Geschlechterdiskriminierung

Geschlechter haben keine Farben

Von Johanna Dürrholz
 - 11:07

Prinzessin Lillifee kann nicht essen, es passt einfach nichts in sie rein. Das hat einen ganz simplen Grund: Ihr Hals ist viel zu dünn. Dafür kann Lillifee sich um andere kümmern und ihren befliegbaren Kleiderschrank bestücken, also alles, was das Herz kleiner Prinzessinnen begehrt.

„Mit Lillifee fängt alles an“, sagt Stevie Schmiedel. Was aber stellt die harmlose Prinzessin an, abgesehen davon, dass sie weite Teile deutscher Mädchenzimmer in rosafarbene Zauberhöllen verwandelt? Sie transportiert, sagt Stevie Schmiedel, ein einseitiges Bild: dass nämlich Rosa nur für Mädchen ist, nicht für Jungs; dass Mädchen sich am liebsten mit Klamotten und Care-Tätigkeiten beschäftigen; und dass Mädchen vor allem eines sein wollen: Prinzessinnen in Bonbonrosa.

„Pink stinkt nicht“, sagt Stevie Schmiedel. Allerdings hört ihre Organisation auf den Namen „Pinkstinks!“ „Pink duftet, aber Pinkifizierung stinkt.“ Und Pinkification, das bedeutet eben, dass Mädchen alles in Rosa oder Pink bekommen und Prinzessinnen sind. Die Jungs dagegen sollen lieber Piraten sein und Abenteurer.

Man kann Stevie Schmiedel nachts um vier Uhr anrufen, sagen ihre Kollegen, und sie gibt druckreife Sätze von sich. Sie doziert auch im öffentlichen Nahverkehr, jetzt gerade in der S8 in Richtung Wiesbaden, mit klarer Stimme und sanftem Nachdruck. Die Nachbarn in der Bahn sind interessiert, viele lächeln sie an. Und das, obwohl sie gegen eine Realität ankämpft, in der wir alle es uns allzu bequem gemacht haben.

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Man weiß nicht, was man der Nichte zum Geburtstag schenken soll? Prinzessin Lillifee kommt immer gut. Aber, sagt Frau Schmiedel, wollen wir wirklich, dass unsere Kinder mit solch stereotypen Geschlechterrollen aufwachsen? Sie erklärt das alles so mühelos, mit einem nachgiebigen Lächeln, einem deutsch-britischen Singsang in der Stimme, dass sogar viele ihr zuhören, die bisher nicht viel von Feminismus hielten. Gleich soll Stevie Schmiedel einen Vortrag in Wiesbaden halten vor den „Professional and Business Women“, also einem Publikum, das für Geschlechterfragen durchaus sensibel sein dürfte. Aber der Vortrag hat längst begonnen, in der S8.

Stevie Schmiedel war Dozentin für Gender Studies und bewarb sich gerade auf eine Juniorprofessur, als sie eines Tages im Jahr 2012 von einem Vortrag kam und die ganze Stadt voll von Heidi war. Überlebensgroß grinste die Mutter aller Models auf die Menschen herab, von unendlich vielen Werbeflächen. Um sie herum die Mädchen, Models in spe, die zu Mama Heidi aufschauen. „Wie Barbies um sie herum plaziert.“

Gerade noch hatte Stevie Schmiedel über Essstörungen, Geschlecht und den Einfluss von Werbung gesprochen, und dann das: halbnackte, leblose Frauen, deren Willen vor laufender Kamera gebrochen wird, bis sie alles tun, was Heidi und Pro Sieben ihnen sagen, bis sie, nur zum Beispiel, halbnackt mit einem männlichen Model posieren, obwohl sie bis dahin vielleicht nicht einmal einen Jungen geküsst hatten. Stevie Schmiedel, Mutter zweier Töchter, war wütend. Und schrieb einen Leserbrief. Daraufhin rief eine Journalistin an, führte ein Interview mit ihr, und sie bekam mehr als 400 Mails: Du hast so recht! Mach was dagegen!

Männer und Frauen sollen die gleichen Chancen haben

Sie fuhr nach England. Das britische Vorbild der Pinkstinks ist inzwischen nicht mehr richtig aktiv, die Mitarbeiterinnen hatten sich ehrenamtlich neben ihren Vollzeitstellen engagiert – und konnten nicht mehr. Aber Stevie Schmiedel konnte! Sie gründete die Pinkstinks Germany, übernahm das pinkfarbene Logo und legte los. Heute sind es vier Mitarbeiter, sie sitzen in Hamburg und bekommen unter anderem Fördergelder vom Bundesfamilienministerium. Ihre zahlreichen Projekte haben das Ziel: Geschlechterstereotypen abbauen, damit Männer und Frauen die gleichen Chancen haben; sexistische Werbung kritisieren; Kindern ein anderes Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit vermitteln.

Dabei geht es nicht darum, den Mädchen das Pink wegzunehmen. „Es soll nur klar sein, dass Rosa und Pink auch für Jungs ist“, sagt Schmiedel. Davon handelt auch „David und sein rosa Pony“, ein Kinderbuch und inzwischen auch ein Theaterstück, das ihre Mitarbeiter geschrieben haben. Davids liebstes Kuscheltier ist ein rosafarbenes Pony namens Fred. Eines Tages darf er es mit zur Schule nehmen – und wird von den anderen Kindern aufgezogen, weil Fred rosa ist. Also landet Fred in einer Pfütze. Nur: David kann ohne Fred nicht einschlafen und ist ohne sein Pony sowieso nicht mehr derselbe. Das merkt auch sein bester Freund, der Fußballspieler ist und der zu David und seinem rosa Pony steht. Mit dem Theaterstück sind die Pinkstinks zwei Jahre lang durch deutsche Schulen getourt, immer nach dem Motto: Geschlechter haben keine Farben.

Ist denn „Germany’s Next Topmodel“ heute immer noch so schlimm? Immerhin mussten Pro Sieben und Heidi Klum ja viel Kritik einstecken, haben in der neuen Staffel sogar zwei „Plussize“-Models dabei. „Es ist immer noch eine der schlimmsten Sendungen im deutschen Fernsehen“, sagt Stevie Schmiedel. „Es gibt natürlich noch viele andere Sendungen zu kritisieren. Aber solange GNTM läuft, werden wir es kritisieren müssen.“

Neben den unrealistischen Schönheitsidealen der Modewelt kritisieren die Pinkstinks vor allem, wie die Sendung mit heranwachsenden Frauen umgeht: „Keine darf ihre eigene Meinung sagen. Alle müssen tun, was Heidi sagt – weil das angeblich im Berufsleben dann auch so ist.“ Frauen ohne eigene Meinung kann man in Shootings vielleicht besser plazieren. „Aber ihnen wird das Recht auf Abgrenzung genommen.“

„Die nette Feministin“

Und dann ist da noch der Zickenkrieg. „Die ganze Sendung ist darauf ausgelegt, dass die Mädchen sich gegenseitig ärgern, Intrigen stiften und lästern. So wird die Sendung geschnitten, so werden die Mädchen aber dazu angestiftet, sich gegenseitig fertig zu machen.“ Als stünden Mädchen immer nur in Konkurrenz zueinander und stritten sich stets über die uralte Frage, wer denn nun die Schönste im ganzen Land sei.

Stevie Schmiedel ist „die nette Feministin“, wie sie sagt. Es stimmt: Sie wirkt zart, hat langes braunes Haar, lächelt viel und legt vor Vorträgen Lippenstift auf. Alles an ihr ist sanft und leicht: wie sie den Unterschied zwischen Sex und Sexismus erklärt, wie sie erklärt, warum sie als Deutsch-Britin manche Dinge mit Humor nimmt, die andere gar nicht komisch finden, wie sie auf kritische Fragen lächelnd eingeht, als würde sie nichts lieber tun. Ihre Haare will sie eigentlich schon lange abschneiden. „Bloß nicht“, sagen ihre Kollegen. Die Pinkstinks brauchen ihre Ausstrahlung. Das ist ein weibliches Stereotyp, das die Welt so schnell nicht los wird: Nette, lächelnde Frauen wollen nichts Böses.

Stevie Schmiedel ist aber auch Pragmatikerin. Obwohl sie im täglichen Sprachgebrauch alles „durchgendert“, also stets die weibliche Form mitspricht und eine Pause für die nicht binären Geschlechter macht (sozusagen das mündliche Gender-Sternchen), würde sie in Pressemitteilungen niemals gendergerechte Sprache verwenden. „Das liest kein Mensch.“ Viele aus der linken Szene ärgert das, sie ist ihnen nicht radikal genug.

Aber für Stevie Schmiedel ist es erst einmal wichtiger, Menschen zu erreichen. „Und ich muss nicht die Menschen erreichen, die in einer linken Subkultur in Berlin Mitte leben und sich darüber ärgern, wenn ich vergesse, das Sternchen zu schreiben. Die sind ja schon aufgeklärt.“ Schmiedel will stattdessen Menschen aufmerksam machen, die sich vielleicht noch nie mit solchen Fragen beschäftigt haben – die aber Kinder haben und daher auch Erziehungsfragen.

Dann also der Vortrag in Wiesbaden. Sie zeigt Bilder von Anzeigen, von denen frau kaum glauben kann, dass es sie wirklich im Jahr 2018 noch gibt. Da ist zum Beispiel von „Reinrammen“ die Rede, wenn es um Gartenbaugeräte geht – dazu abgebildet eine leicht bekleidete Frau. Empörte Ausrufe aus dem Publikum, viele Frauen lachen trocken auf, als könnten sie ihr Unbehagen über solche brutalen Anspielungen einfach weglachen.

Stevie Schmiedel stellt den „Werbemelder“ vor, eine App, mit der man den Pinkstinks sexistische Werbung melden kann. Die machen dann darauf aufmerksam und werden in der Regel gehört. Inzwischen arbeiten auch große Werbeagenturen mit den Pinkstinks zusammen, und Stevie Schmiedel hält Vorträge vor Werbern. Der FC St.Pauli hat sexistische Werbung der Biersorte Astra aus dem Stadion verbannt, Astra bezog Stellung, entschuldigte sich – und machte es danach besser. „Unser Weg funktioniert“, sagt Stevie Schmiedel. Kommunikation hilft.

Als der Vortrag zu Ende ist, meldet sich eine blonde Frau in modischem giftgrünem Kleid. Sie versteht nicht, warum Frau Schmiedel das alles mit so viel Humor nimmt. „Ehrlich gesagt finde ich das alles gar nicht komisch. Ich finde das sehr erschreckend, was Sie erzählen.“ Eine Feministin etwa, die jahrelang kämpfen musste, um anerkannt zu werden? Nein, sie arbeitet in der Autobranche, hat selbst überwiegend männliche Kollegen.

Wo anfangen, wo weitermachen?

Hinterher erzählt sie noch, die alten Geschlechterrollen seien ihrer Meinung nach gar nicht so schlecht: Ihre Mutter sei zu Hause geblieben, und das sei sehr schön für sie gewesen. Ob es nicht auch schön gewesen wäre, ihr Vater wäre zu Hause geblieben? „Vielleicht. Mit meiner Mutter war es jedenfalls immer sehr gut.“ Sie selbst ist 43 Jahre alt und hat sich gegen Kinder und Familie und für den Beruf entschieden. Benachteiligt fühlt sie sich nicht.

Das Hauptproblem der Pinkstinks sind nicht solche kritischen Stimmen – Stevie Schmiedel freut sich über rege Diskussionen; manchmal kann das aufregen, das ist nicht zu vermeiden. Das Problem sind vielmehr die vielen Aufgaben, die sie zu bewältigen haben, um ihrem Ideal näherzukommen, also einer Gesellschaft, in der Frauen nicht strukturell benachteiligt sind und Männer keine Angst haben müssen, Schwäche oder Gefühle zu zeigen. Eine solche Gesellschaft käme beiden Geschlechtern zugute.

Doch wo anfangen, wo weitermachen? Kleinkindern werden Stereotype anerzogen, Model-Castingshows begünstigen Magersucht, sexistische Werbung suggeriert die Minderwertigkeit von Frauen und stilisiert sie zu Sexobjekten. Und das alles vervielfältigt sich nun durch die sozialen Medien wie Instagram und Musically, die kaum einer sozialen Kontrolle unterliegen. Vier Personen kämpfen da natürlich auf verlorenem Posten.

Viele Frauen finden den Vortrag an diesem Abend gut. Sie sehen manches kritisch, zum Beispiel die gendergerechte Sprache. Sie erzählen aber auch, dass sie oft selbst kämpfen mussten, um ihre privilegierten Positionen zu erreichen. Ihr Tenor: Wir haben noch nicht alles erreicht. Es muss weitergehen.

Das findet auch Stevie Schmiedel. Aber sie ist müde und, wenn sie ehrlich ist, sehnt sie sich manchmal nach einer Auszeit. „Aber vorher gibt es noch jede Menge zu tun“, sagt sie – und lächelt.

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Quelle: F.A.Z.
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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