Mode & Design
Florale Bettmuster

Nachts im Urwald

Von Judith Lembke
© Schlossberg, F.A.S.

Vorbei sind die Zeiten, als die Bettwäsche morgens schamhaft unter einer Tagesdecke verschwand, um erst im Dunkeln wieder entdeckt zu werden. Allein schon das Wort Tagesdecke weist dem, was darunter steckt, eine Statistenrolle zu: Obenauf der Stoff, der sich auch bei Lichte der Öffentlichkeit präsentieren darf, und darunter die private Wäsche, die keiner außer dem Benutzer zu Gesicht bekommt und die deshalb auch etwas verwaschen, verhuscht oder verschossen sein darf.

Doch die neue Bettwäschegeneration ist selbstbewusst: Ob im Hotel, auf Messen oder in Interior-Blogs, sie versteckt sich nicht mehr unter einer anderen Decke, sondern wird tagsüber mit Kissen dekoriert und durch ein kuscheliges Plaid, lässig darübergeworfen, ergänzt. Das Bett muss sich nicht mehr, sobald verwaist, in eine spaßfreie Soldatenpritsche verwandeln, deren glattgezogener abgezirkelter Überwurf „gefälligst nicht draufsetzen“ zu rufen scheint. Stattdessen lockt die Schlafstatt nun auch am hellen Tag mit dem Versprechen, ein Platz zu sein, an dem sich nicht nur gut schlafen, sondern überhaupt entspannen, lesen, lieben, im Internet surfen und auch arbeiten lässt.

Motive aus dem Museum „Avantgardening“ von Christian Fischbacher
© Christian Fischbacher, F.A.S.

Passend zu ihrem gewonnenen Selbstbewusstsein nimmt die neue Bettwäsche sich auch nicht mehr nur in minimalistischen Weiß-, Sand- oder Grautönen zurück, sondern lässt es krachen: Die neuen Kollektionen feiern die Natur in kräftigen Farben. Der Schweizer Hersteller Christian Fischbacher hat das „Avantgardening“ zum Leitmotiv seiner aktuellen Bettwäschekollektion auserkoren - und das Motiv hält, was der Name verspricht: Stilisierte Pfauenfedern als prägnante Artdéco-Elemente bilden den Hintergrund für eine tropische Wunderwelt. Äffchen, Schmetterlinge und Papageien inmitten einer üppigen Vegetation in Grünschattierungen, Korallfarben, Gelb und Blau.

Die Motive sind angelehnt an alte Zeichnungen und Gemälde aus der New York Public Library und den Archiven des Amsterdamer Rijksmuseums. So viel Opulenz will gesehen werden: Wer sein Bett in einen farbenfrohen Dschungel aus Mako-Satin, ein besonders edles Baumwollsatin, verwandelt und für eine Garnitur mindestens 330 Euro ausgibt, der lässt die Bettwäsche nicht bei Tagesanbruch unter einer schnöden sandfarbenen Abdeckung verschwinden.

Auch dichtes Blattwerk ist derzeit ein häufig zu findendes Motiv

Auch bei den anderen Premiumherstellern geht es in dieser Saison floral und farbig zu - allen voran bei Schlossberg, wo blumige Muster und Farbenfreude ohnehin in der Unternehmens-DNA stecken. Auch die Frühjahrskollektion „Summer Swing“ feiert die tropische Flora. Magenta, Fuchsia und Koralle kontrastieren satte Grüntöne. Die Schattierungen der Blätter gehen von Smaragd über Türkis bis zu Nachtblau. Die Blumenmotive zeigen gefüllte Hibiskusblüten, blassblaue Klivien und gelbe Orchideen.

Ein anderes Motiv, das sich im Moment auch auf Vorhängen und Tapeten wiederfindet, ist dichtes Blattwerk, das an einen urwüchsigen Regenwald erinnert: Die feinen Blätter der Fächerpalme werden über schwere Bananenblätter gelegt. Ein Design für schwüle Sommernächte. Dagegen muten die Blüten aus der heimischen Flora fast schon federleicht an: Gelbe, weiße und rosafarbene Blütenköpfe auf hellgrünem Grund werden von Gräsern und Leimkraut umrahmt. Alle Motive sind bei Schlossberg handgemalt und werden dann im Siebdruckverfahren auf die Stoffe aufgebracht. Diese Opulenz hat ihren Preis: Eine Garnitur Satinbettwäsche kostet 350 Euro - mindestens.

Auch die australische Marke Kas entführt in knallbunt florale Schlafwelten, strapaziert das Budget aber nicht ganz so sehr: Eine Garnitur aus Mako-Satin gibt es schon für etwa 90 Euro. Für Minimalisten ist sie jedoch nichts: Die neue Kas-Kollektion lässt nicht nur bunte Bananenblätter auf blaue Karos treffen - das alles wird auch noch mit bunten Kissen in anderen Farben und Mustern gemixt. Wer diese Bettwäsche trendbewusst vor einer grünen Wand oder einem Vorhang mit floralem Muster drapiert, steht morgens garantiert im Wald. Auch wenn es ein Urwald ist.

Die Deutschen haben seidig glatte Bettwäsche zu schätzen gelernt

Mögen die Motive auch noch so exotisch sein und die Marken global - im Bett herrscht Nationalismus. Deutsche und Skandinavier stecken Einziehdecken in Bettbezüge, während Franzosen und Spanier Wolldecken über ein Überschlagslaken legen. In Deutschland besteht die Bettwäsche zu mehr als 90 Prozent aus Baumwolle, Engländer und Amerikaner schlafen hingegen bevorzugt unter Mischgeweben aus Naturfasern und Polyester. Wahre Kleinstaaterei existiert bei den Kissengrößen.

Der Deutsche bettet sein Haupt am liebsten auf die Maße 80 mal 80 Zentimeter, der Niederländer bevorzugt 60 mal 70, und der Österreicher mag 70 mal 90. „Und in der Schweiz ist es richtig kompliziert. Da ist es mit Blick auf die Kissengrößen ein Unterschied, ob man im deutschsprachigen, italienischen oder französischen Teil ist“, sagt Hans-Dieter Giesen. Er ist Vertriebschef von Bierbaum Wohnen, dem größten deutschen Bettwäschehersteller mit Sitz in Borken, zu dem auch die Marken Irisette und Strenesse gehören.

Giesen kann nicht nur die landestypischen Kissenmaße herunterbeten wie andere die Bundesligatabelle, sondern hat auch sonst beobachtet, wie sich die Schlafgewohnheiten der Deutschen im Laufe der Jahre gewandelt haben. Die wohl wichtigste Erkenntnis: Die Deutschen haben in den vergangenen Jahren seidig glatte Bettwäsche zu schätzen gelernt - Satin, die feinfädige Schwester der klassischen Baumwollqualitäten Linon oder Renforcé, ist immer beliebter geworden.

Allerdings hänge die Wahl der Bettwäsche auch stark von der Jahreszeit ab, sagt der Vertriebsexperte: „Im Herbst und Winter kaufen die Kunden Biberbettwäsche, weil sie so kuschelig ist, und im Frühjahr Seersucker.“ Als Seersucker wird ein Kreppgewebe bezeichnet, dessen Oberfläche zerknittert scheint. „Das hat den großen Vorteil, dass man es nicht bügeln muss.“ Denn ob Satin-Garnitur für 400 Euro oder ein Mischgewebe vom Discounter für 9,99 Euro: „Heute ist für die Kunden das Wichtigste, dass die Wäsche pflegeleicht ist“, sagt Giesen.

Quelle: F.A.S.
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