Das Phänomen „Dad Bod“

Warum Männer mit Bauch jetzt sexy sind

Von Jennifer Wiebking
 - 10:50
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Vatertag hat man in diesem Jahr nicht nur an Christi Himmelfahrt feiern dürfen. Eigentlich ist nämlich seit ein paar Wochen jeden Tag Vatertag. Denn Männer, die früher ausschließlich an diesem einen Tag mit Freunden, dem Bollerwagen, Kartoffelchips und genug Bier loszogen oder den ganzen Nachmittag am Grill standen und glaubten, dass sie die Sticheleien ihrer Frauen über gesunde Ernährung und den eigenen Cholesterinspiegel wenigstens einmal im Jahr ignorieren dürfen, könnten jetzt ständig in Festtagsstimmung sein. Überall auf der Welt feiern Männer mittleren Alters und mittelmäßiger Statur gerade sich selbst.

Für ihren in die Jahre gekommenen Körper, der vielleicht mal muskulös-trainiert war, mittlerweile aber eher pummelig – oder sagen wir es netter: knuffig – ist, gibt es jetzt einen coolen Begriff: dad bod, die Kurzform von dad body. Inspiriert ist der Titel also von den Körpern von Vätern, die zu viel um die Ohren und zu wenig Motivation haben, um sich zu bewegen, und deshalb unter einem leichten Fettansatz am Bauch leiden. Obwohl: Eigentlich leiden sie ja nicht – oder zumindest nicht mehr. Dad-Bod-Männer (die übrigens nicht zwingend Väter sein müssen) entsprechen nun voll dem Schönheitsideal. Das wird ein Sommer! Sonne und möglichst oft Bier und Rippchen, der letzte Besuch im Gym eine ferne Erinnerung, das alles macht gar kein schlechtes Gewissen – ist ja alles für den Dad Bod.

Damit hier kein Missverständnis entsteht, Männer mit Dad Bod sind nicht übergewichtig, sie sind einfach nicht supergut in Form. Leonardo DiCaprio zum Beispiel, leichter Bauchansatz, wenige Muskeln, entspricht auf aktuellen Fotos in Badeshorts am Strand exakt dem seltsamen Schönheitsideal. Jon Hamm, besser bekannt als Don Draper aus „Mad Men“, den Bildern nach zu urteilen einen Hauch trainierter als DiCaprio, soll trotzdem immer einen Dad Bod haben. Vince Vaughn ist ebenso mit einem Dad Bod gesegnet wie Jason Segel, Christian Bale, Alec Baldwin, Adam Sandler, Russell Crowe, Seth Rogan und gefühlt jeder zweite Mann ab Ende dreißig. Auf Twitter liest man jetzt Sätze von Männern mit Dad Bod wie: „Der geilste Trend dieses Jahres“, „Darauf ein Nutellabrot“, „Bin dabei“, „Man bringe mir ein Glas Nutella und einen Löffel“.

Am Anfang stand ein Artikel

Überhaupt wird der Dad Bod im Internet rauf und runter gefeiert. Komisch, dass es noch keine passende App gibt im Stile von „How old do I look“, die das eigene Lebensalter anhand von Fotos schätzt. Die mögliche Dad-Bod-Variante: „How dad is my bod?“.

Natürlich ist das Phänomen auch deshalb in aller Munde, weil der Begriff seinen Witz hat. Schließlich geht es am Ende um einen undefinierten Oberkörper, der wahrscheinlich noch immer unter einem leichten T-Shirt versteckt wäre, wenn nicht eine amerikanische College-Studentin auf diesen markanten Namen gekommen wäre. Die erzählte ihrer Kommilitonin Mackenzie Pearson von der Beobachtung, und Pearson schrieb daraufhin in der Studentenzeitung der Clemson University in South Carolina ein Plädoyer für Männer mit Dad Bods – und warum Frauen sie angeblich lieber mögen als durchtrainierte. Das war am 30. März dieses Jahres. Seitdem wurde das Stück knapp eine halbe Million Mal geteilt.

Bestes Beispiel für das Interesse an „Normcore“, könnte man sagen, jenem Trend zur bewussten Alltäglichkeit, der seit gut einem Jahr herumgeistert und auch den Hype um den Dad Bod erklären könnte. Schließlich gibt es dieser Tage genug Menschen, die ihren Körper wie einen Tempel behandeln. Doch je mehr es werden, desto mehr dürften eben auch genervt sein von der fixen Idee, dass man dem Körper mit, sagen wir, einer Portion Spaghetti Bolognese tatsächlich etwas Schlimmes antut.

Frauen kann das nicht widerfahren

Andererseits zeigen sich etliche Kolumnisten alarmiert und nennen es unfair, dass bei Männern jetzt die Pummelchen gefeiert werden, während Frauen Ähnliches nie widerfahren würde. Und klar, erst vor zwei Wochen zum Beispiel präsentierte sich eine Frau, die Herzogin von Cambridge, nur wenige Stunden nach der Geburt ihres zweiten Kindes vor dem Krankenhaus mit einem den Umständen entsprechend perfekten Körper, mit picobello Haaren, Make-up und Nägeln. Und eine neue Studie belegt, dass die jungen Frauen, die bei „Germany’s Next Topmodel“ auf die große Chance hoffen, jene Zuschauerinnen, die von Natur aus nicht so dünn sind, in die Magersucht treiben können. Den Männern hingegen, die sich vollstopfen, werde dafür auch noch applaudiert.

Eine echtes Prädikat jedoch ist es eigentlich nicht, wenn einem andere einen Dad Bod bescheinigen. Es ist eher so, wie bei den Bundesjugendspielen eine Teilnehmerurkunde überreicht zu bekommen. Die betroffenen Männer könnten sich von dem Titel also genausogut gekränkt fühlen – ähnlich wie Mütter (oder Frauen im Mutter-Alter), die man für ihren mom bod loben würde. Dass Männer sich dennoch über das Etikett freuen, zeigt, dass viele von ihnen mit ihren Schwächen faszinierend gut leben können.

Kein Wunder also, dass es schon das passende Merchandise zum Dad-Bod-Trend gibt, Sprüche-T-Shirts von Online-Händlern wie Look Human aus Ohio. „Vor zwei Wochen haben wir die T-Shirts lanciert“, sagt Christie Martin, Markenchefin von Look Human. „Unser Bestseller ist das T-Shirt mit dem klassischen Dad-Bod-Aufdruck. Davon haben wir bislang rund 2000 Stück verkauft.“ Für 19,99 Dollar wäre das auch eine nette Aufmerksamkeit zum wochenlangen Vatertag.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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