Mode & Design
Berliner Modewoche

Empöört euch, Berliner!

Von Florian Siebeck, Berlin
© Christian Dammert, F.A.Z.

Die Berliner Modewoche steht vor einer Zäsur. Großsponsor Mercedes Benz, der bislang den Event-Vermarkter IMG unterstützte, hilft nun dem „Fashion Council Germany“. Das ist zum einen ein Versuch, die modische Qualität zu steigern. Zum anderen schwingt die Hoffnung mit, die C-Prominenten aus der ersten Reihe zu verbannen – und so auch das Gesamt-Image zu verbessern.

Zu jeder Zäsur gehört – zumindest in Berlin – auch immer eine gute Party. Daher legen Jakob Haupt und David Roth vom Männermode-Blog „Dandy Diary“ allen C-Prominenten und Modemädchen noch einmal den „längsten roten Teppich der Welt“ aus. Auf der Insel der Jugend in der Spree bereiten sie zum Auftakt der Modewoche am Montag den Boden für „ein pervertiertes Schaulaufen jedes greifbaren Yellow-Press-Promis dieses Landes“ – mit Botox-Bar, Glitzerkanonen und einem goldenen Thron, auf dem ihr Ehrengast sitzt: Harald Glööckler, vom Stadtmagazin „tip“ auf die legendäre Liste der „100 peinlichsten Berliner“ gesetzt.

Lässt sich die nonchalante Coolness der „Dandys“ eigentlich antrainieren? Oder kann sie nur aus einer Laissez-faire-scheißegal-Haltung erwachsen, die den meisten Menschen zeitlebens verwehrt bleibt? „Harald Glööckler ist Kitsch, Glamour pur“, sagt Jakob Haupt. Niemand vertrete seine ästhetische Vision härter als der Designer. „Spätestens als er ein 3-D-Wackelbild von sich selbst in Jesus-Pose auf eine Bibel drucken ließ und die verkaufte, war uns klar: Wir müssen was mit ihm zusammen machen.“

„Ohne Kreative sind wir verloren“

Wahr? Ironisch? Postironisch? So unterschiedlich sind der Sonnenkönig von der Friedrichstraße und die Candy-Boys aus Berlin-Mitte gar nicht: berufsjugendlich, irgendwie in der Mode verankert, auf Superlative aus, Phänomene der Selbstvermarktung. Das Engagement Glööcklers, der sich als „Projekt“, als „lebende Vernissage“ bezeichnet, kostet um die 25000 Euro – er verdient gutes Geld mit einem einträglichen Lizenzgeschäft, macht Mode für Hunde und Schmuck für Lidl. In den Discountern ist „Dandy Diary“ noch nicht gelandet. Und doch sind sie für Marken, die eskalationsfreudige Partys nicht scheuen, ein Hauptgewinn. Die Influencer bringen sie gleich noch mit.

Harald Glööckler war der Modewoche bislang bis auf wenige Ausnahmen ferngeblieben. „Mein Business ist ja ganz anders aufgebaut. Wenn ich etwas präsentiere, habe ich es ja schon verkauft.“ Ohnehin mache er mittlerweile „mehr Interior als Mode“, zum Beispiel Tapeten. Der Markt boome, da sei die Mode in Deutschland etwas hinterher. „Dandy Diary“ kannte er nur aus der Presse. Aber sie fanden gleich einen Draht. „Die haben so eine coole, lässige Art, ohne gleich rotzig zu sein“, sagt er. „Solche Leute brauchen wir in Deutschland: die was bewegen, die Ideen haben. Ohne Kreative sind wir verloren.“

Glööckler hat der Hauptstadt längst den Rücken gekehrt und ein Schloss in der Pfalz gekauft. Nun wohnt er im „Chateau Pompöös“ – das nach seiner Marke benannt ist, inmitten Dutzender barocker Skulpturen. „Wie in Italien!“ Zum Strass-und-Glitzer-Fest nach Berlin wird er kommen, seine Tapeten ausrollen und alte Freunde aus dem Privatfernsehen anrufen. Ein Auftritt bei „Dandy Diary“ – so wird man zum Stadtgespräch. In der letzten Saison redeten alle von abgeschlagenen Ziegenköpfen und herumspritzendem Schweineblut. „Von der Todesparty zu Harald Glööckler, das ist ein schöner Bruch“, sagt David Roth, der den Blog mit Jakob Haupt führt. „Mein Papa plädiert immer gerne für Radikalität. Aber als ich ihm von der Idee mit Harald Glööckler erzählt habe, war selbst ihm das zu viel.“

Es soll ein „perverses Rokoko-Sommerfest“ werden

Wird der Montag für die Berliner Mode also zum Fanal der Oberflächlichkeit, nach dem nichts mehr kommt als nüchterne Ernsthaftigkeit? „In Paris oder New York sind der Modezirkus und die vielen Partys auch ein wichtiger Bestandteil“, sagt Glööckler. „Der kommt in Deutschland oft ein bisschen zu kurz. Hier muss alles ernst sein. Warum? Mode ist auch Spaß!“ Auf dem Fest wird er vielleicht eine Maske tragen, ein gigantisches rotes Cape, „vielleicht enge, barocke Hosen, vielleicht auch eine Korsage“.

Es soll, so sagt es Jakob Haupt, „ein perverses Rokoko-Sommerfest“ werden. Dank des in dieser Saison so ausgedünnten Schauenkalenders kann man am nächsten Nachmittag gut ausschlafen. Wie in jeder Saison werden sich die Gäste durch zähflüssige Menschenmassen auf die Tanzfläche betteln. Danach spricht von dieser Party die ganze Welt – die in Berlin allerdings in der Regel am S-Bahn-Ring endet.

Quelle: F.A.Z.
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