Prêt-à-parler

Eine Tasche von Ferdinand Kramer

Von Jennifer Wiebking
 - 12:16

Ausgerechnet Lore Kramer sagt von sich, sie gehe stets ohne Handtasche aus dem Haus. Ausgerechnet sie sagt, sie habe Taschen nie als Prestigeobjekte verwendet. Ausgerechnet deshalb, weil Lore Kramers Ehemann, der große Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer, in den sechziger Jahren für seine Frau zwei Taschen entworfen hat.

An diesem Wintertag also kommt sie, Jahrgang 1926, die selbst früher Professorin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach war, ohne Handtasche ins Atelier der Frankfurter Marke Tsatsas. Vor Jahren wird es viele Gelegenheiten gegeben haben, zu denen sie die Modelle, die ihr Ehemann für sie entworfen hatte, gerne trug. Heute hat sie die Taschen an ihre Töchter weitergegeben. Ein Modell für den Alltag, eines für den Abend. Besonders die Abendtasche war Lore Kramer lieb und teuer.

Der Architekt Ferdinand Kramer hat seine Spuren in dieser Stadt hinterlassen, mit dem Uni-Campus Bocken-heim zum Beispiel oder dem Neuen Frankfurt. Aber er hat auch in alle möglichen anderen Richtungen entworfen, hat sich um Möbel und Inneneinrichtung gekümmert. Sein erstes wichtiges Objekt war nicht umsonst ein Ofen, erdacht und entworfen im Schützengraben vor Verdun, als Soldat im Ersten Weltkrieg. Ein Ofen ohne Rohr – hochsteigender Rauch hätte dem Gegner seine Position sofort verraten. Nach dem Krieg installierte man den Kramer-Ofen in den Wohnungen des Neuen Frankfurt. „Der energieeffizienteste Ofen seiner Zeit“, sagt Lore Kramer. „Für Lilly Reich hat er einen besonderen entworfen, den Schiffmannsofen, mit geschwungenen Beinen“, ergänzt die jüngste Tochter Katharina, die heute mit ihrer Mutter gekommen ist.

Mit der Vertrauten von Ludwig Mies van der Rohe reiste Ferdinand Kramer in den zwanziger Jahren durch die Niederlande, nach England. Die Zeit prägte ihn beruflich wie privat. Denn über Lilly Reich lernte er seine erste Frau Beate kennen. 1938 flohen sie nach New York. Sie war jüdisch, und Kramer, als ihr Ehemann und als „entarteter Architekt“ im Dritten Reich gebrandmarkt, hatte Berufsverbot bekommen. „Seiner ersten Frau hat er sein Leben zu verdanken“, sagt Lore Kramer. Die Mutter habe ihn zuvor noch ausgestattet. Die Familie besaß ein renommiertes Hutgeschäft in der Innenstadt. „Smoking, Hemden mit Monogramm, und in New York trug man schon Jeans.“

1952 kam Ferdinand Kramer zurück nach Frankfurt, zunächst, um beratend am Bau der Universität tätig zu sein. Dann blieb er. 1961 heiratete er Lore Koehn und bekam mit ihr drei Töchter. Die Taschen entwarf er schnell nach der Hochzeit. Sie sind mehr als 50 Jahre alt, aber dem Design sieht man es nicht an. Das sagt auch Dimitrios Tsatsas vom Label Tsatsas, das eine der Taschen nun neu auflegt. Ihn und seine Partnerin Esther Schulze-Tsatsas habe die Geschichte von Ferdinand Kramer gereizt. „Dass man ihn gar nicht mit Taschen verbindet.“ Dafür, dass Lore Kramer die Original-Tasche damals doch oft getragen haben muss, spricht aber der Griff. Er sei irgendwann kaputtgegangen. Der Täschner musste ihn erneuern.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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