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Teenager-Mädchen im Gespräch

„Früher war mir egal, wie meine Augenbrauen aussehen“

Von Julia Schaaf
 - 12:06
„Ganz oft ist es anders“: Jan Josef Liefers, Heike Makatsch und Harriet Herbig-Matten im Film „Das Pubertier“. Bild: Constantin Film, F.A.S.

Woran merkt man eigentlich als Teenager, dass man in der Pubertät ist?

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Nina, 16 (lacht): An den Pickeln.

Laurina, 15: Psychisch merkt man es bei anderen mehr als bei einem selbst. Als meine Schwester in die Pubertät gekommen ist, gab es ständig Streit um nichts. Meine Mutter hat immer nur gesagt: „TT“. Typisch Teenager.

Scarlett, 15: Meine Eltern sagen, ich habe einfach losgeheult. Ich hatte bestimmt einen Grund, aber keinen krassen. Ich weiß das gar nicht mehr.

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In „Das Pubertier“ kann sich ein Vater schwer daran gewöhnen, dass seine 14 Jahre alte Tochter morgens nicht mehr aus dem Bett kommt, ihr Zimmer verwahrlosen lässt und sich für Jungs interessiert. Was an dem Film kam euch bekannt vor?

Nina: Das mit dem unaufgeräumten Zimmer. Bei mir sieht’s auch teilweise schlimm aus. Ich bin der Meinung, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich aufräume. Wenn sich dann meine Eltern reinhängen und mir was vorschreiben wollen, kann es Streit geben.

Dürft ihr anziehen, was ihr wollt?

Scarlett: Bei einem sehr bauchfreien Top zum Beispiel sagen meine Eltern manchmal, es ist zu kurz, man sieht zu viel Bauch. Dann ziehe ich für die Schule ein anderes an. Ich glaube eigentlich schon, dass ich das selbst einschätzen kann, aber sie haben mehr Erfahrung.

Laurina: Als ich angefangen habe, mich zu schminken, habe ich mir immer krass rote Lippen gemacht. Da hat meine Mutter mir erklärt, was das für Auswirkungen hat. Rote Lippen implizieren, dass man mit irgendwem rummachen will. Und damals wollte ich das definitiv noch nicht. Dann habe ich das erst mal wieder gelassen. Aber im Film fand ich das mit den Klamotten irgendwie total übertrieben.

Nina: Das Mädchen hat von einem Tag auf den anderen nicht mehr das gestreifte T-Shirt angezogen, sondern so ein durchsichtiges, wo man fast alles sieht.

Kinotrailer
Kinotrailer: „Das Pubertier“

Laurina: Und das mit 13, 14? So was trage ich ja noch nicht mal jetzt!

Scarlett: Wobei das unterschiedlich ist. Es gibt Jugendliche, die sich so anziehen, dass sie älter aussehen.

Nina: Ich habe in dem Alter schon auch bei mir gemerkt, dass ich andere Klamotten angezogen habe. Nicht mehr diese typischen Kindersachen in Rosa oder Bunt, sondern Sachen, wie man sie jetzt anhat.

Laurina: Übertrieben fand ich auch, dass das Mädchen immer gesagt hat: „Papa, ich bin 14! Ich darf mich jetzt so anziehen!“ So was macht man nicht.

Nina (nölt): „Gib mir jetzt Bier, ich bin schon 14!“

Laurina: Mit 16 ist das etwas anderes. Da hat man andere Rechte.

Wie ist das mit dem Bier?

Scarlett: Ich habe doch nicht mit 14 gedacht: Ich will jetzt unbedingt Bier, bringt alle Alkohol mit zu meiner Party. Natürlich wollte man das probieren. Aber das kam später.

Laurina: Als eine Freundin von uns 16 geworden ist und wir dachten, da würden wir schon gerne was trinken, habe ich meine Mutter gefragt, ob ich ein bisschen was mitbringen dürfte. Da hat sie etwas Wein erlaubt.

Was ist mit anderen Drogen?

Laurina: Wir reden zu Hause total locker über Gras und so. Theoretisch darf ich machen, von ihr aus, was ich will, wenn ich aus dem Haus raus bin. Aber meine Mutter hat mir verklickert, dass es das Gehirn besonders schädigt, solange man noch nicht ausgewachsen ist.

Findest du, sie macht das gut?

Laurina: Ja. Mehr Informationen sind immer besser.

Nina: Wir haben mal direkt am Görlitzer Park gewohnt, da haben meine Eltern mir gesagt, ich sollte den Park im Dunkeln meiden und nichts annehmen. Aber generell haben sie Vertrauen, dass ich so was nicht mache und aufpasse. Und selbst wenn, würden sie da mit mir normal drüber reden – glaube ich.

Gilt das für euer Umfeld auch? Eigentlich ist die Pubertät doch eine Zeit, in der man gezielt über die Stränge schlägt und sich ausprobiert.

Laurina: Ich habe das Gefühl, bei den meisten Leuten ist das ähnlich. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Scarlett: Ich fand merkwürdig an dieser Geburtstagsparty im Film, dass alle nur mit ihren Handys im Zimmer des Mädchens saßen.

Nina: Erwachsene denken immer, das Handy wäre für uns das Wichtigste. Aber viel wichtiger sind Freunde oder Sachen, die man zusammen macht.

Ich mochte die Szene, in der das Pubertier mit seinem neuen Smartphone im Badezimmer telefoniert und zu seiner Freundin sagt: „Ich putz mir gleich die Zähne. Du auch?“ Wie wichtig ist die Kommunikation über das Handy?

Nina: Früher, so vor zwei Jahren, war das mehr.

Laurina: Wenn ich so an die Klassenchats denke... – das ist immer noch relativ viel. Aber vor zwei Jahren hatte man wirklich das Handy stumm geschaltet, weil es so schlimm war. Normal waren 200 Nachrichten täglich.

Wie viele davon waren interessant?

Laurina: Keine.

Musstet ihr darum kämpfen, vernünftige Smartphones, W-Lan und ausreichend Freiminuten zu bekommen?

Nina: Ich ja. Ende der vierten Klasse hatten auf einmal ziemlich viele Freunde von mir ein Touchhandy, das war total neu und toll, und ich war die Einzige komplett ohne Handy. Dann habe ich ein Tastenhandy bekommen, ein Touchhandy musste ich mir mehr oder weniger erkämpfen. Ich glaube, Eltern müssen darauf achten, sich untereinander abzusprechen. Später hatten fast alle aus meiner Klasse WhatsApp, ich wollte das auch, aber meine Eltern waren aus Datenschutzgründen dagegen. Dann habe ich richtig lange gebettelt, wenigstens WhatsApp, ich muss ja nicht Insta oder so was haben. Als ich es dann hatte, fand ich es total toll und hing richtig lange immer am Handy.

In dem Film sagt der Vater zur Tochter: „Du weißt, du kannst mit mir über alles sprechen.“ Ist das so? Und will man das als Kind überhaupt?

Laurina: Irgendwann nicht mehr. Ich sitze häufig mit meiner Mutter und rede über alles Mögliche, Politik und so. Aber irgendwann fängt das an: Mama, ich will nicht reden, ich will bloß in mein Zimmer. Wenn man einen blöden Tag oder auch, wenn man gute Laune hat. Das funktioniert halt so. Man muss sich ja auch irgendwie abkoppeln.

Nina: In dem Film war die Situation so, dass der Vater an der verschlossenen Kinderzimmertür stand und vor allem herausfinden wollte, was da drin abgeht. Da muss man unterscheiden zwischen dem Kind zu helfen und einfach nur extrem neugierig zu sein, obwohl es die Eltern nichts angeht. Zum Beispiel, wenn man den ersten Freund hat.

Scarlett: Man redet eher mit den Freundinnen darüber.

Nina: Da tratscht man viel rum! Typischerweise geht es damit los, dass man das Insta-Profil von dem Typen stalkt und versucht, Dinge über ihn herauszufinden.

Laurina: Bei Mädchenabenden kommt irgendwann der Punkt, an dem man erzählt, was man schon gemacht hat.

Nina (lacht): Da kommt dann auch wirklich alles auf den Tisch...

Laurina: Bei dem Thema ist man erst mal total unsicher. Aber solche Abende helfen. Dass man sich einfach austauscht, um zu gucken, ob es bei den anderen auch so gelaufen ist.

Welche Themen gibt es noch, die nur noch mit Freundinnen gehen?

Laurina: Wenn eine Klassenkameradin was Blödes gemacht hat. In der fünften Klasse geht man sich noch bei seinenEltern ausheulen. Danach geht man zu seinen Freundinnen. Das passt häufig einfach nicht zu den Eltern.

Nina: Bei mir gab es beides. Bei den Freundinnen hole ich mir Rat oder kläre etwas direkt. Aber manchmal waren diese Zickenkriege früher auch so belastend, dass ich es hilfreich fand, mir eine dritte Meinung von meinen Eltern anzuhören. Die gucken da aus einer anderen Perspektive drauf.

Laurina: Was Eltern aber total falsch machen können, ist, dass sie die andere Person schlechtmachen, von wegen: Niemand redet so mit meiner Tochter! Das ist das genaue Gegenteil von dem, was man braucht. Das ist zu beschützend. Richtig schlimm ist auch, wenn die Eltern zu der Person hingehen.

Nina: Die müssen sich da nicht unnötig reinhängen. Die müssen auch gar nicht auf eine Lösung kommen. Einfach, dass man jemanden hat, dem man das erzählen kann, und die einen trösten. Das reicht schon.

„Das Pubertier“ ist eine Komödie. Findet ihr, die Pubertät war eine lustige Zeit?

Laurina: Nein, nicht lustiger als sonst auch. Eher im Gegenteil.

Nina: Es gab damals mehr Probleme als jetzt oder davor. Man muss sich irgendwie auf alles umstellen. Vieles verändert sich, an dir, unter den Freunden ...

Wie ging es euch mit den körperlichen Veränderungen?

Laurina: Ich habe die ganze siebte Klasse Sport-BHs getragen, fast 24/7, aber irgendwann wurde das unbequem. In den Sommerferien habe ich meine Schwester gefragt, ob ich welche von ihr haben kann, und danach bin ich auch mit meiner Mutter shoppen gegangen und hatte eigene richtige BHs. Ein paar Freundinnen waren überrascht, und eine hat sich mehr oder weniger beschwert, dass ich jetzt Push-ups tragen würde.

Nina: Über solche Sachen macht man sich in dem Alter total viele Gedanken. Wenn sich bei der einen etwas verändert, fängt man an, sich zu vergleichen. Inzwischen weiß ich, dass solche Vergleiche total unnötig sind und man dadurch irgendwie mit sich unzufriedener wird.

Da sind Eltern also hilfreicher als Freundinnen?

Laurina: In gewisser Weise schon. Wenn man mit der Klasse schwimmen geht, kommt das manchmal zur Sprache: Scheiße, ich hab gerade meine Tage. Aber wirklich darüber reden, wie man damit umgeht, tun wir dann nicht.

Nina: Ich bin heulend zu meiner Mutter gegangen, weil ich voll überfordert war.

Ist es gut, wenn Eltern gewisse Themen von sich aus ansprechen?

Laurina: Dieses typisch amerikanische Gespräch über birds and bees fände ich ganz schlimm!

Nina: Wenn meine Eltern zu mir kommen würden: Okay, setz dich bitte hin, jetzt kommt ein Aufklärungsgespräch. Das wäre richtig unangenehm. Aber ich glaube, bei mir war das so nebenbei, dass meine Mutter meinte, ich soll mich nicht wundern, wenn ich meine Tage zum ersten Mal bekomme, das ist ganz normal. Das war wie eine Absicherung. Als es so weit war, hat sie mir alles erklärt und gezeigt.

Was hilft gegen die Pickel?

Scarlett: Nichts. Ich habe die seit der vierten Klasse und fast alles ausprobiert. Es geht einfach nicht weg.

Nina: Ist aber viel besser geworden!

Laurina: Man muss warten. Und das Einzige, was gegen Pickel hilft, ist, zu wissen, dass es bei allen so ist.

Scarlett: In der vierten Klasse war ich die einzige mit Pickeln. Ich hatte nur auf der Stirn welche und habe mir extra einen Pony geschnitten, doch es wurde nur noch schlimmer. Als ich den Pony in der sechsten Klasse weggenommen habe, hat das Überwindung gekostet: Hm, was sagen die anderen dazu? Man fühlt sich unwohl. Wenn man dann aber merkt, dass die anderen gar nicht so drauf achten, wird es besser.

Was würdet ihr rückblickend sagen: Wie habt ihr euch in den vergangenen Jahren verändert?

Scarlett: Mein Zimmer war erst pink, dann türkis. Heute stehen auf meinem Tisch keine Ponys und Puppen mehr, sondern Urlaubserinnerungen, zum Beispiel ein Eiffelturm, den ich aus Frankreich mitgebracht habe. Äußerlich habe ich mich auch verändert: der Kleidungsstil. Früher war mir egal, wie meine Augenbrauen aussehen. Jetzt versuche ich, da Form reinzubringen.

Nina: Man achtet mehr darauf, wie man aussieht und auf die anderen wirkt.

Und das gefällt euch?

Scarlett: Ja. Ich fühle mich ganz gut.

Wie entwickelt sich die Persönlichkeit?

Scarlett: Ich bin selbstbewusster geworden. Davor war man so ein bisschen kindlich und unsicher. Mittendrin war alles so: Ach, ich weiß nicht. Jetzt ist man in einem Alter, da hat man sich daran gewöhnt.

Nina: Man hat das Schlimmste überstanden.

Laurina: Ich hatte in der siebten Klasse null Selbstbewusstsein. Das hat sich ziemlich verändert.

Das heißt, Unsicherheit gehört zur Pubertät genauso wie die Pickel?

Scarlett: Ja.

Nina: Ich denke, man ist generell unsicherer, weil sich alles verändert und man überfordert ist. Was mir geholfen hat, waren Youtube-Videos, in denen gesagt wurde, dass das eben ganz normal ist und man sich deshalb nicht irgendwie hässlich oder so fühlen muss.

Geht es nur ums Aussehen?

Nina: Auch generell um Verhalten.

Ist „Das Pubertier“ denn ein guter Film zum Thema Pubertät?

Nina: Die haben viele Themen, über die sich Eltern den Kopf zerbrechen, zusammengepackt. Aber alles nur aus der Perspektive von diesem einen Mädchen, das sehr zielstrebig war, so von wegen: Ich will das jetzt unbedingt und auch total früh. Es gibt ganz andere Jugendliche, die da total gelassen rangehen.

Scarlett: Aber wenn man nicht so ein extremes Mädchen hätte, müsste man keinen Film machen. So denkt man sich, es ist ein bisschen lustig. Und wer keine Kinder in der Pubertät hat, denkt vielleicht wirklich, dass wir so ticken.

Nina: Außerdem wurden die Kinder so dargestellt, als wären sie nur so arrogant und eigenwillig und ständig genervt von den Eltern. Das ist oft anders. Viele Kinder gehen von sich aus zu ihren Eltern und wollen mit denen Zeit verbringen. Das ist gar nicht so krass im real life.

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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