Spielplatz der Götter

Text und Fotos von JOHANNES KRENZER

14.11.2017 · Einmal im Jahr wird die malerische griechische Insel Santorin zur größten Spielfläche der Welt. Dann springen die Freerunner über die Häuser.

S ieben Stunden dauert die Fahrt mit der Fähre von Athen. Dann ist man auf der Postkarten-Insel im Ägäischen Meer, die vor allem für Asiaten ein Traumreiseziel zu sein scheint. Steilküsten, schwarze und rote Strände, Buchten mit klarem Wasser – herrlicher geht es kaum. Die Dächer der Häuser sind weiß und bunt getüncht, reihen sich terrassenartig aneinander und sind oft wahllos mit Treppen, Vorsprüngen und Mauern versehen. Die malerischen Kleinstädte machen aus der kargen Vulkanlandschaft der griechischen Insel ein Panorama, das fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Dieses Panorama ist fast zu schön, um wahr zu sein. Kein Wunder, dass alle darauf fliegen.

Seit Jahren wollte ich dorthin. Nicht wegen der kitschigen Schönheit des Ortes, zumindest nicht nur. Seit sieben Jahren springen auf Santorin einmal im Jahr Verrückte in Jogginghosen herum. Freerunner aus der ganzen Welt machen das sichelförmige Archipel im Süden der Kykladen zum Spielplatz für Große. Die „Art of Motion“ ist der größte Freerunning- Wettbewerb, veranstaltet natürlich mal wieder von Red Bull, dem hyperaktiven Hersteller von Energy-Drinks. Sportler aus aller Welt messen ihre physischen Grenzen und springen über die Dächer. Für Parkour und Freerunning braucht man kein Sportgerät, nur den eigenen Körper und ein paar griffige Schuhe. So macht man die auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Architektur in Sprüngen, Salti und Balanceakten zum Parcours. Häuser, Mauern, Kirchen, Wände und Schrägen stehen in gutem Sprungabstand zueinander. Nach der Sage entstand Santorin aus einem Klumpen Erde, der von Euphemos ins Meer geworfen wurde. Dieser mythische Mann war dabei so weitsichtig, damals schon an die Springer von heute zu denken.

Schauplatz des Wettbewerbs ist Oía, die nördlichste Stadt der Insel Santorin.

Schauplatz des Wettbewerbs im Oktober ist immer Oía, die nördlichste Stadt der Insel. Nicht nur die Stars des Sports sind hier, auch die Fans, die ihnen hinterherreisen und eine Woche lang selbst auf den Dächern der Insel trainieren. Mit meinen Freunden Skorbil und Hoffi mache auch ich mich also auf ins Parkour-Paradies. Schon am Flughafen-Gate treffen wir den Freerunning-Kollegen Lucca, und beim Einfahren in die Hauptstadt Fira sieht man wirklich an jeder Ecke die Sprungkünstler.

Video: FAZ.NET

Mit Lucca sind wir also zu viert. Am Souvlaki-Stand im Zentrum der Stadt treffen wir etwa 100 weitere Freerunner, Weltstars der Szene, Anfänger und Amateure. Die meisten sind zwischen 16 und 30 Jahre alt. Hoffi ist mit seinen 47 Jahren eine Ausnahme. Aber in dieser Community ist ohnehin jeder willkommen. Drei Freerunner, egal auf welchem Niveau, reichen, um eine Jam zu starten. Das kommt auch Lucca entgegen, der nur mit Rucksack und Schlafsack angereist ist und nun bei schwedischen Freerunnern im Hotel unterkommt.

Man kann in Santorin Orte entdecken, an denen man Stunden verbringen könnte.
Sprünge auf den Dächern im Parkour-Paradies

Am nächsten Tag leihen wir uns Quads und erkunden die Insel. Es dauert nur Minuten, bis man Orte entdeckt, an denen man Stunden verbringen könnte. Skorbil und ich sind wie so viele Freerunner, die ein Auge für ihre Umgebung haben, Fotografen und Filmemacher. Deshalb laufen uns auch aus diesen Perspektiven dauernd die Augen über. Bei Sonnenaufgang klettern wir auf die nächstbeste Kirche und machen zwei Stunden lang Aufnahmen.

Niemand beschwert sich. Ich muss gestehen, dass ich in dieser Woche ein wenig den Respekt vor Privatgrundstücken verliere. Wenn dauernd alle Mann auf Dächern und Kirchtürmen herumhüpfen, hat man vor lauter Action dafür kaum noch einen Sinn. Was wohl die Bewohner über uns denken?

Was wohl die Bewohner der Insel über die Freerunner denken?

Heute treten 15 der besten Athleten der Welt gegeneinander an, in einem Kurs über die Dächer eines Luxus-Hotels in Oía. Qualifiziert haben sie sich durch ihre erfolgreiche Teilnahme im Vorjahr, durch das Einreichen von Bewerbungs-Videos oder im On-Site-Qualifier, bei dem aus mehr als 100 Teilnehmern fünf für den Contest zugelassen wurden. Freerunning ist kein klassischer Wettkampfsport, weshalb die Bewertung komplex ist. Jeder Athlet hat 90 Sekunden, um sich möglichst spektakulär die Terrassen hinabzubewegen. In den Kategorien Kreativität, Flow, Schwierigkeit, Ausführung und Gesamteindruck bestimmt die fünfköpfige Jury die beste Performance.

Auch Griechen und Touristen schauen von den umliegenden Dächern zu. Gewinner ist Alexander Titarenko, ein bis dato in der Szene unbekannter Russe, der sich an Ort und Stelle qualifiziert – und auf einmal zu den besten Athleten der Welt gehört. Jason Paul, mein Frankfurter Nachbar, ist mit drei Siegen bei der „Art of Motion“ zum Star geworden. Er ist auch da, als Kommentator.

Bei all den Sprüngen verliert man langsam den Respekt vor Heiligtümern und Eigentümern. Kein Wunder, dass die Griechen irgendwann genervt reagieren.

In den Tagen nach dem Wettbewerb ist die Insel noch immer besetzt. Langsam merkt man, dass sich die Bewohner nach Ruhe sehnen. Sie laden einen nicht mehr zum Raki ein, wenn man auf ihrem Hausdach steht. Viele fluchen auch. Aber kann man sich vertreiben lassen, wenn man den Sonnenuntergang sehen will oder die erleuchtete Stadt? Man müsste es wohl können. Aber es geht einfach nicht. Wenn die Sonne untergegangen ist, klatschen die Touristen. Wir klatschen mit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin