Afrofuturismus

Modische Visionen von der kulturellen Zukunft Afrikas

Von Barbara Russ
 - 14:33
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Noch ist Afrika der ländlichste Kontinent der Welt, doch das könnte sich bald ändern. Bis 2030, so prophezeien es die Vereinten Nationen, wird die Urbanisierung dort rasant voranschreiten, die boomende Bevölkerung wird immer jünger und ist zugleich besser ausgebildet. Städte wie Lagos, Nairobi, Addis Abeba und Abidjan wachsen zu internationalen Tech-Metropolen heran. Wie werden die afrikanischen Städte der Zukunft aussehen? Revolutionäre Smart Citys sollen dort entstehen, Satellitenstädte, oft privat finanziert, die aussehen wie Dubai auf Steroiden. Ist das Zukunftsmusik? Wohl vielmehr Afrofuturismus. Der Begriff kursiert seit den neunziger Jahren und beschreibt eine literarische und kulturelle Ästhetik, in der Sci-Fi-Elemente und afrikanische Motive kombiniert werden und so ein neues, oft bewusst nichtwestliches Narrativ erzeugen.

Jetzt, da Afrika sich auch in kultureller Hinsicht zu behaupten beginnt, nimmt Afrofuturismus an Fahrt auf. Diese popkulturelle Strömung bietet eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich eine Zukunft gestalten kann, wenn man seiner Vergangenheit beraubt wurde. Wenn etwa die Vorfahren heutiger Afroamerikaner von ihrem Kontinent verschleppt und versklavt wurden. Wenn Familien zerrissen und Erinnerungen ausgelöscht wurden. Man sieht es zum Beispiel in dem fast einstündigen Video zu Janelle Monáes Ende April erschienenem Album „Dirty Computer“. Oder in dem großen Erfolgsfilm des vergangenen Winters, „Black Panther“.

Darin geht es um die Utopie eines fiktiven afrikanischen Landes, Wakanda, das nicht vom Dreieckshandel betroffen war, das keine koloniale Geschichte trägt. Ein Königreich, das sich, dank einer außerirdischen Energiequelle, zu einem reichen, hochtechnologisierten Land entwickeln konnte.

Drei Modemacher im Portrait

Und man sieht Afrofuturismus jetzt auch in der Mode, diesem identitätsstiftenden und eindeutig zukunftsgerichtetem Teil der Popkultur. Diese drei Modemacher skizzieren schon heute eine Welt von morgen:

Am Ende von „Black Panther“ tritt der Protagonist und König von Wakanda vor die Versammlung der Vereinten Nationen und bietet der Welt seine Entwicklungshilfe an. Dabei trägt er westliche Kleidung – eine Anzughose und ein schwarzes Hemd. Auffällig über seine linke Schulter drapiert jedoch liegt ein Seidentuch, auf dem sich ein schwarzes Paar in Stammeskleidung vor dem Hintergrund eines Renaissancegemäldes in den Armen hält. Der Blick ist zum Himmel gerichtet. Der Designer dieses Tuchs heißt Walé Oyéjidé. Mit seinem Label Ikiré Jones will der ehemalige Rechtsanwalt „Repräsentation für Menschen schaffen, die im Allgemeinen nicht repräsentiert werden“. Als Mensch afrikanischer Abstammung werde man noch immer hauptsächlich negativ porträtiert, sagt der Amerikaner. Die Mode sei, so meint er, „harmlos und schön“ und eigne sich deshalb besonders gut, um sie „mit Ideen und progressiven Gedanken aufzuladen“. Konkret gelingt ihm das, indem er klassische Kunstwerke, etwa Madonnen- und Heiligenbildnisse der Renaissance, teilweise durch schwarze Charaktere ersetzt und diese postmodernen Kunstwerke dann auf Stoffe druckt. Seidenschals, aber auch maßgefertigte Hemden und Mäntel für Herren gibt es bislang von Ikiré Jones. Wichtig ist ihm dabei zu betonen, dass er die Kunstgeschichte nicht aus Respektlosigkeit umschreibt, sondern, im Gegenteil, aufgrund seiner Liebe zur klassischen Kunst.

„Uns im Film in Raumschiffen zu sehen oder in einem fortschrittlichen afrikanischen Königreich – das kann Menschen einen Schubs in die richtige Richtung geben. Ob ich nun also die Vergangenheit umschreibe, um Menschen in der Gegenwart zu inspirieren, oder ob es futuristische Abbildungen Schwarzer sind, die es ihnen ermöglichen, aktiv die Zukunft mitzugestalten, uns geht es um dieselbe Problematik: Sehen heißt glauben.“

Rym Beydoun lebt und arbeitet in Beirut, aber ihre Heimat ist die Elfenbeinküste. Geboren in Abidjan als Tochter einer dort in der vierten Generation lebenden libanesischstämmigen Familie, sieht sie sich selbst als moderne Westafrikanerin, obwohl sie das Land 1999 mit ihrer Familie nach einem Staatsstreich verlassen musste.

Nach ihrem Studium am Londoner Central Saint Martins College kam sie für ein Praktikum zurück nach Abidjan. Dort erschien ihr alles offener als in London, wo die Leute versuchten, vorgefertigte Nischen zu besetzen. „Der Ort war für mich sehr zukunftsgerichtet“, sagt sie. Zuerst, erzählt sie, seien ihr bei ihrer Rückkehr die Gebäude in dem Land aufgefallen. Sie sei besessen von der modernen Architektur gewesen, die ihr aus dem Kontext gerissen erschien: Auftragsbauten, gestaltet von französischen oder italienischen Architekten inmitten der afrikanischen Natur. Die Intention hinter den Bauten jedoch verunsicherte sie zunehmend: „Den Kolonisatoren damit etwas beweisen zu wollen, kam mir schizophren vor. Aber dann wurde mir klar, dass es nicht darum geht, die Vergangenheit zu ändern, sondern darum, wie man mit diesem Erbe weitermacht.“

Die Mode enthält ebenfalls jene Schichten verwobener Geschichte: „Es gibt diese Stoffe, die als afrikanisch bezeichnet und wahrgenommen werden, aber das sind sie eigentlich nicht.“ Stoffe mit bunten Mustern. Sie werden in Österreich, Holland oder Paris produziert. Als die Niederländer Teile Afrikas kolonialisierten, brachten sie die Technik des Batikens aus Indonesien mit, und die Afrikaner haben sich diese Technik angeeignet. „Die Stoffe werden importiert. Ich kann sie in Paris günstiger kaufen als in Afrika auf den Märkten. Deshalb möchte ich neue Stoffe an der Elfenbeinküste fertigen lassen. Lokal, wirklich afrikanisch.“ Ihre bisherigen Schöpfungen entsprechen kaum den Klischeevorstellungen afrikanischer Kleidung. Sie sind vielmehr inspiriert vom Streetstyle und könnten genauso gut in Tokio oder New York entstanden sein: Kapuzen-Sweater mit Super-Yaya-Aufdruck, Patchwork-Hosen mit Po-Dekolleté, Lacklederröcke.

So sieht Rym Beydoun schließlich auch den Begriff Afrofuturismus: als eine Verschmelzung von Vergangenheit mit Bruchstellen und einer ungewissen Zukunft. „Das Problem ist, dass es schwer ist, sich eine Zukunft vorzustellen, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt. Wir kennen eine Geschichte Afrikas, die aus Unterbrechungen besteht. Gerade deshalb finde ich es so spannend, hier etwas Neues zu kreieren. Ich sehe das als große kreative Freiheit.“

Wales Bonner

Grace Wales Bonner ist eine dieser Überflieger-Designerinnen, die schon mit ihrer Abschlusskollektion für Aufsehen sorgte. Das war 2014, und vielleicht lässt sich die andauernde Begeisterung für ihre Kollektionen damit begründen, dass sie die Herrenmode mit einer Vision von schwarzer Männlichkeit aufmischt. Die Mode, die sie jungen Herren offeriert, ist emotional und lyrisch, gespickt mit kritischer Theorie und einem ebensolchen Blick auf die Kolonialgeschichte. Nach dem erhobenen Zeigefinger sucht man trotzdem vergeblich. Die drei Models ihrer aktuellen Kollektion kommen zum Beispiel aus Jamaica, im Video dazu reden sie über Glauben, Schönheit und ihre Erfahrung, von zu Hause wegzugehen und zu reisen. Die Models tragen bauchfreie Jacken mit Matrosenkragen, Fischerhüte und sehnsuchtsvolle Blicke. Als Inspiration nennt die Modedesignerin Einflüsse von Coco Chanel ebenso wie Blaxploitation-Filme, ein Genre der siebziger Jahre, in dem schwarze Schauspieler und Regisseure zumeist Low-Budget-Filme für ein schwarzes Publikum drehten. Die Neugestaltung der Geschichte spielt für Grace Wales Bonner auch eine persönliche Rolle. Die Tochter einer britischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters nutzt die Mode, um die eigene Herkunft zu ergründen. Sie habe Geschichte, Repräsentation und Künstler betrachtet, die unterschiedliche Realitäten ausgehandelt hätten, sagte sie mal in einem Interview. „Und das habe ich verwendet, um meine eigenen Erfahrungen zu verstehen und zu bestätigen. Es gibt eine vorgefertigte Interpretation der Geschichte, aber man muss sich daran nicht binden. Man kann eine Realität vorschlagen, die so ist, wie man es selbst will.“

Quelle: F.A.S.
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