Interview mit Carmel McCreagh

„Die Sixties waren nur swinging für alle, die nicht da waren“

Von Jennifer Wiebking
 - 10:47

Carmel McCreagh, Sie sind Irin, aber haben in den sechziger Jahren an der Londoner Carnaby Street in einer Boutique gearbeitet. Wie sind Sie da hingekommen?

Ich bin schon mit zehn Jahren nach England gezogen, direkt nach London. Das war 1958. Mein Vater hat damals dort gearbeitet, deshalb sind wir nachgezogen. Mit 16 Jahren habe ich dann eine Ausbildung bei John Cavanagh gemacht, einem der großen britischen Designer der Zeit. Er hat auch für die Königin entworfen. Ich hatte damals vor, selbst einmal Modemacherin zu werden, und lernte, was ein richtiger Schnitt war. Von da aus bin ich an die Carnaby Street gekommen, zu John Stephen. Die Straße war damals so aufregend, da wollte ich dabei sein.

John Stephens zweiter Name war „König der Carnaby Street“. Er stand für die neue Mode, die nicht so teuer war und die man sich daher umso öfter leisten konnte. An der Straße gibt es seit 2005 eine Gedenktafel, die an ihn erinnert.

Er war der Erste an der Carnaby Street. Vermutlich war ich ganz interessant für ihn, denn ich kannte mich mit Proportionen, Größen und Farben aus. Ich habe damals dort einfach vorbeigeschaut, hatte ein Vorstellungsgespräch, das war's.

Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe verkauft und mehrere Läden an der Carnaby Street verantwortet.

Wie war die Stimmung?

Es war immer viel los, wir waren sehr auf unsere Arbeit konzentriert. Wir sagen bis heute: Die Swinging Sixties waren nur swinging für jene, die nicht da waren. Es war ein ernsthaftes Geschäft, und John Stephen war ein ernsthafter Mann. Wir verkauften auf Provision, und man brauchte viel Provision, um gut zu leben.

Wie viel haben Sie verdient?

Ach, irgendwas zwischen sieben und zehn Pfund die Woche.

Stimmt es, dass die Kleidungsstücke, die es da gab, nicht gut verarbeitet waren?

Es gab bessere und schlechtere. In den frühen Jahren war die Qualität besser, denn in den Hinterzimmern arbeiteten noch Schneider. Wer an der Straße in einem Laden etwas anprobierte, sich das Teil aber in einer anderen Farbe, einer anderen Länge oder mit anderen Taschen wünschte, musste nicht wieder gehen. Wir sagten dann: „Keine Sorge, kommen Sie in zwei Stunden wieder, dann haben die Schneider das Stück neu genäht.“

John Stephen kam 1957 an die Carnaby Street. Wann haben Sie dort gearbeitet?

1966 bis 1968, damals fuhren dort noch Autos. Sie wurde erst Anfang der Siebziger zur Fußgängerzone. Als ich dort gearbeitet habe, eröffneten viele ihre Boutiquen dort, also standen immer Lastwagen herum. Es war ein verrückter Ort, stressig, stressig, stressig. Der Shop musste pünktlich auf die Minute öffnen, nicht um 10 Uhr oder 10.30 Uhr, sondern um neun. Dann musste man bereit sein, viel zu verkaufen.

War das ein Problem?

Wir hatten viele Kunden, viele Amerikaner, wie Sie sich sicher vorstellen können. Für sie war die Carnaby Street ja der Ort. Wir hingen unsere Maßbänder damals über die Krawattenhalter, und eines Tages kamen ein paar junge Amerikaner, nahmen die Maßbänder und sagten, „Oh wow, oh my god, is this a tie?“ Und ich sagte, naja, das Stück hängt ja über dem Krawattenhalter. Sie hängten es sich um den Hals, und ich riet ihnen, auch noch einen Knoten zu binden. Dann kauften sie die Maßbänder. Die Menschen wollen Dinge glauben.

Es zeigt auch, wie offen die Menschen für Neues waren.

Man darf nicht vergessen, dass die grauen Jahre gerade vorüber waren. In den Fünfzigern kamen die Teddy Boys, die Mods, aber das waren männliche Mode-Phänomene. Endlich konnten nun auch die Frauen ihre engen Kleider ablegen und ihre spitzen BHs.

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Haben Sie dort Prominente gesehen?

Alle! Wir leben ja in einer Zeit, in der alle permanent Selfies machen, jeder will berühmt sein, roter Teppich, der ganze Nonsens. Damals haben wir diese Menschen nicht besonders beachtet. Sie waren immer da. Twiggy auch, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass sie an der Carnaby Street mal etwas gekauft hat. Aber ich erinnere mich an die Kinks, die Pretty Things, die Rolling Stones, die Bee Gees. Eines Tages schaute ich auf, und da standen die Bee Gees, denen Anzüge angepasst wurden. Ein Bein war schon mit Nadeln zurückgesteckt, und ich dachte nur: Gott, sind die dünn. Aber ich dachte nicht: Oh Gott, da sind die Bee Gees. Wir fühlten uns gleichwertig, nicht anders.

Warum war das so?

Ich glaube, wir dachten es wirklich. Niemand wäre jemals auf die Idee gekommen, diese Berühmtheiten um ein Autogramm zu bitten. Vielleicht war das woanders so, aber wir nahmen es einfach hin, dass diese Leute an unserer Straße einkaufen waren. Gut, als Brigitte Bardot einmal da war, gefolgt von Kameras, war das ein bisschen anders. Sie war so schön und geradeheraus. Und David Niven! Als er dort einen Film drehte, trafen wir uns mal auf eine Tasse Tee. Ein netter Mann.

Also wussten Sie schon um die Bedeutung der Straße, an der Sie arbeiteten?

Wir wussten, dass es das Zentrum des Geschehens war, dass junge Menschen aus der ganzen Welt anreisten, um bei uns shoppen zu gehen. Aus dieser Perspektive sahen wir, wie es brodelte. Aber es war nie ein Ort für Stars.

Warum haben Sie die Zeit eigentlich nie selbst Swinging Sixties genannt?

Wir waren ja nicht auf diesen Begriff gekommen, das war das „Time“-Magazin.

“The Swinging City“, April 1966.

Wir nannten es einfach „The place to be“, großartig, neu, dort gab es Farbkombinationen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, total psychedelisch: pink, blau, tiefe Farben, umwerfend. Man fühlte sich als Teil von etwas Aufregendem, ohne abends ins Bett zu gehen und zu denken: Oh, wie aufregend. Ich war damals schwanger.

Tatsächlich?

Ich habe meine ganze Schwangerschaft über dort gearbeitet, mit meinem dicken Bauch und meinen kurzen Kleidern. Niemand hat mit der Wimper gezuckt. Dann bekam ich mein Baby, und zwei Monate später war ich wieder bei der Arbeit.

War es komisch, als Mutter an so einem jugendlichen Ort zu arbeiten?

Ich war ja selbst jugendlich. Ich war 19.

Verheiratet?

Nein. Viele junge Frauen mussten ihre Babys in so einer Situation abgeben. Ich hatte zum Glück eine nettere Familie. In der Zeit hat sich auch in meinem Umfeld sehr viel verändert. 1960 hatte gerade eine neu erschienene unzensierte Fassung von „Lady Chatterleys Liebhaber“ in Großbritannien für Aufsehen gesorgt. Grenzen wurden überschritten, und Carnaby Street war der Ort, an dem Wände eingerissen wurden - mit schneller Mode und mit Mode, die Menschen sich leisten konnten. Einer meiner Kollegen war in seinen Vierzigern und schwul. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich hatte Freunde mit allen möglichen Lebensgeschichten. Die zwei Jahre haben mir gezeigt, was Vielfalt bedeutet. Eines Tages kam eine neue Kollegin, eine junge Frau aus Südafrika. Am Freitagabend waren wir zusammen im Pub, und sie machte in Bezug auf Südafrika eine Bemerkung über Affen auf Bäumen. Da war plötzlich Stille. Niemand redete mehr. Und einer sagte zu ihr: So was ist hier nicht in Ordnung.

Wie sah Ihr Leben sonst so aus?

Ich fand Diskos toll und Gigs, keine großen Sachen. Eric Clapton zum Beispiel war damals ein kleiner Gig, Cream spielte an einem winzigen Ort in Nord-London. Ich war dabei, als die Stones ihre ersten Auftritte hatten. Das war mein Leben, bis mein Baby kam. Musik spielt für mich immer noch eine große Rolle. Ich bin heute Jazz-Sängerin in Irland. Ich habe dann auch einen Musiker geheiratet.

Warum haben Sie nach zwei Jahren bei John Stephen aufgehört?

Ich fand einen Job, der mir besser gefiel. Die Menschen haben damals ständig Jobs gewechselt. Wer an der Carnaby Street gearbeitet hat und fand, King's Road klinge besser, konnte sofort dort anfangen.

Gab es zwischen King's Road und Carnaby Street eigentlich Konkurrenz?

Wenn, dann habe ich es nicht bemerkt. Vielleicht ergab sich das später, als die Carnaby Street an Momentum verlor und zur Touristenfalle wurde, in den Siebzigern. Aus der King's Road wurde dann ein Ort für Londoner. Aber bis heute ist einer meiner Lieblingsorte Liberty.

Das Kaufhaus an der Carnaby Street.

In meiner Mittagspause bin ich damals immer zu Liberty gegangen und habe die Seidenstoffe angefasst. Vor einem Jahr war ich mal wieder da, mit meiner Tochter. Aber ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, auch noch über die Carnaby Street zu laufen.

Die Fragen stellte Jennifer Wiebking.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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