Floristen-Paar

Vergängliche Kunstwerke

Von Quynh Tran
 - 23:11
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Berlin, an einem Sonntag im Winter. Die Kälte hält mit beißendem Frost Einzug, aber im Salon des Juweliers Georg Hornemann ist sie schnell vergessen. Nein, es sind nicht die handgeschmiedeten glänzenden Schmuck-Unikate für die Ewigkeit, sondern es ist ausgerechnet das Vergängliche: Opulente Bouquets aus Rosen, Nelken und Mohnblüten in leuchtenden Farben auf mannshohen Eukalyptuszweigen entfalten sich so überbordend auf den Tischen und Fensterbänken, als hätte sich die Natur die Räume zurückerobert.

In Vitrinen ranken sich wie in Wunderkammern neben raren Edelsteinen schwarz-violette Frauenschuhblüten und spitze Rittersterne mit burgunderroten Adern auf Moos- und Farnbetten. Sie sind so liebevoll arrangiert, dass ihre Vergänglichkeit schmerzlich zu spüren ist.

Die wundervollen Vanitas-Motive sind Werke des jungen französisch-kanadischen Duos Anatomie Fleur. Hinter dem Namen, der auf chirurgische Präzision anspielen soll, stecken Amandine Cheveau, 34, und Jean-Christian Pullin, 29, die sich vor kaum zwei Jahren in Berlin fanden.

Jean-Christian Pullin war kurz zuvor in die Stadt gezogen und arbeitete für das Floristen-Studio Mary Lennox und die Sammlung Boros. Amandine Cheveau, die zuvor Grafik-Designerin war, kam gerade aus Avignon von ihrer Ausbildung beim Blumen-Stylisten Frédéric Garrigues.

Eigentlich wollte sie sich in eine neue Stadt verlieben. Aber wie es so ist, wenn man sich verlieben will: Es klappte nicht. Auf einer Dinner-Party las sie in einem Buch einen Essay von Mark Rothko darüber, wie er zum Künstler wurde. Damit weckte sie Jean-Christian Pullins Interesse. Die französische Sprache und die Liebe zu Blumen und dem amerikanischen Dichter Henry David Thoreau verbanden die beiden.

Einige Monate später bekam Jean-Christian Pullin eine Anfrage von Audi für ein Szenenbild und bat Amandine Cheveau, ihm zu helfen. Aus der Filmszene wurde ein Auftrag für die Premierenfeier, kurz darauf kamen Anfragen von Boros, Frau Tonis Parfum, Normann Copenhagen, Aeyde, Agnona.

Am Anfang saßen die beiden noch in Amandine Cheveaus Wohnzimmer und transportierten die Sträuße in der U-Bahn. „Wir haben viele Fehler gemacht und an einem einzigen Tag alle Blumen zum Sterben gebracht“, erzählt Jean-Christian Pullin.

„Einmal ist uns ein Riesenbouquet kurz vor der Eröffnung einer Veranstaltung einfach umgekippt, und wir mussten es innerhalb von zehn Minuten neu stecken. Und dann war da die ganze Grübelei. Wir haben uns mitten in der Nacht angerufen, um zu fragen, ob die Blumen noch in Ordnung sind.“

Dabei hat sich ihre Arbeit auch weiterentwickelt, Richtung Kunstinstallationen und Performances. Für Cheveau und Pullin besitzt jede Blume einen eigenen Charakter, der individuell gepflegt werden muss und Bedeutung über das Dekorative hinaus annehmen kann: „Ein Bouquet ist eine Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen“, sagt Pullin. „Durch Farben und Düfte wecken wir eine Erinnerung an einen Moment und holen Erfahrungen aus der Vergangenheit wieder hervor.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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