Neues Trend-Muster Glencheck

Die Phantasie webt mit

Von Elisabeth Wagner
 - 20:39

Und wieder schickt einem die Mode eine Einladung, es genau zu nehmen. Lächerlich genau, auf dass keiner das Detail verachte, das vermeintlich Nebensächliche, das es niemals aufnehmen könnte mit den großen Fragen und wichtigen Meinungen. Gerade deshalb nimmt man die Einladung gern an. Sie kommt in Gestalt eines Musters, einer spezifischen Kombination aus Quadraten, die sich, so ist es im Scottish Register of Tartans zu lesen, auf einer kurzen Liste der einflussreichsten Karos findet. Diese Liste ist alt. Und sie ist neu. Man kann es gar nicht übersehen.

Auf dem Laufsteg zum Beispiel, wo man den Glencheck bei Off-White an hochgeschlitzten, engen Röcken, an Mänteln, Jacken, an Bustiers und, ja sogar an Stulpenstiefeln sieht. Man trifft ihn bei Ralph Lauren und in schöner Subtilität bei Veronique Branquinho, die den Glencheck wie Nachmittagsmelancholie um die Körper spielen lässt. Bei Antonio Marras erwischt man das selbstbewusste und doch niemals auftrumpfende Muster im Zwiegespräch mit floralen Stoffen und Spitze und bei Tibi in nüchterner Businesstauglichkeit. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen; will, so scheint es, momentan doch niemand ohne diese Karos sein.

Im Webrahmen entstehen sie aus abwechselnd zwei hellen, zwei dunklen, vier hellen und vier dunklen Fäden in Kette und Schuss. Um ein Grundquadrat in Hahnentritt legen sich Rechtecke und Quadrate in Pepita. Der offizielle Name: Glenurquhart Estate Check.

Eingetragen wurde er am 1. Januar 1840, und als Erfinderin ist Elizabeth Macdougall aus Lewiston vermerkt, einem Dorf in der Nähe des Ufers von Loch Ness. Sie soll Probleme gehabt haben, dem Weber William Fraser die innovative, weil zweifache Kombination verständlich zu machen, und das Muster schließlich mit einem Stock in den schlammigen Boden gezeichnet haben. So will es jedenfalls die Legende, die überhaupt manches will, wenn es um die Highlands geht. Die Phantasie webt eben mit. Die Encyclopædia Britannica warnt.

Man solle sich hüten, in jedem karierten Stoff das Banner der Tradition oder die Fahne Schottlands zu erkennen. Das Karo sei als dekorative Grundform immer auch Teil einer allgemeinen Geschichte der Mode und nicht ausschließlich durch englisch/schottische Auseinandersetzungen zu erklären.

Einfachheit als Vorteil

Nach der Schlacht von Culloden 1746 und dem endgültigen Scheitern des Versuchs der Jakobiten, die Thronfolge für das katholische Haus Stuart zurückzuerobern, hatte die britische Regierung im sogenannten „Dress Act“ allen Männern Schottlands, sofern sie nicht als Offiziere oder Soldaten in der königlichen Armee dienten, bei Androhung schwerer Strafen untersagt, die Zeichen der Clans zu tragen. 1782 endete das Verbot der Tartans und Kilts und machte den Weg frei für zahlreiche neue Karos.

Tartans, wie der Shepherd’s Check und (als seine Weiterentwicklung) der Glenurquhart Estate Check, wurden erfunden, weniger repräsentative Webmuster, die ihren Namen mit einer Gegend, einer Landschaft, nicht aber mit einem Clan verbinden. Ihre Einfachheit erwies sich als Vorteil, denn wie Wandergesellen waren sie bereit, sich von der Mode kapern oder wenigstens von einer gewissen Lady Seafield adoptieren zu lassen.

Die Ehefrau des 7. Earl of Seafield soll den Glencheck für die Uniformen der Wildhüter ausgesucht und dadurch in Umlauf gebracht haben, und auf einem seiner regelmäßigen Jagdaufenthalte in Abergeldie House soll ihn der älteste Sohn Königin Victorias, der spätere Edward VII, kennengelernt und sofort ins modebewusste Herz geschlossen haben. Seinen Eltern eine ewige Enttäuschung, hat „Bertie“ den Glencheck durch seine Begeisterung nobilitiert. Ein zartes farbiges Überkaro wurde eingefügt, und man sprach vom Prince of Wales Check, oder auch vom Prince de Galles. Man hätte das Muster auch „Uncle of Europe“ nennen können. So lautet der Spitzname Edwards, der den Trendbeobachtern ausgesprochen gut in die Prognose passt. Sie nämlich interpretieren die Beliebtheit des Glencheck als ein Ja zu offenen Grenzen und kosmopolitischem Geist.

Das unbefangene Zitieren angelsächsischer Traditionen, sagen sie, beweise in Zeiten des Brexit, dass die Mode keineswegs die Absicht habe, in der Provinz zu versauern. Sie kümmere sich nicht um nationale Werktreue und gebe sich lieber der Welt als der Betulichkeit hin. Mit anderen Worten, das Karo gehört, wohin es will, und wer bei karierten Wollstoffen zwanghaft an Alexander Gaulands Sakko denkt, an mit Tweed gepolsterte Ressentiments, der vergisst den Glencheck der Metropolen und die junge Modestudentin, die in gelber Strumpfhose, Minirock und Glencheck-Blazer à la Giorgio Armani in der Bibliothek nach Büchern über Punk und Feminismus sucht.

Er vergisst Coco Chanel, die ihren Arm in Manier eines italienischen Aufreißers um den Hals der in Glencheck-Chanel gekleideten Suzy Parker legt. Und nicht zuletzt übersieht er, dass die angelsächsische Tradition der Herrenschneiderei, dem perfekten Schnitt und makellosen Anzugstoffen verpflichtet, das Erbe der Moderne vertritt, ganz besonders dann, wenn Frauen sich ihrer bedienen. In Glencheck gehen sie ihren Geschäften nach, haben es eilig.

Der Glencheck ist nicht mädchenhaft

Unsentimental ist dieser Glencheck, der Effekt grafisch und eher kühl, aus der Entfernung kann er etwas Flirrendes, Unnahbares haben. Weniger wohlmeinend kann man ein Gitter assoziieren, ein Gerüst der Selbstzufriedenheit. Die Rede vom Kleinkarierten ist geläufig, und wahr ist, Karos sind keine Verführer. Sie schmeicheln nicht, wie andere geometrische Figuren, zum Beispiel feine Streifen, es können. Niemand wirkt schlanker in Karos oder zierlicher. Nicht zufällig trug Pretty Woman beim ersten gesellschaftlichen Auftritt an der Seite ihres zukünftigen Ehemannes ein Seidenkleid mit weißen Punkten. Der Glencheck wäre nicht mädchenhaft, nicht anschmiegsam genug gewesen, um das Erscheinen einer Prinzessin plausibel zu machen. Wie an einer Tischkante hätte sich das Klischee der Weiblichkeit an ihm gestoßen.

Die sagenhaft extravagante Tracy Lord (Katharine Hepburn) hat das selbstverständlich nicht abgehalten. Nie war der Glencheck leichter, nie war er heiterer als mit ihr 1940 in „Die Nacht vor der Hochzeit“. Tracy trägt ihn zum Reitausflug, ihr fürchterlich blasierter Verlobter George Kittredge (John Howard) nicht. Er sehe zum Fürchten langweilig und perfekt aus, findet sie, da könnten nur ein bisschen Dreck und Erde helfen. Sie wirft sich auf ihn, reibt Sand in seine Hosen. Doch der Versuch, Leben in diesen aufstiegshungrigen und stets ängstlichen Angeber zu bringen, scheitert. Tracys richtiger Mann heißt C.K. Dexter Haven (Cary Grant), und der hat, stilbewusst und auf der einsamen Höhe des Hollywood der damaligen Zeit, alles an, was an Mustern Rang und Namen hat: Streifen, Karos, Glencheck. Es ist die schnittige amerikanische Version jenseits von „Downton Abbey“. Sie liebt das Tempo der Großstädte, den Straßenlärm und neugierige Reporter. In Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ wird Cary Grant neunzehn Jahre später die Vollendung dieses Glencheck tragen. Einen Anzug, dessen Karos so fein, dessen Schnitt so mühelos ist, dass das Muster wie ein Spiegel der labyrinthischen Story erscheint. In Glencheck geht es vom Büro in eine Hotelbar zum Geschäftstreffen, von dort direkt in die Lebensgefahr und das Schlafwagenabteil von Eve Kendall (Eva Marie Saint), weiter bis in den Staub eines Maisfeldes, über dem ein Flugzeug plötzlich zur Menschenjagd ansetzt. Niemals wäre Hitchcock auf die Idee gekommen, einer Frau diesen Glencheck anzubieten. Er kleidet sein männliches Ideal, eine Wunschphantasie der Eleganz und Stärke.

Wie alle Muster hat der Glencheck die Macht zur Projektion. Er fügt dem Bild etwas hinzu, was nur er hinzufügen kann. Eine Stimmung, eine Atmosphäre, in seinem Fall ist es ein Netz aus Alltag und Abenteuer, das sich im Kino der Mode allerdings längst nicht mehr an Regieanweisungen hält. Der Glencheck gehört nicht Cary Grant allein. Jeder kann sich davon nehmen, so viel und so androgyn er es mag. Der Glencheck hält sich nicht an Grenzen.

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Quelle: F.A.S.
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