Brillen als Accessoire

Die Passt!

Von Elisabeth Wagner
 - 23:01

Flüchtig betrachtet, sind sie sich ähnlich. Beide sind dunkel und großrahmig, beide sind sie aus Acetat, sehr stabil und ausgesprochen dominant. Sie könnten Paradebeispiele für die jahrelange Beliebtheit sogenannter geek glasses sein, jener Brillen, die dem Blick etwas Scheues und zugleich Eindringliches verleihen. Wenn die Sache nicht viel komplizierter und aufregender wäre. Bei Brillen geht es nämlich niemals nur um den Trend.

Dazu sind sie zu heikel, zu geheimnisvoll, ein bisschen wie Menschen, die sich nicht berechnen lassen. Brille und Gesicht gehen Bindungen miteinander ein. Selbst in Zeiten, da sich die Brille, dieser staunenswerte Gegenstand menschlichen Erfindungsgeistes, beliebig oft im Online-Handel bestellen lässt. Gesichter und Brillen finden zueinander. Ein Meister des Sehens wie Tom Ford weiß das natürlich. Was uns zurück zum Anfang bringt.

Aus dem Film in die Realität

Zu jenen zwei sagenhaft schicken Modellen aus Tom Fords Filmen „A Single Man“ von 2009 und „Nocturnal Animals“ von vergangenem Jahr. Colin Firth soll sich seine Brille für den ersten dieser Filme übrigens selbst aus dem Fundus gefischt haben. Er spielt George Falconer, einen Literaturprofessor, der seit dem Tod seines Geliebten in Trauer lebt. Träume vom Ertrinken und die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies begleiten ihn. George ist ohne Illusion, melancholisch, ironisch, plötzlich auch wieder betört von der berauschenden Farbe und Pracht dieser Welt.

Zwei Jahre jedenfalls, nachdem „A Single Man“ Furore gemacht hatte, brachte Tom Ford das geschliffene Ebenbild jener Requisite, die TF 5178, heraus. Es war gewissermaßen der Beweis, dass das Charisma der Figur, die Zärtlichkeit des Blicks auf den Gegenstand übergegangen war. Die George-Falconer-Brille war zu etwas Magischem geworden. Sie war eingegangen in den Schatz der legendären Brillen, die alle immer eine Art Orakel bedeuten. Die Frage dazu: Wie wird sie sein, die Welt, betrachtet durch diese Gläser?

Der Blick auf eine verdrängte Wahrheit

Für Susan Morrow (Amy Adams) in „Nocturnal Animals“ bedeutet dieser Punkt ein gefährliches Wagnis. Ihr Blick ist erstarrt. Er muss sich an die Tiefenschärfe der Wahrnehmung erst wieder gewöhnen. Genialerweise hat Kostümdesignerin Arianne Phillips eine androgyne und das Mienenspiel der Hauptdarstellerin beinahe überlagernde Brille von Céline gewählt. Durch sie hindurch blickt Susan auf eine verdrängte Wahrheit. Sie liest den Roman, den ihr Ex-Ehemann Edward (Jake Gyllenhaal), Jahre nachdem sie ihn betrogen und das gemeinsame Kind abgetrieben hat, als eine späte Rache schickt.

Es ist ein Schock, der heftig an den Lebenslügen rüttelt. Wiederholte Male reißt sich Susan die Brille aus dem Gesicht. Doch der Zauber der nächtlichen Selbsterkenntnis siegt, und Tom Ford besteht darauf, dass Susan – aus Texas wie er selbst – an ihrer Erfahrung wächst. Er wäre nicht Tom Ford, wenn es anders wäre. Ob als Regisseur oder Modemacher, die Stärke der Frauen ist ihm heilig.

Die Brille intensiviert den Blick

In diesen Zusammenhang gehört, nebenbei bemerkt, auch Fords Kampagne für den kommenden Herbst und Winter. Sie zeigt das Model Binx Walton zweimal mit Brille. Es gibt ein Sonnenbrillenfoto und eines, auf dem sie durch ein Gestell im Aviator-Style den unbekleideten Körper eines Mannes fixiert.

Das Bild ist offensichtlich die Umkehrung eines klassischen Motivs: Angezogener Mann betrachtet nackte Schöne. Hier ist sie es, die schaut. Die Haare streng zurückgekämmt, in Hose und einem grandiosen Glitzerpulli, der an die Haut eines Zauberfisches erinnert, wirkt diese Frau hochgeschlossen und überaus kontrolliert. Die mögliche Wucht ihrer erotischen Absichten liegt allein im Blick, den die Brille vertieft, den sie bündelt und intensiviert.

Graue Mäuschen trugen immer Brille

Die Frau mit Brille. Vielleicht ist das der Moment, in dem man noch einmal daran erinnern sollte, dass es sich um eines der mächtigsten visuellen Klischees überhaupt handelt. Im Kino trugen alte Jungfern Lorgnons vor den Augen, Stielbrillen.

Ungeküsste Bibliothekarinnen und ins Alter kommende ewige Töchter hatten kurzsichtig zu sein. Sie waren spröde, verbitterte oder am äußersten Rand des Spielfeldes wartende, unerlöste Gestalten, die, sobald das Schicksal sie in die Nähe eines Flirts verschlagen würde, ihre Brille wie einen Makel verschwinden ließen.

Noch in den achtziger Jahren schien es, als habe das 1925 geprägte Wort Dorothy Parkers, der Dichterin, Theaterkritikerin und legendären Expertin für Geist und Geschmack, weiterhin Gültigkeit: „Men seldom make passes/At girls who wear glasses.“ Der literarische Übersetzer Ulrich Blumenbach hat die Zeilen so ins Deutsche übertragen: „Männer tragen kaum Verlangen/Nach Verkehr mit Brillenschlangen.“

Ein Zeichen der Wissbegierde

Die amerikanische Journalistin Kathryn Branch schrieb im Juni dieses Jahres anlässlich einer Ehrung von Gloria Steinem in der „Vogue“ darüber, wie diese Frauenrechtlerin und Journalistin von Anfang an Besitz von ihrer eigenen Schönheit genommen hat, und zwar „with a pair of oversized glasses and a formidably fearless attitude“. Mit einer besonders großen Brille und einer beeindruckend unerschrockenen Haltung.

Man kann diese Kombination aus Mut und geschärftem Blick gar nicht hoch genug bewerten. Wage hinzusehen! Bedenkt man, wie eng der Sehsinn ideengeschichtlich mit dem Wissen und der Weisheit verbunden ist, klingt von weitem Kants Definition der Aufklärung an. „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Die Frau mit Brille zumindest macht aus ihrer Wissbegierde keinen Hehl. Sie lässt sich kein Gütesiegel, keine Bewertung aufkleben, und ihre Brille ist kein Zeichen weiblicher Zurückhaltung mehr, im Gegenteil. Heute klingt das fast banal.

Das Gesicht bleibt ebenmäßig

Längst hat man sich daran gewöhnt, Gesichter und Brillen im Sinne des Styles und damit als Vorteil zu lesen. Weshalb es der jungen Frau in der U-Bahn nicht gelingt, ihre Schönheit zu verstecken. Ausgerechnet die Brille – welche Ironie – verhindert es. Sie betont die hohen Wangenknochen, die Kinnlinie, die Mitte der Stirn.

Die junge Frau kann da noch so sehr Grimassen schneiden und, während sie mit ihrem Smartphone hantiert, den gekräuselten Mund abwechselnd in Richtung Nasenspitze und rechtes oder linkes Ohr verziehen. Ihre großrahmige, goldglänzende Brille bewahrt das Ebenmaß, und so leuchtet – hinter der Hektik und des Lärms des Berliner Alltags – die Ruhe eines Gesichts. Man möchte sich am liebsten sofort auch so eine Brille kaufen.

Sonnenbrillen sind divenhafter

Wir sind allein im Verkaufsraum. Umgeben von einigen der beliebtesten Exemplaren der Saison. Da sind „Tortoise Brownline Glasses“, die den eleganten Materialmix der Sechziger zitieren. Hornbrillen, vor allem solche mit runden Gläsern. Die Formen der Fünfziger sind vertreten, und mit ihnen die Linien des Cat Eye. Und selbstverständlich, in allen möglichen Doppelsteg-Variationen, die Aviator-Brille. Bei den Korrekturbrillen gehe der Trend zu feineren Gestellen, sagt die Verkäuferin.

Bei den Sonnenbrillen eher nicht. Genau festlegen will sie sich aber nicht. Stattdessen macht sie eine Bemerkung über Zahnspangen und Brillen und Außenseiter in den Achtzigern, an der man persönlich schlucken muss. Die Sonnenbrille sei eben spielerischer, divenhafter, sagt die Verkäuferin, die viel lieber über Sonnen- als über „normale“ Brillen redet. Immerhin, eine Sonnenbrille erweckt den Eindruck, dass da etwas vorgefallen ist. Dass da etwas war oder sein wird, über das es sich zu reden lohnt.

Am besten niemals verlieren

Kein Zweifel, sie teilt sich mit, diese Brille. Sie teilt sogar, und das besonders virtuos, das Schweigen mit. Viele Kunden verlören ihre Sonnenbrillen ständig, sagt die Verkäuferin. Sie vergessen sie, lassen sie auf irgendeinem Tisch, in irgendeinem Club in wer weiß welcher Stadt einfach so liegen und brauchten dann ganz schnell eine neue.

„Wie kann man eine Brille vergessen?“, fragt die Verkäuferin entgeistert, und am liebsten würde man sie jetzt umarmen. „Das ist es“, denkt man. Keine einzige Brille darf man vergessen. Die aus dem Kino nicht und die aus dem Leben nicht, und erst recht nicht die, die man gerade auf der Nase hat. Vor knapp zehn Jahren nach einem Krankenhausaufenthalt gekauft, eine sanft geschwungene Sonnenbrille von Gucci. Die Verkäuferin damals hat einen angesehen und zielsicher ins Regal gegriffen. „Die passt zu Ihnen!“, hat sie gesagt.

Quelle: F.A.S.
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