Schmerzende High Heels

Nie wieder Wechselschuhe mitnehmen

Von Katharina Pfannkuch
 - 17:52
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Der Satz, mit dem alles begann, fiel ganz beiläufig. Vor fünf Jahren schmerzten die Füße von Christian Hubers Freundin, nachdem sie einen ganzen Abend auf hohen Absätzen verbracht hatte. „Da müsste echt mal jemand was erfinden. Absätze, die man einfach vom Schuh abnehmen kann, zum Beispiel“, sagte sie – und gab damit den Startschuss zu einer Geschäftsidee: In seinem Maschinenbau-Studium stand sowieso gerade ein Projekt an, also setzte Huber sich an den Computer, recherchierte, maß und tüftelte. So lange, bis er eine Sohle entworfen hatte, an die sich Absätze in verschiedenen Höhen anbringen lassen und die dabei die ergonomische Form wahrt.

Das Uni-Projekt war abgeschlossen, doch die Idee eines Schuhs, der Frauen eine Alternative zum Paar Wechselschuhe in der Handtasche, zum Ausharren auf schwindelerregend hohen Hacken und zum ausführlichen Verarzten der Füße am Morgen danach bietet, ließ Huber nicht los. Gemeinsam mit einem Freund, dem damaligen BWL-Studenten Oliver Barth, verglich er seinen Entwurf mit Schuhen von Firmen wie Allegory Paris und Tanya Heath, an die sich ebenfalls verschiedene Absätze anbringen lassen, analysierte Zielgruppen und den Markt. Schließlich war beiden klar: Ihre Idee hat Potential.

Nach wie vor verführerisch

„Es gibt Schuhe mit austauschbaren Absätzen, aber keiner der anderen Anbieter ist im Besitz einer patentierten Sohlentechnologie. Wenn die Sohle und die Leiste eines Schuhs nicht flexibel sind und sich auch in verschiedenen Winkeln der Form des Fußes anpassen, hat man nur einen sehr kleinen Spielraum bei der Höhe der Absätze. Mit unserem Modell hingegen kann sie zwischen 2,5 und 11 Zentimetern variieren“, erklärt Tim Haas. Gemeinsam mit Alexander Ostrovski, Huber und Barth macht er das Gründerteam von Mime et Moi komplett. So heißt das 2013 gegründete Label, mit dem die vier Männer von München aus Liebhaberinnen von High Heels und Pragmatismus begeistern. „Wir haben uns damals überlegt, was eigentlich mit einer Frau passiert, wenn sie Schuhe mit hohen Absätzen anzieht“, meint Haas: „Alles an ihr ändert sich, ihre Haltung, ihre Körpersprache und auch ihre Mimik. So entstand der Name unserer Firma.“

Derzeit sind zwar bequeme Sneaker und Ballerinas auf dem Vormarsch, aber hohe Absätze gelten nach wie vor als verführerisch. Man muss nicht Melania Trump heißen, um sie zu schätzen. Andererseits schafft es, wie in dieser Woche, wohl nur die aktuelle First Lady, spitze Pumps selbst für den Weg ins Katastrophengebiet von Texas zu tragen. Die Absatzhöhe lag bei gut und gerne zwölf Zentimetern.

Inspiration aus der Antike

Solche extrem hohen Schuhe trug damals schon Katharina von Medici 1533 in Paris zur Hochzeit mit dem späteren König Heinrich II. Damals waren die Modelle eigentlich Teil der Männermode. Schließlich hatte die optisch eher unscheinbare Katharina in Diana von Poitiers, der Lieblingsmätresse ihres zukünftigen Gatten, eine hochgewachsene Rivalin. Ihre Schuhe gelten als Vorreiter der modernen High Heels. Ein gutes Jahrhundert zuvor trugen adlige Damen in Spanien sogenannte Chopines. Diese in der Form flachen Schuhe erreichten durch aufwendig verzierte Plateausohlen aus Kork schwindelerregende Höhen von bis zu unglaublichen 74 Zentimetern. Italienische Schuhmacher setzten auf Sohlen aus Holz.

Ihre Inspiration holten sie sich womöglich in der Antike: Einige Abbildungen zeigen schon Fruchtbarkeitsgöttin Aphrodite auf hohen Sohlen. Chopines waren in höchstem Maße unpraktisch; sie zu tragen sagte aber viel über den eigenen Status aus: Dienstmädchen mussten die Damen stützen, für die das hohe Schuhwerk eine der wenigen Möglichkeiten darstellte, sich modisch auszutoben. Schließlich verbargen Frauen im erzkatholischen Spanien ihre langen, züchtigen Kleider meist unter schwarzen Schleiern und Übermänteln. Als frühes Pendant zu den heute unter schwarzen Gewändern hervorblitzenden Designer-High-Heels arabischer Golf-Schönheiten ließen nur die mit Brokat, Leder und manchmal gar mit Edelsteinen verzierten Chopines auf Status und Geschmack ihrer Trägerin schließen.

Verziert sind auch die Designs von Mime et Moi. Das Modell „Nr.1 Goldie Nude“ aus Velours- und Nappa-Ziegenleder etwa schmücken eine hautfarbene Schleife und ein goldener Fesselriemen, bei der „Rome Bloomy Black“-Sandale aus Ziegenleder zieren drei schwarze Blüten den Riemen über den Zehen. Zwischen 175 und 205 Euro kosten die in Spanien hergestellten Modelle, die mit je zwei Absätzen – vom flachen Blockabsatz bis zum hohen Stiletto – geliefert werden. Bisher lassen sie sich ausschließlich an Sandalen anbringen. „Zumindest in Deutschland eignen sich Sandalen meist nicht für den Gang ins Büro, aber für die Freizeit, für Feiern und Events ist der Schuh perfekt“, sagt Haas.

Die komplexe und patentierte Konstruktion, bei der allein die Sohle aus 25 Einzelteilen besteht, setzt Präzision voraus. Jeder Riemen und jede Naht müssen so plaziert werden, dass sie in jeder Höhe an der richtigen Stelle sitzen. Das ist bei Sandalen, die aus vergleichsweise wenig Stoff über dem Fuß bestehen, eher möglich als etwa bei einer Winterstiefelette. „Der verarbeitete Stoff bei einem geschlossenen Schuh wirft bei unterschiedlichen Absatzhöhen andere Falten, die Ergonomie ändert sich“, erklärt Haas die Herausforderung. Dennoch wollen die Gründer bald auch geschlossene Mimes, wie sie ihre Entwürfe nennen, anbieten.

Die Schuhe der Schlachter

Zwischen der Idee und dem ersten verkauften Schuh lagen drei Jahre, denn der Aufwand hinter den filigranen Sandalen ist groß. Werkzeuge müssen eigens konstruiert werden, die Suche nach geeigneten Produktionspartnern führte von Ungarn über Portugal und Italien bis nach Spanien. Und dann ist da noch ein Detail: Keiner der vier Gründer hat das Schuhmacher-Handwerk gelernt. Wenn man Haas zuhört, könnte man das fast vergessen, so fachmännisch erklärt er das Zusammenspiel von Leiste, Sprengung und Sohle. Als Marketing-Spezialist weiß er aber, dass für die Kaufentscheidung vor allem die Optik zählt: „Der Schuh muss gut aussehen, praktischer Nutzen allein überzeugt nicht.“

Dieser Gedanke zieht sich durch die Geschichte des Schuhabsatzes wie ein roter Faden. Rot, das war auch jene Farbe, die Louis XIV. für die Absätze seiner Schuhe bevorzugte. Materialien und Stoffe rot einzufärben war im 17. Jahrhundert eine kostspielige Angelegenheit, die Farbe stand für Macht, Reichtum und Männlichkeit. Auch Karl II. von England ließ sich mit roten Absätzen am königlichen Fuße porträtieren, als er 1660 den Thron bestieg. Zehn Jahre später gestattete Louis XIV. nur Angehörigen seines Hofes rote Schuhabsätze. Das royale Markenzeichen wurde jedoch damals ähnlich freimütig kopiert wie heute die roten Sohlen des Schuhdesigners Christian Louboutin.

Kaum ein Schuh mit hohem Absatz ist wirklich bequem, doch seit jeher zeigen Menschen damit ihren Status. Lange vor Katharina von Medici und Louis XIV. konnte das auch jener eines Schlachters sein: Im alten Ägypten sollen Fleischer ihre Füße mit hohen Plateausohlen vom blutverschmierten Boden ihres Arbeitsplatzes ferngehalten haben. Später schätzten persische Reitersoldaten hohe Absätze, weil sie ihnen Halt im Steigbügel verschafften. Als 1599 die erste persische Diplomaten-Mission in Europa eintraf, waren die Gastgeber begeistert vom Schuhwerk ihres Besuchs, der auf hohen Hacken seine Aufwartung machte.

„Wir gehen Schritt für Schritt voran.“

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts hüllte Europa seine Füße in einen hochhackigen Unisex-Look. Spätestens mit der Französischen Revolution ebbte der Trend dann aber ab: Aristokratische Mode-Codes waren nun alles andere als angesagt. Im Viktorianischen Zeitalter erlebten Absätze dann ein Comeback – jedoch nur an zarten Frauenfüßen. Als unerlässliches Accessoire in der aufkommenden erotischen Fotografie wurden sie zum Inbegriff der weiblichen Sexyness, die Roger Vivier 1954 mit seinem ersten, für Christian Dior entworfenen Stiletto auf die Spitze trieb.

Heute zeichnet sich wieder ein Unisex-Trend ab, doch diesmal geht er in die andere Richtung: Immer mehr Frauen greifen zu flachen Ballerinas, Budapestern und Turnschuhen. Gerne in mädchenhaften Rosé-Tönen. Sie sind vor allem: bequem. Doch zu manchem Outfit und Anlass werden hohe Absätze nach wie vor einfach erwartet. Die Filmfestspiele in Cannes gehören dazu. 2015 berichtete ein britisches Magazin, dass weibliche Gäste bei der Premiere des Films „Carol“ am roten Teppich abgewiesen worden seien, weil sie flache Schuhe trugen. Auf einen kollektiven Aufschrei im Netz folgten Dementis und Entschuldigungen seitens der Festivalleitung, im Jahr darauf reagierten prominente Gäste ganz pragmatisch auf den vermeintlichen Skandal: Julia Roberts schritt barfuß über den roten Teppich zur Premiere ihres Films „Money Monster“, „American Honey“-Darstellerin Sasha Lane folgte ihrem Beispiel, und Kristen Stewart tauschte während der Premiere von „Personal Shopper“ ihre High Heels gegen Turnschuhe aus.

Assistenten, die bei Bedarf eine so bequeme Alternative herbeizaubern, sind nur wenigen vorbehalten, ein Paar flache Absätze aber passt auch ins kleinste Abendtäschchen. Genau das denkt man sich auch in München bei Mime et Moi. Bisher sind die flexiblen Sandalen und die passenden Absätze europaweit per Online-Shop erhältlich. „Der Aufbau unseres globalen Online-Handels ist der nächste Schritt“, kündigt Haas an. Schließlich erreichen das Unternehmen in den sozialen Netzwerken Anfragen aus aller Welt. Im Frühjahr sollen die Mimes dann auch in ausgewählten Geschäften Kundinnen anlocken. Zunächst nur in den Benelux-Ländern, später auch europaweit, sagt Haas: „Wir gehen Schritt für Schritt voran.“

Quelle: F.A.S.
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