Empathie auf dem T-Shirt

Von FLORIAN SIEBECK, QUYNH TRAN UND JENNIFER WIEBKING
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08.07.2017 · In den letzten Tagen der Berliner Modewoche wird es internationaler. Gleich zwei Designer sind aus New York gekommen, aber die hier heimischen Modemacher haben auch etwas zu sagen.

William Fan

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William Fan saß in seinem alten Kinderzimmer zu Hause in Garbsen, in der Nähe von Hannover, als er auf die Idee kam, sich genau damit für den kommenden Sommer zu beschäftigen, mit seiner Heimat. Es ist eine Neunziger-Show der extremen Art, die Stoffe sind fließend bis steif, seine typische Hemdbluse vorne mit Reißverschluss versehen, der natürlich offen steht. Fans hat Fan mittlerweile genug, und in seinen Fan-Slogan-T-Shirts, hier im RTL- und MTV-Design, werden sie das Comeback der Neunziger weiter befeuern. (jwi)


Marina Hoermanseder

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Post-Soviet ist tot? Vielleicht, aber bei Hoermanseder ist Russland quicklebendig. Zum Auftakt schickt sie ein knallgelbes, tailliertes Regencape über den nassen Beton, gefolgt von einer Matroschka samt Twiggy-Make-up. Neben ihren an Prothesen angelehnten Showpieces verarbeitet die Österreicherin nun verstärkt Athleisure-Elemente zwischen Sportswear und Denim in ihre Kollektion. Anprobieren ist da fast nicht mehr notwendig: Wie alltagstauglich ein Look ist, lässt sich den Models direkt im Gesicht ablesen. (fsi)


Boss

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Bei Jason Wu, der neben seiner eigenen Marke die Damenlinie von Boss kreativ verantwortet, müssen Power-Frauen nicht unbedingt Power-Anzüge tragen. Gut, ein paar weite Hosen zu langen Blazer-Jacken sind in der St. Agnes Kirche zu sehen, aber das colour-blocking macht hier die Looks aus. ‎Dass Boss wieder in Berlin zeigt, ist übrigens eine gute Nachricht. Dass Jason Wu, dem es in dieser Kollektion um „die Energie der Stadt und das Erbe von Boss“ geht, auch dabei ist, eine Weitere. (jwi)


Vladimir Karaleev

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Disruption ist Vladimir Karaleevs Konstante. In dieser Saison hat er das Grundelement, eine Funktionsjacke, so perfekt deskonstruiert und rekonstruiert, dass das Funktionale einen kunstvollen Balanceakt zwischen Komfort, Eleganz und ästhetischer Zerstreuung schafft. Damit ist er schon seit Jahren vor allem im modisch experimentierfreudigen Japan erfolgreich. Fragt sich, wann dieser Mut hierzulande endlich kommt. (quyt.)


Dorothee Schumacher

Dorothee Schumacher ist eine Frau, die anderen Frauen aus der Seele spricht. Sie ist empathisch genug, um zu wissen, was sie anziehen wollen – heute mal ein kleines Bustier mit kristallbesetztem Kragen, morgen einen wasserabweisenden Parka, mal ein ponchogroßes Sweatshirt, und fast immer ein Maxikleid mit überlangem Gürtel darüber. Passt. (jwi)


Vanessa Schindler

Foto: EPA
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In ihrer Master-Kollektion hat die Schweizer Designerin Vanessa Schindler liquid anmutende, skulpturale Gebilde aus industriellen Polyurethanen geformt und damit nicht nur den Beinamen „Jellyfish Girl“, sondern auch den renommierten „Grand Prix du Jury Première Vision“ beim Hyères-Festival bekommen. Die Mischung aus Vintage und Futurismus ist übrigens Bruce Goffs Bavinger-Haus aus den Fünfzigern entlehnt, das es leider nicht mehr gibt. (quyt.)


Hien Le

Hien Le trägt zum Finale ein weißes T-Shirt mit rotem Herzen auf der Brust. Es ist aus seiner Kooperation mit Mini Cooper vom vergangenen Jahr. In seiner eigenen Kollektion für kommenden Sommer beschränkt er sich hingegen auf ein Minimum an Dekoration. Er ist schließlich der Minimalist von Berlin. (jwi)


Michael Sontag

Zum Abschluss wird es bei Michael Sontag ein bisschen nostalgisch. „Ein Zeichen für Berlin“, sagt er, soll die Kollektion sein. Jetzt, da die Modewoche am Scheideweg steht. Neben neuen Männerlooks, die an die Punk-Bewegung der achtziger Jahre erinnern, schweben seine gewohnt eleganten Seidenkleider ein letztes Mal durch das Kaufhaus Jandorf. Dazu stimmt Berliner Urgestein und Punk-Ikone Bettina Köster zum Adieu. Was jetzt kommt, wer weiß. (quyt.)


Prabal Gurung

Foto: Picture-Alliance
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Er ist der Stargast der Berliner Modewoche: Wenn zu den Coutureschauen in dieser Woche in Paris auch etliche Marken ihre besonders gut verkäuflichen Resort-Linien präsentieren, dann zeigt Prabal Gurung diese Zwischenkollektion in Berlin. Mit seinen Slogan-T-Shirts („The future is female“) traf er schon im Februar zur Herbstschau einen Nerv. Jetzt macht er weiter, etwa mit „Break down walls“, „Love is love“, „I am an immigrant“ zu besonders hübscher Blumenstickerei und großen Volants. „Ich möchte nicht, dass dieser Dialog nach einer Saison vorbei ist“, sagt er nach der Schau. (jwi)

Quelle: FAZ.NET