FDP-Chef Lindner

Der Rest ist Leere

Von Jennifer Wiebking und Julia Schaaf
 - 14:44
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PRO: Ein schöner Anblick

Wenn Christian Lindner in seiner Düsseldorfer Wohnung aus dem Fenster schaut, einmal über den Spielplatz hinweg, dann sieht er Christian Lindner. Auf einem Stück Grünfläche steht jetzt eines dieser Riesenplakate, die man noch nicht mal übersehen könnte, wenn man mit dem Auto daran auf einer mehrspurigen Ausfallstraße vorbeiführe. In dieser Nachbarschaft, Zone 30, ist es das größte Schild weit und breit. Es ist seinem Haus zugewandt, und Christian Lindner posiert darauf in mittlerweile recht bekannter Manier.

Dieser schöne Mann. Klar ist der eitel. Vergangene Woche war es das „Ungeduld ist auch eine Tugend“-Motiv, auf dem der FDP-Vorsitzende nach unten schaut, als würde er gerade die Manschette am rechten Hemdsärmel richten. Dieser Tage ist es jenes mit der Digitalisierung, auf dem Christian Lindner nur ein bisschen größer ist als die Fußgänger, die daran vorbeilaufen, und sich ohne Krawatte ganz locker anlehnt, als leite er im Kreise Gleichgesinnter eine Brainstorming-Session.

Dabei hat er mehr für dieses Aussehen getan, als eine Kampagnen-Idee abzunicken und sich für den Fotografen entsprechend zu inszenieren. Es hat sich über die Jahre die Dioptrien weglasern lassen, nachdem die Kontaktlinsen nicht mehr verträglich waren, und das Haupthaar auffüllen lassen. Und wenn er jetzt nicht in Schwarz-Weiß auftritt, sondern in echt, dann hat er mit dem Mallorca-Teint für eine gute Grundlage gesorgt, für die Schicht Make-up obendrauf. Er macht was her, und natürlich nutzt er diese Schönheit zur Selbstinszenierung während des Wahlkampfes, der für alle Kandidaten auch eine große Inszenierung ihrer eigenen Person ist. Sie müssen schließlich davon überzeugen, dass sie es sind, die es künftig richten werden, dass sie sich für ein besseres Leben eines jeden Bürgers einsetzen werden.

Zumindest wirkt Christian Lindner schon mal optisch wie die Personifizierung dieses besseren Lebens. Die monochrome Schwarz-Weiß-Anmutung hilft natürlich, denn jeder, der mal ein Bild von sich in Schwarzweiß gesehen hat, weiß, dass er so wegen der Kontraste eher besser aussieht. Männer der neueren Sorte machen sich über solche Details Gedanken. Ja, sie sorgen sich echt um ihr Aussehen, und Frauen müssten ihnen für diesen evolutionären Sprung eigentlich applaudieren. Es geht dabei nicht um den Mythos des metrosexuellen Mannes von einst. Männer und ihr Look, das ist heute zunehmend eine selbstverständliche Sache. Also insofern, dass Überfettung nicht mehr einfach eine Begleiterscheinung des Älterwerdens ist, dass es sich durchaus lohnt, mal verschiedene Anzugmarken durchzuprobieren, um das Modell zu finden, das zur Figur passt. Insofern, dass fünf Minuten Nachdenken über die Wahl von Brille und Frisur, mit denen man von seiner Umwelt wahrgenommen wird, nicht verschenkt sind. Natürlich müssen auf die Worte Taten folgen, aber wenn man auch optisch so wirkt wie das, was man erreichen möchte, dann ist das zumindest nicht von Nachteil.

Warum sollte ein deutscher Politiker nicht diesem Großtrend unter Männern folgen dürfen? Das Aussehen von einem, der hübscher ist als der Durchschnitt, ist scheinbar auch in einem Land, das sich gerne an sein protestantisches Verhältnis zu allem Schönen klammert, ein Diskussionspunkt – um ihn im nächsten Moment als Germany’s Next Topmodel zu belächeln.

Dabei sind die jungen Schönen dieser Zeit, die sich vor Eitelkeit nicht scheuen, davon ja hoffentlich noch ganz gut entfernt. Also Emmanuel Macron, Sebastian Kurz, Justin Trudeau. Christian Lindner ist unser Mann für Stil und Klasse. Klar, auch mit der Eitelkeit kann man es übertreiben. Wenn Macron sich, wie vor zwei Wochen bekanntwurde, sein Make-up in den ersten drei Monaten der Amtszeit 26.000 Euro hat kosten lassen. Aber andererseits ist das nicht die erste Sommer-Diskussion dieser Art in Frankreich. Sie folgt auf jene vom vergangenen Jahr über die damalige Friseurrechnung von François Hollande von über 10.000 Euro im Monat. Haare und Make-up scheinen allgemein in Frankreich unter Präsidenten nicht so recht zu sitzen.

Das bisschen Eitelkeit, das im Vergleich dazu zum Beispiel Christian Lindner an den Tag legt, indem er seine Bartstoppeln so absichtlich unrasiert trägt und in Garderobenfragen auf Klassiker der Herrenmode setzt, ohne dabei die Bedeutung des T-Shirts zu verkennen oder jene der Krawatte überzubewerten, könnte hingegen sogar sozial sein. Eitelkeit ist schließlich auch symptomatisch für das Streben nach Anerkennung. Das eigene Äußere ist somit immer ein Mittel, um sich zugleich zugehörig zu fühlen und sich abzuheben.

Eitelkeit ist deshalb übrigens nicht zu verwechseln mit Überheblichkeit, diesem Wesenszug von Menschen, die sich im Umgang nicht darum scheren, was andere von ihnen halten, und auch optisch entsprechend rüberkommen. Gerade unter männlichen Spitzenpolitikern gibt es da so einige Kandidaten, Boris Johnson, Donald Trump, früher mal Silvio Berlusconi. Ihre Auftritte – muss man nicht weiter kommentieren. Es ist nicht davon auszugehen, dass uns künftig – selbst jetzt, da viele Männer mehr Wert auf ihr Aussehen legen – solche Exemplare erspart bleiben. Dann besser Eitelkeit. Das Ergebnis ist allein schon schöner anzuschauen.

Jennifer Wiebking

CONTRA: Ich! Bin! So! Geil!

Nichts gegen schöne Männer. Ein schmal geschnittenes weißes Hemd zum Sechstagebart geht immer. Wenn in einem durchschnittlichen deutschen Familienbadezimmerschränkchen ein Drittel der Regalfläche seinen Tiegeln und Flakons gehört, ist das ein Fortschritt. Und natürlich wollen und sollen Politiker auf Wahlplakaten gut aussehen. Dass da Puder, sorgfältig gesetztes Licht und Photoshop zum Einsatz kommen, damit selbst ein Zausel wie Martin Schulz einigermaßen adrett erscheint – geschenkt.

Christian Lindner jedoch geht zu weit. Die Eitelkeit und Selbstverliebtheit des FDP-Vorsitzenden untergräbt den Sinn der Sache. Das hat nichts damit zu tun, dass der Parteichef sich schon 2013 einer Haartransplantation unterzogen hat. Aus Geheimratsecken und dünnen Stirnfransen, die ihn als ganz normalen Mann mit ganz normalen Problemzonen auswiesen, ist damals ein dichter Jungsschopf geworden, der ihn für die Rolle des Posterboys überhaupt erst qualifiziert. Entscheidend aber ist, dass der Frontmann der Liberalen sich für die Plakatkampagne zur Bundestagswahl von einem Fotografen hat porträtieren lassen, der sonst Musiker wie Rammstein und Sting, Schauspieler oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Szene setzt.

Selbstverständlich könnte ein attraktiver Typ à la Lindner ohne weiteres für den Peek & Cloppenburg-Katalog modeln und Parkas, Jogpants und Hoodies verkaufen. Aber der Achtunddreißigjährige will mehr. Die Städte sind zutapeziert: Lindner, überlebensgroß, den Kopf gesenkt, Lindner im Profil, Lindner, angeschnitten, Lindner, schräg von hinten, Lindner mit erschöpftem, ernsten Blick: Schau-mir-in-die-Augen-Kleines 3.0. Alles in Schwarz-Weiß. Das ist der Stil, aus dem Imagekampagnen sind, Düfte, Luxusmarken, Illusionen. In der Werbung dürfen so was Superstars wie Cristiano Ronaldo und George Clooney. Oder eben das Unterwäschemodel von Calvin Klein. Aber in der Politik?

Der Verdruss über die etablierten, verkrustet scheinenden Strukturen in den westlichen Demokratien hat zu dem Aufstieg eines Politikertypus geführt, der sich als unverbraucht, jugendlich und zupackend geriert und von der Aura profitiert, eine Alternative zum Establishment zu sein. Justin Trudeau in Kanada, Emmanuel Macron in Frankreich und Sebastian Kurz in Österreich haben vorgeführt, dass man als Heilsbringer gehandelt werden kann, wenn man auf Unabhängigkeit setzt und sich selbst zum Kern seiner Botschaft macht. Diese Hyperpersonalisierung geht auf Kosten der Parteien, das Programm ist der Mann. Keiner in Deutschland kommt dieser Entwicklung so nah wie Christian Lindner, dem die Leier, er habe die FDP zur One-Man-Show degradiert, schon aus seinen hübschen Ohren herauskommen dürfte. Auch die Kollegen Trudeau, Macron und Kurz sind schmucke Kerle in gut sitzenden Anzügen. Eine gewisse Eitelkeit wird ihnen nicht fremd sein. Geschadet hat sie ihnen nicht. Die Medien lieben schneidige Jungdynamiker im Bild.

Aber zwischen den bräsigen Auftritten der übrigen Parteien im deutschen Bundestagswahlkampf steht die FDP-Kampagne mitnichten für Aufbruch und einen frischen Kurs. Dem inszenierten Lindner in Schwarz-Weiß kommt genau jene Eigenschaft abhanden, die die gehypten Pop-Politiker im Ausland so erfolgreich für sich reklamieren: Substanz. Kein Wunder, dass der Chef-Liberale neuerdings in Talk-Runden darüber klagt, seine Inhalte kämen in der Debatte zu kurz. Wer so konsequent auf die eigene Oberfläche setzt, darf sich über den Vorwurf der Oberflächlichkeit nicht wundern. Wer mit der eigenen Sexyness punkten will, muss damit leben, dass sein Engagement für Bildung, Digitalisierung und Wirtschaftspolitik nur bedingt interessiert.

Der neue Wahlwerbespot für die FDP zeigt in kurzen Schnitten hintereinander vor allem Christian Lindner und die Insignien der Gegenwart: mit dem Laptop im Park oder mit dem Handy am See, am Lenkrad, im Flugzeug, mit Ohrstöpseln. Er stopft eine schmale Krawatte in die Aktentasche, kippt einen Espresso, sitzt beim Friseur. Wenn sich nun die FDP als Partei einer urbanen, kreativen, mobilen Elite präsentiert, die sich selbst für hip erklärt, ist das nur konsequent und die upgecycelte Version der alten Partei der Besserverdiener. Ein Teil der Bilder aber ist grob verpixelt. Andere gehen ganz nah ran. Am Schluss ist da wieder nur Lindners Gesicht. Die Haut um die Augen wirkt dünn, der Blick geht geradeaus, ein demonstratives Blinzeln. Diese Kampagne schreit: Ich! Bin! So! Geil! Von Selbstironie keine Spur.

Ästhetisierung bedeutet immer Verfremdung. Seinen aufsehenerregenden Spot für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, der in einem ähnlichen Stil gehalten war und einen Lindner im Unterzieh-T-Shirt auf dem Sofa zeigte, hat der damalige Spitzenkandidat kühn als authentisch bezeichnet. Inzwischen ist klar: Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Selbststilisierung des Chef-Liberalen in Schwarz-Weiß, die Besessenheit von seiner eigenen Schönheit hat einen Grad erreicht, die allein die Hülle und den Schein zelebriert. Der Rest ist Leere. Ein Land jedoch, das vor der Herausforderung steht, das mühselige Klein-Klein politischer Entscheidungen überhaupt noch begreifbar zu machen und um den Zusammenhalt der Gesellschaft ringt, braucht Verantwortliche, die glaubwürdig sind.

Wer die Bundestagswahl betrachtet, als ginge es um den maximalen Erfolg bei Tinder, verbringt die Koalitionsverhandlungen am besten unbeteiligt im Spa.

Julia Schaaf

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungAutorenporträt / Schaaf, Julia
Jennifer Wiebking
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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