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Trendstück Brosche

Subtile Botschafter

Von Katharina Pfannkuch
 - 13:57
Mäßiges Protestsymbol: In den Vereinigten Staaten steht die simpelste aller Broschen, die Sicherheitsnadel, heute für die Solidarität mit Minderheiten. Bild: AFP, F.A.S.

Großmütter, aber auch Patentanten überreichen sie gerne mit feierlicher Miene zu besonderen Anlässen: liebevoll verpackte Schmuckschatullen - deren Inhalt nach kurzer Bedenkzeit oft bei Maximilian Hemmerle landet. „Ich habe schon so viele Broschen gesehen, die zu Anhängern oder Ohrringen umgearbeitet wurden“, erzählt der Münchner Juwelier, der mit seinem Unternehmen Renésim eine über 180 Jahre alte Familientradition fortführt.

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Sein Großvater René Sim Lacaze war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Chefdesigner von Van Cleef & Arpels, zu seinen persönlichen Lieblingsentwürfen gehörte eine Brosche in Schmetterlingsform. Der Enkel kann das gut nachvollziehen: „Eine Brosche zu entwerfen gehört zu den spannendsten Dingen, die ein Juwelier machen kann.“ Ein Grund mehr für Hemmerle, mit einer gewissen Wehmut zur Tat zu schreiten, wenn die Umarbeitung einer der feinen Anstecknadeln bevorsteht.

Broschen sind wieder im Trend

Lange galten Broschen als ungefähr so verführerisch und modern wie Stützstrümpfe oder beigefarbene Twinsets. Ein tragisches Schicksal, findet Hemmerle. Denn anders als bei Ketten, Armschmuck oder Ohrringen seien dem Broschen-Design viel weniger Grenzen gesetzt: „Die Natur können Sie hier deutlich freier, aber auch getreuer interpretieren.“ Doch aktuell stehen die Chancen für den Schmuckdesigner so gut wie lange nicht mehr, auch in Sachen Brosche wieder häufiger kreativ werden zu können.

Die Schauspielerin Uma Thurman zog bei der jüngsten Met-Gala in New York mit einer überdimensionalen, diamantbesetzten Brosche von Cartier am schlichten Kleid alle Blicke auf sich. Besondere Exemplare wie die Lieblingsbrosche von Margaret Thatcher, eine 200 Jahre alte, ebenfalls mit Diamanten verzierte Blume, erzielen bei Auktionen Spitzenpreise. Auch große Labels setzen seit einigen Saisons wieder auf kunstvolle Anstecker.

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Auch die Modeketten ziehen mit

Schmetterlinge bei Chanel, zarte Porzellan-Pins bei Céline und schwarze Blumen bei Oscar de la Renta ließen die amerikanische „Vogue“ bereits über das „überraschend schicke Comeback“ der Brosche jubeln. Als Vorbild für deren perfekte Inszenierung wird gerne auf die zur Modeikone ernannte Serienfigur Carrie Bradshaw verwiesen, die schon vor zehn Jahren mit Broschen in Form großer Blumen oder der Initialen von Coco Chanel am Revers in „Sex and the City“ durch New York flanierte.

Nun hat der einstige Geheimtipp unter den Accessoires auch große Ketten von C&A bis Zara erreicht. In jeder Modeschmuckabteilung findet sich mittlerweile eine riesige Auswahl an Broschen in Blumen-, Einhorn- oder Schleifenform, knallbunter Buttons mit Aufdrucken wie „Girl Power“ und überdimensionaler Sicherheitsnadeln, an denen kleine Anhänger baumeln. Sie alle warten darauf, an Revers, Mützen oder sogar Taschen gesteckt zu werden, zitieren humorvoll die Anstecker der Protestbewegungen aus den siebziger und achtziger Jahren oder spielen ironisch mit Vintage-Zitaten.

Schmuckstück mit staatstragendem Charakter

Festlich oder damenhaft wirken sie nicht mehr, eher verspielt und humorvoll. Das findet Cornelie Holzach, Leiterin des Schmuckmuseums Pforzheim, wenig überraschend: „Die Freizeitkleidung hat sich verändert. Zum T-Shirt oder Anorak passt eine mit Juwelen besetzte Brosche eben nur bedingt.“ Erst im Frühjahr zeichnete ihr Museum mit einer Ausstellung die Geschichte der Brosche von der Bronzezeit bis in die Gegenwart nach.

Bis in die sechziger Jahre sei es vollkommen üblich gewesen, zum Kostüm eine Brosche zu tragen. Doch seit Kostüm, Blazer und Etuikleid fast nur noch im Berufsleben oder bei festlichen Anlässen getragen wurden, verschwand auch die obligatorische Anstecknadel zunehmend aus dem Alltag. Nun galt sie als damenhaft und bieder statt modisch oder gar mondän. Prominente Broschen-Liebhaberinnen verliehen der Brosche auch noch einen staatstragenden Charakter.

Statements durch die Brosche

Madeleine Albright etwa betrat die politische Bühne so gut wie nie ohne eine ihrer über 200 Broschen am Revers. Kein Wunder, meint Juwelier Hemmerle: „Mit einer Brosche kann man seinem Gegenüber schnell eine Botschaft senden. Natürlich ginge das auch mit einem bedruckten T-Shirt, aber die Brosche ist ein pointierteres Detail. Viele bedeutende Persönlichkeiten nutzen sie dafür.“ Vielleicht fiel Albright die Vorstellung ihrer selbst im lässigen T-Shirt ebenso schwer wie dem Rest der Welt. Sie bevorzugte jedenfalls die Botschaft per Brosche.

Als irakische Medien sie in den neunziger Jahren wegen ihrer Kritik an Saddam Hussein als „beispiellose Schlange“ bezeichneten, trug Albright beim nächsten Zusammentreffen mit den Journalisten eine Brosche in Schlangenform. Auch wenn der Sicherheitsrat tagte, habe sie ihre Anstecknadeln mit Bedacht gewählt, erzählte die ehemalige amerikanische Außenministerin 2010 in einem Interview. An guten Tagen habe sie ihre Blazer mit Blumen, Schmetterlingen oder Luftballons verziert, vor schwierigen Beratungen habe sie Käfer oder fleischfressende Tiere gewählt.

Vom spießigen Anstecker zum begehrten Accessoire

Die Brosche als subtiler Botschafter bewährt sich auch in royalen Kreisen. Ausgerechnet dort bekommt ihr großmütterlicher Charme eine ganz neue Dimension: Als Prinz William und seine Frau Kate in diesem Jahr nach Kanada reisten, trug die zum modischen Vorbild von Millionen junger Frauen avancierte Herzogin ein goldenes Ahornblatt am Revers.

Genau diese Brosche trägt auch Königin Elisabeth II. seit 1951 stets bei ihren Kanada-Besuchen. Die Leihgabe an Kate sollte die Verbundenheit zum Gastgeber zeigen - und machte ganz nebenbei aus dem einst als spießig verschrienen Anstecker ein begehrtes Accessoire. Wer den Look detailgetreu kopieren möchte, wird in der „Royal Gift Collection“ des Buckingham-Palastes fündig: Für rund 100 Euro sind dort Replikate des funkelnden Ahornblattes zu haben.

Die zweite Karriere der Brosche

Der Weg zu solch filigranen, aufwendig verzierten Anstecknadeln war lang. Seit der Bronzezeit hielt man Kleidung und Felle mit Knochen- oder Hornnadeln zusammen. Knöpfe gab es zwar schon im Mittelalter - da aber noch niemand das Knopfloch erfunden hatte, dienten sie nur der Zierde. Man war also auf die sogenannte Fibel angewiesen, die zunehmend auch aus Bronze oder Gold hergestellt und schließlich mit Ornamenten oder Perlen verziert wurde.

Als dann im 13. Jahrhundert endlich das Knopfloch ganz neue textile Möglichkeiten erschloss, begann die zweite Karriere der Brosche: Sie wurde zum reinen Schmuckstück. Ihren großen Durchbruch verdankt sie der am Hof von Ludwig XIV. verkehrenden, als Madame de Sévigné bekannt gewordenen Marie de Rabutin-Chantal. Deren mit Diamanten besetzte „Mascherl-Broschen“ in Form von Schleifen wurden zum It-Piece des 17. Jahrhunderts.

Auch Männer trugen einmal Broschen

Auch Männer trugen damals gerne üppig verzierte Broschen. „Sie legten in dieser Zeit bisweilen mehr Wert auf Schmuck als Frauen“, betont Holzach. Das habe sich ab dem 19. Jahrhundert geändert: „Nicht nur das Selbstbewusstsein des Bürgertums, auch die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenbekleidung wurden jetzt größer und sichtbarer. Vor allem die Herrenmode war eher schlicht, die Farben gedeckt. Man wollte sich bewusst vom Adel abgrenzen.“ Ernstes Arbeitsethos galt nun als schick - verspielte Outfits passten nicht zum Selbstverständnis des hart für seine Familie arbeitenden Mannes.

Juwelier Hemmerle greift nur zur Brosche, wenn er seine Firma auf Veranstaltungen repräsentiert. Dann aber trage er ein ganz besonderes Stück: „Eigentlich ist es eher ein Pin, ein Schmetterling in geschwärztem Gold mit einem kleinen Diamanten.“ Dieser Schmetterling sei dem besagten Lieblingsstück seines Großvaters nachempfunden - und komme so gut bei den Kunden an, dass er als „Holly Blue“ mittlerweile fester Bestandteil der Kollektion sei.

Sicherheitsnadeln als Zeichen der Solidarität

Wie klein eine Brosche auch sein mag, Signale sende sie immer, meint Museumsleiterin Holzach: „Wer kostbaren Schmuck trägt, zeigt damit, dass er zu einer wohlhabenden Schicht gehört und einen gewissen gesellschaftlichen Status hat.“ Auch die Entscheidung gegen edles Gestein drücke etwas aus. Die Punkbewegung erkor ab den siebziger Jahren wie Broschen getragene Sicherheitsnadeln zu ihrem Symbol, zwei Jahrzehnte später zitierten Gianni Versace und John Galliano dieses Element der Protestkultur in ihren Luxusroben.

Aktuell wird die Sicherheitsnadel wieder zum symbolträchtigen Accessoire: Nach dem Brexit bekundeten zunächst Briten mit Sicherheitsnadeln am Revers ihre Solidarität mit Minderheiten, die wachsenden Nationalismus und Ausgrenzung fürchten. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump soll die sichtbar angebrachte Nadel nun auch in den Vereinigten Staaten jenen Gruppen, die Trump im Wahlkampf stigmatisierte, ein Gefühl von Sicherheit und Beistand vermitteln.

Broschen sind kein Statement mehr

Kritiker sehen darin vor allem eine Form der Gewissensberuhigung für die weiße Mittelschicht. Styling-Tipps der amerikanischen „Vogue“ für die perfekte Symbiose aus gesellschaftlicher Solidarität und modischem Schick - eine Jeansjacke mit Sicherheitsnadel von Designer und Clinton-Unterstützer Marc Jacobs für rund 700 Euro gehört zu den Vorschlägen der Redaktion - verstärken diesen Argwohn noch.

Ein gesellschaftspolitisches Symbol derart zu inszenieren, mag auf den ersten Blick fragwürdig anmuten. Doch das neue Interesse an einem der ältesten Accessoires der Welt dürfte vor allem dazu führen, dass unverhoffte Broschen-Besitzerinnen nicht mehr grübeln, ob sie das Stück nun zu einem Anhänger oder doch lieber zu Ohrringen umarbeiten lassen. Die einzige Frage, die eine Brosche heute noch aufwirft, lautet, zu welchem Outfit sie wohl am besten passt.

Quelle: F.A.S.
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