Stil-Fragebogen mit Shantel

„Ich bin zu emotional“

Von Leonie Feuerbach
 - 18:08

Stefan Hantel alias Shantel gilt als Erfinder des Balkan-Pop. Der gebürtige Mannheimer mit familiären Wurzeln in der Bukowina tourt mit seinem osteuropäischen Musikmix dauernd von Bühne zu Bühne und kommt auf mehr als 250 Konzerte im Jahr. Sein Hit „Disco Partizani“ stand 2007 auf Platz 1 der Europäischen World Music Charts. Das reichte dem Musiker dann offenbar nicht mehr: Im Sommer erklärte der Neunundvierzigjährige, dass er bei den Oberbürgermeisterwahlen in seiner Wahlheimat Frankfurt im Februar kandidieren will. Zum Jahresende aber zog er seine Kandidatur wieder zurück.

Was essen Sie zum Frühstück?

Jasminreis, Kalamata-Oliven, Avocado und eine Scheibe Brot mit griechischem Honig. Das kommt daher, dass mein Sohn kein Brot mag. Ich hab dann mal Reis ausprobiert, das liebt er. Das hat sich so eingegroovt.

Wo kaufen Sie Ihre Kleidung ein?

Ich kaufe fast nur Second Hand. Ich bin Vintage- und Revival-Typ, was Klamotten betrifft. Manchmal kaufe ich auch bei Läden wie „Vater und Sohn“ in Hamburg oder „VMC“ in Zürich, die verkaufen eher kleine Manufaktur-Sachen, Raw Denim aus Japan zum Beispiel.

Hebt es Ihre Stimmung, wenn Sie einkaufen?

Nein, tut es nicht. Wobei: Ich liebe Küchenläden, da kaufe ich total gerne ein, zum Beispiel Kupfertöpfe. Ja, ich liebe Haushaltswarengeschäfte.

Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Schrank?

Eine Lee-Rider-Jeansjacke von 1968, meinem Geburtsjahr. Die habe ich mal in einem Second-Hand-Laden in Amerika gekauft und trage sie heute noch.

Was war Ihre größte Modesünde?

Eine Pelzmütze von Dries Van Noten. Und: Das Abitur habe ich im Cordanzug meines Vaters geschrieben.

Tragen Sie zu Hause Jogginghosen?

Um Gottes Willen. Ich verabscheue Jogginghosen. Ich trage zu Hause eine uralte löchrige Jeans, die inzwischen ganz weich ist.

Haben Sie Stil-Vorbilder?

Ja. Bei den Frauen sind Marlene Dietrich und Romy Schneider ikonografisch. Bei den Männern Serge Gainsbourg, der singende Aschenbecher, modisch und musikalisch eine Koryphäe. Und Meyer Lansky, der jüdische Gangster, der immer tolle italienische Anzüge trug.

Haben Sie jemals ein Kleidungs- oder Möbelstück selbst gemacht?

Ich bin handwerklich extrem unbegabt. Ich habe mal versucht, selbst eine Gitarre zu bauen. Das ist mir aber nicht gelungen, und ich habe sie im Kamin verfeuert.

Besitzen Sie ein komplettes Service?

Nein. Alles Patchwork, bunt zusammengewürfelt. Weil ich immer irgendetwas von Reisen mitbringe, mal einen Teller aus Japan, mal eine Untertasse aus der Türkei.

Mit welchem selbst zubereiteten Essen konnten Sie schon Freunde beeindrucken?

Mit einer Lammkeule habe ich mal Wladimir Kaminer bekocht. Das fand er super. Ich glaube, er hat daraus sogar eine Geschichte gemacht. Und ich mache auch ein sehr gutes Gulaschgericht. Das stammt aus der Bukowina, ich kenne es von meiner Großmutter.

Welche Zeitungen und Magazine lesen Sie?

F.A.Z., „Guardian“, „i-D“, „Dazed & Confused“, „Clutch“, „Jungle World“, „Vogue Italia“, „Charlie Hebdo“, „Jüdische Allgemeine“.

Welche Websites und Blogs lesen Sie?

Den Denimblog Long John, Man Repeller, Leandra Medine Cohen, Sartorialist, Makers Bible, Indigo People.

Wann haben Sie zuletzt handschriftlich einen Brief verfasst?

Ganz unspektakulär: im März ans Finanzamt Frankfurt. Ich war im Ausland, hatte keinen Laptop dabei und musste dem Finanzamt schnell was zukommen lassen. Da habe ich einen handschriftlichen Brief aus dem Hotel in Israel nach Frankfurt gefaxt.

Welches Buch hat Sie am meisten beeindruckt?

„Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig, weil es Weltgeschichte mit Poesie vereint. Aber mein absolutes Lieblingsbuch ist „Hiob“ von Joseph Roth. Er schreibt über all das, was es heute nicht mehr gibt.

Ihre Lieblingsvornamen?

Arie, Noe, Levi. So heißen unsere Kinder.

Ihr Lieblingsfilm?

„Alexis Sorbas“, mit Anthony Quinn in der Hauptrolle, und „Gadjo Dilo – Geliebter Fremder“ von Toni Gatlif.

Fühlen Sie sich mit oder ohne Auto freier?

Eigentlich ohne Auto, zumindest in der Stadt, das ist auch eine politische Frage. Außerhalb Frankfurts bin ich leider sehr aufs Auto angewiesen. 30.000 Kilometer oder mehr fahre ich im Jahr. Zu Auftritten in Europa, etwa auf Festivals, kommt man schwer mit Zug oder Flugzeug.

Tragen Sie eine Uhr?

Nein.

Tragen Sie Schmuck?

Nein. Keine Accessoires am Körper. Auch keine Tattoos.

Haben Sie einen Lieblingsduft?

Ja. Das ist wichtig für mich, weil sich mit Gerüchen so viel verknüpft. Mein Parfum heißt „French Lover“, von Editions de Parfums Frédéric Malle.

Was ist Ihr größtes Talent?

Anarchie und Romantik! Und: die unterschiedlichsten Menschen, Szenen, Kulturen und Nationalitäten zusammenzubringen, räumlich und musikalisch.

Was ist Ihre größte Schwäche?

Ich bin zu emotional. Das ist doch eine Schwäche, oder? Zumindest wäre ich oft lieber etwas abgeklärter.

Womit kann man Ihnen eine Freude machen?

Mit einem handgestrickten schwarzen Lana-Woll-Rollkragenpullover mit orangefarbenen Querstreifen, der richtig gut sitzt.

Was ist Ihr bestes Smalltalk-Thema?

Ich stehe nicht so auf Smalltalk. Vielleicht über gutes Essen und Rückenschmerzen. Und über Reiseziele.

Sind Sie abergläubisch?

Überhaupt nicht.

Wo haben Sie Ihren schönsten Urlaub verbracht?

Umsonst im Garten meiner Großmutter.

Wo verbringen Sie Ihren nächsten Urlaub?

Eine Wandertour durchs Niemandsland und mit dem Elektro-Fahrrad durch Patagonien.

Was trinken Sie zum Abendessen?

Ich sage jetzt mal: Champagner! Ein bisschen Glamour muss hier rein, sonst wird das zu bieder mit den Küchenläden und so. Im Moment trinke ich allerdings viel Ingwertee, weil ich Angst habe, krank zu werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
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