pausiert. Ich musste endlich mein Studium abschließen.“ 

Hanna

„Viele werden erst vor Ort verführt, von der Musik und der Möglichkeit, neue Dinge zu entdecken. Das gehört zum Hedonismus, den wir wollen.“

Hanna, 24, Konditorin, Berlin

HANNA: „Mit 20 bin ich nach Berlin gezogen und hier dann auch gleich viel feiern gegangen. Vor ein paar Jahren war ich einmal bei einer regulären Sexparty, um auszuprobieren, ob ich Spaß daran finde. Aber ich war eher abgeschreckt: Der Club war für meinen Geschmack viel zu hell ausgeleuchtet, und die Typen dort haben mich angeglotzt, als wäre ich ein Stück Fleisch in der Frischetheke.
Genau das wollen sexpositive Partys anders machen: Hier ist (auch) Sex erwünscht, aber in einem sicheren, respektvollen Rahmen. In gegenseitigem Einvernehmen und ohne Übergriffe. Etwa bei der Partyreihe ‚Poly|motion‘ im ‚://about blank‘. Als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal stattfand, war ich als Besucherin schon überzeugt von ihrem Konzept: Sexpartys aus der Schmuddelecke rauszuholen, sie cool und gleichzeitig entspannt zu gestalten, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen und aufregende Begegnungen möglich sind. Langsam gespielter Techno, unter 100 bpm, ist wichtig. Der Sound gewinnt durch das Tempo an Gewicht und bringt eine gewisse Dirtyness rein. Die Dancefloors sind unterschiedlich gestaltet, mit dunklen Ecken, Verstecken und Darkrooms für intime Momente.
Die Party ist offen für alle sexuellen Orientierungen, endlich feiern wirklich alle zusammen, Lesben, Schwule, Heteros et cetera. Auf Äußerlichkeiten wie Geschlecht oder Gewand kommt es nicht an, es gibt keinen Dresscode. An der Garderobe wird niemand aufgefordert, seine Klamotten abzugeben, und man muss sich nicht aufreizend kleiden, auch wenn das natürlich von den Veranstalter*innen gerne gesehen wird. Es fühlen sich auch so immer einige Gäste wohl genug, dass sie Haut zeigen oder sich sogar ganz entkleiden. Auf jeder Party gibt es ein Awareness-Team: Leute, die als Anprechpersonen da sind, falls jemand das Gefühl hat, dass etwas passieren könnte, das nicht für alle Beteiligten okay ist. Falls jemand Grenzen anderer überschreitet, sich also nicht an die Regeln hält, an die Playground Rules. Die Ansprechpersonen sind durch spezielle T-Shirts zu erkennen und an einem zentralen Ort zu finden, tauchen aber auch ab und zu in die Party ein, um einen eigenen Eindruck zu gewinnen.
Respektvoller Umgang bietet so viele Freiheiten. Bei der letzten Party zum Beispiel tanzte ein nackter Typ verträumt an einer Stange. Ohne ihn anzumachen, sagte ich ihm danach, wie schön das aussah. Darüber hat er sich total gefreut, weil er als heterosexueller Mann bislang selten solche Komplimente bekommt. Immer mehr Menschen finden Freude an diesem Konzept, Leute, die sich nie für Sexpartys interessierten. Eine Freundin war neulich mit ihrem Freund zum ersten Mal da, und als sie gerade vor der Toilette auf ihn wartete, kam ein anderer Typ vorbei, der ihr sagte, dass er sie wunderschön findet und ob sie sich vorstellen könnte, mit ihm im Darkroom zu verschwinden, er würde sie gerne lecken. Sie war ganz geschmeichelt, hat aber dankend abgelehnt. Alle sind sehr höflich und nett miteinander. Niemand muss Angst vor einem fiesen Korb haben, aber auch nicht davor, angeglotzt zu werden. Die Leute kommen oft nicht, um direkt Sex zu haben, sondern viele werden erst vor Ort verführt, von der Stimmung, der Musik und von der Möglichkeit, neue Dinge und sich selbst unterschiedlich zu entdecken. Das gehört zum Hedonismus, den wir alle wollen.“ 

Judith & Markus

„Ein bewusster, achtsamer Umgang miteinander schafft das Vertrauen, um sich gehenlassen zu können.“

Markus, 36, wissenschaftlicher Mitarbeiter, und Judith, 31, Sozialpädagogin, Berlin

MARKUS: „Ich habe schon als Jugendlicher ein Faible für Gruppensexsituationen entwickelt, bereits bei unseren Video-Abenden ging es manchmal recht freizügig zu. Ich merkte bald, dass mir klassische Beziehungsmodelle nicht behagen, experimentierte viel mit offenen Ansätzen, führte auch polyamourös mehrere gleichwertige Beziehungen nebeneinander. Dabei versuchte ich meine Liebschaften immer wieder auch sexuell zusammenzuführen, doch das funktionierte leider selten, auch wenn wir alle versucht haben, transparent und fair miteinander umzugehen. In Berlin änderte sich das, ich entdeckte die hiesige Technoszene für mich: Der Umgang dort war ein sehr körperlicher, kuscheliger, und das übertrug sich auch zunehmend auf mein Umfeld.
Inzwischen organisieren wir privat frivole sexpositive Zusammenkünfte für den erweiterten Freundeskreis. Dabei ist uns wichtig, dass diese Treffen auf ganz behutsame Art ablaufen, dass wir uns unterstützen, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu erkunden und zu artikulieren. Zur Einstimmung helfen verschiedene Workshopformate. Etwa, indem sich alle Beteiligten in wechselnden Konstellationen zusammenfinden und die eine Person einen Wunsch, egal nach was, artikuliert und die andere ganz ehrlich entscheidet, ob sie dem nachkommen will oder nicht und dabei auch ‚nein‘ zu sagen lernt. Auch Nachbesprechungen von solchen Playpartys sind spannend und helfen, dass niemand mit einem komischen Gefühl alleingelassen wird. Alle sollen sich wohlfühlen und die Grenzen voneinander akzeptieren – das ist das Wichtigste. Ein bewusster Umgang miteinander schafft das Vertrauen, um sich gehenlassen zu können. Bei dem Wochenende, das ich kürzlich initiiert hatte, waren Alkohol und Drogen daher auch unerwünscht. Das führt zu mehr Aufmerksamkeit für die Situation. Gegenseitiges Massieren oder Saunagänge ermöglichen einen entspannten Körperkontakt, und das ist der beste Einstieg in orgienartige Szenarien. Sobald man nackt ist, sich berührt und die Stimmung gelöst ist, ergibt sich vieles von allein. An Gruppensexsituationen mag ich unter anderem, dass sich die einzelnen Körper auflösen, dass ich gar nicht mehr weiß, wen ich gerade anfasse. Für mich sind das auch Gelegenheiten zu lernen, sich von antrainierten Schönheitsidealen zu lösen, meine Sexualität auf Sympathie und spannende Situationen auszurichten, statt mich von fiesen Selektionsmechanismen leiten zu lassen. So komme ich seit einer Weile auch Männern immer wieder näher, dabei kann ich viele Hemmungen abbauen. Man lernt sehr viel über sich, über die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben wie auch über die der anderen.“

„Sex ist für mich nichts, das man geheim halten muss“, sagt Judith.

JUDITH: „Für mich ist Sexualität etwas ganz Natürliches. Mein Vater war Aktivist in den Fußstapfen der 68er und der Umgang mit Körpern und Nacktheit bei uns zu Hause sehr offen. Sex ist für mich nichts, das man geheim halten muss. Ich wollte auch nie strikte Regeln und Prinzipien in meinen Beziehungen – doch respektvoll und ehrlich muss der Umgang natürlich sein. In meinem Freundeskreis waren wir schon immer sehr körperlich und haben viel gekuschelt und auch mal Sex miteinander gehabt. Ich fühle mich eher hingezogen zu Menschen, die ich mag, als zu einem Fremden nachts im Club. Die sexpositiven Wochenenden, wie Markus und seine Freunde sie organisieren, passen da sehr gut dazu, weil die Menschen sich zum Teil schon davor kennen und vertraut sind.
Markus und mich hat das erste Wochenende, zu dem ich mitgefahren bin, noch näher gebracht. Wir kannten uns schon seit einer Weile über gemeinsame Freunde und hatten ab und zu etwas miteinander. Das wurde immer enger. Für mich war es das erste Mal, so eine Orgie oder eben eine Sexparty mitzuerleben. Ich hatte ein bisschen Sorge im Vorfeld, weil Markus es ja organisierte und ich ihn nicht zu sehr beanspruchen wollte. Doch dann war es überhaupt nicht kompliziert. Wenn man sich als Paar nur aufeinander fokussiert, braucht man da nicht mitzumachen. Doch gleichzeitig ist es auch sehr schön, zu wissen, dass der andere da ist. In einem Workshop neulich, bei einem anderen sexpositiven Wochenende, wo wir gerade erst zu zweit waren, ging es darum, wie man sich verbunden bleiben kann, während man mit anderen Menschen im gleichen Raum sexuell aktiv ist. Sobald man das Vertrauen hat, einander rufen zu können, sich aufeinander beziehen zu können, gibt es einem auch eine zusätzliche Freiheit.
Safety-Workshops finde ich übrigens auch wichtig, um hygienische Standards für alle klarzumachen. Dass man sich darauf verlassen kann, dass die anderen sich zwischendurch die Hände desinfizieren. Mir werden Gruppensexsituationen manchmal zu viel, weil es zu viele Reize gibt. Das kann ich dort dann gleich artikulieren. Das ist der zentrale Unterschied zu Swingerclubs: Der Umgang miteinander, mit dem eigenen Körper und den anderen, ist total achtsam und bewusst.“ 

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Quelle: F.A.Z.-Quartely