Design

Auf der Wiesn fing alles an

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 23:36
zur Bildergalerie

Kennengelernt haben wir uns auf dem Oktoberfest.“ Schnell schiebt Gerhardt Kellermann hinterher: „Das stimmt wirklich!“ Dann beginnt er zu lachen, weil er ahnt, was sein Gegenüber womöglich denkt. Ganz so klischeehaft, wie man vermuten könnte, ist die Wiesn-Kennenlern-Geschichte von Ana Relvão und Gerhardt Kellermann aber nicht. Man muss nur weiter ausholen.

Kellermann, 1983 in Rumänien geboren, ist in Stuttgart aufgewachsen. Dort verschlug es ihn an die Kunstakademie, von der er begeistert war, weil die Studenten in eigenen Werkstätten selbst viel Hand anlegen können. Darum trägt sie auch den Spitznamen „MacGyver-Schule“, benannt nach dem erfindungsreichen Tüftler aus der amerikanischen Fernsehserie der achtziger Jahre.

Nach dem Studium ging Kellermann nach München, um im Studio von Nitzan Cohen zu arbeiten, der damals Gastprofessor in Stuttgart war und inzwischen Professor an der Freien Universität Bozen ist. Früher arbeitete Cohen für den Münchner Designer Konstantin Grcic, so wie Stefan Diez, der sich dann ebenfalls in München selbständig machte. Für Diez wiederum arbeitete Ana Relvão.

Weil sich die untereinander eng verbandelten Münchner Designer so gut verstehen, treffen sie sich einmal im Jahr beim Oktoberfest. Und da lernten sich der damalige Cohen-Mitarbeiter Kellermann und die damalige DiezMitarbeiterin Relvão kennen. Seit diesem Frühjahr sind die beiden verlobt. „Zum Heiraten hatten wir bisher einfach keine Zeit“, sagt die Portugiesin, die 1986 geboren wurde und in Lissabon Design studiert hat.

Das Studio Relvão Kellermann, das es gerade einmal seit drei Jahren gibt, ist glänzend gestartet. Viele Produkte haben sie schon zur Serienreife gebracht. Ihre Arbeiten fallen auf, da sie durchdacht und ungewöhnlich sind. Ihr Garderobenhaken Ring Hook für Schönbuch ist ein gutes Beispiel: Im Grunde ist es nur ein längliches Stück Holz, das vertikal an der Wand befestigt wird. Darüber kann man lose einen Mantel oder einen Taschenriemen hängen. Im Holz ist aber auch ein Edelstahlring für einen Kleiderhaken. Einfach und funktional sei der Ring Hook, sagen die beiden, und auch ohne Behang ein Blickfang und kein störendes Element an der Wand.

Oft arbeiten Relvão Kellermann mit kleinen Unternehmen zusammen, gerne in Portugal, wie mit der Brillenmanufaktur Sociel aus Gondomar bei Porto. Dort entstehen nach Münchner Entwürfen Gestelle, die von Hand und aus Azetat gefertigt werden. Nach der limitierten RK-Edition Shades entwickelten die beiden die Sonnenbrillen-Serie S1, die von Sociel einzeln angefertigt wird und über die Münchner Marke Seymoure zu haben ist.

„Wir wollten uns nicht auf Küchendesign festlegen“

Die Karaffe Dual Set wiederum hat das Designer-Duo für die portugiesische Marke Util entworfen. „Wir waren zunächst nicht begeistert und dachten, nicht noch eine Karaffe mit rundem Boden“, erzählt Ana Relvão. Doch dann habe der Art-Direktor von Util, Manuel Amaral Netto, sie herausgefordert. Die beiden begannen zu recherchieren und fragten sich, wie Wasser in verschiedenen Kulturen dargeboten wird. „In Japan gehört es zur Etikette, dass man erst dem anderen Wasser einschenkt, bevor der einem dann selbst Wasser einschenkt.“ So entstand die Idee zu ihrer Karaffe, die keinen runden, sondern einen ovalen Boden hat. Auch der Hals wirkt wie von beiden Seiten eingedrückt, sodass das mundgeblasene Gefäß zwei Ausgießer hat. Zum Set gehören noch zwei asymmetrisch geformte Gläser und ein Aluminiumtablett.

Relvão Kellermann wissen ihre Unabhängigkeit zu schätzen. Dabei hatten sie das verlockende Angebot, dauerhaft für den Küchenhersteller Bulthaup zu entwerfen. „Wir wollten uns aber nicht auf Küchendesign festlegen lassen“, sagt Kellermann. Überhaupt verstehen sie sich als Produktdesigner, nicht als Möbeldesigner. 2012 hatten sie dann die Chance, Teil einer „Designer-WG“ zu werden. Sie zogen mit dem einstigen Chefdesigner von Siemens, Herbert H. Schultes (Jahrgang 1938), in ein Studio an den Ammersee. Wenn nötig, entwarfen sie zu dritt, jeder von ihnen verfolgte aber auch seine eigenen Projekte.

Als der Mietvertrag nach zwei Jahren auslief, gingen Relvão und Kellermann zurück nach München, wo ihnen der Architekt Muck Petzet Räume in seinem Büro in der Ludwigsvorstadt anbot. Gleich nebenan haben nun die türkische Modedesignerin Ayzit Bostan und die niederländische Fotografin Erica Overmeer, Petzets Frau, ihre Ateliers. Muck Petzet selbst, der 2012 für den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig verantwortlich war, hat sich an der Isar verkleinert und konzentriert sich vermehrt auf sein Büro in Berlin.

„Das war hier seine Küche“, erzählt Gerhardt Kellermann. Davon ist in ihrem Studio nun nichts mehr zu sehen. Auf einem Sofa an der Fensterfront liegt Ada, ein Whippet, der zu den kurzhaarigen Windhunden gehört und darum unter eine Decke geschlüpft ist. Fest im Blick hat Ada die Schreibtische, an denen Relvão und Kellermann zusammen mit ihrem Assistenten Florian Giele arbeiten. Nebenan in einer Kammer stehen drei 3-D-Drucker. Einer von ihnen ist fast immer in Betrieb, druckt mal ein dreieckiges Brillenetui aus, das zur limitierten Edition ihrer Sonnenbrillen gehört, mal den Treppenabsatz des Museums für Angewandte Kunst Köln (MAKK). Dort wird ihr nächstes größeres Projekt zu sehen sein, zur Möbelmesse in Köln im Januar.

Für die Frankfurter Agentur Stylepark bereiten Relvão Kellermann eine Ausstellung vor, aber nicht auf dem Messegelände. Mitten in Köln sollen Neuheiten ausgewählter Hersteller gezeigt werden. Die Krux: Die Neuheiten werden meist erst kurz vor der Messe fertig, und es gibt oft nur einen einzigen Prototypen. Im MAKK wird also nicht ein fertiges Produkt zu sehen sein, sondern ein 3-D-Hologramm der jeweiligen Neuheit. Daran arbeiten Relvão und Kellermann zur Zeit. Das erste Modell des MAKK ist fertig und steht im Studio bereit. Verwirklicht wird es erst Mitte Januar. Die Erwartungen sind hoch. An der Ausstellung, die von Stylepark kuratiert wird, ist auch die Kölner Messe beteiligt, die so den Schritt vom Messegelände in die Stadt wagt. Die beiden Münchner Designer könnten also helfen, die ganze Szene auf neue Ideen zu bringen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philipp (pps.)
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMünchenStuttgartDesigner