Eine neue Heimeligkeit

Mailand: Hotel „Room Mate Giulia“, gestaltet von Patricia Urquiola. Foto: Ricardo Labougle

Eine neue Heimeligkeit erobert die Welt: Hotels, Büros, selbst Züge oder Flugzeugkabinen sehen plötzlich wie Wohnzimmer aus. Alles soll sich anfühlen wie zu Hause. Warum?

05.04.2018

Text: FLORIAN SIEBECK

„Ett Hem“ heißt das kleine Hotel im Botschaftsviertel im Norden Stockholms: „Zu Hause“. Es hat zwölf Zimmer, skandinavische Möbel; Klassiker sind darunter, aber auch Produkte junger Hersteller. Draußen lädt ein kleiner Garten zum Frühstück oder abends zum Wein ein. Nichts versteckt sich an diesem Ort, an dem man sich gleich so fühlt, als gehöre man hierhin. Im Internet überschlagen sich die Gäste mit Spitzenbewertungen, was ungewöhnlich ist, denn normalerweise hat ja irgendwer immer etwas zu meckern. Manche schwärmen, hier hätten sie einige der schönsten Tage ihres Lebens verbracht. Andere sagen, sie würden sofort hier einziehen. „Sie wissen vielleicht nicht, warum sie sich so fühlen“, sagt Ilse Crawford, „aber alles ist orchestriert.“

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Ilse Crawford hat „Ett Hem“ mit dem Architekten Anders Landström umgestaltet, ein Gebäude, das 1910 als Privathaus errichtet worden war, in einer Zeit also, in der das Haus in Skandinavien zum Mittelpunkt des Lebens wurde. Damals entstand ein Lebensgefühl, das heute eines der zehn dänischen „Grundwerte“ ist und ganze Regalmeter in deutschen Zeitschriftenläden füllt: „hygge“. Das Wort kann ungefähr mit „Gemütlichkeit“ übersetzt werden und ist verwandt mit dem kanadischen „hominess“ – Ilse Crawfords Mutter war Dänin, ihr Vater Kanadier, vielleicht ist das ein Zufall. Vielleicht aber auch nicht.

Stockholm: Hotel „Ett Hem“, gestaltet vom Studio Ilse Foto: Magnus Marding

Wo heute Räume gestaltet werden, gebe es einen wesentlichen Fehler, sagt Ilse Crawford: Designer würden erst ganz am Ende dazugeholt, wenn ein Projekt schon fast fertig und das Budget meist weitgehend aufgebraucht sei. Dann könnten sie nur noch an der Oberfläche kratzen. Dabei müssten Designer doch das Menschliche einbringen, das Unmessbare: das gute Gefühl, die Wärme, den Geruch, den Geschmack, die Geborgenheit – Faktoren, die in keine Exceltabelle passen. Sie wolle Orte schaffen, die man sich zu eigen machen könne. Mit ausbalancierten Materialien („sanft ist sanfter, wenn es gegen rauh ausgespielt wird“) wie Backstein, Eiche, Marmor, Kork, Wolle. „Materialien sagen immer die Wahrheit.“

Das Konzept von „Ett Hem“ begann mit der Frage, wie man Gästen heute besondere Wertschätzung entgegenbringen kann. Hotels böten oft viel Service, aber Interaktion finde kaum statt. Ihr Ansatz: „Luxus ist Aufmerksamkeit.“ Acht Monate verbrachte sie mit der Inhaberin Jeanette Mix, ließ sich Orte in Stockholm zeigen, die sie mag. Sprach über Werte, Genuss und Rituale. Das Ergebnis: Im „Ett Hem“ gibt es keine Trennung zwischen Back Office und Front Office, „die Menschen verstellen sich sonst“, sagt Crawford. Die Küche wird von Köchen wie Gästen genutzt, aber der Koch ist stets auf Abruf da; der Kühlschrank steht Gästen ohnehin immer offen. Check-in und Check-out finden da statt, wo der Gast es will. „Ett Hem“ ist ein Ort, an dem Gäste Freunde sein sollen – oder sogar Familie. Das ist Crawfords Credo: Wir wollen uns überall wie zu Hause fühlen.


Reisende wollen heute keine Touristen mehr sein, sondern lieber Einheimische auf Zeit, die den Eindruck haben, gute Freunde zu besuchen. Das drückt sich im Design aus.
MAX MUSTERMENSCH

Mit gerade einmal 27 Jahren wird sie 1989 Gründungschefredakteurin der englischen „Elle Déco“. Während sich die meisten Wohnillustrierten damals mit Country Houses beschäftigten, zeigte sie moderne Orte, setzte auf Wohlbefinden statt Showmanship. Sie betrachtete Design mit einer Ernsthaftigkeit, die bis dahin in England eher unbekannt war. 1997 schreibt sie ein Buch: „The Sensual Home: Liberate Your Senses and Change Your Life“. Donna Karan liest es und bittet sie, eine Linie für Bett und Bad aufzubauen – nach zehn Jahren im Journalismus geht sie nach New York.

Ilse Crawford bezeichnet sich als „Decorator“, nicht als „Interior Designer“, das klingt ihr zu abgegriffen. 2001 gründet sie in London das „Studio Ilse“, gestaltet das „Babington House“ in Somerset und das „Soho House“ New York. Schnell macht sie sich einen Namen, ihr Veränderungswille wird zum Markenzeichen: „Die meisten Räume, in denen man sich aufhält, sind kalt.“ Sie aber will Räume schaffen, die nicht nur auf Bildern gut aussehen, sondern die sich auch im wahren Leben gut anfühlen. „Wir glauben, dass es dabei vor allem ums Zuhören und Zuschauen geht, bevor man Entscheidungen trifft.“ Schließlich würden wir fast neun Zehntel unserer Zeit in Räumen verbringen, die also allein dadurch maßgeblich beeinflussten, wie wir uns fühlen. Crawford will diesen Räumen eine Seele geben.

Berlin: gemeinschaftliches Arbeiten in lässiger Atmosphäre bei WeWork Foto: WeWork

In einer Welt, in der Reisende nicht mehr Touristen, sondern Einheimische auf Zeit sein wollen, verfolgen immer mehr Hotels diesen Ansatz – nicht zuletzt, weil Nutzer für eine Airbnb-Nacht im Durchschnitt mehr Geld ausgeben als für eine im Hotel. Der New Yorker Hotelier Ian Schrager sagt: „Die Idee von Luxus hat sich gewandelt. Heute geht es nicht mehr darum, wie viel etwas kostet – sondern wie es sich anfühlt.“ Der Idee folgt auch die Hotelkette Room Mate, die vom ehemaligen Olympioniken Enrique Sarasola gegründet wurde. Der Philosophie des Unternehmens zufolge ist der beste Weg zu reisen, Freunde zu besuchen, „deren Lebensstil, Wohnung und Expertise einen gleich zu Hause fühlen lassen“.

Eines seiner neueren Häuser, das „Room Mate Giulia“, steht in Mailand – 85 Zimmer, Domnähe – und wurde von Patricia Urquiola entworfen. „Die Räume sind typischen italienischen Wohnsituationen nachempfunden, mit einem leichten Vintage-Touch“, sagt die berühmte Designerin. „So sollte ein familiärer Ort entstehen, an dem Gäste alles finden, was sie brauchen – und an dem sie sich für den Zeitraum ihres Aufenthaltes zu Hause fühlen.“ Urquiola wurde bei der Gestaltung vollkommen freie Hand gelassen, es gab keinerlei Vorgaben. „Die Gestaltung lebensnaher Räume ist ein zunehmender Trend in der Branche“, sagt Elena Marrero, Geschäftsführerin der Hotelgruppe. „In der Lobby fing es an und breitet sich nun über alle anderen Bereiche aus, vom Frühstücksraum bis zum Doppelzimmer.“

Mailand: Designerin Paricia Urquiola wollte einen familiären Ort schaffen. Foto: Ricardo Labougle

Urquiola entschied sich, nah am Spirit von Mailand zu bleiben, das Hotel sollte die Stadt in ihren Farben, Bildern, ihrer Ironie und in ihrer Strenge widerspiegeln. Sie sammelte Fotografien, Illustrationen und Malereien von Mailänder Künstlern, weil die grafischen Künste ein wichtiges Element in der Kulturgeschichte der Stadt sind (die Hotelkette unterhält sogar eine eigene Kunstsammlung). Sämtliche Zimmer wurden vom Hersteller Cassina nach Maß ausgestattet – das kam nicht von ungefähr, bei dem Unternehmen ist Urquiola schließlich Art-Direktorin: „Ich denke die Umgebung als Ganzes, vom emotionalen Einfluss aus, den sie auf den Nutzer hat, und entwickle davon ausgehend meine Vision. Besonders die Bereiche, in denen man mit anderen interagiert, sind für Hotels sehr wichtig, sie machen seinen Erfolg aus.“

Woher kommt sie, die neue Lust auf das, was im angelsächsischen Raum gern als „home away from home“ beschrieben wird? „Durch die Globalisierung findet eine Identitätsverschiebung statt“, sagt Marcus Naumann von der Strategieberatung Child, der Firmen heute berät, damit sie morgen noch relevant sind. Eine mobiler werdende Generation der Rastlosen sucht sich ihre Heimat abseits vom eigentlichen Wohnort. „Heimat ist ein Gefühl, das sich simulieren lässt, weil es kulturellen Mustern folgt. Es geht vor allem um Geborgenheit – und die kann man auch als Marke oder Ort nachbauen, selbst als Arbeitgeber.“ Durch den Wegfall von Gerätschaften, Hierarchien und festen Schreibtischen werde auch der Arbeitsplatz zu einem Ort, an dem Unternehmen sich eine Identität erschaffen können, die zu ihnen passt. Besonders in der Geschäftswelt habe das Interieur eine starke Macht.


Eine mobiler werdende Generation der Rastlosen sucht sich ihre Heimat abseits vom eigentlichen Wohnort. Heimat ist ein Gefühl, das sich simulieren lässt.
MAX MUSTERMENSCH

Viele Unternehmen haben sich in den letzten zehn Jahren radikal verwohnlicht, um flacheren Hierarchien zu entsprechen und um den Kampf um die besten Köpfe zu gewinnen, die genau so eine Umgebung fordern. Ein angenehmer Gemeinschaftsraum statt vieler Konferenzsäle, eine mächtige Küche, Sitzsäcke, so was. Wenn Mark Zuckerberg seine Videobotschaften ans Volk richtet, sieht es aus, als säße er in seinem Wohnzimmer. Airbnb hat Meetingräume auf der Plattform vermieteten Wohnungen nachempfunden. Apple baut sich gerade einen Campus, der nach Ansinnen von Steve Jobs „die besten Büros“ der Welt bieten soll.

Für diese Entwicklung gibt es zwei Gründe: Zum einen soll den hochqualifizierten, begehrten Absolventen der Übergang von der Universität zur Anstellung so angenehm wie möglich gestaltet werden, sie sollen ihren „sorglosen Lifestyle“ ruhig in die Firma mitnehmen. Zum anderen sollen sie in der neuen Umgebung gerne Zeit verbringen, wenn es geht, vielleicht auch etwas mehr, als im Vertrag geregelt ist. Zugleich findet generell eine Verschiebung statt: Das Privatleben darf heute auch im Büro stattfinden, der Arbeitnehmer darf sein eigener „Lebensadministrator“ sein, solange es gemäßigt vonstattengeht. (Selbst die Firmen, die lange das Home Office propagierten, holen ihre Schäfchen langsam wieder zurück.) Der Boom an Freelancern, Start-ups und kleinen Agenturen ist ein weiterer Faktor. Mehr und mehr Gemeinschaftsbüros und Coworking Spaces entstehen – teilweise in Wohnhäusern –, einer gemütlicher als der andere. Die oft bemühte und früher bewusst gezogene „Grenze zwischen Arbeit und Privatleben“ verschwimmt nicht nur, in den Köpfen mancher junger Menschen existiert sie gar nicht mehr.

New York: „Das Büro wie eine Wohnung gestalten.“ Hier: Digitalagentur Objective Subject … Foto: Nicole Franzen
… entworfen vom Architekturbüro GRT Foto: Nicole Franzen

Einer der größten Anbieter für gemeinschafliches Arbeiten ist WeWork, dessen Mitglieder in mehr als 200 Büros in 20 Ländern ihr MacBook aufstellen können. WeWork hat Bars und Essensstationen und sieht oft eher nach einem großzügigen Wohnzimmer als einem Büro aus. Die verschiedenen Wohn- und zugleich Arbeitslandschaften sollen auch zu verschiedenen Stimmungen passen, das ist gerade in der Kreativbranche wichtig, wo ein Wechsel der Umgebung immer noch als mögliche Quelle für neue Gedanken gilt.

Eine Firma, die diesem Prinzip folgt, ist die Digitalagentur Objective Subject in New York. „Wir wollten das Büro wie eine Wohnung gestalten“, sagt Rustam Mehta vom Architekturbüro GRT, „weil die Agentur eine klare Ansage machte: Wenn man den Großteil seiner Zeit bei der Arbeit verbringt, gibt es keinen Grund, das Büro nicht dem Komfort und der Raffinesse anzupassen, die man von seiner Wohnung erwartet.“ Objective Subject sitzt in einer ehemaligen Dachgeschosswohnung unweit des Flatiron Buildings, das Haus stammt aus dem 19. Jahrhundert. Den Grundriss ließen die Architekten unverändert: „Wir haben die drei Räume so behandelt, als wären es Zimmer einer Wohnung“, sagt Mehta. „Sie sollten sich wie eine Einheit anfühlen, aber unterschiedlichen Zwecken dienen.“


Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen nicht nur stärker, bei jüngeren Leuten existieren sie gar nicht mehr.
MAX MUSTERMENSCH

Der Besucher betritt die Agentur über eine großzügige, in Altrosa gehaltene Küche mit Stehtischen, die zum einen für die Arbeit mit großen Ausdrucken verwendet, aber auch für informelle Treffen genutzt werden können. Hinter einer Glastür gelangt der Besucher zu einem hohen Raum mit fünf Meter hohem Sheddach, der vollkommen mit dunkelblauem Teppich ausgestattet ist. Auch wenn er wie ein Ruheraum wirkt: Hier finden Kundengespräche und Meetings statt. Allfällige Schreibtischarbeit wird in einem anliegenden „Büro“ erledigt. „Es ist an der Zeit, über die zwei dominanten Büroparadigmen – Work-as-Play und Open-Plan – hinwegzuschauen“, sagt Mehta. „Büros sollten nicht anders gestaltet werden als Hotels oder Wohnungen.“

Eine Prämisse, der nicht nur die New Economy folgt, wie die Anwaltskanzlei Moron in Monte Buey zeigt, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Buenos Aires und Córdoba. „Der Bauherr ist ein junger Anwalt, der der Gestaltung seiner Büroräume sehr offen gegenüberstand“, sagt Architekt Nicolás Mogetta vom Architekturbüro Bamo. Er wollte eine zurückgenommene, einfache Atmosphäre mit privatem Charakter – die Architekten gaben ihm ein häusliches Ambiente mit warmem Holz und Wohnzimmermöbeln.

Argentinien: Anwaltskanzlei Moron, gestaltet vom Architekturbüro Bamo Foto: Gonzalo Viramonte

„Wir wollten weg von der oft dunklen und nicht sehr einladenden Einrichtung, die traditionell in Kanzleien vorherrscht“, sagt Mogetta. „Wir wollten eine vollkommen neue Typologie schaffen.“ Die Herausforderung sei gewesen, ein offenes Büro zu gestalten, das zugleich die Privatsphäre der Mandanten wahrt. Eine Außenmauer aus Sichtbeton schützt das Grundstück zur Straße hin und ermöglicht die Öffnung des Innenraums zum Garten. „Wir dachten, dass er beim Arbeiten vielleicht gern nach draußen schauen würde.“ Licht, Landschaft und Wärme seien die wichtigsten Prioritäten gewesen für das Büro, das der Architekt als „einfach, warm und maskulin“ beschreibt.

Eine halbe Weltreise weiter, in der Stadt Kaohsiung in Taiwan, steht das Haus „H“ – Arbeitsplatz und Möbelgeschäft zugleich. Der jetzige Eigentümer nutzt es gelegentlich sogar selbst als Wohnhaus (schließlich gibt es eine voll ausgestattete Küche und ein Bad). Das Architekturbüro Hao, das den Auftrag zur Umgestaltung des 37 Jahre alten Gebäudes bekam, hatte viel zu tun: Vorherige Besitzer hatten das Objekt bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die dunkle Wandvertäfelung kam ab, Trennwände wurden aufgebrochen, Fenstergitter gelöst und die Treppe nach draußen verlegt, „um dem Haus seinen alten Charme zurückzugeben“. Die in unseren Breiten seltener vorkommende Split-Level-Bauweise mit versetzten Geschossen wurde durch Glaswände offengelegt. „Wir haben das Haus so angelegt, dass es den Besuchern ermöglicht, die verschiedenen Bereiche nach und nach zu entdecken“, sagen die Architekten. Im Garten ist sogar ein Café untergebracht.

Taiwan: Haus „H“, gestaltet von HAO Design Foto: HAO Design
Haus „H“ ist Arbeitsplatz, Möbelgeschäft und manchmal auch Wohnhaus zugleich. Foto: HAO Design

Mehr und mehr Geschäfte besonders in den asiatischen Megacitys setzen auf diese hochkontemplative und heimelige Verkaufsatmosphäre (für die sich ein Möbelgeschäft zugegebenermaßen besser eignet als ein Handwerkerladen). Denn die Landflucht treibt immer mehr Menschen in Städte, der Wohnraum verknappt sich. Wohnen findet nicht mehr nur im eigenen Haus statt, sondern dezentralisiert sich, sogar in den Einzelhandel. Geschäfte wiederum, sorgfältig „instagramoptimiert“, öffnen sich der Welt und werden zu neuen Zentren der Begegnung. Der Einkauf wird zur „immer si ve experience“, einem „eindringenden Erlebnis“.

In einer Welt, in der sich Wohnungen vielleicht bald auf das Wesentliche reduzieren lassen (das traditionelle Familienmodell verschwindet; es kochen so wenige Menschen wie nie zuvor; et cetera) entstehen Orte, die weniger zweckgebunden sind als früher, die stattdessen Arbeit, Privates und Soziales im Einklang verbinden sollen. Das Leben findet verstärkt und für immer mehr Menschen en passant statt, auf der Straße, zu Wasser und in der Luft. Sie arbeiten im Zug, bald schlafen sie vielleicht auch mal im Auto, wer weiß das schon. Die Deutschen sind angeblich so viel unterwegs, dass VW-Markenchef Herbert Diess kürzlich sagte, man müsse die Autos anders gestalten: „Die Leute wollen wie im eigenen Wohnzimmer sitzen.“

Hongkong: „Pier First Class Lounge“ von Cathay Pacific, gestaltet vom Studio Ilse Foto: Lit Ma

In Japan, wo man in diesen Dingen ja immer etwas weiter als der Rest der Welt zu sein scheint, wurde vor nicht allzu langer Zeit der Shiki-Shima-Zug vorgestellt, mit Kamin, Badewanne aus Zypressenholz und Panoramablick. Drei Nächte im Shiki-Shima als einer von 34 Passagieren kosten mit gut 6000 Euro so viel wie der Flug von Frankfurt nach Singapur in der neuen First Class von Singapore Airlines, deren große Vorzüge vor allem mit der „intimen Privatsphäre“ beschrieben werden: Sechs „Suiten“ wird es in jedem A380 geben, vier Jahre hat ihre Entwicklung gedauert, der Umbau der 19 Flugzeuge (inklu sive neuer Business- und Economy- Sitze) kostet knapp eine Milliarde Dollar. Da gibt es ein Doppelbett samt sepa raten Sesseln (damit man nicht das eine mühselig in das andere umwandeln muss) von der italienischen Manufaktur Poltrona Frau und auch einen schwenkbaren 32-Zoll-Fernseher. „Ein Raum, der persönlich wird“, nennt Singapore Airlines das.

Gutes Design lässt uns komfortabel und sicher fühlen. Es geht um Wertschätzung und emotionale Wärme – um Orte des Heimkehrens, egal, wo sie sein mögen.

Geht es nach Ilse Crawford, sollte sich Design nicht nur höheren Einkommensklassen andienen. Auch wenn sie die Vielflieger-Lounges von Cathay Pacific an zwölf Flughäfen gestaltete (als Orte, an denen nicht gleich die Champagnerkorken knallen müssen, sondern als Rückzugsorte für müde Reisende – mit gutem Essen, wenig Augenkontakt und, ganz wichtig: vielen Steckdosen) –, sie entwarf auch eine Reihe von erschwinglichen Möbeln für Ikea, „um zu zeigen, dass die Idee von Dingen für eine menschlichere Umgebung auch im Massenmarkt funktionieren kann“, und in den nächsten zehn Jahren wird sie alle Restaurants der schwedischen Kette überholen. Da geht es um 640 Millionen Kunden im Jahr, das ist auch für die Expertin eine neue Herausforderung.

London: „Refettorio Felix“, Gemeinschaftszentrum mit Armenspeisung. Foto: Tom Mannion

In einer ehemaligen Londoner Kirche hat sie, in weitaus kleinerem Maßstab, jüngst das Projekt des Koches Massimo Bottura unterstützt: „Refettorio Felix“ ist ein Gemeinschaftszentrum mit angeschlossener Armenspeisung. „Bei sozialen Projekte steht Ästhetik oft hintenan“, kritisiert Crawford. „Wenn man diese Orte schön machen kann, zeigt es, dass man sich für die Menschen interessiert. Ein ästhetisch ansprechender Ort bringt nicht nur Würde, sondern lässt die Besucher auch mehr Zeit an ihm verbringen, macht sie freier, Kontakte zu knüpfen.“ Oft machten knappe Budgets und Zeitmangel oder Vorschriften des Gesundheitsamtes die Sache schwierig, aber es sei möglich, einen Mittelweg zu finden. „Ich habe einmal gelesen, dass das Gefühl der Obdachlosigkeit für die meisten Menschen eines der schlimmsten Gefühle ist, die man empfinden kann.“

Mit gedeckter Wandfarbe und tiefhängenden Leuchten, die das hohe Kirchenschiff weniger einschüchternd wirken lassen, schafft sie ein Gefühl von Intimität; natürliches Licht und Zimmerpflanzen bringen zusätzlich eine warme Atmosphäre. Es gibt eine Leseecke, einen Beratungsraum, ein kleines Kino und eine richtige Gastro-Küche. Die Möbel wurden von den Herstellern gestiftet, von Vitra und Alessi, Artemide und einigen mehr. „Wenn etwas gut aussieht, dann machen die Firmen da auch mit“, ist ihre Erfahrung. Gutes Design erleichtere auch die Vermietung des Ortes für abendliche Veranstaltungen, um so wiederum die Arbeit der Menschen dort zu refinanzieren.

Ilse Crawford hat die ehemalige Kirche gestaltet: „Ein ästhetisch ansprechender Ort bringt Würde.“ Foto: Tom Mannion

Design gibt unserem Leben einen Rahmen, sagt Ilse Crawford. Ihre Projekte sind Orte des Heimkehrens, „samt der Rhythmen und Rituale des täglichen Lebens, dem Gefühl von Sicherheit, Wertschätzung und emotionaler Wärme“. Ihr humanistischer Designansatz setzt Standards in einer Welt, in der die Sehnsucht nach Verbundenheit wieder spürbar stärker wird. „Beim Design geht es vordergründig nicht um die Ästhetik, sondern darum, wie sich Menschen komfortabel und sicher fühlen.“ Design ist eben nicht bloß einfach ein Look, sondern schafft eine Umgebung für Prozesse, die das Leben besser machen können. Weil Wohnen keine intellektuelle Herausforderung ist, sondern eine urkörperliche Erfahrung.

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Quelle: F.A.Q.