Anzeige

Französische Politikerinnen

Denn sie wissen, was ihnen steht

Von Jennifer Wiebking
 - 11:34
Das Kabinett des französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei dem Fototermin am 22. Juni 2017. Bild: EPA, Frankfurter Allgemeine Magazin

Der 22. Juni war ein heißer Tag. Die Hitzewelle in Frankreich machte besonders den Bewohnern der Hauptstadt zu schaffen. Bis zu 29 Grad wurden in der Nacht auf den 22. Juni gemessen; es war die heißeste Juni-Nacht in der Geschichte der französischen Wetteraufzeichnungen. Blöderweise stand ausgerechnet an diesem Tag für das neu gebildete Kabinett des Präsidenten Emmanuel Macron der Fototermin an. 30 Amtsträger sowie der Präsident fanden sich im Garten des Élysée-Palastes ein.

Anzeige

Das Bild, das dabei herauskam, kann einen umhauen. Nicht wegen der Lässigkeit des neuen Umweltministers Nicolas Hulot, der ohne Krawatte kam, weil er überhaupt selten Krawatten trägt. Es sind vor allem die Frauen, die hier so selbstverständlich Anlass und Bedingung miteinander verknüpfen, wie es nur Französinnen können, vor allem französische Spitzenpolitikerinnen. 15 Frauen sind auf dem Bild zu sehen, denn Macron hatte sich ein Kabinett mit so vielen Ministerinnen wie Ministern vorgenommen.

Und wenn sich deutsche Frauen noch immer fragen, ob sie mit einem Oberteil ohne Ärmel und offenen Schuhen sommers ins Büro gehen können, zeigt Annick Girardin, die Ministerin für die Überseegebiete, dass so etwas sehr wohl auch zu einem hochoffiziellen Termin passt. Ihr schwarzes Kleid endet über dem Knie und zeigt ihre Schultern. Darüber keinen Blazer. So wie Annick Girardin überhaupt in diesem Sommer oft ärmellose Kleider trug und offene Schuhe, Wedges mit Korkabsatz.

Was machen französischen Politikerinnen besser?

Für Wedges entschied sich an diesem heißen Tag auch Laura Flessel, die neue Sportministerin, dazu große Ohrringe, ein weites Streifenhemd, keinen Blazer. Marlène Schiappa, die Staatssekretärin für Frauenrechte, band ihre langen, lockigen Haare im neuen Job nicht etwa zurück. Und sie trug für den Weg über die Kieselsteine vor dem Élysée ebenfalls Schuhe, die ihre rot lackierten Zehen zeigen.

Anzeige

Man könnte noch mehr Beispiele gut angezogener Frauen auf diesem Foto aufzählen. So wie sich bei jedem neuen französischen Kabinett immer wieder die Frage stellt: Warum sehen diese Spitzenpolitikerinnen so unglaublich gut aus? So viel besser als in jedem anderen Land?

Klar, in diesem Land wird Mode als nationales Kulturgut verstanden. Aber andere Länder haben auch tolle Marken, die Italiener zum Beispiel oder die Briten. Aber das spiegelt sich nicht sonderlich markant im Auftritt der Amts- und Würdenträger wider. Und es ist ja nicht so, dass es sich alle französischen Ministerinnen erlauben könnten, zum wöchentlichen Treffen im Élysée-Palast mal in Chanel, mal in Dior zu erscheinen und beim dritten Termin Louis Vuitton zu tragen. Sie sehen eben gar nicht so aus, als wären sie von Kopf bis Fuß perfekt durchgestylt.

„Frauen bleiben immer die Anderen“

Sie haben vielmehr ein gutes Händchen. Und sie finden nichts dabei, High-Heels zu tragen. Oder eine besondere Tasche, wie Aurélie Filippetti, die ehemalige Kulturministerin, die damals mit einer orangefarbenen Lariat von Balenciaga zu Terminen erschien. Oder eben sehr wohl Chanel und Hermès wie die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, die genau weiß, wie Kleider wirken können. Sie muss keine Sorge haben, dass ausgerechnet die hochwertige Garderobe sie ihren Ruf kostet.

Französische Politikerinnen riskieren mit ihren Kleidern nicht weniger als Kolleginnen in anderen Ländern. Sie können also nicht von vorneherein ein gewissermaßen naturgegeben entspanntes Verhältnis zu dem Thema haben. Politikerinnen und Mode - bei diesem universell speziellen Thema kann die Frau eigentlich nur alles falsch machen. Passt sie sich in ihrem Auftritt dem typischen Bild eines Menschen mit Macht an, bei dem es sich lange um einen Mann im Anzug handelte, wird ihr geraten, sie könne doch statt Hosenanzügen mal Kleider tragen. Ist der Ausschnitt des Kleides dann zu tief, gibt es auch Diskussionen.

„Frauen bleiben immer die Anderen, eine Auffälligkeit“, sagt die Soziologin Eva Flicker von der Universität Wien. Schon Simone de Beauvoir schrieb 1949 in „Das andere Geschlecht“, dass Frauen von Männern nie als neutral wahrgenommen werden könnten. Sie seien immer die Störer.

Eine spezielle Art des Sexismus

Hinzu kommt, dass Mode seit der Französischen Revolution, die Schluss machte mit allem Prunk, als etwas Weibliches gilt und somit als etwas Schwaches. Ein Mann im Anzug kann sich da raushalten, wenn er mag. Er trägt eine Uniform, die kaum zu unterscheiden ist von der seines Nachbarn. Sitzt der Anzug ein bisschen besser, so wie zur Zeit bei Emmanuel Macron, Justin Trudeau, Sebastian Kurz oder in Deutschland bei Christian Lindner, gibt es dafür allgemeine Anerkennung. Ob der Anzug tatsächlich auch teurer war, erkennen ohnehin höchstens Eingeweihte, die auch wissen, dass die bunten Strümpfe des kanadischen Ministerpräsidenten Trudeau eine politische Botschaft haben.

Die einzige Frau, die sich im Dunstkreis der Spitzenpolitik uneingeschränkt für Mode begeistern darf, von der man geradezu erwartet, dass sie gut aussieht, ist die First Lady, das plus one sozusagen, das kaum Macht ausüben kann.

Diese Art von Sexismus ist auch den französischen Spitzenpolitikerinnen nicht fremd. Cécile Duflot zum Beispiel war als Wohnungsbauministerin im Jahr 2012 gerade mal einen Monat im Amt, als sie vor der Nationalversammlung eine Rede in einem blau-weiß geblümten Hemdblusenkleid mit ausgestelltem Rock hielt. Die Abgeordneten johlten wie Neuntklässler in einem besonders enthemmten Moment. Und der konservative Abgeordnete Philippe Le Ray gackerte wie ein Huhn, als die Grünen-Abgeordnete Véronique Massonneau einen Änderungsantrag zur Rentenreform einbrachte. Die Erniedrigung von Frauen gipfelte in einem veritablen Skandal: Der Grünen-Abgeordnete Denis Baupin wurde beschuldigt, auch in seiner Zeit als Vizepräsident der Nationalversammlung Frauen sexuell belästigt zu haben.

Mode mit Mut und Selbstverständlichkeit

Vor diesem Hintergrund ist der Auftritt der französischen Spitzenpolitikerinnen umso bemerkenswerter. Ihr unverkrampftes Verhältnis zum Thema Mode erfordert Mut und sollte Beifall bekommen. Die Outfits passen in den Rahmen und sind zugleich markant. Man sieht es auch an den Hosenanzügen, die für Frauen in egal welcher Funktion keineswegs verboten sein sollten. Vielleicht sind sie sogar ein Segen, nicht weil man damit den Männern ähnlich sieht, sondern weil sich manche Frauen in Hosen einfach wohler fühlen oder so nicht unbedingt hohe Schuhe tragen müssen.

Die Erfindung der Hose ist in jedem Fall wertvoll. Hosenanzüge können sogar extrem elegant sein und nicht nur geschäftsmäßig wirken, wenn sie so fallen wie das lachsfarbene Exemplar, das Nicole Belloubet, die neue Justizministerin, an jenem heißen Tag im Juni trug. Wenn das Material hochwertig ist und der Schnitt zur Person passt. Oder wenn die Jacke ein Stück länger ist, wie ein Smoking-Jackett für Frauen, so wie es die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo trug, als sie erfuhr, dass die Olympischen Spiele im Jahr 2024 in ihrer Stadt stattfinden sollen.

Diese Frauen inszenieren den eigenen Auftritt so selbstverständlich, dass sie dabei kleine Schwachstellen nicht verunsichern würden, obwohl nicht alle in ihren Vierzigern den Traumkörper von Brigitte Macron in ihren Sechzigern haben. Ist gar nicht nötig. Sie haben ja ihren Look wie Christine Lagarde, die sich entspannt neben Ivanka Trump beim Frauengipfel in Berlin setzen kann, oder Françoise Nyssen, die neue Kulturministerin, die auch für eine skandinavische Buchhändlerin gehalten werden könnte. Selbst anlässlich der Filmfestspiele in Cannes blieb sie sich beim Gang über den roten Teppich treu und trug ihre Brille mit Kette, dazu eine übergroße Metallic-Jacke mit gekrempelten Ärmeln und eine schlichte Hose.

Der Look als Rüstzeug selbstbewusster Frauen

Sie wissen eben, was ihnen steht. Und sie werden sich mit dem Thema hin und wieder auseinandersetzen. Als im vergangenen Jahr in Frankreich eine Debatte darüber entbrannte, ob westliche Modemarken Kleidungsstücke anbieten dürfen, die mit den Regeln des Islams konform sind, meldete sich die damalige Ministerin für Frauenrechte, Laurence Rossignol, zu Wort. Streng genommen redete sie sich um Kopf und Kragen und musste später zurückrudern, weil sie schleiertragende Frauen mit Schwarzen verglich, die für die Sklaverei gewesen seien. Die Äußerung war natürlich entsetzlich. Aber immerhin mischte sie sich überhaupt in die Diskussion ein. Und sie verteidigte die Mode, indem sie das Gegenteil verunglimpfte, nämlich den Schleier, der den freiheitlichen Werten einer westlichen Gesellschaft widerspricht. Mode hingegen ist Ausdruck von Freiheit, und niemand scheint es besser zu verstehen als die Französinnen.

Das lässt sich natürlich auf die Rolle der Mutter zurückführen, die ihre Kinder erzieht. Seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit der Utopien, ist die Mutter in Frankreich auch eine arbeitende Frau. Ihre Sexualität ist nicht von einem gewissen Zeitpunkt im Leben an Geschichte. Sie gebiert mehr Kinder als andere Frauen in Europa, vergisst darüber aber nicht ihre Karriere.

Die Französinnen sind sich selbst wichtig. Man sieht es auch an der Art, wie sich viele von ihnen kleiden. Nicht wie jemand, dessen Leben von Kindern bestimmt ist. Statt typisch mütterlich-praktischer Garderobe tragen sie autonom Mode. „In mitteleuropäischen Ländern gibt es viel mehr Rechtfertigungsbedarf, wenn man als Frau Karriere macht“, sagt auch Eva Flicker von der Universität Wien. „In Frankreich ist die gesellschaftliche Offenheit bei dem Thema insgesamt größer. Aber Geschlechterstereotypen sind auch dort nicht verschwunden.“

Auch dort haben mächtige Frauen unter Sexismus zu leiden. Sie könnten nicht plötzlich aufhören, für ihre Rolle zu kämpfen. Ihr Look gehört stattdessen zu ihrem Rüstzeug. Da trifft es sich gut, dass die hellen Kieselsteine vor dem Élysée-Palast die Motive, die dort aufgenommen werden, schön zur Geltung kommen lassen. Also kann man das auch als Anlass zur Inszenierung der eigenen Person nehmen. Rachida Dati zum Beispiel ließ sich fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter nicht etwa bei der wöchentlichen Kabinettssitzung entschuldigen - sie lief stattdessen in Samtkostüm und hohen Lackleder-Pumps durch den Innenhof. So wie überhaupt die Mehrheit der französischen Spitzenpolitikerinnen für diesen Anlass einmal die Woche High-Heels wählt. Auf hohen Absätzen läuft es sich schließlich bewusster und aufrechter. Und weil die Macht der Bilder in Zukunft noch größer wird, ist auch die Zeit auf der Seite dieser Frauen mit Macht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChristine LagardeEmmanuel MacronJustin TrudeauChanelFrankreichIWFLouis VuittonUniversität WienFrauen

Anzeige