Dirndl im Trend

„Junge Menschen tragen Tracht mit Stolz“

Von Sabine Spieler
 - 15:12
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Das Oktoberfest steht vor der Tür. Ihre Trachtenabteilung ist über die Grenzen von München bekannt. Wie viel Geschäft machen Sie in dieser Zeit?

Markus Höhn: Viel, es ist unglaublich, was da in den ersten zehn Tagen der Wiesn vor sich geht. In dieser Zeit haben wir dreimal so viele Mitarbeiter auf der Trachten-Fläche. Am Samstag kommen zwischen 7000 und 8000 Besucher.

In dieser Zeit erleben Sie doch sicher die ein oder andere nette Anekdote?

Es gibt wirklich extreme Wiesn-Fans. Wir haben ein Ärzte-Ehepaar aus Dortmund als Kunden, die kommen jedes Jahr an allen drei Wiesn-Wochenenden angereist und kleiden sich für jeden Besuch komplett neu ein. Vergangenes Jahr wollten russische Kunden direkt vom Flughafen zum Oktoberfest. Also sind Mitarbeiter von uns mit dem Taxi mit einer Auswahl an Outfits und der Nähmaschine auf dem Schoß zum Flughafen gefahren. Vor Ort wurde dann direkt abgesteckt und alles passend gemacht.

Gibt es ein typisch russisches Dirndl? Ein amerikanisches oder europäisches?

Die Russen lieben es grundsätzlich etwas auffälliger und glitzernder. Ansonsten ist es eine sehr individuelle Angelegenheit. Besonders verrückt nach Dirndl und Lederhose sind die Italiener, die Amerikaner nicht so stark. Es kommt allerdings immer wieder vor, dass deutsche Unternehmen ihre amerikanischen Geschäftskunden einladen und dann freitags der Anruf kommt: Morgen schicken wir Ihnen dreißig Kunden, die eingekleidet werden müssen.

Und das kriegen Sie auch immer hin?

Wir versuchen alles möglich zu machen. Als ich kürzlich morgens auf dem Weg zur Arbeit war, erhielt ich einen Anruf, dass heute Nacht eine Mail von Arnold Schwarzenegger einging, in der er sich für neun Uhr ankündigen ließ. Da haben wir in einer Stunde zwei Mitarbeiter organisiert und eine Stunde früher für Schwarzenegger aufgemacht. Als Österreicher ist Schwarzenegger auch ein großer Trachten-Fan.

Tracht ist seit einiger Zeit wieder angesagt. Wie wichtig ist das Thema im Vergleich zu vor zehn Jahren für Sie?

Extrem wichtig. Wir haben hier in den vergangenen Jahren sicher um 50 Prozent zugelegt. Allerdings sind auch Modemarken inflationär auf den Zug aufgesprungen und haben Trachten produziert, was nur bedingt funktioniert hat. Daran glaube ich nicht mehr.

Vergangenes Jahr war das Oktoberfest schlechter besucht. Das müsste an Ihnen auch nicht spurlos vorübergegangen sein?

2016 hatte die Wiesn rund zehn Prozent weniger Besucher, das spüren wir natürlich auch, wenn auch nicht in demselben Umfang. Wenn Regina Sixt ihre Wiesn-Einladung absagt, sind das 2000 Frauen, wovon ein Großteil bei uns normalerweise ein neues Dirndl kauft. Das geht natürlich nicht spurlos an uns vorbei.

Denken Sie, dass das Oktoberfest in diesem Jahr ähnlich schwach besucht sein könnte wie 2016? Die Gefahr vor Anschlägen ist ja unverändert hoch.

Sehen Sie, vergangenes Jahr war die Wiesn in der ersten Woche deutlich schlechter besucht. Aber diejenigen, die kamen, waren dann positiv überrascht von der guten und reibungslosen Organisation. Manche fanden das Oktoberfest wegen der etwas geringeren Frequenz sogar charmanter. Das hat sich herumgesprochen, und die zweite Woche war schon wieder deutlich besser besucht. Die Menschen wollen an liebgewonnenen Gewohnheiten festhalten.

Wie erklären Sie sich diesen langanhaltenden Trachten-Boom? Ist das Ausdruck eines neuen Heimatgefühls?

Dieser Trend hängt sicher auch ein Stück damit zusammen, dass der Wunsch nach Tradition und Geborgenheit in unruhigen Zeiten wächst. Gerade junge Menschen tragen hier in München mit Stolz Tracht. Hinzu kommt, dass das Thema heute ja auch sehr ansprechend geworden ist.

Wie viel muss ich bei Ihnen für ein Dirndl ausgeben?

Für ein vernünftiges Dirndl müssen Sie mit 300 Euro rechnen. Nach oben gibt es keine Grenzen.

Trachten sind für Sie nur ein Standbein. Sie führen auch hochwertige Damen-, Herren- und Kindermode.

Wir haben vor 15 Jahren entschieden, dass wir das erste Haus am Platz werden möchten. Lodenfrey war schon immer ein tolles Modeunternehmen, aber wir haben damals einige Marken nicht mehr erreicht, weil wir vom Ladenbau nicht mehr so ganz am Puls der Zeit waren. Also haben wir angefangen, das Haus Stück für Stück zu drehen. Wenn man unsere Umsatz- und Ergebnisentwicklung anschaut, war es eine kluge Entscheidung, sich aus dem Brei der Mitte abzuheben.

Aktuell bauen Sie die Männermode im Erdgeschoss um, bei den Damen führen Sie schon länger Zweitlinien und jüngere Labels. Wollen Sie mit dem Umbau den Anschluss an die jüngere Zielgruppe nicht verpassen?

Die haben wir schon. Sie können das mit einem guten Restaurant vergleichen. Eine anspruchsvolle Weinkarte ist gut und schön, aber Sie müssen auch einen Wein für 30 Euro im Angebot haben. Nicht jeder will einen Wein für 60 oder 70 Euro trinken, selbst wenn er sich das leisten kann. Wenn man zu hochpreisig anfängt, besteht die Gefahr, dass der Kunde sagt: Wenn ich dahin gehe, wird’s teuer. Das versuchen wir zu vermeiden. Wir wollen die Väter und die Söhne, die Mütter und ihre Töchter. Bislang gelingt uns das recht gut.

Es gibt Prognosen, dass eine Generation heranwächst, die mit Zara und H&M groß geworden ist und kein Interesse mehr an Marken hat. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ralph-Michael Nagel: Das stimmt. Es wird gerne kolportiert, dass da eine Generation kommt, die kein Auto mehr besitzen möchte und sich nicht für Marken interessiert. Das kann ich so nicht bestätigen. Ich kenne viele junge Menschen, die den Führerschein machen und sich irgendwann auch mal eine Jacke von Moncler leisten möchten.

Also fürchten Sie auch nicht, dass diese Generation nicht mehr bereit ist, hohe Preise für Mode zu bezahlen?

Höhn: Es gibt eine Vertriebsregel, die besagt: Wer heute den 3er-BMW als Firmenwagen bekommt, will morgen den 5er und übermorgen den 7er. An den Mechanismus glaube ich bei uns allen. Ich bin selbst Vater von drei Kindern und habe nicht den Eindruck, dass sich da etwas signifikant geändert hat.

Dennoch ist anzunehmen, dass Ihre Kunden auch bei Zara einkaufen.

Absolut. Das eine schließt das andere nicht aus. Aber ein Sakko von Boglioli, das Material, die Verarbeitung, diese Qualität, kriegt Zara niemals hin. Bei einer Jeans oder einem T-Shirt sieht das anders aus.

Der Modeeinzelhandel leidet seit Jahren unter rückläufiger Frequenz. Das Online-Geschäft boomt. Wo sehen Sie Lodenfrey in zehn Jahren?

Wir haben es uns abgewöhnt, in Fünf- oder Zehn-Jahres-Plänen zu denken. Wir sind gut aufgestellt durch das, was wir in den vergangenen zehn Jahren umgesetzt haben. Die Herausforderung besteht sicher darin, immer wieder dafür zu sorgen, dass der Kunde zu Lodenfrey kommt und das mehr als ein- oder zweimal im Jahr.

Also glauben Sie weiterhin an stationären Einzelhandel?

Wir machen uns keine Sorgen, dass die Kunden nicht mehr in die Stadt kommen oder einkaufen gehen. Aber parallel dazu stärken wir unser Online-Business. Deswegen machen wir unseren E-Shop seit sieben Jahren. Nehmen Sie Amazon und Zalando, die versuchen gerade, das Thema Online mehr in den stationären Bereich einzubinden. Umgekehrt spielen wir als stationärer Dinosaurier das Thema Online – und das zunehmend erfolgreich. In Zukunft wird es noch stärker darum gehen, den Kunden auf möglichst vielen Kanälen zu erreichen.

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Dennoch schließen immer mehr kleinere Geschäfte. Was hat das für Konsequenzen für die Innenstädte?

Nagel: Da muss man natürlich zwischen München und kleineren Städten unterscheiden. München und andere attraktive Innenstädte wie Hamburg, Frankfurt oder Berlin werden auch in Zukunft attraktiven Einzelhandel anziehen.

Höhn: Geben Sie meiner Tochter 30 Euro, und sie fährt mit ihrer Freundin in die Stadt. Shoppen ist immer noch ein großes Thema, auch bei den Jungen. Gehen Sie mal am Samstag nach London, da kommen Sie kaum durch die Straßen, so voll ist es.

Noch mal rückblickend: Was hat sich in den vergangenen Jahren am meisten verändert?

Der Kunde kauft anders, viel lässiger. Wir verkaufen weniger Budapester, dafür viel mehr Sneaker. Wir verkaufen viel mehr Casual und deutlich weniger Krawatten. An dem Grundgedanken hat sich nichts verändert. Kleidung ist wie das Auto oder der Fernseher an der Wand. Man will sich damit absetzen. Die Signale sind etwas subtiler geworden, aber sie sind unverändert da.

Quelle: F.A.S.
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