Aus Bayern nach New York

Ihr wunderbarer Waschsalon

Von Alfons Kaiser
 - 09:04
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Es ging am ersten Tag los. Corinna Williams fand eine einzelne Socke in einer der Waschmaschinen. Man sieht die Socken einfach nicht, wenn sie an der Seite oder oben in der Trommel kleben. Am nächsten Tag waren es schon drei einzelne Socken. Mittlerweile ist die Sammlung so groß, dass man ein Event daraus machen könnte.

Was heißt „könnte“? In diesem Waschsalon ist alles möglich. Corinna und Theresa Williams haben in den wenigen Monaten seit Eröffnung schon Kurse in Aktzeichnen veranstaltet, einen „Valentine's Wash“ („Buy one wash, get one free“), ein Fotoshooting für MyCalvin und ein Konzert des R&B-Sängers Autre Ne Veut. Denn ihr Waschsalon in Brooklyn ist mehr als nur ein handelsüblicher Self-Service-Laundry: Das „Celsious“, das mitten im Trend-Stadtteil Williamsburg liegt, ist auch Café, Veranstaltungsort und Treffpunkt für die Nachbarschaft, sieben Tage die Woche, von sieben Uhr morgens bis Mitternacht.

Da wäre ein Dating-Abend für einsame Socken eine sinnvolle Ergänzung des Angebots. Und wirklich: „Sock Tinder“ steht auf dem Schild an der Straße: Socken sollen wie mit der Dating-App zusammengeführt werden. „Clean Single Looking for a Solemate“: Diese sauberen Singles suchen einen Seelenverwandten, oder genauer, schließlich reden wir über Socken: einen Sohlenverwandten.

Im coolsten Waschsalon New Yorks wären „lonely socks nights“ keine Überraschung. Denn das Thema Einsamkeit (und Zweisamkeit) hängt wie Wasserdampf über allen populären Erzählungen zu Launderettes, wie sie im britischen Englisch heißen – von Hanif Kureishis Roman „Mein wunderbarer Waschsalon“ bis zur legendären Levi's-Werbung ebenfalls aus den achtziger Jahren, in der ein junger Mann erst Steine in die Maschine schüttet, sich dann zur Freude der Frauen bis auf die Unterhose entkleidet und T-Shirt und Jeans hinterherwirft. Den Williams-Schwestern muss man nichts über populäre Mythen erzählen. Die 32 Jahre alte Corinna und die gerade 30 Jahre alt gewordene Theresa haben die Vorteile der Gemeinsamkeit selbst erlebt. „Wer einen Waschsalon gründet, braucht Durchhaltevermögen. Man sollte zu zweit sein, alleine geht's nicht“, sagt Corinna. Und Theresa ergänzt: „Zu zweit kann allerdings auch viel daneben gehen, wenn die Beziehung zum Business-Partner scheitert. Das sehen wir bei Freunden.“

Ihnen kann das nicht so leicht passieren. Die Schwestern aus Bayern, die in Landsberg am Lech als Töchter eines amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter aufwuchsen, wollten schon immer selbständig sein. Aber sie machten Umwege. Theresa studierte Produktdesign am College Central Saint Martins in London, dann entwarf und produzierte sie Brillen für das Label General Eyewear in London; die praktischen Fertigkeiten sollten sich noch als hilfreich für ihr Großprojekt erweisen. Auch Corinna brauchte einen Vorwaschgang, studierte Internationale Beziehungen an der Schiller International University in Heidelberg und Paris, arbeitete zwei Jahre lang bei Google in Dublin im Online-Marketing, dann als Redakteurin bei „Elle“ in München und seit 2012 als Korrespondentin von „Elle“ und „Harper's Bazaar“ in New York. In der Bekleidungsbranche ist sie geblieben: „Mode ist schließlich letztlich auch nur Wäsche.“

Und die wird in Amerika schlecht behandelt. „Kaum jemand hat eine Waschmaschine oder einen Trockner in der Wohnung“, sagt Corinna Williams. „Und nur die wenigsten haben Waschmaschinen im Keller“, ergänzt Theresa. „Und die, die es gibt, sehen oft scheußlich aus, weil sie nicht gereinigt und schlecht gewartet werden.“

Daher gehen so viele Amerikaner in Waschsalons. Die wiederum sind laut, eng und muffig. Man muss lange auf die Wäsche warten, und oft wird sie nicht einmal richtig sauber. „In den alten Maschinen setzt sich alles Mögliche ab“, sagt Corinna. „Kein Kalk, denn kalkhaltig ist das Wasser hier nicht, aber Schimmel und Rost. Oft werden die Sachen dann richtig schmutzig.“

In New York trägt niemand weiß

Kaum ist das Thema angeschnitten beim Gespräch auf der Empore, wo eine Mitarbeiterin den Kunden Kaffee und Kuchen serviert, kommt schon eine Freundin der beiden herein, die mit den Amerikanern schmutzige Wäsche waschen muss: Véronique Tristram, heute Modechefin der „Glamour“ in München, lebte früher ebenfalls in New York. „Als ich hierher kam“, erzählt sie, „erfuhr ich schnell, dass man Weiß nicht tragen darf. Wenn man Bettwäsche oder T-Shirts in die Wäscherei um die Ecke gibt, sind sie hinterher voller Flecken.“ Was also macht eine Modefrau, die weiße Bettwäsche, Handtücher und T-Shirts liebt? Véronique Tristram flog in ihren New Yorker Jahren alle vier Wochen mit einem riesigen Wäschesack nach München, um dort alles zu waschen. Bei der Lufthansa und beim Münchner Zoll war sie dafür schon bekannt.

Auch für Corinna und Theresa Williams war der Weg zur sauberen Wäsche lang. Es gibt etwa 3500 Waschsalons in New York. Die beiden haben bei ihren Recherchen für den richtigen Standort allein 400 Launderettes besucht. Seitdem ist Corinna Williams selbstbewusst genug für diesen Satz: „Wir haben die potentielle Konkurrenz getestet und festgestellt: Es gibt keine.“

Im Sommer 2016 fanden sie das Haus an der 115 North 7th Street. Früher war hier ein Friseursalon. Der Vermieter wollte sie sofort haben – schon weil er wegen der beiden Mietparteien oben kein Restaurant unten haben wollte. Die beiden Schwestern verliebten sich gleich in das Haus mit dem hohen Raum, der schmalen Zwischenetage und dem kleinen Garten im Hinterhof. „Wir wollten, dass es hell und frisch und sauber aussieht, ohne steril zu sein“, sagt Theresa. Und so tritt man in eine eigenartige Welt: Dieser Waschsalon wirkt klinisch rein, auf dem Zwischendeck mit Café aber einladend, dank Pflanzen und Korkwand. Die Hocker sind aus den Paletten, auf denen die Waschmaschinen und Trockner geliefert wurden. Theresa hat sie selbst zusammengebaut: „Die Räume auszubauen war mit das Härteste, was wir je gemacht haben.“ Dabei ist sie als Produktdesignerin auch Handwerkerin. Und um die Gastronomie vernünftig betreiben zu können, hat sie vorher lange in einem Café an der Lower East Side gearbeitet.

Coole Wäschereien sind natürlich kein neues Konzept. In Deutschland gibt es zum Beispiel das „Wash & Coffee“ im Münchner Glockenbachviertel. Und in Berlin-Moabit herrscht in „Freddy Leck sein Waschsalon“ von Dirk Martens Café-Stimmung. Aber Corinna und Theresa Williams sind auch auf einer Mission. Ihr Waschprogramm für Amerika: 18 Electrolux-Maschinen, Ökowaschmittel inklusive, der schnellste Waschgang New Yorks (nur 15 Minuten), der schnellste Trockner (16 Minuten). Insgesamt dauert es also nur so lange, wie man für Kaffee und Kuchen braucht. Dafür haben sich die Preise – ab sieben Dollar pro Maschine – gewaschen.

Es ist ein Zukunftsgeschäft. Die Städte werden enger, der Wohnraum wird teurer, also ist kein Platz mehr für eine Waschmaschine. „Sogar aus den neuen Apartmenthäusern hier in Williamsburg kommen Kunden zu uns“, sagt Theresa. „Sie haben zwar Maschinen in den Kellern. Aber da müssen sie auch bezahlen. Und sie müssen warten, bis eine Maschine frei ist. Außerdem dauert der Waschgang länger, die Wäsche wird nicht richtig sauber, und Kaffee gibt es auch nicht.“ Kein Wunder, dass Immobilienentwickler die Williams-Schwestern schon gefragt haben, ob sie in ihren Gebäuden eine Filiale eröffnen wollen.

Aber erst einmal müssen sie diese Maschinen am Laufen halten. Die Zahlen liegen zwar im Rahmen des Businessplans, die Investoren („friends and family“) sind geduldig, und die beiden wirtschaften sparsam; so hat Corinnas Freund, der Grafikdesigner ist, Logos, Website-Auftritt und Speisekarten gestaltet. Aber sie haben fünf fest angestellte Mitarbeiter und hohe laufende Kosten. Zum Glück spricht sich ihr Konzept herum. Einige Männermodels aus der Gegend als Kunden sind gut fürs Geschäft. Mitbewohner kommen gemeinsam, Freundinnen verabreden sich hier zum Waschen. Aus dem Pflichtprogramm haben die beiden ein soziales Happening gemacht.

„Man muss ein oder zwei Mal die Woche waschen, das ist ein echter Stressfaktor“, sagt Theresa. „Da freut man sich, wenn es nett ist und schnell geht. Uns hat sogar schon jemand gesagt, dass wir sein Leben verändert haben.“ Das werden sicher noch mehr Leute sagen, wenn denn beim Tinder-Abend einsame Socken zueinander finden.

Was die Williams-Schwestern in Williamsburg empfehlen

Van Leeuwen, 204 Wythe Avenue. Das beste Eis der Stadt. Unseren Favoriten, Salted Caramel, gibt es auch als vegane Variante (für Corinna, die Kuhmilch nicht so gut verträgt). Unbedingt auch die Seasonal Specials probieren, zum Beispiel Erdbeere und Rosenwasser mit Matcha-Spirulina-Kuchen oder Vegan-Peanut-Butter-Bonbons mit Kirschmarmelade.

Hotel Delmano, 82 Berry Street. Unsere liebste Bar für Cocktails und Raw Seafood. Im Sommer trinken wir Prosecco an einem der Outdoor-Tische. Oder Negroni an der Bar im Speakeasy-Stil drinnen.

The Great Eros, 135 Wythe Avenue. Duft, Kerzen, Spitze, Seide, Schmuck, Schokolade: unser Lieblingsshop für die Sinne.

Mociun, 683 Driggs Avenue und 224 Wythe Avenue. Theresa hat sich dort ihren Verlobungsring ausgesucht, Corinna shoppt gern Keramikobjekte. Nirgends findet man schönere Mitbringsel.

Wythe Hotel, 80 Wythe Avenue. Das erste Boutiquehotel Brooklyns. Wir sind oft dort, um die Wäsche der Hotelgäste und die coolen Denim-Schürzen der Kellner des Hotelrestaurants „Reynard“ abzuholen. Super Farm-to-Table-Küche. Vor dem Dinner einen Drink in der Hotelbar „The Ides“ nehmen - mit tollem Panoramablick über den East River auf die Skyline von Manhattan.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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