Vor der WM

Wie der Ball rund wird

Von Boris Schmidt
 - 11:41
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Erleben wir bei der Fußball-Weltmeisterschaft wieder so faszinierende Spiele wie vor vier Jahren? Das 7:1 der deutschen Nationalelf gegen Brasilien im Halbfinale bleibt unvergessen, genauso wie das „dritte Tor“ von Geoff Hurst 1966 in London, im WM-Endspiel England gegen Deutschland. Ja, es war eigentlich kein Tor gewesen, aber das lässt sich seit der WM 2010 in Südafrika immerhin etwas besser verschmerzen, als den Engländern im Achtelfinale gegen Deutschland ein Tor geklaut wurde.

Frank Lampard hatte aus 22 Metern geschossen und Torhüter Manuel Neuer düpiert. Der Ball touchierte die Unterkante der Latte, sprang deutlich hinter der Linie auf und prallte dann wieder gegen die Latte, ehe sich Neuer ihn schnappte. Alle hatten gesehen, dass der Ball drin war – nur der Schiedsrichter nicht. Die F.A.Z. schrieb damals: „Das war nicht weniger als die größte Fehlentscheidung bei dieser Weltmeisterschaft.“ Es wäre das 2:2 in der 39. Minute gewesen. Das Spiel, das Deutschland letztlich 4:1 gewann (durch Tore von Klose, Podolski und zweimal Müller), wäre womöglich anders verlaufen.

Angenommen, das Achtelfinale 2010 wäre mit dem gleichen Ball gespielt worden wie das Finale 1966 – der Schuss von Lampard wäre wohl vollends im Tor gelandet, denn das Leder hätte nicht so viel Drall aufgenommen wie ein moderner Ball aus Kunststoff. Dass das Wichtigste am Fußball der Ball ist, kann niemand bestreiten. Er ist nur – entgegen der Redewendung - schon längst nicht mehr aus Leder. Seit 1986 ist das Spielgerät der Fußball-Weltmeisterschaften aus Kunststoff. Und seit 1970 stellt der fränkische Sportartikel-Hersteller Adidas in ununterbrochener Folge die Spielbälle für die Fußball-Weltmeisterschaften. Damals war der „Telstar“ der erste WM-Ball aus 32 schwarz-weißen eckigen Flecken – im Finale 1966 wurde noch mit einem aus 18 Streifen zusammengenähten Lederball gekickt. Den neuen Ball nannte man „Telstar“, nach dem gleichnamigen Satelliten – und weil der Ball gut im Fernsehen zu sehen war.

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Seither ist der Ball revolutioniert worden, Herstellungsprozess und Technik haben sich erheblich geändert. Der größte Schritt in der Fertigung vollzog sich 2006, zur WM in Deutschland. Bis dahin waren die Bälle von Adidas trotz moderner Produktionstechnik und maschineller Vorfertigung zum Schluss immer noch von Hand zusammengenäht worden. Dafür waren 15 Meter Faden nötig, und ein guter Näher schaffte nur drei Bälle am Tag.

Seit 2006 wird der WM-Ball mehr oder weniger maschinell hergestellt. Das sichert eine bis dahin nicht erreichte Perfektion in der Masse. Diese Technik wurde in den zwölf Jahren danach immer weiter verfeinert. Seit 2006 gibt es auch keine Nähte mehr, die immer eine kleine Unwucht brachten. Am wenigsten geändert hat sich am Ventil. Es ist staub- und wasserresistent, und damit es die Flugbahn nicht beeinflusst, sitzt auf der anderen Innenseite der Hülle ein Gegengewicht.

Längst kann sich der Freizeitkicker den technisch gesehen gleichen Ball kaufen, wie er bei der Weltmeisterschaft zum Einsatz kommt. Der aktuelle WM-Ball, in Analogie zum Turnier von 1970 „Telstar18“ getauft, kostet mittlerweile 150 Euro, die Replika des „Telstar18“ gibt es für 90 Euro. 2006 war der „Teamgeist“ noch für 110 Euro zu haben.

Neu und einmalig beim „Telstar18“ ist der NFC-Chip, der in den Ball integriert ist. NFC steht für Near Field Communication und ermöglicht den drahtlosen Austausch von Daten über kurze Distanzen. Der Chip im „Telstar18“ kann Daten mit einem NFC-fähigen Gerät austauschen. Ein Logo auf dem Ball zeigt, wo sich der Chip befindet. Fast alle Android-Geräte sowie das iPhone 7 und alle Nachfolgermodelle sind NFC-fähig und ermöglichen es, sich mit anderen Fans zu vernetzen. Wenn das Smartphone mit dem NFC-Chip im Inneren des Fußballs verbunden ist, erhält man durch den Datenaustausch „exklusive Informationen“. Die Informationen im Chip werden regelmäßig aktualisiert. Allerdings ist der Chip passiv, er bietet keine Informationen über Fluggeschwindigkeiten oder die Zahl der Ballberührungen, auch lässt er sich nicht dazu nutzen, das Überschreiten der Torlinie zu melden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Immerhin ist es möglich, den Ball zu lokalisieren, sollte er einmal neben dem Platz in den hohen Hecken verschwunden sein. Der Chip von der Größe eines Daumennagels wiegt weniger als ein Gramm, und er ist in allen Bällen für das Turnier verbaut, jedoch ohne Funktion.

Eingesetzt wird der „Telstar18“ aber nur in der Vorrunde. Sobald die K.o.-Spiele starten, müssen sich die Akteure zumindest optisch auf ein anderes Spielgerät einstellen. Technisch ändert sich natürlich nichts, nur das Design wechselt und mit ihm der Name. Um beides macht Adidas aber noch ein großes Geheimnis. Farbe als Design-Merkmal beim WM-Ball kennt man übrigens seit 1998 - mit dem „Tricolore“ gelang Frankreich der Titelgewinn bei der Heim-WM.

Die technischen Anforderungen an den Ball sind seit Jahren oder gar Jahrzehnten mehr oder weniger gleich geblieben. Der Umfang muss zwischen 68,5 und 69,5 Zentimeter betragen, das Gewicht darf nur zwischen 420 und 455 Gramm schwanken. Der „Telstar18“ wiegt 434 Gramm. Doch das alleine macht noch keinen offiziellen WM-Ball. Der Internationale Fußballverband (Fifa) verlangt unter anderem, dass nach 72 Stunden der ursprüngliche Druck nur um elf Prozent reduziert ist. Gespielt wird in der Regel mit 1,0 bis 1,2 bar. Der Ball muss, wird er aus zwei Meter Höhe fallen gelassen, mindestens 1,35 Meter bis höchstens 1,55 Meter hoch springen (der „Telstar18“ schafft 1,47 Meter) - und er darf dieses Rückprallvermögen bei Kälte und Hitze kaum verlieren. Bei fünf Grad Außentemperatur muss der Rückprall immer noch mindestens 1,25 Meter bis 1,37 Meter betragen. Die Form der idealen Kugel darf nur um maximal 1,5 Prozent verfehlt werden.

All das und noch viel mehr wird bei Adidas in der Zentrale in und um Herzogenaurach getestet. So wird das Prüfstück mit einer Schussmaschine auf Dauerhaltbarkeit untersucht – selbst nach 2500 Schüssen gegen eine Wand (mit 50 Kilometer pro Stunde) bleibt er nahezu unbeschädigt. Wobei 50 Kilometer pro Stunde Schussgeschwindigkeit vergleichsweise gering sind. Optimal und voll getroffen, wird der Ball in die Regionen der Autobahn-Richtgeschwindigkeit (Tempo 130) und darüber katapultiert. Als Ende der sechziger Jahre ein deutsches Boulevardblatt mittels Radarschranke die Schusskraft der damaligen Bundesligaspieler testete, kam Horst-Dieter Höttges von Werder Bremen auf 114 Kilometer pro Stunde, der Kölner Wolfgang John gar auf 130.

Dass der Ball überhaupt die auf ihn wirkende Kraft weitergeben kann, liegt an seiner Elastizität. Die Luft im Inneren und die Hülle bilden eine Art Feder-Dämpfer-System, das die Energieumwandlung möglich macht. Diese wird durch die Änderung des Luftdrucks innerhalb des Balls bewirkt. Durch den Fußtritt wird das Volumen des Balls verkleinert, der Druck erhöht sich. Danach breitet sich die Luft wieder aus, und die Energie, die der Ball aufgenommen hat, wird in Bewegung umgesetzt.

Selbst bei Fritz-Walter-Wetter ändert sich an diesen technischen Grundlagen kaum etwas. Das war für Adidas eine der größten Errungenschaften nach der Umstellung von Leder auf Kunststoff: Das Gewicht bleibt auch im Dauerregen fast gleich, es erhöht sich höchstens um ein Prozent – die Regel würde bis zu zehn Prozent erlauben. Die alten Lederbälle hatten zuletzt auch schon wasserdichte Nähte, nahmen bei Nässe aber dennoch spürbar an Gewicht zu. Und noch in den sechziger Jahren wurde bei starkem Regen aus einem Ball von rund 450 Gramm schnell knapp ein Kilogramm.

Wichtig ist zudem, dass das Spielgerät immer gleich ist. Längst steht bei wichtigen Spielen mehr als ein Ball zur Verfügung, um Spielunterbrechungen so kurz wie möglich zu halten. Rund 25 Bälle liegen pro Match parat. 1966 in Wembley spielte man noch mit einem einzigen. Den schnappte sich damals Helmut Haller nach dem Abpfiff und behielt ihn jahrelang für sich. Seit 1996 ist er im englischen Fußball-Museum in Manchester ausgestellt.

Der neue Ball für die WM 2018 kam im November auf den Markt. Hergestellt wird er in China. Herzstück ist seit jeher die Blase, die für Elastizität und Spielbarkeit sorgt. Sie besteht aber nicht mehr aus Naturlatex, sondern aus einem synthetischen Kautschuk. Um die Blase herum liegt die runde Karkasse, die zu 40 Prozent aus einer Zuckermischung besteht. Auf sie werden bei etwa 100 Grad Hitze sechs identische, propellerförmige Paneele aufgeklebt. Die Zahl der Paneele ist die gleiche wie beim „Brazuca“, dem Ball für die WM 2014. Der EM-Ball 2004 hatte noch 32 Paneele, bei der WM 2006 waren es 14.

Adidas verlässt sich nicht nur auf die Tests im Labor, zu denen auch Versuche mit der Ballschussmaschine „Roboleg“ gehören, die zusammen mit der englischen Universität Loughborough entwickelt wurde und seit 2014 im Einsatz ist. Sie schießt in der Regel mit 105 Kilometer pro Stunde, möglich ist maximal Tempo 160. So wird auf wissenschaftlicher und nachvollziehbarer Basis das Flugverhalten des Balls untersucht.

Aber: „Grau ist alle Theorie – entscheidend is auf'm Platz“, sagte einst Trainer Adi Preißler. So werden auch Spieler befragt, wie sich der neue Ball anfühlt.

Mehr als 600 offizielle Spiele hat der „Telstar18“ schon hinter sich, unter anderem bei der U20-WM in Südkorea im vergangenen Jahr. Von den Nutzern des „Telstar18“ gab es bislang kein negatives Feedback. Das größte Lob ist vielleicht ohnehin, wenn es gar nicht auffällt, dass mit einem neuen Ball gespielt wurde. Auf die Frage, wie er den Neuen finde, antwortete der Kölner Nationalspieler Jonas Hector etwa, er kenne den Ball doch noch gar nicht - dabei war er im Länderspiel gegen Spanien am 23. März (1:1) schon im Einsatz gewesen, und der Außenverteidiger hatte die kompletten 90 Minuten gespielt. Vor der WM 2006 hatte sich der damalige Nationaltorwart Jens Lehmann noch heftig über den Ball beschwert: Er sei sehr schnell, gerate leicht ins Flattern und werde zudem bei Regen glitschig - was ein Nachteil für die Torhüter sei.

Auch über die neuen Fußballschuhe der Nationalmannschaft haben sie sich in Herzogenaurach Gedanken gemacht. Sie sind federleicht, wiegen keine 200 Gramm und sind am Fuß kaum zu spüren. Auch die Schuhe sind in jedem Sportgeschäft zu kaufen, für 280 Euro. Schraubstollen sind längst Geschichte, und auch Schnürsenkel gibt es nicht mehr. Das wird die Zukunft sein, sagt man bei Adidas, schon weil man den Ball so auch in diesem Bereich des Schuhs präziser trifft. Das Einzige, was die Herzogenauracher zum Thema Fußball nicht herstellen, sind übrigens Tore. Um die muss man sich schon selbst kümmern.

Das WM-Trikot

Fußballspieler sind oft abergläubisch. Das neue Trikot, das Adidas zur WM für die Nationalelf kreiert hat, soll an das legendäre Dress der Weltmeisterschaft 1990 erinnern, als Deutschland in Italien zum dritten Mal den Titel gewann. „Ich kenne natürlich die Trikots von 1990, erkenne auch die Parallelen – und sehe deshalb Vielversprechendes für die WM in Russland“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels über das neue Trikot.

Etwas in Vergessenheit geraten ist dabei, dass die Hemden von 1990 schon 1988 bei der Europameisterschaft in Deutschland getragen wurden, als die deutsche Elf im Halbfinale gegen den späteren Sieger Niederlande ausschied. Damals kam zum ersten Mal Farbe aufs Trikot – bis dahin liefen die Deutschen streng in Schwarz-Weiß auf. Die Hosen bleiben natürlich auch 2018 schwarz, dazu gibt es weiße Stutzen. Der Torhüter spielt in blauem Outfit.

Das Auswärtstrikot hatte schon immer Farbe. In Russland ist es wieder ein grünes Hemd; ein gezacktes Muster soll ebenfalls an das Design von 1990 anknüpfen. Hier sind die Hosen weiß, die Stutzen grün, und der Torhüter spielt wieder in Blau.

Heftige Diskussionen gab es über die Schriftzüge der Spielernamen und die Nummern. Adidas hat dafür eine eigene Schrift entworfen, in der eine 1 aber kaum von einer 7 zu unterscheiden ist. Gleiches gilt für das Z und die 2, das X und das H und die 5 und das S. Adidas versteht die Aufregung darüber nicht recht, freut sich aber über die Publicity. Das Originaltrikot kostet 130 Euro (inklusive individueller Beflockung), als Replika ist es für 90 Euro zu haben.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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