Designexperte Streckel

„Die Postmoderne wird neu entdeckt“

Von Judith Lembke
 - 10:09
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Das neue Jahr beginnt traditionell mit der Vorstellung der neuen Möbelkollektionen. Was sind die Trends?

Es gibt ein Revival der Postmoderne. Überall wird das Design der Memphis-Gruppe zitiert, mit seinen Kugeln, Pyramiden und Würfeln. Auf den Midcentury-Trend und die skandinavische Schlichtheit folgen nun Verspieltheit und Opulenz. Gerade jüngere Designer, die die Postmoderne in den siebziger und achtziger Jahren nicht miterlebt haben, entdecken sie wieder.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Der Pipe Chair, den Sebastian Herkner für Moroso entworfen hat: ein Sessel mit kräftigen Ohren, kubischen Formen und dicken Blockstreifen in Schwarzweiß. Das sind Dinge, die man längere Zeit nicht gesehen hat und die jetzt wieder aufpoppen.

Was ist Ihnen beim Blick auf die neuen Kollektionen noch aufgefallen?

Es wird wieder humorvoller. Da sind vor allem die Holländer vorne mit dabei, die Einrichtung generell mit sehr viel mehr Witz betreiben als die Deutschen.

Sie sind seit zwölf Jahren bei der Design Post, wo mehr als dreißig Hersteller ihre Neuigkeiten präsentieren. Gibt es nationale Unterschiede darin, wie man an Einrichtung herangeht?

Auf jeden Fall. Niederländer betrachten Möbel zum Beispiel nicht wie die Deutschen mit der Erwartung, dass sie ewig Bestand haben müssen. Der Deutsche verlässt sich gerne auf sein grundsolides Modulsofa, das sich seit sechzig Jahren bewährt hat. Deutsche Möbel sind im Zweifel auch erdbebensicher. Die Holländer denken eher: Und wenn mir die Sturmflut das Ding mal wegfegt, muss ich es eben neu machen. Und dann schaue ich mal, wie in dem Moment meine Stimmung so ist.

Und wie ist die Herangehensweise der Italiener?

Denen ist es wichtiger, dass Möbel elegant und schön sind, als dass sie bis ins letzte Detail quietsch- und wackelfrei funktionieren. Durch diese unterschiedlichen Haltungen kommt man zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen in der Gestaltung.

Bei den Skandinaviern muss hingegen alles handwerklich perfekt sein?

Sie sind einer hohen gestalterischen Tradition verpflichtet. Es wird immer versucht, sehr viel Licht einzufangen und eine Leichtigkeit zu erzeugen. Handwerk spielt eine große Rolle, ebenso wie ein starker Bezug zur Natur. Die Skandinavier schöpfen aus einem unglaublichen Erbe an handwerklichem Wissen und einem großen Schatz an alten Entwürfen.

Gibt es überhaupt noch den einen großen Einrichtungstrend?

Nein, mittlerweile laufen immer mehrere Strömungen parallel. Das Dogmatische von Trends ist vorbei, jeder macht, was ihm gefällt. Trotzdem erkennt man große Linien. Das fiel mir zum Beispiel bei unserem Umbau für die Möbelmesse in Köln gerade kürzlich wieder auf: Jeder unserer Aussteller plant seinen Stand für sich. Trotzdem ist es im Gesamtergebnis immer stimmig, weil alle doch irgendwie auf die gleichen Farben setzen.

Was sind denn die aktuellen Farbtrends?

Letztes Jahr war es richtig bunt, wir haben eine üppige Farbauswahl, auch wild kombiniert, gesehen. Jetzt wird es wieder deutlich ruhiger. Der Stand, der im vergangenen Jahr noch in kräftigem Grüngelb und Rosétönen gestrichen war, zeigt sich jetzt in sanften Grautönen in Kombination mit Blau. Nach dem Lauten kommt jetzt wieder das Ruhige.

Und bei den Textilien?

Nach schwerem Samt in dunklen Rottönen, Tanngengrün und Grau wird es jetzt wieder pastelliger. Die Möbelbranche hinkt der Modeindustrie ja immer etwas hinterher – da ein neues Sofa eine sehr viel langfristigere Anschaffung ist als ein neues T-Shirt, brauchen die Kunden die Sicherheit, dass man einem neuen Trend auch wirklich folgen kann, ohne total exzentrisch zu sein.

Von Exzentrik ist nicht viel zu sehen, stattdessen wirkt die Branche eher von Sicherheitsdenken geprägt. Fast alle verlassen sich auf dieselben bekannten Designer, Neuauflagen alter Entwürfe sind allgegenwärtig. Woher kommt diese Mutlosigkeit?

Dieses optische Einerlei ist ein hausgemachtes Problem, das zum großen Teil aus dem Handel rührt: Wenn man dem Kunden jahrzehntelang immer nur die schwarze Ledercouch und denselben Designklassiker in müder Farbe präsentiert, bekommt er auch keinen Impuls, sich etwas Neues zu kaufen.

Sie plädieren also für mehr Kuriositäten und Exzentrik in den Schaufenstern?

Ach, ein bisschen mehr Leidenschaft würde mir schon reichen und der Mut, mal etwas Neues zu zeigen, anstatt von Buxtehude bis Posemuckel immer nur dieselben Sachen.

Dann ist also wenig Bewegung in der Möbelbranche?

Doch, sie hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Auf der einen Seite gibt einen Trend zu Kleinsteditionen, die sehr exklusiv sind. Auf der anderen Seite sehen wir die Demokratisierung des Designs durch die globalen Möbelkonzerne und das Internet. Dadurch ist gute Gestaltung heute für Masse sehr viel erschwinglicher als noch vor einigen Jahren.

Liegt das an der Digitalisierung?

Die Vermarktung von hochwertigen Möbeln übers Internet ist nicht so einfach wie die von Klamotten. Bevor jemand 8000 Euro für ein Sofa ausgibt, wollen die meisten zumindest einmal darin gesessen haben, denn auch das Zurückschicken ist nicht ganz so einfach. Standardisierte Produkte funktionieren online, aber je individueller es wird, desto mehr ist das direkte Gegenüber gefragt. Allerdings gibt es auch Neugründungen wie Hay oder &tradition, die von Anfang darauf ausgelegt sind, dass sie sich gut im Internet präsentieren und verschicken lassen.

Inwiefern beeinflusst die Digitalisierung, wie wir uns einrichten?

Kastenmöbel, also vor allem Regale, haben es schwer. Die Leute haben einfach nicht mehr so viele Bücher um sich herum wie früher.

Welche Bedeutung hat die Omnipräsenz von Bildern für die persönliche Einrichtung? Heute postet schließlich jeder Fotos von seinem Zuhause, allen voran die Interior-Blogger. Setzt das die Menschen unter Druck, ihre eigenen vier Wände besonders repräsentabel herzurichten?

Nein, das glaube ich nicht. Für die jüngeren Generationen ist die Idee, dass der eigene Wohnraum etwas repräsentieren muss, nicht mehr so bedeutsam wie für die Älteren. Für sie ist es eher wichtig, zu Hause bei leckerem Essen und gutem Wein mit Freunden um den runden Tisch zu sitzen, als beim Hausbesuch den sozialen Status zu präsentieren. Das Salongehabe in großen Polsterlandschaften ist out. Gegen diese spricht übrigens auch, dass sie sich nur schwer auf- und abbauen lassen. Der zunehmenden Mobilität entsprechend, muss heute auch die Einrichtung flexibler und mobiler sein als früher.

Das Gespräch führte Judith Lembke.

Quelle: F.A.S.
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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