„Miss Italia“ über Versace

„Willst du nicht bei meiner Schau mitmachen?“

Von Alfons Kaiser, Berlin
 - 16:07

Dieser Mann war wie eine Brise frischer Luft. Das merkte Alda Balestra sofort, als ihr eine Freundin 1975 im Hotel Baglioni in Florenz einen gutaussehenden und gutgelaunten jungen Modedesigner vorstellte. Es war die Zeit der Pitti-Modemesse, und dieser Gianni hatte es eilig: „Willst du nicht bei meiner Schau mitmachen?“ Sie: „Gerne, wann denn?“ Er: „In zwei Stunden.“

So trat Alda Balestra noch am gleichen Tag für die Marke Callaghan auf die Bühne, deren Kleider der forsche junge Mann namens Gianni Versace entwarf. Über Jahre sollte sie mit dem aufstrebenden Designer zusammenarbeiten. Es war eine gute Zeit für beide. Die „Miss Italia“ des Jahres 1970 wurde nun auch in der Modeszene ernst genommen und trat in der nächsten Saison in Mailand bei sage und schreibe 28 Modenschauen auf. Und Gianni Versace entwarf so erfolgreich für die Marken Genny, Complice und Callaghan, dass er schließlich 1978 seine eigene Marke herausbrachte.

Gianni Versace – heute ist das ein Mythos. Als Sohn einer Schneiderin aus Reggio Calabria wurde er 1946 in die Mode hineingeboren. Nach dem Abitur half er ihr beim Stoffeinkauf, wurde zum Designer und schuf später eine echt italienische Mischung aus begehrlicher Mode mit sinnlicher Aussage und barockem Überschwang – bis er 1997 erschossen wurde, was dem Mythos nur half.

Die Marke Versace, die seit 20 Jahren von seiner Schwester Donatella entworfen wird, zehrt noch immer von dieser märchenhaften Erzählung eines kalabrischen Jungen, der auszog, Madonna, Naomi, Diana und Demi in halbnackte Halbgöttinnen zu verwandeln.

Ergründet wird der Mythos nun in der größten Ausstellung, die es je zum Werk Versaces gab. An diesem Dienstag findet in Berlin die Eröffnungsgala statt. Dabei sein wird Alexandre Stefani aus São Paulo, der Versace-Männerentwürfe gesammelt hat. Antonio Caravano aus Neapel trägt Damenmode bei. Zahlreiche weitere Sammler haben Hunderte Ausstellungsstücke zur Verfügung gestellt. Und es wird ein Video zu sehen sein von der ersten Schau des Labels vor genau 40 Jahren – die nicht in Mailand oder Florenz stattfand, sondern auf Einladung des schon damals weitsichtigen deutschen Einzelhändlers Albert Eickhoff in Lippstadt in Westfalen. Es dürfte das einzige Mal gewesen sein, dass ein Model wie Jerry Hall die größte Stadt im Kreis Soest besuchte.

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Alda Balestra StauffenbergVersaces erste Muse

Alda Balestra Stauffenberg, wie sie seit der Hochzeit mit Franz von Stauffenberg heißt, wird heute keine lange Anfahrt haben. Denn sie wohnt seit dem Jahr 2000 in Berlin, in einer schönen Wohnung mit vielen Erinnerungsstücken in Wilmersdorf. Die Ausstellung wird sie zurückführen in eine Zeit, als sie so jung war wie ihre Kinder heute – ihre Tochter Serena ist 22, ihr Sohn Damian 20 Jahre alt.

Und sogar noch weiter zurück. Denn als sie „Miss Triest“ wurde, war sie erst 15 Jahre alt. Sie wollte bei dem Wettbewerb gar nicht teilnehmen, denn ihre Eltern hatten ihr nicht erlaubt, am Sonntagnachmittag in einen solchen Club zu gehen. Aber sie machte mit und gewann. Auch die Ausscheidung in Friaul-Julisch Venetien bestritt sie siegreich, an ihrem 16. Geburtstag. Bei „Miss Italia“ rechnete sie sich nicht viele Chancen aus. Die meisten Mädchen sahen sinnlich aus wie Sophia Loren, sie dagegen hatte kurze blonde Haare und wirkte fast androgyn.

Aber vielleicht war es gerade das. Denn draußen vor der Tür standen feministische Demonstrantinnen, die gegen die Fleischbeschau drinnen protestierten – da würde eine nicht ganz so weibliche „Miss Italia“ vielleicht gut ankommen. Und so gewann sie. Alda ging trotzdem weiter in Triest zur Schule, konnte vom Preisgeld ihre Mitschülerinnen zur Pizza einladen und nahm im Zuge der italienischen Studentenproteste dann auch an Frauenrechtsdemonstrationen teil. Die Schülerin wuchs also mit widerstrebenden Rollenvorstellungen auf, die in seltsamen Kommentaren aufschienen: „Für eine Miss Italia bist du gar nicht so doof.“

Alda Balestra ließ sich nicht aufhalten. Sie zog nicht nach Rom, „das war eine so altmodische Stadt, und ich war ein modernes Mädchen“. Sie zog nach Mailand, wo gerade eine neue Generation von Modemachern hochkam: Giorgio Armani, Gianfranco Ferrè, Gianni Versace. „Ihnen ging es noch nicht darum, einen großen Konzern aufzubauen“, sagt sie. „Das waren ganz kleine Anfänge.“ Mailand setzte sich langsam gegen die alten Modestädte Rom und Florenz durch. Im Principe di Savoia, wo viele Schauen stattfanden, saßen nicht Hunderte Journalisten herum wie bei den Pariser Defilees, sondern gerade mal Dutzende. Es gab noch keine Haar- und Make-up-Armeen – die Models schminkten sich oft selbst.

Versace blieb ihr von allen der Liebste. „Er war gut und schnell. Vor allem aber war er ein liebenswürdiger Mann.“ Manche Modemacher, das hat sie in ihrer langen Karriere erlebt, halten es nicht mehr aus und drehen durch. „Aber die Italiener sind bodenständig – und zwar wegen der Familie, die ihnen die Kraft gibt.“

So war es auch bei Gianni, dem seine Schwester Donatella eine Art Muse und sein Bruder Santo ein guter Geschäftsführer war. Donatella änderte nach Meinung von Alda Balestra auch den Stil der Marke am stärksten: „Gianni lernte durch seine Schwester Rockstars kennen, und das beeinflusste ihn. Vorher war seine Mode sportiv, futuristisch, elegant – in den Achtzigern ging es dann in Richtung feminin, sexy und rockig.“ Den Wandel der Mode fasst sie in einem Bonmot zusammen: „Früher haben sie viel Kleid entworfen, heute entwerfen sie wenig Kleid.“ Und: „Heute gibt es so viel Freiheit wie nie zuvor. Es gibt kein Modediktat mehr und keinen Diktator.“

Schon 1978 zog sie nach Paris und wurde eines der wenigen italienischen Models von Rang – später gefolgt von Monica Bellucci und Carla Bruni. Ihr tat das gut. „Mein Großvater und mein Vater sind noch zur See gefahren“, sagt sie. „Ich wollte die Welt kennenlernen. Als junge Frau eine eigene Wohnung in Paris zu haben – das konnte ich mir nur deshalb erlauben, weil ich ein Model war. Und zu reisen war für eine junge Frau noch abenteuerlich: Ein Flugzeug nach New York zu besteigen – das hatte noch keine meiner Freundinnen gemacht.“

Sie tat es, zog 1980 nach Long Island, das am Meer liegt wie Triest, und blieb 20 Jahre lang in New York. „Das war meine Stadt. Die richtige Energie, die richtigen Leute!“ Damals wurde man sogar noch für Modenschauen bezahlt, und Kosmetikkampagnen werden ihr auch viel eingebracht haben; die Zeiten des Preisverfalls kamen erst später.

Dann klopfte das Schicksal wieder an die Tür. Sie ließ Donna Karan, Calvin Klein, Perry Ellis – mit allen hatte sie gearbeitet – zurück und zog nach Berlin, der Liebe und der Kinder wegen. Ihr Mann Franz von Stauffenberg, der Großneffe des Hitler-Attentäters, fand Berlin als Künstler passend, und im Jahr 2000 zogen sie hierher.

Mit Gianni Versace war sie in den Jahren vor seinem Tod nicht mehr in Kontakt. „Als ich von dem Mord hörte, habe ich viel geweint. Man konnte sich ja nur an Gutes erinnern.“ Zu seinem 20. Todestag im vergangenen Sommer und nun dem 40. Jahrestag der Markengründung kommt alles wieder hoch. Am Montagabend schaute sie sich in der Sky-Reihe „American Crime Story“ die Folge „Der Mord an Gianni Versace“ an. Und heute kommt sie ihm wieder ein Stückchen näher, nicht auf dem Laufsteg der Ausstellungseröffnung („Ich bin in einem gewissen Alter“), aber in der ersten Reihe.

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Mehr erfahren

Gianni Versace Retrospective, Berlin, Kronprinzenpalais, 30. Januar bis 13. April.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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