Politisches Kleidungsstück

Im Namen der Hose

Von Barbara Vinken
 - 13:17
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Jacke wie Hose? Eins wie das andere? Die Hose gehört zu den Kleidungsstücken, die gedankenlos angezogen werden, wenn man aus dem Haus geht. Ein Leben ohne Hose können sich die meisten von uns, ob Frauen oder Männer, ob jung oder alt, nicht vorstellen. Wir sind alle unaufgeregte Hosennutzer geworden, das erscheint uns das Normalste auf der Welt. Nur noch in Redewendungen wie der, dass es Zeit wäre zu zeigen, wer die Hosen anhat, haben sich Spuren der Konflikte erhalten, die einst die Hose wie wenige andere Kleidungsstücke umtobt haben.

Der Kampf um die Gleichheit aller Menschen, die sich dann als Männer herausstellten, der Kampf um die Gleichheit der Geschlechter, der weibliche Kampf um männliche Privilegien, begann als Kampf um die Hose. Der Kampf um die Gleichheit aller Menschen, die Französische Revolution von 1789, kam gar im Namen der Hose: Die revolutionäre Partei wurde nach dem Fehlen dessen bezeichnet, was aller Welt bis dahin als die einzig tragbare Hose galt – der culotte. Als sans culottes, Hosenlose, wurden die Revolutionäre verspottet. Sie liefen zwar nicht ohne Hosen herum, machten sich aber lächerlich in ihren pantalons, Beinkleidern, die bis auf die Schuhe fielen. Das Deutsche kennt den Klassenunterschied nicht, der als Hosenunterschied auftrat. Der Kampf um die Gleichheit der Geschlechter war ein Kampf der Röcke um die Hose, die dabei zur Allerweltshose geworden war, zum pantalon.

Natürlich ist auch heute nicht eine Hose wie die andere. Man überlegt, ob es eine Flanellhose sein soll, mit Bügelfalte oder ohne, ob Chinos oder Jeans, ob Hosenanzug, Caprihosen, Marlene-Hosen, Nadelstreifen oder eher das, was gerade wieder Culotte heißt. Ziehen jetzt ausschließlich Frauen an. Vor kurzem noch unbedingt super skinny, kommen Hosen jetzt mit Schlag, als Faltenhosenrock, auch das Elefantenbein ist wieder da. Karotten- und Bundfaltenhosen warten dagegen noch auf ihre Wiederentdeckung. Aber alle streifen, Männer wie Frauen, eines der Beinkleider über. Mit Gürtel, seltener mit Hosenträgern. Junge Männer tun es seit Jahrzehnten den amerikanischen Gefängnisinsassen nach und lassen die Hose gürtellos über den Po nach unten rutschen; junge Frauen gehen in übergroßen boyfriend pants unter die Leute.

Jenseits der Zivilisation entstanden Hosen als Funktionskleidung

Und doch war die Hose eines der umstrittensten Kleidungsstücke. Denn Klassenpolitik und Geschlechterpolitik wurden nicht durch die Blume, sondern durch die Hose artikuliert, wie in der Französischen Revolution. Für Aufruhr sorgten auch Frauen in Hosen: Noch Ende der fünfziger Jahre verwies ein Bundestagspräsident in Deutschland eine Abgeordnete im Hosenanzug des Parlaments. So viel Ruhm, aber auch so viel Hohn und Spott wie die Hose hat kein anderes Kleidungsstück auf sich geladen. Die Hose wurde, was sie nie war: Ausnahmezustand männlicher Identität.

Bei den alten Griechen galt die Hose als lächerlich und auf jeden Fall als unangemessen. Selbstverständlich trugen Griechen keine Hosen, man muss sich nur die klassischen Friese ansehen. Organisch drapierten sie ihre Gliedmaßen in fließende Falten, die sich jeder Bewegung wie natürlich anschmiegten, schwärmte Hegel. Hosen trugen die Anderen, die Nichtgriechen, Skythen, Mongolen, die jenseits der Grenzen der Zivilisation hausten.

Dort entstanden Hosen als das, was man Funktionskleidung nennt: Sie schützten vor Kälte und Verletzung und gewährten gleichwohl Beinfreiheit. Jenseits der Zivilisation, wo man auch in grauen Vorzeiten nicht viel Wert auf Stil legte, trug man sie zuerst beim Reiten und Jagen. Sie waren nicht wie der reiche Faltenwurf der Gewänder und Togen an öffentliches Auftreten gebunden, sondern an alltägliches Funktionieren, an Arbeit.

Die Römer in ihrer Toga übernahmen den Vorbehalt gegen die Hose von den Griechen. Hosenträger waren auch bei ihnen schlicht Barbaren. Doch die Vorteile der Beinlinge stellten sich auf Feldzügen als unentbehrlich heraus: Die kriegführenden Römer legten in der späteren Antike notgedrungen Beinkleider an und taten es den Barbaren nach.

In der Moderne wurde die Hose zum Erotikschlager

Erst in der Neuzeit stand der Hose eine steile Karriere bevor. Heute wird die Welt von keiner gens togata, sondern von Hosenträgern beherrscht. Im Mittelalter und erst recht in der Moderne wird die Hose vom praktischen, aber ungeliebten, unpassenden und sicher nicht eleganten Kleidungsstück zum gesellschaftlichen Standard, ja zum Erotikschlager. Den Männern der herrschenden Klassen war die Hose, was der Minirock der Sechziger den Frauen. Was die waffentragenden, reitenden, jagenden Männer in Spätmittelalter, Renaissance und bis um die Französische Revolution trugen, müssen wir uns wie die heutigen weiblichen Leggings vorstellen.

Sie zu tragen verbot die Fluggesellschaft Delta vergangenes Jahr ihren Angestellten, weil sich darin alles wie nackt abzeichne. In hautengen Seidenhosen waren es in vergangenen Zeiten die Herren der Schöpfung, die, phallisch aufgerüstet, zur Schau stellten, was die Frauen noch durchs 20. Jahrhundert verhüllen mussten: Beine, Po, Geschlecht. Die Konstellation Rock versus Hose, Verhüllen versus Entblößen, war verbindliche Norm geworden.

Die Hosenrollen in Oper und Theater, wo Frauen Männer spielten, bezogen ihren unwiderstehlichen Reiz daraus, dass man sah, was sonst nie zu sehen war: die Schönheit entblößter weiblicher Beine. Die Hosenrollen spielen deshalb bis ins 20. Jahrhundert in einer historischen Zeit und vorzugsweise in der Renaissance, wo die Herren noch ihre Beine zur Schau stellten, statt sie in Röhren zu verhüllen.

Nur durch die Hose kam es zu Geschlechtertravestien

Bis vor 300 Jahren, zu Zeiten Ludwigs des XIV., war durch Verordnungen nicht nur geregelt, was jeder Stand, sondern auch, was jedes Geschlecht zu tragen hatte. Nur auf dem Hintergrund einer Kleiderordnung konnte es zu Klassen- und Geschlechtertravestien kommen. So zogen sich bis ins 18. Jahrhundert hinein die Frauen als Männer an, weil sie auf die Weise konnten, was sonst den Männern vorbehalten war: alleine reisen, auf Schiffen segeln, beim Reiten fest im Sattel sitzen oder in den Krieg ziehen.

Die prominentesten Beispiele dieser Art funktionalen Crossdressings sind Jeanne d'Arc, deren Männerkleider maßgeblich zu ihrer Verurteilung beitrugen, und Christina von Schweden, beide Hosenträger. Einen der Kleiderskandale, welche die Modekönigin Marie Antoinette inszenierte, hing an der culotte: Hoch zu Pferde ließ sich die Königin gewissermaßen en travestie abbilden, mit hautenger Kalbs-Culotte und Seidenstrümpfen, Dreispitz und Dolch, angezogen wie ein Mann, das Pferd zwischen den Beinen, Schenkel und Waden für jedermann zu bewundern.

Unglücklicherweise verschleift das Deutsche den Unterschied, den die romanischen Sprachen machen: Zwischen culotte und pantalon liegen Welten. Nach diesen Hosen unterschieden sich die Parteien der Revolution. Die Revolutionäre aus Volk und drittem Stand trugen Beinkleider, wie sie die herrschenden Schichten vor der Revolution nie und nimmer angelegt hätten: diese eigenartigen Röhren, die man heute als Hosen kennt. Die hautenge Sexyness der culottes, noch für Flaubert ein Fetisch, wurde durch pantalons ersetzt, welche die Beine lose bedecken und nicht über oder unter dem Knie gebunden werden, sondern nach unten bis auf die Schuhe fallen.

Der Pantalone gab den pantalons ihren Namen

Philippe d'Orléans, ein prominenter Klassentravestit, ließ mit der culotte die Pracht des Ancien Régime hinter sich; er legte die langen röhrenartigen Beinkleider des dritten Standes an, die zum Signum des modernen Manns geworden sind und heute als die natürlichste Sache der Welt erscheinen. Ein Dandy, Beau Brummell, machte den pantalon in England zu Anfang des 19. Jahrhunderts salonfähig. Der Sybarit Edward VII. sorgte für den an sich harmlosen Hosenaufschlag. Fürst Metternich legte die culotte erst 1848 und vermutlich sehr schweren Herzens ab.

Die Sansculottes machten der feudalen männlichen Zurschaustellung den Garaus. Der Anblick der neuen Hosen war gewöhnungsbedürftig. Sie wurden nicht eben schmeichelhaft verspottet als Ofenrohre und Pasteur-Röhrchen. Der pantalon ist einer der wenigen Fälle in der Modegeschichte, in der eine Unterschichtenmode zur verbindlichen Mode für alle Schichten und zum Universalklassiker wurde: trickle up. Und es ist der wohl einzige Fall, bei dem ein Kleidungsstück in seinem Namen den Ausweis seiner schockierenden Lächerlichkeit mit sich herumschleppt.

Benannt sind die pantalons nach einer lächerlichen Figur der Commedia dell'arte, dem Pantalone, der seinen Namen roten Hosen verdankt, die bis auf den Fuß fallen. Heute würde man sagen, der Pantalone mache einen auf dicke Hose. Alt, geschäftstüchtig, geizig, aber immer hinter jungen Frauen her und von ihnen zum Narren gehalten, wird er von allen manipuliert, hält sich indessen nicht nur für unwiderstehlich, sondern für einen genialen Strippenzieher. Sexappeal verwechselt er mit dem prallen Geldbeutel, der gut sichtbar an seinem Hosenbund baumelt. Der Pantalone ist ein Hosenheld, der sich in seinem Eigeninteresse lächerlich macht. Er ist die Figur, die alle höfischen Werte ins Lächerlich-Bürgerliche verkehrt, das exakte Gegenteil des Cortegiano, des Hofmanns, wie er von Baldassare Castiglione beschrieben worden ist. Seine falsche Eleganz zeigt sich in Hosen, die es den Hosen der Aristokraten nachtun wollen - den Renaissance-Tricothosen, wie sie vorzüglich junge, schöne, langbeinige Männer trugen und die doch verschiedener nicht sein konnten. Denn Pantalones fielen glatt bis auf die Füße, wie es eine höfische Hose nie getan hätte. Der bürgerliche Geizhals und Lüstling ist eine eitle Modekatastrophe.

Handwerkerinnen führten den Kampf um die Hose in Paris an

Die Revolution hatte zwar alle ständischen Kleiderordnungen aufgehoben, so dass jeder anziehen durfte, was er wollte. Bis auf die eine Ausnahme: Frauen standen unter Hosenverbot. Die nachrevolutionäre Gesetzgebung trennte nicht die Klassen oder Stände so wie pantalon und culotte, aber Frauen und Männer dafür strenger als das Alte Testament, das immerhin beide Geschlechter gleichberechtigt unter Travestieverbot gestellt hatte. Hosen zu tragen war nach der Revolution ein männliches Privileg. Das Gesetz vom 17. November 1800 legte fest, wer die Hosen anhatte. Um Hosen zu tragen, brauchten Frauen handfeste Gründe - ein Pferd am Zügel zum Beispiel - und dazu noch die Erlaubnis der Polizei.

Unternehmerinnen und Handwerkerinnen führten den Kampf um die Hose in Paris an. In Hosen konnten sie eine Druckerei leiten, in Hosen verdienten sie in Handwerksbetrieben doppelt so viel wie ihre Geschlechtsgenossinnen in Röcken. Aber die Polizei erlaubte Frauen die Hosen kurioserweise auch, wenn sie von Natur aus so männlich wirkten, dass sie in Frauenkleidern wie Transvestiten gewirkt hätten. Auch Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen wie Rosa Bonheur und George Sand waren berühmte Hosenträgerinnen. Freie Frauen, Frauen, die selbst ihr Geld verdienten, nicht in die patriarchalische Ordnung eingebunden waren, sondern erotisch selbstbestimmt auftraten, trugen Hosen.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die femme travestie zwar noch irgendwie aufregend und anrüchig, mauvais genre, aber doch unaufhaltsam dabei, zum Normalfall zu werden. Das gesetzliche Hosenverbot für Frauen wurde in Frankreich seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht angewandt, aber erst 2013, als sich kaum jemand mehr daran erinnerte, tatsächlich aufgehoben.

Endgültig triumphierte die Hose mit dem Smoking von Yves Saint Laurent

So kam es, dass der Modeschöpfer Paul Poiret schon um die Jahrhundertwende den Versuch unternahm, die sogenannte Haremshose in die Haute Couture einzuführen. Diese erste Damenhose wurde ein Riesenflop. Noch führten Damen im Hosenrock überall in Europa zu Volksaufläufen. Chanel, schon vor dem Ersten Weltkrieg in weiten Matrosenleinenhosen unterwegs, war da erfolgreicher. Marlene Dietrich im Smoking, Greta Garbo und Katharine Hepburn verhalfen der Hose zu stets zwiespältigem, aber umso unwiderstehlicherem Glamour.

Endgültig triumphierte die Hose mit dem Smoking von Yves Saint Laurent 1966. Pierre Bergé soll gesagt haben, Chanel habe die Frauen befreit, an die Macht gebracht aber habe sie Yves Saint Laurent. Erst Ende der sechziger Jahre wurde es Frauen allmählich möglich, mit Hose ins Ritz zum Diner, mit Hose bei Harrods zum Shoppen zu gehen. Heute tragen Frauen an der Macht oft - und vielleicht zu oft - Hosenanzüge. Mittlerweile entzündet sich die Frage, wer die Hosen anhat, nicht mehr an der Hose, sondern am Rock. Darum hat man in Frankreich nun den "Journée de la jupe" ausgerufen. Männer und Frauen gehen an diesem Tag im Rock zur Arbeit und in die Schule. Warum nicht?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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