Berlin als Chance, die er nicht suchte

Von PETER-PHILIPP SCHMITT, Fotos von FRANK RÖTH

23.05.2018 · Konstantin Grcic war immer der Designer aus München. Nun zieht er in die deutsche Hauptstadt. Was das für seine Arbeit bedeutet, weiß er selbst noch nicht.

C up ist sein neuester Coup. Inspiration für den Stuhl und dessen Sitzschale war ein Koffer aus thermogeformten Kunststofffolien. Der rollende Reisebegleiter der Marke Rimowa ist erstaunlich leicht und überraschend stabil. Was Konstantin Grcic aber besonders beeindruckte: dass sich in das flexible Material ein Reißverschluss einnähen lässt. Damit wurde der Koffer zur Vorlage für den Stuhl Cup. Bei seiner Premiere auf der Mailänder Möbelmesse, dem Salone del Mobile Milano, sitzt der Designer auch selbst darauf.

Dass Grcic seit Jahren schon auf gepackten Koffern saß, weil er zwischen seinem Arbeitsplatz München und seinem Wohnort Berlin hin und her pendelte, wenn auch nicht täglich, und dass er jetzt, im Mai, endgültig in die deutsche Hauptstadt zieht, ist dabei eine Koinzidenz, die zu weit hergeholt ist, als dass man Grcic darauf ansprechen möchte. Nicht etwa, weil er die Augen verdrehen und sich so einen Unfug verbitten würde. Grcic bliebe – wie stets – freundlich, ginge sicher sogar ernsthaft auf diese banale Idee ein, käme ansonsten aber schnell wieder aufs Wesentliche zurück.

Bleiben wir aber noch beim Thema Berlin. Ausgerechnet dorthin geht der gebürtige Münchner, in die Metropole, in der das Wort „kreativ“ lange mehr ein Schimpfwort war, als dass es positiv besetzt gewesen wäre. Als „kreativ“ galten in West-Berlin schon Leute, die in die Stadt zogen, weil sie nicht zur Bundeswehr wollten. Designer von Rang gab es auch nach der Wende zunächst nicht in Deutschlands Hauptstadt. München schnitt im Vergleich dazu auch deshalb so viel besser ab, weil in der bayerischen Hauptstadt ein Designer groß geworden war, der früh international wahrgenommen wurde und zudem Mentor einiger weiterer großer Münchner Designer wie etwa Nitzan Cohen, Stefan Diez und Clemens Weisshaar war – es war eben jener Konstantin Grcic.

Cup: Der Sessel (Plank, 2018) hat einen Kunststoffschalenkoffer als Vorlage. Foto: Plank

Doch Berlin ist nicht mehr Berlin. Inzwischen gibt es eine Reihe namhafter Produktdesigner in der Stadt: Werner Aisslinger (schon seit 1993), Mark Braun, Uli Budde, Läufer+Keichel, um nur einige zu nennen. Sie alle sind im besten Sinne des Wortes kreativ – und international erfolgreich. Das ist natürlich nicht ausschlaggebend für Grcic, der gerne Münchner war und auch gerne als solcher wahrgenommen wurde. Der Zweiundfünfzigjährige, der am 18. Mai Geburtstag hat, sucht nicht nach neuen kreativen Impulsen. Er hat vielmehr private Gründe für den Umzug: In Berlin lebt die Mutter seiner kleinen Tochter.

München oder Berlin? Das war für ihn die entscheidende Frage – und auch wieder nicht. „Ich mag beide Städte“, sagt Konstantin Grcic. Als Student sei es ihm wichtig gewesen, in welcher Stadt er lebte und arbeitete. Damals dachte er, London sei unabdingbar für sein Fortkommen als Designer. Heute ist das anders. Nicht die Stadt ist für ihn wichtig, seine Mitarbeiter sind es aber schon. Einige von ihnen sind seit Jahren bei ihm, wissen, wie er tickt, kennen jedes Projekt in- und auswendig. Darum auch versuchte er sich sechs Jahre lang am Pendlerdasein zwischen München und Berlin.

Damit ist nun Schluss, wenn auch nicht ganz. Er gibt zwar sein Münchner Büro KISD (Konstantin Grcic Industrial Design) auf, hat allen Mitarbeitern gekündigt. Drei aber machen als feste Freie an der Isar für ihn weiter: Sami Ayadi, Jan Heinzelmann und Charlotte Talbot. Das sorgt für Kontinuität und ist für ihn eine spürbare Erleichterung. Denn was in Berlin wird, weiß er noch nicht genau. Oder, wie er es formuliert:


„Der Umzug schafft eine Gelegenheit, die ich nicht gesucht habe.“
KONSTANTIN GRCIC

Ein tiefgründiger Satz, wie er so typisch für den Designer ist. Vorgefertigtes gibt es bei ihm nicht, er wägt jedes Wort ab, nimmt jedes Gespräch, jede Aussage ernst. Dumme Fragen an ihn mag es geben, dumme Antworten nicht.

Berlin wird so zur Chance für einen, dem wie kaum einem anderen Designer die Sympathien gehören. Hochverehrt wird er – auch und gerade von seinen vermeintlichen Konkurrenten. Warum? Weil er so ernsthaft bei der Sache ist, weil er hart arbeitet und ihm dennoch nicht alles gelingt, worüber er wie selbstverständlich spricht, und weil ihm die Ideen nicht zufliegen, wem auch? Dennoch gilt er als einer der experimentellsten seines Fachs. Neue Materialien, neue Technologien, akribisch macht er Unmögliches möglich. „Er schafft es“, sagt sein ehemaliger Lehrer Jasper Morrison, „alle vorgefassten Erwartungen über Bord zu werfen und jedes Mal bei null anzufangen. Das ist wirklich sehr selten.“

Konstantin Grcic hat serbische Wurzeln. Sein Vater, ein Jurist, der einen österreichischen Pass hatte, war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Jugoslawien gekommen. Geboren wurde Grcic in München, wo seine Mutter Marion Grcic-Ziersch Kunsthändlerin ist. Aufgewachsen aber ist er bis zu seinem 14. Lebensjahr in Wuppertal. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat der als typisch deutsch geltende Designer erst beantragt, nachdem er in England keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis mehr bekommen hatte. Das war 1991, Österreich war noch nicht in der EU. Ein Jahr zuvor hatte ihn der sechs Jahre ältere Jasper Morrison eingeladen, für sein Londoner Büro zu arbeiten. Als er nicht mehr zurück konnte, siedelte er zwangsweise in seine Geburtsstadt über.

Myto: Der Freischwinger (Plank, 2008) wird in einem Stück aus dem Kunststoff Polybutylenterephthalat gegossen. Foto: Plank
Chair One: Der Outdoor-Stuhl (Magis, 2004) hat einen Zementsockel und einen Aluminium-Druckguss-Sitz. Foto: Magis

1991 hatte Grcic schon eine Schreinerlehre im englischen Dorset an der von John Makepeace gegründeten School for Craftsmen in Wood absolviert, dem heutigen Parnham College, und hatte Design am Royal College of Art in London unter anderen bei Jasper Morrison studiert. Aus England brachte der junge Designer mehr als nur einen Koffer mit. Über seinen Tutor und Mentor Morrison hatte er Kontakt zu Sheridan Coakley und dessen 1985 gegründetem Unternehmen SCP geknüpft. „Nur ein dreiviertel Jahr nachdem ich mein Studium beendet hatte, brachte SCP schon meine ersten Entwürfe heraus“, erzählt Konstantin Grcic. „Kurze Zeit später klopfte Cappellini an meine Tür.“

Schlagartig gehörte er zu den bekanntesten Nachwuchsdesignern, in einer Reihe mit Jasper Morrison, Marc Newson und Tom Dixon. Mit Anfang 30 entwarf er dann jene Leuchte, mit der er erstmals Designgeschichte schrieb: Mayday. Sie entsprach keinen starren Typologien, ist ein Objekt eher für den Keller oder die Garage als fürs Wohnzimmer oder den Nachttisch. Mayday hat einen Griff zum Herumtragen, einen Haken zum Aufhängen, einen kegelförmigen Reflektor aus Kunststoff und ein sehr langes Kabel, das über zwei Dorne aufgewickelt werden kann. Für seine Leuchte, die bei Flos erschienen ist, bekam er 2001 den Compasso d’Oro, eigentlich „nur“ ein italienischer Industrie-Designpreis, der aber als eine der bedeutendsten Auszeichnungen überhaupt gilt.

Ende der Neunziger traf Konstantin Grcic auch erstmals auf Eugenio Perazza, den Gründer von Magis. Nur mit dem Unternehmen Plank ist der Designer seither ähnlich eng verbunden. Über die Jahre hat er für beide Herstellerfamilien Dutzende Produkte entwickelt. Grcic spricht von einer „engen persönlichen Beziehung“, die ihm Freiheiten ermögliche, wie er sie sonst nur selten habe. Der Unterschied: Das Südtiroler Unternehmen Plank, das inzwischen von Michael Plank geführt wird, ist kleiner. Grcic prägt die Firma als Designer, jedes Jahr entwirft er für sie ein Möbelstück. „Bei Magis habe ich nicht so ein Alleinstellungsmerkmal.“

Chess: Das Schubladenmöbel (Magis, 2018) lebt vom Kontrast zwischen Stahlblech und Eiche. Foto: Magis



Dennoch entstand für Magis gleich nach dem ersten Treffen mit Seniorchef Perazza Grcic' zweite Design-Ikone: Chair One. Perazza hatte genaue Vorstellungen, was das Material angeht. Der Stuhl sollte aus Aluminium-Druckguss sein. Herauskam ein Outdoor-Möbel, dessen Sitzfläche eine geometrische Gitterstruktur hat. Vor allem die Variante mit Zementsockel gilt als Klassiker, mit dem sich Cafés, Restaurants und Museen auf der ganzen Welt schmücken. In diesem Jahr stellte Magis auf dem Salone del Mobile das Schrank- und Kommodensystem Chess vor. Es besteht aus Stahlblech, hat als Kontrast Griffe aus massiver Eiche und steht auf einem zurückspringenden Holzsockel, der dem Schubladenmöbel Leichtigkeit verleiht und es „schweben“ lässt.

Genau gegenüber vom großen Magis-Stand zeigte Plank seine Neuheiten, auf wesentlich weniger Quadratmetern. Im Mittelpunkt stand dabei der Stuhl Cup, der vor sieben Jahren schon einen Vorläufer hatte: Avus. Der schnittige Sessel bestand ebenfalls aus einem thermoplastischen Kunststoff, aus Polyurethan-Schaum und einem Lederpolster. Zufrieden aber war Grcic nicht mit dem Ergebnis: zu schwerfällig, die Leichtigkeit des Materials verlor sich bei dem klobig wirkenden Stuhl. Ganz anders nun die ebenfalls gepolsterte Sitzschale von Cup, die in ein graziles Metallgestell gestülpt wurde.

Avus: Dem Clubsessel (Plank, 2011) aus thermoplastischem Kunststoff fehlt die gewünschte Leichtigkeit. Foto: Plank
Traffic: Der Sessel (Magis, 2013) mit einem Gestell aus Stahldraht kann je nach Ausführung drinnen und draußen stehen. Foto: Magis

Magis und Plank werden auch weiterhin zu den Konstanten im Leben von Konstantin Grcic gehören. Dafür sorgen schon seine drei langjährigen Mitarbeiter in München. Ansonsten rechnet er mit einer Übergangszeit. „Ich will ausloten, ob ich überhaupt ein festes Studio in Berlin brauche.“ Eine Adresse für KGD (Konstantin Grcic Design) hat er schon, in Berlin-Mitte. Doch ob er dort künftig alleine entwerfen wird oder mit kreativen Kräften, steht nicht fest. Er will Freiräume haben für andere Projekte, Ausstellungen zum Beispiel, von denen er schon etliche konzipiert hat. Ganz aufhören mit dem Entwerfen von Industrieprodukten will er aber nicht. Im Gegenteil: „Immer und immer wieder einen neuen Stuhl zu machen, das könnte ich mir gut vorstellen bis an mein Lebensende.“

Quelle: F.A.Z. Magazin