Hilfsprojekte

Strom erzeugen mit dem Fußball

Von Matthias Lauerer
 - 08:58

Fragen wir Jessica O. Matthews, die 2008 die geniale Idee hatte. Sie ist Harvard-Absolventin, Nigerianerin und Amerikanerin. Damals ist die junge Frau zu Besuch bei ihrer Tante in Nigeria, eine große Hochzeit steht an. Während der Feier fällt der Strom immer wieder aus, und die Generatoren tuckern los. Gefeiert wird im giftigen Dieseldunst. Die Verwandtschaft kümmert es nicht: „Du gewöhnst Dich daran.“ Doch die Amerikanerin lässt das Thema nicht los. Ginge das nicht besser, sauberer und gesünder? In der Familie sieht sie viele Kinder, die bis zum Anbruch der Dunkelheit Fußball spielen. Ließe sich das nicht verbinden? Fortwährende Bewegung mit der Erzeugung von Licht?

Jahre später entwickelt sie mit ihrer Kommilitonin Julia Silverman in Harvard die Idee für den Lichtfußball. In dem Seminar sitzen nur Nicht-Ingenieure. Die Studenten sollen sich Gedanken über ein Produkt machen, das sie selbst herstellen können und das sozialen Zwecken dient. „Wir wollten damals nicht die Welt verändern. Es ging darum, nicht durchzufallen.“ Matthews erinnert sich an den Besuch in Nigeria. Schnell lässt sich die Idee nicht umsetzen. Als sie den Vorschlag mit ihren Professoren bespricht, winken die ab. Es sei unmöglich, einen Ball mit einer stromerzeugenden Technik zu entwickeln, der so leicht, haltbar und funktional sei wie ein normaler Fußball. Doch davon lässt sich das junge Team nicht abschrecken. Nach monatelanger Tüftelei erblickt der Prototyp des „Soccket“ das Licht der Welt und wird zum Patent angemeldet. Ihre Firma nennen sie „Uncharted Play“.

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Der neue Ball ist nur wenig schwerer als ein Fußball, auch Wasser kann ihm nichts anhaben. Er behält seine Form, Aufpumpen nicht nötig. An einer Stelle des Balls verbirgt sich hinter einer Klappe die Fassung für die Birne. Das Prinzip ist simpel: Wenn der Ball rollt, bewegt sich das Gyroskop darin. Die so erzeugte kinetische Energie wird in einer Batterie gespeichert. Nur 30 Minuten Gekicke mit dem Ball reichen aus, um mit dem erzeugten Strom eine LED-Lampe drei Stunden lang zu erleuchten. Ideal, um so Licht in nigerianische Dörfer zu bringen, die weitab von der öffentlichen Stromversorgung liegen. Gut 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt fehlt der Zugang zu Elektrizität. Spielen die Kinder tagsüber Fußball, können sie abends lesen und lernen.

“Wir stellen saubere Energie bereit, die den Menschen und der Erde guttut“, sagt Matthews. Die Bälle und passende LED-Birnen, die sich in die Dose am Fußball stecken lassen, verteilt die Firma an Dorfgemeinschaften unentgeltlich. Regierungen und Nichtregierungsorganisationen kaufen die Bälle, versehen sie mit dem eigenen Logo und verschenken sie in afrikanischen Dörfern. Gut sechs Millionen Dollar verdiente das Unternehmen 2015. Immer dann, wenn ein Ball für 99 Dollar verkauft wird, wird ein Zweiter als Spende verteilt.

Eigentlich könnte die Geschichte von den Gründern mit einer guten Idee hier enden. Doch gibt es in dieser Geschichte auch Hindernisse. Matthews fehlt zunächst das Geld, um das Produkt zu entwickeln, serienreif zu machen und es auf den Markt zu bringen. Woher nehmen? Die junge Gruppe wendet sich an die Internetgemeinde. Dort ist gerade die Idee in Mode, für neue Ideen Geld einzusammeln. Geldgeber und Geistesblitze finden zusammen, wenn Nutzer von einer Präsentation überzeugt sind. Auf der Seite „Kickstarter“ stellt Matthews im Januar 2013 ihren intelligenten Fußball vor. Sammelziel der Crowdfunding-Aktion: 75.000 Dollar. Mit der Summe aus dem Schwarm will man Produktion und Verteilung finanzieren.

Die Netzgemeinde ist angetan. Schauspieler Ashton Kutcher und Microsoft-Milliardär Bill Gates rufen zum Mitmachen auf. Der ehemalige Präsident Bill Clinton gibt über seine Stiftung „Clinton Global Initiative“ Geld für den Ball. Später kickt Barack Obama bei einem sommerlichen Staatsbesuch in Tansania mit dem „Soccket“. Vielleicht hilft der familiäre Hintergrund des 44. Präsidenten, dessen Vater aus Afrika stammt. Jedenfalls spielte Obama mit dem Ball und sagte: „Ich finde die Idee ziemlich cool. Dieser Ball produziert Licht - und das entsteht während des populärsten Spiels. Man kann sich das in allen kleinen Dörfern des Kontinents vorstellen.“

Trotz 1.100 Spendern und 92.000 Dollar: So einfach ist es nicht. Einige Bälle werden in Mexiko an Kinder eines Dorfs verteilt, eine Idee des größten mexikanischen Fernsehsenders Televisa. Nach ein paar Wochen sind 50 der verteilten 150 Bälle defekt. Die Steckdosen fallen aus, die Nähte platzen auf. Den Bällen bekommt das immerwährende Kicken nicht. Erstaunlich, denn eigentlich sollen die Bälle gut drei Jahre halten. Die Geldgeber im Netz sind aufgebracht, das Projekt scheint zu scheitern. Matthews' Team wendet sich mit einem Appell ans Netz. „Ja, wir haben versagt!“ Die Selbstkritik kommt gut an. Nun macht man sich an die Arbeit. Dazu wird der Vertrag mit dem ausländischen Produzenten gekündigt. Neuer Produzent, neues Innenleben, neues Design: Jetzt hält der Lichtfußball besser.

Nun läuft es: 2015 verkauft die Firma 50.000 Socckets. In jenem Jahr folgt dem Fußball ein zweites Produkt: ein Sprungseil, das Strom liefert. Jessica O. Matthews hat noch mehr Ideen und lässt sich von Hindernissen nicht beirren. Sie plant schon weiter. Was wäre, wenn man die neue Technik weiteren Firmen anböte, damit sie auch in anderen Produkten verbaut wird?

“Wir wollen auch den Energiekonsum verändern“, sagt Matthews. „Wir stellen uns eine Welt vor, in der die Menschen Energie nicht horten, sondern ständig und auf Nachfrage konsumieren.“ Das neue Projekt nennt sich: „M.O.R.E“. Das steht übersetzt in etwa für „durch Bewegung erzeugte erneuerbare Energie“. Die Firma besitzt mittlerweile 15 Patente. Der Unternehmensumsatz verdoppelt sich jährlich. „Uncharted Play“ wirft Gewinne ab. Die Idee leuchtet weiter.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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