New Yorker Fashionweek

Die nächste Saison ist eine Fiktion

Von Alfons Kaiser und Helmut Fricke (Fotos)
 - 20:17
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Das musste so kommen: Jason Wu hört bei Hugo Boss auf. Der New Yorker Designer prägte fünf Jahre lang die Damenkollektionen des Herrenmodeanbieters. Am Dienstagabend war nach der Präsentation der Kollektion für Herbst und Winter Schluss. Das ist schon deshalb seltsam, weil man mit Herrenmode nicht so viel Aufsehen erregt wie mit Entwürfen für Frauen. Ein wichtiges Marketinginstrument geht also verloren. Aber in der Boss-Zentrale in Metzingen wird man sich das schon alles ausgerechnet haben: Was kostet ein eigenes Boss-Damen-Atelier mit mehreren Mitarbeitern in Manhattan, eine große Schau zur Fashion Week, das mutmaßlich siebenstellige Jahresgehalt für den Designer? Und was bringt uns das, wenn die Damenmode ohnehin nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet? Boss-Chef Mark Langer kappt somit eine der letzten Erfindungen seines Vorgängers Claus-Dietrich Lahrs. Jason Wu hatte es schon länger geahnt und die Lust verloren. Schade, denn am Wochenende zeigte der Modemacher mit seiner Kollektion unter eigenem Namen, dass er einer der größten amerikanischen Designer ist – und Michelle Obama aus guten Gründen ein Fan.

Claus-Dietrich Lahrs wiederum, der schon bei Dior gelernt hatte, was Designer bedeuten (und erbringen) können, verbucht in New York einen Erfolg mit seinem neuen Arbeitgeber. Der CEO von Bottega Veneta eröffnete mit seinem ebenfalls aus Deutschland stammenden Designer Tomas Maier nicht nur das neue fünfstöckige Geschäft an der Madison Avenue, eine gigantische Investition in die Zukunft des stationären Einzelhandels – er lud auch zu großer Schau und Party in die alte Börse. Das war einer der wenigen Höhepunkte einer schlecht kuratierten und überlangen Modewoche, die sich über geschlagene zehn Tage hinzog.

Schon Jackie Kennedy ausgestattet

Und noch ein Abschied: Carolina Herrera hört auf. In Amerika ist die Achtundsiebzigjährige weltbekannt, schließlich hat sie schon Jackie Kennedy ausgestattet und vor allem mit Parfums ein Vermögen gemacht; der Markenumsatz liegt angeblich bei fast anderthalb Milliarden Dollar im Jahr. So schön wie einst ihre Kleider ist der Hintergrund ihres Abschieds als Kreativdirektorin nicht. Angeblich hat der spanische Konzern Puig, dem die Marke gehört, die Gründerin dazu gebracht, als ihren Nachfolger den jetzt schon bei ihr tätigen 31 Jahre alten Wes Gordon zu benennen. Am Montag also war ihr letzter Auftritt auf großer Bühne, im Museum of Modern Art. Unklar ist, ob Carolina Herrera dort jetzt auch selbst ausgestellt wird. Oder ob sie wirklich als „Botschafterin“ weiter ihre Marke vertritt, bei der auch ihre beiden Töchter arbeiten. Zur Sicherheit zeigte sie sich zum Applaus gemeinsam mit Wes Gordon – als wären sie ein Herz und eine Seele.

Trends ruft man in New York besser noch nicht aus, denn es folgen die Schauen in London, Mailand und Paris. Zudem ist das alles noch undurchsichtig: Wird die nächste Saison vulgär wie bei Tom Ford oder geschmackvoll wie bei Victoria Beckham? Fein wie bei Rosetta Getty oder sexy wie bei Alexander Wang? Mit genialem Layering wie bei Phillip Lim oder schnarchiger Eleganz wie bei Oscar de la Renta? Und nicht einmal Materialmix ist ein neues Thema. Also abwarten und Matcha trinken. Die Rede von der „nächsten Saison“ ist übrigens bei ständigen Nachlieferungen und wichtiger werdenden Zwischenkollektionen ein Konstrukt aus vergangener Zeit. In New York werden Saisons nun ohnehin aufgelöst: Alexander Wang will in Zukunft wirklich im Juni und im Dezember seine Kollektionen zeigen. Und der Designerverband ist nun in Versuchung, Labels, die an Paris verlorengingen, mit einer spannenden Umgestaltung des Kalenders wieder von New York überzeugen zu können. In Paris wird man darüber lachen. Im Rest der Welt nicht – da interessiert’s nämlich niemanden.

Ein Trend immerhin ist auch in New York zu erkennen: sozialkritische Mode. Gibt es das wirklich noch, mode engagée? Ja, zumindest bei einem belgischen Designer: Für seine Kollektion unter eigenem Namen hat Raf Simons harte Drogen zum Thema gemacht – und dabei ausgerechnet an Berlin gedacht, nämlich an Christiane F. und ihren Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Simons zeigte (und trug!) ein T-Shirt mit dem Foto der Schauspielerin Natja Brunckhorst, die Christiane F. in Uli Edels Buchverfilmung aus dem Jahr 1981 spielte. Der Fünfzigjährige, der in Neerpelt im Norden von Belgien aufwuchs, nicht weit entfernt von der deutschen Grenze, nennt Christiane F. eine „Anti-Heldin“. Hoffentlich war das alles nicht als Kommentar zu seinem Zweitjob bei Calvin Klein gedacht (der eigentlich sein erster Job ist, bei einem Jahresgehalt von angeblich 20 Millionen Dollar). Denn Calvin Klein und Rauschgift – da war doch was? Ja, nach der Marke wurde sogar schon eine Droge benannt: Cocaine und Ketamin ergeben CK.

Und wie viel CK muss man genommen haben, um Philipp Plein zu lieben? Also nicht den Designer, der in wenigen Tagen 40 Jahre alt wird, denn der ist ein guter Typ, sondern seine überaus berauschte Mode. Dazu muss man wissen, dass in Amerika der Erfolg zählt, nicht unbedingt das Stilgefühl – französische Moderedakteurinnen machen sich gerne über den steifleinernen Auftritt ihrer amerikanischen Kolleginnen lustig. Kein Wunder also, dass Plein nun in New York lebt. Hier hat er viele Kunden, hier wird er nicht hämisch kritisiert wie in Deutschland, sondern für seinen Erfolg geliebt.

Noch größer geht es kaum. Vielleicht nur bei den Sportartikelherstellern. Adidas Originals hat zur Modewoche die Entwürfe der 23 Jahre alten Amsterdamerin Daniëlle Cathari präsentiert. Mit einer kleinen „Capsule“-Kollektion kann ein solcher Konzern nicht viel falsch machen, die bunten Entwürfe sind instagramfähig, also zukunftsgerecht, und mit Kendall Jenner als Werbegesicht wird schon nichts schiefgehen. Die Zusammenarbeit zeigt auch, dass das Thema „collaborations“ weitergeht – bei Adidas offenbar nicht nur mit Größen wie Pharrell Williams oder Stella McCartney, sondern eben auch mit einer 23 Jahre alten Designschülerin.

Und apropos Herzogenaurach: Rechtzeitig zur Modewoche zeigen Franzosen und Deutsche den Amerikanern, wie das auch gehen kann mit dem Erfolg. Der französische Kering-Konzern hat, wie am Dienstag bekannt wurde, vergangenes Jahr vor allem dank Gucci um 25 Prozent auf knapp 15,5 Milliarden Euro Umsatz zugelegt; und die Kering-Marke Puma hat erstmals mehr als vier Milliarden Euro umgesetzt. Vier Milliarden! Das lässt nicht nur die Nachbarn von Adidas neugierig werden. Die Nachricht war am Dienstag auch das Gespräch unter Modemanagern und Designern in New York. Denn da machte man zuletzt vor allem mit schlechten Nachrichten auf sich aufmerksam. Marc Jacobs muss viele Filialen schließen und bekommt von seinem Mehrheitseigner LVMH einen Designer zur Seite gestellt. Auch in den Büros von Ralph Lauren wird man über die unglaublichen Kering-Zahlen geredet haben – zum Glück stehen dort überall Schalen mit M&Ms herum, der Lieblings-Nervennahrung des obersten Chefs.

Auch nach der Modewoche geht es weiter mit der Mode. Das Metropolitan Museum wird unter dem Titel „Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“ vom 10. Mai bis zum 8. Oktober im Hauptgebäude sowie in den „Met Cloisters“ sakrale Kunst und weltliche Mode gegenüberstellen. Von Cristóbal Balenciaga über Elsa Schiaparelli bis John Galliano werden viele Stücke von Modemachern zu sehen sein. Für die meisten ist die Met-Gala zur Eröffnung mit all den Stars aber das größte Spektakel. Schließlich kommt es in New York noch immer auf die große Show an.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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