Rollstuhl-Model

Einfach eine Frau

Von Elisa Schwarz
 - 21:37
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Wenn die schlechten Tage vorbei sind, solche, an denen Claudia heulen möchte, fährt sie mit Marco in den Baumarkt und kauft einen Griff. Es hängt schon einer am Kopfende des Ehebettes und im Bad neben der Toilette. Weil es immer mehr Entzündungsherde in Claudia gibt, wird es immer mehr Griffe in der Wohnung geben.

Claudia hält sich an den Griffen fest, wenn ihre 48 Kilo zu schwer sind für die Arme. Und sie können sehr schwer sein, die Kilo und die Momente, in denen keine Kraft mehr da ist. Dann schluckt sie eine Kapsel indischen Weihrauch, wartet auf den nächsten Tag oder den übernächsten und reist ins Fitnessstudio in die Nachbarschaft. An der Kurzhantel rüstet sie sich gegen die schlechten Tage, an denen die multiple Sklerose in ihrem Körper tobt. Drei Sätze, 15 Wiederholungen à 2,5 Kilogramm.

Die Reise in das Fitnessstudio beginnt für Claudia mit 15 Stufen und einem gerahmten Foto. Manchmal weiß sie nicht, was die größere Herausforderung ist. Die Treppe hinunter bis zu ihrer Haustür oder der Blick auf das Bild am Wohnungseingang. Eine junge Frau mit rundlichem Gesicht. Sie steht neben einem Pferd und lächelt so triumphierend, wie es nur Pferdemädchen können. „27 Jahre lang habe ich Scheiße geschöpft für meinen Gaul“, sagt Claudia und schiebt den Rollator zur Seite. Wenn sie lächelt, hat sie dort Bäckchen, wo sich andere Frauen sehr viel Puder auftragen. Es sind mittlerweile die einzigen Rundungen an ihr, aber das fällt nicht auf, weil sie eine anmutige Frau ist, eine, bei der alles weich wirkt. Alle vier Wochen lackiert ihr Frau Elchin die Fingernägel in einer anderen Farbe. Heute sind ihre Nägel lila, die Augen mit der Sommerhimmelfarbe silbrig umrandet. Das passt jetzt zu Claudia, weil sie nicht mehr im Stall steht. Oder Fenster auf den Lader wuchtet – 40 Kilo, Zweifachverglasung.

„Nehmt mich wie ich bin“

Claudia wuchs in Frankfurt auf und sucht sich seitdem in Rollen und Rollenbrüchen. Nach der Schule wollte sie Schreinerin werden, keine Bürokauffrau wie die Mädels auf der Gesamtschule. Weil der Schreinermeister kein Weiberklo neben das Pissoir bauen wollte, machte sie eine Ausbildung beim Glas- und Fensterbau. Im Morgengrauen saß sie neben den Handwerkern, die sich mit dem ersten Bier die Rindswurst in den Mund zitterten. Sie fuhr mit ihnen nach Köln und Prag auf den Messebau, pennte mit den Jungs im Hotel, trank mit ihnen die Nacht durch und wollte für immer eine von ihnen sein. Claudia wog 95 Kilo zu diesem Zeitpunkt. „Nehmt mich, wie ich bin, oder nehmt mich gar nicht“, rief sie der Welt damals entgegen, und Marco Neun nahm sie und liebte sie, wie sie war. Sie heirateten acht Monate nach ihrem ersten Treffen am 5. November 1999, an dem Marko Neun dachte: „Wow, was für ein Tier.“ 23 Jahre war Claudia damals. 23 Jahre und gesund.

Claudia wendet sich von dem Foto ab und den Stufen zu. Ein großer Schriftzug auf Leinwand strahlt im Treppenhaus auf die fünfzehn Stufen. Er ist von jeder einzelnen sichtbar. „Carpe Diem“, steht darauf.

Es gibt noch keinen Griff im Treppenhaus, dafür ein Geländer, an dem sich Claudia festhält. Zuerst der linke Fuß, der gute, er wird sie halten. Dann der rechte Fuß, der schlechte, er wird sie nicht halten, er hält kaum noch etwas seit dem Tag im Januar 2000. Als sie stolperte neben ihrem Pferd, weil sie müde war, wie sie dachte. Als sie stolperte, weil die Myelinscheiden um ihre Nervenzellen geschädigt waren, wie sie später erfahren wird.

Suche nach einer neuen Rolle

Multiple Sklerose (MS) ist eine der Krankheiten, bei der viele „oh je“ sagen und dabei nicht so genau wissen, was das eigentlich heißt: „oh je“ und multiple Sklerose.

Claudia sitzt wieder am Wohnzimmertisch. „Ich erkläre es oft mit der Kabel-Geschichte“, sagt sie. Wenn das zentrale Nervensystem entzündet ist, funktioniert die Weiterleitung der Signale nicht mehr richtig. Das liegt an den Nervenfasern, die wie ein elektrisches Kabel von einer Schutzschicht umgeben sind. Greift ein Entzündungsherd die Myelinschicht der Nervenfasern an, geht die Botschaft verloren, wie das Stromsignal bei einem kaputten Kabel. Dann sehen die Betroffenen unscharf, fühlen sich gelähmt oder stolpern, wie Claudia vor 18 Jahren. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Vanessa, ihre Tochter, auf die Welt kam.

Drei lange Jahre lagen zwischen diesem Stolpern auf dem Waldweg, das auch ein Stolpern aus dem Leben war, und der Diagnose. Claudia verlor sich. Sie war häufig müde, Gesichter verschwammen, sie fühlte sich an manchen Tagen wie gelähmt, und keiner wusste, warum. Am wenigsten die Ärzte. „Die Geburt“, schlussfolgerten sie, „ist auch nach der Geburt für die Mutter anstrengend.“ Also legte sich Claudia mittags hin, ausgerechnet sie, die Frühaufsteherin. Sie stellte die Ernährung um, brachte die Tochter zur Oma, damit sie für sich selbst da sein konnte. Claudia ging es schlechter. Sie schickte das Pferd in Rente. Claudia suchte nach einer neuen Rolle, dann streifte die Diagnose beiläufig ihr Leben, auf dem Flur im Klinikum Eberstadt. „Übrigens“, sagte der eilige Arzt, „übrigens, Frau Neun, wir wissen jetzt, was sie haben: multiple Sklerose.“

Die alte und die neue Claudia

Am Kühlschrank von Familie Neun hängt viel Familie Neun. Vanessa und Claudia eng umschlungen. Rambo, der verstorbene Familienhund. Marco und Claudia im Stadion, behängt mit Eintracht-Fanartikeln. Claudia mit feinen Lederhandschuhen, die roten Haare voluminös über die Schultern geföhnt. Von diesem Foto bis zu dem Foto neben der Wohnungstür liegen fünf Schritte und zwei Leben.

Man muss die alte Claudia verstehen, wenn man begreifen will, warum es eine neue Claudia gibt. Eine, die jeden Tag ins Fitnessstudio geht, im Sonnenstudio liegt, Nägel und Augenbrauen färbt, Model werden will. Kein Kleiderständer-Model, sondern ein Charakter-Model. Eines, das schön ist, weil es für eine Lebensgeschichte steht und nicht für den Namen eines Designers.

„Ich bin durch meine Krankheit immer mehr zur Frau geworden.“ Claudia schlägt einen Schnellhefter auf mit vielen Klarsichthüllen. Hinter jeder Folie klebt ein Bild von ihr, der neuen Claudia. Was das für sie heiße, Frau zu sein? „Wenn ein fremder Mann nicht eine Frau im Rollstuhl sieht. Sondern einfach eine Frau. Eine glückliche Frau. Eine begehrenswerte Frau.“ Claudia kuschelt ihre Hände unter das Kinn. Das ist der Subtext in ihren Bildern: Seid glücklich, Frauen, und zufrieden. Seid schön. Carpe Diem.

Starke Bilder

Als Claudia immer mehr zur Frau wurde, lernte sie auf einem Konzert Nina Wortmann kennen. Wortmann ist Rollstuhl-Model, sie sitzt für Mercedes-Benz und andere Firmen auf verschiebbaren Sitzen. „Entdecken Sie Ihren Stern für mobile Freiheit“, steht dann unter solchen Bildern. Nina Wortmann kam auf Claudia zu, vielleicht war es auch umgekehrt. Die beiden Frauen verstehen sich auf Anhieb. Nina, die Frau im Rollstuhl, war ein Leuchtturm für Claudia, die damals noch mit einer Gehhilfe laufen konnte. Und als sie ihr das sagte, in der Pause des Konzerts, lächelte Nina und machte ihr Mut. „Du kannst das auch. Du musst es nur probieren.“

Wenski ist Fotograf, auch für die Paralympics in Rio. Er sagt, dass es die Erkenntnis sei, die man in Claudias Bildern sehe. Die Erkenntnis, dass das Leben einen Bruch haben kann, aber dass es weitergeht, weiter in einer anderen Rolle. Vor zwei Jahren schrieb Claudia eine Nachricht an Wenski, den Schwager ihrer Tätowiererin. Sie würde sich gerne als Model versuchen. Ob er Bilder von ihr machen würde? Wenksi sagte ja und: „Komm vorbei.“ Er fokussierte ihr Gesicht, ihre altmodische Eleganz, er legte ihren Körper in Pose. Claudia im Rollstuhl, leicht nach vorne gebeugt, nachdenklich. Claudia an der Drückerbank im Fitnessstudio, an den Schwingtauen. Claudia mit feinen Lederhandschuhen. Claudia in schulterfreiem Top. „Das ist toll, Claudi“, sagte er, und Claudi, die früher nie in den Spiegel geschaut hat, schaute sich an und sagte: „Boah.“

Wenski bastelte ihr aus den Bildern eine Set-Karte. „Claudia Neun – Model – Sport, Fashion, Beauty. Alter: 41. Größe / 168. Gewicht / 48 Kilo. Augen / graublau. Haar / dunkelblond rötlich. 83 – 67 – 84.“

„Es war nie mein Ziel, wirklich Model zu werden“, kommentiert Claudia, während sie durch die Fotos blättert, die nicht so gemeint sein sollen, wie sie wirken. Und weil das nur die halbe Wahrheit ist, weil die neue Claudia glücklich ist in der Rolle der attraktiven Frau, weil sie sich gefunden hat als Model, schickte sie die Set-Karte an die Agenturen „Bühnenkind“ aus Hamburg und „Misfitmodels“ aus Berlin. Beide Agenturen nahmen sie in ihre Kartei auf. Sollte eines Tages ein Anruf kommen, aus Hamburg oder Berlin, dann wird Claudia sagen: „Zeigt mich, wie ich bin, oder zeigt mich gar nicht.“

Quelle: F.A.S.
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