Möbelhersteller in Oberfranken

„Des is noch Handarbeit“

Von Henning Peitsmeier
 - 20:47
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Immer wieder gleitet der Hobel über das Holz. Mit geübtem Griff zieht Martin Weiß die Schraubzwinge an, ein Metallgestänge schmiegt sich an den glattgeschliffenen Holzrahmen. Der gelernte Schreiner baut ein Drehsofa zusammen, dessen Seitenteile mit einer Gasdruckfeder bewegt werden. Der Prototyp soll die Fachwelt auf den wichtigsten Möbelmessen begeistern. „Des is noch Handarbeit“, sagt Martin Weiß, und das weich ausgesprochene „t“ verrät seine oberfränkische Herkunft.

Die kleine Werkstatt, in der er arbeitet, ist durch eine Glastür von der Fabrik abgetrennt, damit Lärm, Staub und Holzspäne nicht in die benachbarte Halle dringen, in der die Nähmaschinen rattern. Im Minutentakt nähen hier zwei Dutzend Frauen Stoffbahn um Stoffbahn zu fertigen Polsterbezügen zusammen, die im nächsten Fertigungsschritt von Polsterern über die dicken Schaumstoff-Lagen der Sitzgarnituren gezogen werden. Willkommen bei einem der wenigen namhaften deutschen Polstermöbelhersteller, der Brühl & Sippold GmbH in Bad Steben.

Es ist tatsächlich vor allem Handarbeit, was in den lichtdurchfluteten Fertigungshallen zu sehen ist. Der Firmeninhaber Roland Meyer-Brühl ist stolz auf seine 170 Mitarbeiter. Doch in Zeiten, in denen der deutsche Möbelmarkt von Billigimporten aus Polen, Ungarn und Litauen geflutet wird und inzwischen auch das Ledersofa aus China in den Möbelpalästen der Republik für 300 Euro verramscht wird, droht die Möbelfertigung in Deutschland fertiggemacht zu werden.

Meyer-Brühl, ein junggebliebener Mann mit Nickelbrille, spricht leise über die Krise der deutschen Polstermöbler. Gerade erst hat es den Konkurrenten Rolf Benz erwischt – einen klangvollen Namen in einer Branche, in der klangvolle Namen rar sind. Dass Rolf Benz an den börsennotierten chinesischen Konzern Jason Furniture Hangzhou verkauft wird, überrascht Meyer-Brühl nicht. Rolf Benz hatte schon vor vielen Jahren die Eigenständigkeit verloren, gehörte lange zur westfälischen Hüls-Gruppe, und für Meyer-Brühl geht bei jedem Besitzerwechsel, wie er sagt, „immer auch ein Stück Seele verloren“. Unweigerlich kommt da Sigmund Freud in den Sinn, der für die Erforschung der Seele stets eine bequeme Couch nutzte, auf der sich die Patienten entspannen und über Ängste und Träume sprechen sollten.

Das Erfolgsrezept ist die Nachhaltigkeit

Roland Meyer-Brühls Psychoanalyse der deutschen Möbelindustrie klingt angstfrei. „Unser Leben ist Gestaltung“, sagt er und bezieht in den Plural bewusst seine Tochter Kati ein, die für das Design zuständig ist. Ihre Sofakreationen – mal verspielt, mal schnörkellos – werden immer wieder mit Designpreisen ausgezeichnet. Höhepunkt war die Architekturbiennale 2016 in Venedig, als Brühl im historischen Palazzo Michiel in der Nähe der Rialtobrücke ausstellen durfte – „eine besondere Ehre“.

Für den Senior war es so etwas wie die Krönung seines Schaffens. Vor gut zwei Jahrzehnten hatte er versucht, Brühl zu einer bekannten Marke aufzubauen. Das gelang: Weil seine Kunden heute bereit sind, für ein Brühl-Sofa 5000 Euro oder mehr zu zahlen, kann sich das Unternehmen sogar eine Prototypenfertigung mit Facharbeitern leisten, in der Schreiner Martin Weiß seit mehr als 15 Jahren arbeitet.

Das Erfolgsrezept ist hier die Nachhaltigkeit. MeyerBrühl, von Haus aus Betriebswirt, störte sich daran, dass die Kunden immer häufiger neue Sitzgarnituren kauften; das ist zwar gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Umwelt. „Diese Entwicklung sollte durch unsere Produkte nicht noch verstärkt werden“, entschied er und entwickelte ein Sofa mit abnehmbaren Bezügen. Damit sollte die optische Lebensdauer verlängert werden. „So reduziert sich auch die Müllmenge“, sagt Meyer-Brühl zu einem weiteren Vorteil der Langlebigkeit.

Bei Brühl gibt es Bezugsstoffe aus Bambusfasern und Lederhäute, die der Umwelt zuliebe mit Olivenöl gegerbt sind, während in der Branche sonst Gerbstoffe aus dem Tropenwald verwendet werden. Unter den Polsterstoffen werden keine industriellen Spanplatten verbaut, sondern geleimte Buchengestelle. Die Mitarbeiter tragen keine Atemschutzmaske, denn der Kleber, den sie verwenden, hat besonders wenig Lösemittel. Als erster deutscher Polstermöbelhersteller wurde Brühl mit dem „Blauen Engel“ prämiert, für vorbildliches Umwelt-Engagement.

Roland Meyer-Brühl schlurft in seinen modischen Wanderstiefeln durch die Sofa-Produktion. Die Gummisohlen quietschen auf dem harten Betonboden. Seine Näherinnen stehen auf Gummimatten, das schont den Rücken. Sie arbeiten in Gruppen, wechseln von der Universal- zur Spezialnähmaschine und wieder zurück. So wird ihre Tätigkeit nicht zu monoton.

„Das letzte Jahr war besonders schlecht“

Brühls Polstermöbel-Biotop in Bad Steben passt eigentlich gar nicht zur allgemeinen Stimmung der Branche. Es sind harte Zeiten für die Möbelindustrie, mal wieder. Nach der deutschen Wiedervereinigung, als sich über Nacht ein neuer Markt auftat, galten die Polstermöbler als die heimlichen Könige Oberfrankens. Dann kamen die Osterweiterung der Europäischen Union und die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Vor 30 Jahren tummelten sich noch 50 Betriebe in der Region bis zur thüringischen Landesgrenze. Geblieben sind noch 14. „Das letzte Jahr war besonders schlecht“, sagt Christian Dahm, der Geschäftsführer des Verbands der Holzwirtschaft und Kunststoffverarbeitung Bayern-Thüringen. „Drei Unternehmen haben sich aus dem Markt verabschiedet, ein viertes hat die Produktion aus Oberfranken ins Ausland verlagert.“

Vor allem der Lohnkostenvorteil in Osteuropa macht den heimischen Produzenten zu schaffen. In Polen arbeitet der Polsterer für einen Stundenlohn zwischen sieben und zehn Euro, in Deutschland bekommt er gut das Doppelte. Und während bei einer Küche der Personalkostenanteil nur zehn Prozent ausmacht, sind es bei der Herstellung von Polstermöbeln bis zu 50 Prozent.

Obendrein tobt im Handel seit Jahren ein heftiger Preiskampf, abzulesen an den immer aufdringlicheren „Tiefpreisgarantien“ oder „Best-Preis-Wochen“, mit denen Möbelpaläste werben. Und wenn die „30-Prozent-Rabatte auf Möbel, Küchen und Matratzen“ immer noch nicht reichen, wird der Kunde zu einer „Super-Schnitzel-Aktion mit Gratisgetränk“ gelockt.

Für die kleinen und mittelständischen Hersteller ist das ein Albtraum. Sie sehen sich der Nachfragemacht großer Einkaufsverbünde wie Begros, Atlas oder VME ausgeliefert, die ihre Eigenmarken in den Vordergrund stellen. „Der Möbelhersteller wird so austauschbar“, sagt Dahm über das Dilemma. „Er kann im Handel keine eigene Marke aufbauen und muss über den Preis verkaufen.“

Ein Hersteller wie Brühl, der nur über den Fachhandel verkauft, hat diese Probleme nicht. Ein anderer, wie die W. Schillig Polstermöbelwerke in Frohnlach, ist einerseits mit den großen Möbelhändlern gewachsen. Andererseits muss er sich ihren Spielregeln unterwerfen. „Der deutsche Markt ist ruinös“, sagt Erik Stammberger, Enkel von Firmengründer Willi Schillig. „3-2-1“, wie im Branchenjargon die aus einem Sessel und zwei Sofas mit zwei und drei Sitzen genannten Wohnzimmergarnituren heißen, „geht heute für unter 1000 Euro weg“.

W. Schillig kann noch mithalten, weil Stammbergers Vater in Werke im Ausland investiert hat. Sohn Erik wiederum gründete schon während seines Betriebswirtschaftsstudiums eine Möbelfirma in den Vereinigten Staaten, verkaufte über einen Händler in Florida „Made in Germany“ an wohlhabende Amerikaner. So wurde W. Schillig mit Fabriken in Osteuropa und in China von einem mittelständischen Familienbetrieb zu einem Global Player. „Just-in-time-Fertigung, modulare Baukästen, geringere Komplexität, bessere Losgrößen – wir haben uns viel von der Autoindustrie abgeschaut“, sagt Stammberger. Nach den Werksferien wird W. Schillig ein digitalisiertes Produktionsverfahren einführen.

„Ich bin enttäuscht vom deutschen Möbelkäufer“

Stammberger, Jahrgang 1973, könnte mit seinem Kurzhaarschnitt, der markanten Brille und dem selbstbewussten Auftreten als Jungstar einer alternden Industrie durchgehen. Doch so forsch, wie er seine modernen Geschäftsideen ausbreitet, so nachdenklich wird er, wenn er über die Kehrseite der Rationalisierung spricht. Am 1. August 2015, als er seinen Vater als Vorsitzenden der Geschäftsführung ablöste, verkündete der Junior einen Stellenabbau. Die Näherei und der Zuschnitt wurden am Standort Frohnlach geschlossen, 120 Mitarbeiter waren betroffen. „Unsere Kunden wertschätzen die Arbeit unserer Mitarbeiter nicht mehr. Das musste ich der Belegschaft so sagen.“

Stammberger erzählt, dass er einige Monate später eine Näherin, die er entlassen hatte, in der Nachbarschaft getroffen habe. „Ich bin enttäuscht vom deutschen Möbelkäufer“, habe ihm die Frau gesagt. Sie hatte die Spielregeln des Möbelhandels verstanden. „Die Frau hat umgeschult und arbeitet heute als Krankenpflegerin“, sagt Stammberger. Einen Teil der leeren Fabrikgebäude hat W. Schillig mittlerweile an eine Spedition vermietet, einen anderen Teil an einen Möbelhändler, der chinesische Billigware über das Internet verkauft. Stammberger ist schon als Kind mit dem Skateboard durch die riesigen Fertigungshallen gefahren. „Endlich ist wieder Leben in der Fabrik“, sagt er und erweckt nicht den Eindruck, als würden ihn die Geschäfte der neuen Mieter stören.

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Ein paar Kilometer von Frohnlach entfernt liegt das Örtchen Michelau, einst bekannt für seine Korbmacher. Im Ortskern erinnert ein Museum daran, wie hier noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die fränkischen Flechter aus den Weiden, die sie in den sandigen Auen des Maintals fanden, in mühevoller Arbeit Körbe aller Art herstellten.

Die Korbflechterei ist heute so gut wie ausgestorben, und vermutlich würde es auch den größten Polstermöbelproduzenten Koinor nicht mehr geben, wenn der Geschäftsführende Gesellschafter Gerd Bissinger nicht ebenso wie W. Schillig rechtzeitig den Weg der Rationalisierung eingeschlagen hätte.

Koinor – der Name ist eine Anspielung auf den 105-karätigen Diamanten Koh-i-Noor – zeichnet sich aber nach den Worten des Chefs nicht nur durch eine moderne Fabrik am Stammsitz aus, sondern auch durch Innovationen. „Free Motion“ nennt Koinor seine jüngste technische Errungenschaft: ein Sofa, das sich beinahe in jede Richtung verschieben und drehen lässt, das sich per Fernbedienung vom Fernsehsessel in eine Schlafcouch mit ausladend großer Liegefläche verwandelt. „Free Motion ist eine Weltneuheit, die wir zum Patent angemeldet haben“, sagt Bissinger stolz. „Die neue Dimension des Sitzens, Liegens, Lebens“ verspricht der Koinor-Prospekt vollmundig – und hebt sich doch wohltuend ab von all den Prospekten der Höffners, Segmüllers und Porta-Möbelhäuser, die „3-2-1“ mit Rotstift-Preisen bewerben.

Und die nächste Innovation steht laut Bissinger kurz vor der Markteinführung: Das „Free-Motion-Sofa“ hört bald aufs Wort. Koinor koppelt seine Sitzgarnituren mit Amazons Sprachbox Alexa, so dass Kunden auch ohne Fernbedienung allein über Sprachbefehle ihre Sitzpositionen verändern können. Dass die „Free-Motion“- Serie eines Tages zum Klassiker werden kann wie etwa die Conseta des westfälischen Konkurrenten Cor, bezweifelt Bissinger. „Wenn die Serie zehn Jahre läuft, wäre ich sehr zufrieden. Die meisten Modelle sterben im Handel schon nach zwei bis drei Jahren.“

Es soll weitergehen in Oberfranken

Das Geschäft in der globalisierten Welt ist schnelllebiger geworden. Farben, Muster und Designs werden seit jeher hauptsächlich von der schnelllebigen Mode beeinflusst. Leder in Naturfarben und Brauntönen liegt bei Koinor offenbar im Trend, wie sich beim Rundgang durch die Ausstellungshalle zeigt. In der Polsterei dagegen stellt sich ein ganz anderes Problem: Junge Polsterer sind in der Minderheit, Koinor plagen wie W. Schillig und Brühl Nachwuchssorgen. So manchem Auszubildenden ist der Beruf körperlich zu anstrengend, und die großen Autozulieferer in Oberfranken zahlen höhere Gehälter. Vakante Stellen in den Akkord-Polstereien müssen oft mit ausländischen Fachkräften besetzt werden.

Mit der aktuellen Geschäftslage ist Bissinger sehr zufrieden, weil neben den Polstermöbeln auch die Erweiterung um Esszimmerstühle und -tische zusätzlichen Umsatz gebracht hat. „Wir wachsen seit drei Jahren stark und haben die Belegschaft von 300 auf 400 Mitarbeiter ausgebaut.“ Möglich wurde das auch, weil Koinor von den vier Konkurrenten, die im vergangenen Jahr aufgegeben haben, einige Mitarbeiter übernehmen konnte. Von einem Raucherraum im ersten Stockwerk neben der Polsterei zeigt Bissinger hinunter auf einen künstlich angelegten Teich, in dem mehrere Kois schwimmen. „Ich bin ein bisschen esoterisch angehaucht“, sagt der nüchterne Zahlenmensch Bissinger. „In der fernöstlichen Lehre bleibt mit den Kois das Geld im Unternehmen, dann sitzen sie niemals auf dem Trockenen.“

Die Koinor-Fabrik ist längst abgeschrieben, Kredite bei Banken hat das Unternehmen laut Bissinger seit 15 Jahren nicht mehr aufgenommen. Er selbst wird sich mit Anfang siebzig allmählich aus dem operativen Geschäft zurückziehen, als Hauptgesellschafter mit 80 Prozent der Anteile aber weitermachen. Seine Nachfolge hat Bissinger anders als der Brühl-Chef noch nicht geregelt, eigene Kinder wie bei W. Schillig kommen nicht in Frage. Einen Verkauf von Koinor an Chinesen schließt er in jedem Fall aus. Bissinger blickt wieder aus dem Fenster. Neben der Polsterfabrik erstreckt sich eine große Wiese. „Da bauen wir eines Tages unsere neue Verwaltung hin“, sagt er. Es soll schließlich weitergehen in Oberfranken.

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Quelle: F.A.Z. Magazin
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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