Körper außer Konkurrenz

Warum hat Schönheit so einen schlechten Ruf?

Von Timo Frasch
 - 14:28

Jeder Mensch kommt mit Talenten zur Welt, der eine mit mehr, der andere mit weniger. Jedem ist es aufgegeben, das Beste daraus zu machen. Es gibt Gaben, die nutzlos sind, spätestens seit dem Ende von „Wetten, dass ...?“: Melodien pupsen zum Beispiel. Es gibt Gaben, die sich allseitiger gesellschaftlicher Anerkennung erfreuen. Das ist zuvorderst die Intelligenz und alles, was mit ihr in Beziehung steht: Bildung, Witz, Weltläufigkeit. Ein Mensch, der zehn Sprachen spricht, darf mit Bewunderung rechnen. Und selbst die größten Gerechtigkeitsfanatiker finden wenig dabei, wenn Intelligenz das entscheidende Kriterium sozialer Auslese ist.

Und dann gibt es die Schönheit. Allein das relativierende Wort, sie liege im Auge des Betrachters, zeigt, welch schweren Stand sie hat. Es wird oft so getan, als gäbe es sie als objektives Faktum gar nicht: Jeder sei auf seine Weise schön. Erst die prominente Nase des Schauspielers Adrien Brody gebe seinem Gesicht Tiefe; erst der Leberfleck verleihe Cindy Crawford Charakter. Lob wird nicht verteilt für Schönheit, allenfalls für Eigenschaften, die schon wieder in Richtung Intelligenz oder Charakter tendieren: Eleganz, Stilsicherheit. Schönheit steht im Ruf, die Ausbildung anderer Qualitäten zu behindern: Wer schön ist, hat keinen Anreiz, auch noch lustig oder intelligent zu sein. Das ist ein Grund, warum viele für Schönheit nicht gelobt werden wollen.

Erst Plattformen wie Tinder räumten mit der Verlogenheit auf

Ein anderer: Schönheit gilt als etwas Intimes. Dafür gelobt zu werden, wird schnell als Übergriff wahrgenommen. Nach Schönheit wird nur zögerlich gesucht: In Kontaktanzeigen der seriösen Art dominierte lange die Nachfrage nach Humor, Unternehmungslust, Hobbys. Erst Plattformen wie Tinder haben mit der Verlogenheit aufgeräumt. Man wird im Leben ständig nach irgendwas beurteilt. Das ist der Kapitalismus, den kann man kritisieren. Es ist aber nicht einzusehen, warum ausgerechnet das Äußere eines Menschen, von dem die Mitmenschen ja am unmittelbarsten betroffen sind, der Würdigung durch andere entzogen sein soll. Das macht den Körper statt zur Normalität doch erst recht zur Tabuzone.

Margarete Stokowski, Kolumnistin bei „Spiegel online“, hat vor einiger Zeit in einem „Manifest“ mit dem Titel „Für mehr dicke Mädchen in Leggins“ geschrieben: Kommentare über die Körper anderer Leute seien nur gerechtfertigt, „a) durch medizinisches Fachpersonal, b) wenn man gefragt wurde oder c) wenn man aufs Maul bekommen möchte“. Warum das denn? Warum sollte der Körper außer Konkurrenz sein? Warum nicht auch der Geist, den gerade Kulturkritiker durch ihre Hymnen und Verrisse einem irren, geistfeindlichen Wettbewerb aussetzen? Im Bett oder bei einem Date werden Komplimente für körperliche Vorzüge nach wie vor verteilt, ohne dass daraus ein Aufschrei würde. Im Büro, wo Leute wegen anderer Gaben zusammenfinden, sollte Schönheit keine Rolle spielen.

Andererseits sollte es an den Orten, wo es um äußere Exzellenz geht, auch darum gehen dürfen. Die Schönheit wird stigmatisiert. Das zeigt sich auch an der Art, wie über die Modebranche debattiert wird. Über deren Körperbild kann man, aus ästhetischen Gründen, streiten. Was weithin vergessen wird: Es handelt sich bei den Models um Profis, die mit ihrem Körper arbeiten. Das mag nicht gesund sein. Das ist es aber genauso wenig, wenn Schriftsteller mit einer Kanne Espresso die Nächte durcharbeiten. Nur werden dagegen selten Kolumnen geschrieben. Ähnliches Problem: Schönheitsoperationen. Legion sind die Artikel über ihre Schädlichkeit für Körper und Seele. Ach Gott.

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In jedem anderen Bereich wird den Leuten zugestanden, meist sogar von ihnen verlangt, dass sie sich selbst optimieren. Bildung, Bildung, Bildung. Wenn es ums Bilden des Bodys geht, soll das ein Problem sein? Die Schönheit steht im Ruch des bloß Ererbten. Könnte es durch die plastische Chirurgie nicht endlich gelingen, sie in den Ruf des Erworbenen zu bringen? Die alten Griechen hatten noch einen Begriff für die Einheit von innerer und äußerer Vortrefflichkeit: Kalokagathia. Dass wir auch daraus noch ein Konkurrenzverhältnis gemacht haben, entschärft den Kapitalismus nicht, sondern treibt ihn auf die Spitze. Es gibt nur einen Grund, von der Schönheit zu schweigen: „Es ist dem Verstand nicht möglich, die Schönheit zu erfassen.“ Schrieb Hegel, der davon etwas verstand.

Quelle: F.A.Z. Quarterly
Timo Frasch
Politischer Korrespondent in München.
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