Es werde Kunst

Von Florian Siebeck

27.3.2017 · Lampen sehen immer besser aus. Das liegt an der Technik – und an den Designern. Acht Leuchten und ihre Geschichte.

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Catch Box (Lindsey Adelman) Lindsey Adelman ist gewissermaßen die Kronleuchterkönigin Manhattans, schließlich haben sich ihre verästelten Lichtkonstruktionen über die Jahre als Statussymbol in wohlhabenderen Haushalten und glänzenden Magazin-Doppelseiten auflagenstarker Besserwohnenpostillen etabliert. Seit sie 2006 (angetrieben vom Anblick einer riesigen Polystyrol-Pommestüte) ihr New Yorker Studio eröffnete, experimentiert Adelman stets im Raum zwischen maschineller Produktion und mundgeblasenem Glas. Und entdeckt immer neue organische Formen: „Catch Box“ (für Nilufar) besteht aus einem Quader aus Messing, durch den eine Glasform gegossen wird, die beim Abkühlen – Dalí lässt grüßen – langsam herunterfließen darf. Obwohl die Designerin rund tausend Leuchten pro Jahr herstellt, sind die meisten ihrer Stücke in limitierter Auflage schnell ausverkauft und werden durch neue Entwürfe ersetzt.

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Borne Béton (Le Corbusier) Wir sparen uns an dieser Stelle die Quizfrage, welchen großen Künstler diese Leuchte zu einem Album inspiriert hat – sie hätten es eh nicht erraten: Kanye West. Der sagte über sein 2013 erschienenes Album „Yeezus“: „This one Corbusier lamp was, like, my greatest inspiration.“ Es war nicht nur die Form, die ihm ins Auge stach, sondern auch der Preis von rund 104.000 Euro. (Hat sich da einer über den Tisch ziehen lassen?) „Französische Galeristen nutzen Corbusiers Erbe, um reichen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen“, konstatiert West. Die Welt werde zwar weniger rassistisch, aber in Wirklichkeit gebe es noch einen großen Klassenkampf, was ja gar nicht in Corbusiers Sinne gewesen sei. Er vergisst dabei, dass der Architekt Antisemit gewesen ist. Wer jetzt ein Album schreiben will oder ähnliche Ambitionen hegt: Die Neuauflage von Nemo als Tischleuchte kostet nur 1300 Euro.

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Cast (Studio Vit) Was wir hier sehen, ist ein Ausschnitt aus der „Villa P. F.“, einem fiktiven Haus der mexikanischen Künstlerin Ana Montiel, das größtenteils aus Illustrationen und Pastellfarben besteht. Gestaltet hat sie es für den sich selbst nicht allzu ernst nehmenden Hersteller Petite Friture. Immerhin: Die Lampe ist echt, entworfen vom schwedischen Studio Vit, hinter dem die Designerinnen Helena Jonasson und Veronica Dagnert stehen. Die eine studierte Mode, die andere Industriedesign, aber sie beide vereint die Liebe zur Einfachheit. Für die Leuchte „Cast“ baten sie die geometrische Elite in ihrer elementarsten Form zum Stelldichein und manifestierten sie in Beton und Glas. Heraus kamen zwei Entwürfe, von denen einer entfernt an Verner Pantons Flower-Pot-Leuchte erinnert und der andere an eine Seifenblase. Eine leuchtende Seifenblase, wohlgemerkt. Oder war doch alles nur ein Traum?

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Polar Desk Lamp (Ross Gardam) Wer lieber mit Licht und Schatten statt dem Feuer spielt, hat in dieser Lampe eine treue Seelenverwandte gefunden. Der australische Designer Ross Gardam sagt, seine „Polar Desk Lamp“ sei angelehnt an die Phasen des Mondes: Der Arm des kreisrunden Schirms ist per Magnet an den keramischen Standfuß angeschlossen und umkreist die Leuchte. Durch die perspektivische Lageänderung kann das Licht gestreut oder gefiltert werden. Je nach Stimmungslage ist der Schirm in verschiedenen Farben erhältlich: Weiß, Altrosa und Nachtblau. Anders als der Mond kann diese Leuchte bei Schlafstörungen einfach ausgeschaltet werden. Wer trotzdem lieber auf der Sonnenseite des Lebens steht, sollte sich Gardams limitierte „Ora“-Leuchte aus vergoldetem Aluminium ansehen. Ihre güldene Haube kann um 360 Grad bewegt werden und wirft auch auf kühle Persönlichkeiten ein warmes Licht.

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Casting Concrete (Vincent van Duysen) Wer glaubt, doppelt zu sehen auf dieser Seite: keine Sorge. Die Leuchte von Vincent van Duysen für Flos sieht nur so aus wie Corbusiers Original (oben links). „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt van Duysen, der nicht Designer, sondern Architekt ist und neuerdings auch Kreativdirektor der italienischen Marke Molteni. Die Leuchte, die es ihm so angetan hat, entwarf Corbusier in den Sechzigern für die indische Stadt Chandigarh. „Sie verkörpert den Brutalismus avant la lettre“, war also ihrer Zeit weit voraus, sagt van Duysen. Er entschied sich glücklicherweise, kein Album aufzunehmen, sondern wagte sich an eine zeitgenössische Interpretation des Klassikers: „Ein clin d’œil“, also ein Augenzwinkern „an diese Zeit, mit einer contemporary nuance und neuen Proportionen einem touch Flos“. Und eine Alternative für jene, die nach der Lektüre nicht mehr sicher sind, ob die Kopie nicht doch auch langt.

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Colour (D. Rybakken, A. Engesvik) Wenn Ihnen die 2016er Pantone-Farbmischung Rose Quartz & Serenity zum Halse raushängt: verständlich. Zur Verteidigung der beiden norwegischen Designer Daniel Rybakken und Andreas Engesvik sei jedoch gesagt, dass sie ihre „Colour“-Leuchte für den Frankfurter Hersteller e15 lange vor dem Hype lanciert haben. Geschickt vermischen sie mit ihrer geometrischen Verbundglas-Kombo die Grenzen zwischen Skulptur und Lichtquelle. Manche sagen ja, dass die Skandinavier deshalb so gute Leuchten bauen, weil sie hungrig sind nach dem Sonnenlicht. Mag sein. Daniel Rybakken jedenfalls ist Lichtdesigner, kein Lampendesigner. Er wehrt sich gegen Vergleiche mit Gestaltern, „die eigentlich nur Lampenschirme entwerfen und dann eine Leuchte reinstellen.“ Wer „Colour“ kauft, hat eben nicht nur Licht, sondern einen echten Rybakken an der Wand.

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Balance Lamp (Victor Castanera) Diese Leuchte sieht unbeschwert aus, aber für den Designer Victor Castanera war ihre Konstruktion aber eine echte Herausforderung: Wenn er die mittlere weiße Kugel in der Mitte zum Leuchten bringt, wo versteckt bringt er dann das Kabel für die obere unter? Die Lösung: kein Kabel. Der Leuchtkörper ist zugleich Verbindungsstück, neuartige LED-Technik macht’s möglich. Der Fuß aus schwarzem Marmor trägt die Lampe, deren Kugeln wie in einer Momentaufnahme so angeordnet sind, dass sie gerade die Balance halten. Eine Referenz ans Leben, wo ja auch immer alles in Bewegung ist. Produziert wird die Leuchte vom schwedischen Hersteller Oblure. „Die Balance Lamp soll uns daran erinnern, wie außergewöhnlich das Alltägliche ist“, sagt der Designer. „Denn es ist wichtig, neugierig zu bleiben.“ Die Leuchtkörper können übrigens im Handumdrehen ausgetauscht werden.

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27.03.2017
Quelle: F.A.S.