Designer Erdem Moralioglu

„Make-up hat sehr viel Macht“

Von Jennifer Wiebking
 - 15:19
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Ein Gespräch mit dem Designer Erdem Moralioglu kann so losgehen: Auf die übliche Eingangsfrage nach dem allgemeinen Befinden antwortet er auf Deutsch: "Hallo, ich bin gut, wie geht's?" Auf die zweite Frage dann: „Ganz gut, phantastisch.“ Auf die dritte: „Nein.“

Vielleicht könnte man sich mit dem Modemacher, der türkische Wurzeln hat und in Kanada aufwuchs, noch weiter in der für ihn hörbar fremden Sprache unterhalten? Aber Erdem Moralioglu lacht und wechselt sicherheitshalber ins Englische: „Mehr kann ich nicht. Ich hatte mal eine tolle Schnittmacherin, sie lehrte mich Deutsch und ich sie Französisch. Der Erfolg hielt sich in Grenzen.“

Also wieder eine Frau. Weibliche Inspiration – vielleicht keine Überraschung für einen Designer, der für Frauen entwirft. Aber dieser Mann, der sein Label in London, das nach seinem Vornamen benannt ist, seit 2005 führt, der Meister der wunderschönen und doch nicht kitschigen Abendroben, zieht das konsequent durch. Zu jeder seiner Kollektionen gibt es eine anschauliche Geschichte – und eine Frau. Für diese Frühjahrssaison ist es zum Beispiel Königin Elisabeth II., in ihren wilderen Jahren. Erdem Moralioglu hatte dafür sogar in den Archiven von Schloss Windsor recherchieren dürfen. In den fünfziger Jahren traf die Queen in einem Theater in Leeds auf die Jazzlegende Duke Ellington. Er schrieb daraufhin ein Lied für sie, und sie antwortete: „Ich werde es mir anhören.“

Erdem Moralioglu sagt zu seinen Ideen: „Ich will das Formelle auf den Kopf stellen.„ Vor zwei Jahren sagte er nach seiner Schau: „Sie guckt ,Dolce Vitäin Endlosschleife, versucht, ihren ersten Roman zu schreiben, will Schauspielerin werden, aber am Ende reißt sie sich die Gardine von der Wand und trägt sie als Kleid.“ Also nicht die Königin, damals ging es um eine andere Frau. Das ist die Art von Erdem-Moralioglu-Geschichte, ach was, von echten Kleiderdramen.

Einmal roten Lippenstift auftragen, fertig

Seine Kleider schätzen dann aber doch Frauen, zu deren wichtigsten Aufgaben es gehört, in der Öffentlichkeit beherrscht zu wirken – früher Samantha Cameron, heute Kate Bosworth oder die Herzogin von Cambridge. Auch Prinzessin Eugenie trug anlässlich der Bekanntgabe ihrer Verlobung im Januar eines seiner Kleider. Das Brautkleid von Meghan Markle stammt zwar nicht von Erdem Moralioglu, die Story seiner Herbstkollektion hätte allerdings dazu gepasst. Die Frau, die er im Sinn hatte, ist Adele Astaire, eine Amerikanerin, Fred Astaires ältere Schwester und in jüngeren Jahren Schauspielerin, bis sie in Großbritannien den Aristokraten Lord Cavendish heiratete. Es hätte also Parallelen gegeben.

Initiativen wie beispielsweise ein königliches Brautkleid sind wichtig, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, um noch mehr Frauen zu erreichen. Das ist auch der Grund, weshalb Erdem Moralioglu im November die alljährliche Designerkollektion für H&M entworfen hat und jetzt ein bisschen luxuriöser mit dem Make-up-Unternehmen Nars gemeinsame Sache macht. „Make-up hat sehr viel Macht“, sagt Moralioglu. Auch Frauen werden damit vielleicht ein bisschen mächtiger sein können, oder sich zumindest so fühlen, was nicht von Nachteil ist. Einmal roten Lippenstift auftragen, fertig. „Make-up ist in jedem Fall ein guter Anfang, um sich besser zu fühlen“, sagt der Designer.

Er denkt dabei wieder an eine Frau. „Meine Mutter hat nie sonderlich viel Make-up getragen, aber dafür immer knallroten Lippenstift. Und wenn sie den aufgetragen hatte, änderte sich etwas. Ihr Gesicht war plötzlich anders, es war wie ein Rüstzeug. Das erste, was ich den Leuten von Nars sagte: Ich möchte einen großartigen roten Lippenstift machen.“ Er sollte matt und satt zugleich sein.

Und welche Frau durfte ihn als erste testen? Seine Zwillingsschwester. Dass dieser Designer Frauen so nahesteht, dass er ihre Geschichten so genau in Kollektionen überträgt, wird also auch etwas mit der engen Beziehung zu tun haben, die er seit der Geburt - oder sogar schon länger – zu dieser Frau pflegte. „Sie ist 15 Minuten jünger. Wir standen uns schon immer nah. Als jetzt alle Prototypen fertig waren, habe ich ihr einige davon gegeben. Den roten Lippenstift, Carnal Carnation, trägt sie nun schon eine ganze Weile.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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