Zu viel Lärm

Wir brauchen mehr Stille

Von Michael Graupner und Vinzent Leitgeb
 - 13:22
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Babygeschrei. Lautes, grelles Babygeschrei. Es hallt durch die St.-Michael-Kirche in München. Mitten in der Innenstadt, Mittagszeit. Kameraklickende Touristen drängen sich durch die Bankreihen. Draußen trommelt ein Musiker den Radetzky-Marsch, Einkaufslustige schlendern die Fußgängerzone entlang.

Drinnen, in der Kirche, versammeln sich Menschen, sie setzen sich. Orgelmusik setzt ein. Eine Frau tritt an ein Rednerpult. Sie spricht. Darüber, dass wir wieder zur Ruhe kommen, dass wir stressfrei im Augenblick leben, dass wir im Hier und Jetzt leben sollen. Durchatmen. Wieder Orgelmusik. Ein Gebet. Nach 15 Minuten ist die Mittagsmeditation beendet.

Einfach nur kurz innehalten

Die Frau am Pult heißt Gabriela Grunden und arbeitet im Ordinariat der Münchner St.-Michael-Kirche, Abteilung Spiritualität. Vor vier Jahren hat sie mit ihren Kollegen die „Atempause“ getaufte Meditation ins Leben gerufen. Jeden Tag um 12.30 Uhr gibt es Orgelmusik und eine Ansprache. Es kämen über fünfzig Personen im Schnitt, einige stolperten zufällig hinein, die meisten nicht. „Es gibt in der Gesellschaft ein Bedürfnis, wieder zu sich selbst zurückzukommen“, sagt Gabriela Grunden. Mit ihrer Atempause wolle sie ein Angebot schaffen, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Um einfach nur kurz innezuhalten. Um Hektik, Stress und Produktionsdruck zu entfliehen. „Wir müssen wieder häufiger zu Atem kommen, mehr bei Sinnen sein.“ Und vor allem: auf unsere Sinne achten.

Hören – der einzige unserer fünf Sinne, den wir nicht abschalten können. Wir können uns die Ohren zuhalten. Aber es wird nie so still, wie es dunkel wird, wenn wir die Augen zumachen. Freiwillig, meist unfreiwillig sind wir Geräuschen ausgesetzt. Bei einer Online-Umfrage des Umweltbundesamts zur Lärmbelästigung 2011 gaben 87,5 Prozent der Teilnehmer an, von Lärm gestört zu werden. Vermutlich sind es heute mehr als weniger geworden. Autos, Züge, Flugzeuge, Baustellen, Nachbarn. Alles Lärmquellen, die zu unserem Alltag gehören und denen wir ohnmächtig gegenüberstehen. Noch dazu beschallen wir uns mit Musik, besuchen öffentliche, mit Geräuschen erfüllte Orte. Den Umgang mit Stille müssen wir neu lernen.

Lärm und Hektik sind eine tägliche Herausforderung

Die Kreuzung Dachauer Straße/Lothstraße in München. Drei Straßenbahnlinien, ein Bus, Autos. Aus einem Supermarkt, den Cafés und Häusern strömen Menschen. Die Hochschule München hat hier ihren größten Standort. Von den rund 20.000 Mitarbeitern und Studenten kommt weit mehr als die Hälfte hier hin. So auch Judith Bub, die am Lernzentrum arbeitet. Dass es rund um sie, ihre Kollegen und die Studenten so hektisch ist, hält Judith Bub für eine tägliche Herausforderung: „Die meisten von uns verbringen ja nicht nur ein oder zwei Stunden hier, sondern den ganzen Tag. Um lange konzentriert arbeiten und studieren zu können, sind Ruhepausen und entsprechende Rückzugsorte wichtig.“

Viele Studien bestätigen das: Zu viel Lärm am Arbeitsplatz führt zu mehr Stress. Egal wie der individuell erlebt wird, immer ist der Körper in Alarmbereitschaft, es werden Stresshormone ausgeschüttet, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Für Büros und Arbeitsplätze gelten deshalb strenge Vorschriften. Aber gerade an Orten, an denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, an denen es keine festen Arbeitsplätze gibt, ist das schwer zu kontrollieren. Lärmschutz oft nur Theorie.

Meditationsräume gibt es in ganz Deutschland

Eine Lösungsidee an der Hochschule: Raum E009. „Raum der Stille“ steht auf dem Türschild. Unterhaltungen, Smartphones, Laptops, Essen – alles verboten. Jeder, dem der Alltag zu laut wird, soll sich hier ungestört zurückziehen können. Vor sechs Jahren initiierte Bub den Raum mit und gestaltete ihn. Dunkelbrauner Teppichboden, Meditationskissen, leichte Vorhänge. Als Bub die Tür aufmacht, kommt ihr ein Student entgegen. Er hat schon von fünf bis neun Uhr am Morgen gearbeitet, vor der Vorlesung um zehn wollte er noch einmal entspannen. Eine typische Nutzung, sagt Bub, wenn nicht gerade Meditationsseminare stattfinden.

Vorbilder für die Hochschule waren unter anderem die Räume am Brandenburger Tor in Berlin und am Frankfurter Flughafen. In ganz Deutschland gibt es immer mehr solcher Plätze, etwa auch an Bahnhöfen, in den Landtagen oder in Unternehmen. Ihre Gemeinsamkeit ist die schlichte Gestaltung. Wer in einem Raum der Stille ist, soll jeden Außenbezug verlieren können, sich dahin denken, wo er gerade hinwill. Oft gibt es deshalb keine Fenster, oder sie sind zumindest komplett abdunkelbar, auch die Leuchten lassen sich dimmen, Teppichböden dämpfen den Hall. Der Weg hinein führt meistens über kleine Vorräume – Schleusen, in denen Besucher alles ablegen können, was sie im Alltag belastet.

Zu still darf es aber auch nicht sein

Dass die Räume der Stille überaus künstlich sind, ist den Betreibern klar. Aber gerade das macht die Orte so beliebt. Vielleicht auch, dass die Geräusche dort zwar stark reduziert sind, aber doch keine absolute Stille herrscht. Denn die halten Menschen nur sehr schwer aus, wie ein Besuch an der Technischen Universität München zeigt. In einem sogenannten reflexionsarmen Raum forscht dort der Psychoakustiker Bernhard Seeber an Hörgeräten. Minus fünf Dezibel herrschen hier, jeder Schall wird sofort von den Keilen verschluckt, die einen oben, unten, rechts und links umgeben. Es fühlt sich an, als wäre man in Watte eingepackt, die Stille ist drückend. Obwohl die eineinhalb Meter dicke Tür noch offen ist, fühlt man sich von der Umwelt abgeschieden.

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Schließt man die Tür und bleibt länger in dem Raum, hört man nach einiger Zeit plötzlich doch etwas: den eigenen Puls, das „interne Rauschen“, wie Seeber es nennt.

Nur, wenn die Umgebung still ist, kann auch der Körper zur Ruhe kommen. Ist es laut, arbeitet der Kreislauf, die Muskeln spannen unbemerkt an, die Blutgefäße ziehen sich zusammen, die Herzfrequenz wird schneller. Viele Mediziner vergleichen die Wirkung von Lärm auf den Körper deshalb mit der des Treppensteigens, nur dass Menschen bei der Lärmbelastung eben nicht immer selbst bestimmen können, wann sie eine Pause machen. Die fehlende Stille kann dann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Arterienverkalkung führen.

Depression kann in Verbindung mit Lärm gebracht werden

Davor warnt auch Rainer Guski, Lärmforscher an der Universität Bochum. Zuletzt hat er das Lärmwirkungsprojekt NORAH geleitet. Um die medizinischen Wirkungen von Lärm zu erforschen, konnte sein Team auf die Krankenkassendaten von einer Million Menschen im Großraum Frankfurt zurückgreifen. Die Häufung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in lauten Wohngegenden waren hierbei keine Überraschung für die Forscher: „Selbst Leute, die seit Jahren an einer lauten Straße wohnen, haben noch immer körperliche Reaktionen, sobald ein Auto vorbeifährt“, sagt Guski. Das passiere alles unterbewusst, geregelt durch das autonome Nervensystem.

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Bemerkenswerter für Guskis Team war die Zahl von einigen tausend Depressionen, die es mit Fluglärm, Autos oder Zügen in Verbindung bringen konnte. Eine mögliche Erklärung: „Das Krankheitsbild bedeutet ja, dass Menschen das Gefühl haben, seit Jahren aus einer Situation nicht herauszukommen. Wenn sie von Lärm belästigt werden, aber nichts dagegen tun können, ist das ähnlich“, so Guski. Verstärkt werde das durch Maßnahmen gegen den Lärm, die einem selbst Nachteile bringen. „Es gibt Leute, die können nachts nicht bei geschlossenem Fenster schlafen, aber draußen ist es zu laut. Das ist ein Risiko.“

Auch im Schlaf kann Lärm krank machen

Für Mediziner ist die Rolle des Schlafs überhaupt zentral, ist er doch eine natürliche, stille Ruhepause. Aber Menschen müssen nicht einmal bewusst aufwachen, um von Lärm beeinträchtigt zu werden. Schon einzelne Geräusche können die Schlaftiefe deutlich verringern. Wenn die Stille zu häufig durchbrochen wird, erhöht sich das Risiko, auch körperlich oder psychisch zu erkranken.

„Das Bedürfnis nach Stille ist eine menschliche Grundbedingung, die sich als einigendes Band durch die Geschichte zieht“, sagt Frank Uekötter, Umwelthistoriker an der Universität Birmingham in Großbritannien. Es sei in der menschlichen Kondition verankert, und zwar unabhängig vom kulturellen Ursprung. Nur das, was man als absolute Stille empfindet und wie man mit ihr umgeht, ist sie denn mal da, das ist hochgradig subjektiv. Lärm aber war immer schon da.

1908 wurde der erste Anti-Lärm-Verein gegründet

Im Mittelalter sowie in der Frühen Neuzeit waren Städte Anziehungspunkte von Handwerk, Gewerbe und Menschen, mithin von Lärm. „Die Stadt war schon immer ein lärmerfüllter Ort“, sagt Uekötter. So ist historisch gesehen der entscheidende Gegensatz, wenn es um Stille und Lärm geht, der Gegensatz von Stadt und Land.

Diese Konstellation verschärfte sich mit dem Beginn der Industrialisierung. Viele der neuen industriellen Techniken waren notorische Lärmquellen. Doch Menschen davor zu schützen oder dem Lärm gar mit Gesetzen Schranken zu setzen wie heute, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. Erst langsam begann sich ein Bewusstsein für Lärmschutz zu entwickeln.

Einen Anfang machte der deutsche Philosoph Theodor Lessing. Er gründete im Jahr 1908 einen Anti-Lärm-Verein und veröffentlichte eine Kampfschrift gegen den Lärm. Darin heißt es: „Der Lärm reiht sich in jene allmenschlichen Neigungen ein, die die beständige Übertäubung des stummen, bewusst denkenden Geistes unterhalten, die den fortwährenden Rauschzustand des Gesellschaftslebens fortschreiben.“

Der Zugang zu Stille ist für reiche Menschen leichter

Lessing und seine intellektuellen Gefährten sahen im Lärm der Großstädte eine Bedrohung für ihre geistigen Ergüsse. Industriearbeiter vor Lärm zu schützen gehörte nicht zu ihren Forderungen. Mit dieser bildungsbürgerlichen Haltung erreichte der Lärmverein nur wenige tausend Mitglieder und existierte nicht lange. Er war aber der erste Versuch in Deutschland, eine Interessengruppe gegen Ruhestörung zu gründen. Im 20. und 21. Jahrhundert sollten ihm noch mehrere folgen.

Heute ist Stille für reiche Menschen leichter zu erreichen als für arme: „Der Zugang zur Stille ist ein zentraler Indikator von sozialer Ungleichheit. Man kann Stille kaufen“, meint Historiker Frank Uekötter. Ein ruhiges Baugrundstück, ein ruhiges Haus, eine ruhige Wohnung, einen ruhigen Urlaub kann sich der leisten, der über die finanziellen Mittel verfügt. Wer das Geld dafür nicht hat, muss die Wohnung an der lauten Ausfallstraße nehmen, das Haus neben dem Flughafen oder der Bahnstrecke. „Die Lärmkulisse, die man hat, ist sehr oft nicht ein Element der Wahl, sondern einfach der soziökonomischen Möglichkeiten.“ Dabei steckt eine Sehnsucht nach Stille und Ruhe in jedem Menschen, ist Uekötter überzeugt. „Der Mensch braucht Stille.“

Eine ganze Industrie beschäftigt sich mit dem Bedürfnis nach Stille

Mittlerweile sind um dieses Bedürfnis nach Stille nicht nur die Ruhe-Räume entstanden, sondern eine ganze Industrie: Yoga, Meditation, Schweigeklöster. Kaum ein Großstädter kommt heute noch ohne sein richtiges Maß an kommerzieller Ruhe aus. Das Angebot an Kursen ist unüberschaubar. Auch hier gilt: Je mehr Geld man bereit ist zu zahlen, desto mehr Stille bekommt man. Susanne Hauptmann etwa bietet „Managerkurse im Kloster“ an. Ein Yoga-Seminar, das sich gezielt an Führungskräfte großer deutscher Unternehmen richtet. Seit elf Jahren macht Hauptmann das, dabei hilft ihr die Erfahrung als Lektorin für Wirtschaftsrecht. Jetzt bringt sie im Kloster Seeon Führungskräften Yoga-Übungen und die Yoga-Philosophie bei. Da, wo früher Benediktinermönche beteten, meditieren heute gestresste Manager und Banker. Hauptmann schneidet die Kurse entweder individuell auf sie zu oder bietet ihnen am Wochenende ein komplettes Entspannungsprogramm. Besonders die Stille des Klosters auszuhalten sei für viele eine Herausforderung. „Es ist ein Übungsprozess, den man nicht oft genug wiederholen kann.“ Die Manager seien sehr auf Schnelligkeit und Druck geeicht. „Die meisten leiden unter Fremdbestimmung.“

An einem Wochenende versucht Hauptmann den Teilnehmern beizubringen, wie sie in die Stille hineinfinden, um besser mit der Fremdbestimmung umgehen zu können. „Wenn sie am Freitag ankommen, bringen die meisten noch den Stress der Woche mit. Das sehe ich an ihren Gesichtern. Am Sonntagmittag haben dann aber fast alle entspannte Gesichtszüge.“ Das ausgeruhte Gesicht hat seinen Preis: Ein Seminar koste einen hohen dreistelligen Betrag, so Hautpmann.

Das Entscheidende für jeden sei aber die „innere Stille“, die innere Ausgeglichenheit, und die sei unabhängig vom Geld. Um diese zu erreichen, müsste man nur an Kleinigkeiten arbeiten: „Jeder sollte die Sachen, die er tut, bewusster tun.“ Und dabei immer mal wieder bewusst atmen. Tief durchatmen. Das kann jeder überall machen. Nicht nur im Kloster oder in der Kirche.

Quelle: F.A.S.
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