Mode & Design
Award Season

Off to the Oscars

Von Jennifer Wiebking
© dpa, Frankfurter Allgemeine Magazin

Die Anfrage kam eine Woche vor den Oscars: Sophie Turner, der Star aus „Game of Thrones", brauchte noch ein Kleid. Rebecca Corbin-Murray, die Stylistin der Schauspielerin, fragte bei Galvan an. Das Label ist gewissermaßen die Sophie Turner der Mode: Insidern ist es nach drei Jahren bestens bekannt, mit klaren Markenzeichen, so wie die Serienrolle bei Turner. Bei Galvan sind es fließende Abendkleider, coole Jumpsuits, nicht viel Tamtam, denn die Frauen darin sind interessanter, als ein Kleid es jemals sein könnte. Galvan ist, wie Turner, immer noch jung – und andererseits etabliert genug, um längst in Hollywood eine Rolle zu spielen.

Wenn eine Oscar-Anfrage kommt, sollten sie nicht mehr in Panik geraten. Aber im vergangenen Jahr waren die Rahmenbedingungen denkbar schlecht. Das Label arbeitet zwischen Los Angeles, London und Düsseldorf. In London, im Galvan-Headquarter, bereiteten sich die beiden geschäftsführenden Gründerinnen, Katherine Holmgren und Carolyn Hodler, zu der Zeit schon auf die Modewoche in Paris vor. Die OscarVerleihung liegt meist zwischen der Mailänder und der Pariser Modewoche, nur eben am anderen Ende der Welt. Und in Düsseldorf, wo das Atelier der Marke sitzt, war der Sohn der Galvan-Designerin Anna-Christin Haas krank.

Unermesslicher Werbeeffekt bei den Oscars

Man muss sich heute nicht mehr persönlich sehen, um Entscheidungen zu treffen. Die Galvan-Frauen – nach drei Jahren Fern-Geschäftspartnerschaft sind sie Facetime- und Skype-Profis - wissen das. Aber nach Los Angeles musste trotzdem jemand fliegen, für das Fitting mit Sophie Turner. Denn Sola Harrison, die vierte im Bunde, die dort lebt, war zu der Zeit verhindert; wäre ja auch zu einfach gewesen. Also schickten die vier ein Stoßgebet zum Himmel und bekamen tatsächlich Antwort: Ihre Assistentin Mira Naurath arbeitet schon fast so lange im Atelier in Düsseldorf, wie das Label existiert. Also flog sie nach L.A. – fürs Oscar-Fitting.

Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

Meist haben solche Anfragen wochenlangen Vorlauf. Manchmal kommen sie aber auch in letzter Minute, vor den wichtigsten Verleihungen des Jahres oder vor der großen Premiere einer Schauspielerin. Wichtig für ein aufstrebendes Label wie Galvan: dass überhaupt jemand anfragt, was außergewöhnlich genug ist. Denn wenn Marken ihre Macht irgendwo besonders ausspielen, dann in Hollywood. Die Chancen sind hier einfach zu gut. Ein Kleid an einem Star kann über Nacht um die Welt gehen und den Werbeeffekt ins Unermessliche steigern. Kein Wunder, dass etablierte Marken, die es sich leisten können, Verträge mit Schauspielern abschließen. Bei offiziellen Anlässen trägt dann Jennifer Lawrence Dior oder Sophie Turner jetzt Louis Vuitton, denn sie ist nun Markenbotschafterin des französischen Luxushauses. Es ist ein Vertrag, den die meisten Menschen schnell unterschreiben würden.

Marken müssen Prominenz nutzen

Zum Glück gibt es noch genug inoffizielle Anlässe, bei denen die Regeln lockerer sind. Zum Glück für junge Marken wie Galvan. „Da wären nicht nur die Golden Globes, sondern auch die After-Party“, sagt Haas. „Nicht nur die Oscars, sondern auch die ,Vanity-Fair'-Party, Lunches, Cocktails.“ Auch ein Star will nicht immer dieselbe Marke tragen, selbst wenn er dafür bezahlt wird. „Vielen ist es wichtig zu zeigen, dass sie modebewusst sind", sagt Katherine Holmgren, die an diesem Nachmittag aus London ins Wohnzimmer von Anna-Christin Haas zugeschaltet ist, über das Facetime-Fenster. „Aber dafür müssen die Stars auch Marken entdecken, darin gesehen werden und mal ein Risiko eingehen.“ Galvan kann niemanden dafür bezahlen, Kleider zu tragen. Aber man kann berühmten Frauen helfen, mal etwas zu riskieren.

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Sophie Turner ging letztes Jahr in Galvan zu den Oscars. Für ein kleineres Label ist das ein Riesenerfolg

Klar also, dass sich auch dieses Label auf die „Award Season“ vorbereitet, in der es darum geht, in wenigen Wochen möglichst viele, möglichst coole Schauspielerinnen einzukleiden, im Haifischbecken zwischen den großen Marken, zwischen 50 oder 60 anderen Labels – und das ist schon die engere Auswahl. „So baut man Markenbewusstsein auf“, sagt Holmgren. „Unsere Kultur ist so sehr von Prominenten geprägt, dass wir das als junge Marke unbedingt nutzen müssen. In dieser Hinsicht war es vor 20 Jahren vermutlich viel schwieriger.“

Frühzeitige Planung ist wichtig

Es wäre vermutlich unmöglich, wenn die vier, die zwischen 32 und 38 Jahre alt sind, nicht so gute Kontakte hätten: in New York, wo Holmgren aufwuchs; in L.A., wo Sola mit Dhani Harrison verheiratet ist, dem Sohn von Beatles-Mitglied George Harrison; in London, wo Haas lange für die Mohammed-al-Fayed-Tochter Jasmine Di Milo arbeitete und die Geschäftsführerinnen Carolyn Hodler und Holmgren in der Kunstwelt tätig waren. Auch über ihre Freundeskreise sind sie bestens vernetzt.

Die Galvan-Frauen: Katherine Holmgren, Anna-Christin Haas, Sola Harrison, Carolyn Hodler
© Galvan, Frankfurter Allgemeine Magazin

Das Vorhaben wäre trotzdem unmöglich, wenn sie es nicht mit so viel Organisation wie Fleiß angingen. Schon Mitte Dezember hat Galvan alle Events der anstehenden Awards-Saison vorliegen, inklusive der Lunches und Cocktails. „Es geht jetzt darum, Samples für Fittings verfügbar zu halten“, sagt Holmgren. Sie schaut in ihrem Facetime-Fenster nach rechts, von Düsseldorf aus gesehen ins Off, in Wirklichkeit auf eine Kleiderstange mit etlichen Modellen. „Die schicken wir heute noch nach L.A. Alles, was wir über Weihnachten nicht brauchen, können sie dort vielleicht schon für Fittings nutzen. Das ist Pre-Fall, wir haben die Stücke gerade erst fotografiert, die hat noch niemand getragen.“

Öfter mal „Nein“ sagen

Gerade sind die ersten Nominierungen bekannt geworden, für die Golden Globes und die Oscars. „Wir arbeiten mit einer Agentur in L.A. zusammen, die uns mit der Ausstattung von Prominenten hilft.“ Von der Agentur Sho and Co. haben sie auch die Liste mit den Nominierungen. „In Gelb streichen wir die an, die für uns in Frage kommen", sagt Holmgren. „Das passiert nämlich gar nicht so oft.“ Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich dort Namen finden, die nicht zur Marke passen und gefährlich werden könnten. Galvan sagt schon heute öfter Nein zu einem Star als Ja. Die zweite Überraschung: „Es sind gar nicht so viele bei den Verleihungen, die es auszustatten gilt“, erzählt Holmgren. "Das wusste ich vorher auch nicht. Man kann als Schauspieler natürlich zu solchen Verleihungen gehen, wenn man selbst nicht nominiert ist. Aber das wirkt dann fast schon verzweifelt.“

2014: Sienna Miller bei der Premiere von „Foxcatcher“, in Galvan
© Getty, Frankfurter Allgemeine Magazin

Die Nominierungen sind für die Schauspieler also doppelt wichtig: um am Ende vielleicht die Ehre zu haben zu gewinnen und um überhaupt guten Gewissens an der Verleihung teilnehmen zu können – und sich so im Gespräch zu halten. „Weil das über Jahre hinweg stressig sein könnte, ist gut beraten, wer mit einem erfolgreichen Kollegen liiert ist“, sagt Holmgren. „So kann man notfalls als Begleitung auftauchen. Man muss einfach relevant bleiben.“

Hoher Aufwand nur für offizielle Veranstaltungen

Wer von Bedeutung ist, bekommt in diesen Tagen über seinen Stylisten ein Award-Pack von Galvan zugestellt, rund 25 Kleider zum Anprobieren. „Wir sind selbst noch dabei, den besten Weg zu finden", sagt Holmgren. „Aber es hilft vermutlich, wenn wir den Stars zunächst Kleider schicken, die sie erst einmal anprobieren. Danach kann man über Spezialanfertigungen reden.“

So lief es auch bei Sophie Turner. Für die Oscar-Verleihung musste es eine Spezialanfertigung sein, obwohl nur noch wenige Tage Zeit war. „Ihre Maße haben sie uns hier nach Düsseldorf geschickt“, erzählt Assistentin Mira Naurath, die vom Atelier im Souterrain hoch ins Wohnzimmer von Designerin Haas gekommen ist. „Wir machen alle Spezialanfertigungen unten im Atelier.“ Bei einem solchen Kleid mit hohem Extra-Aufwand weiß das Label, für welchen Anlass es gedacht ist. Auch im Leben eines Stars gibt es schließlich genug inoffizielle Veranstaltungen, die nicht okay wären. „Zum Beispiel eine private Geburtstagsparty“, sagt Holmgren. „Wenn man so viel Arbeit in ein Kleid steckt, brauchen wir auch die anschließende Berichterstattung in der Presse, die richtige Berichterstattung.“ Ausnahmen gibt es aber schon, zum Beispiel bei Kleidern, die keine Spezialanfertigungen sind. „Wenn sie bei Instagram auf uns hinweisen, hilft uns das auch“, sagt Haas.

Die Kleider werden meist nur einmal getragen

Die Spezialanfertigung überlassen sie dem Star danach gelegentlich als Geschenk. „Als wir zum Beispiel den Jumpsuit für Gwyneth Paltrow gemacht haben, war klar, dass wir ihn ihr auch schenken wollten“, sagt Holmgren. „Aber normalerweise schicken die Stars die Kleider immer zurück, schon deshalb, weil sie ein Kleid, das sie einmal getragen haben, sowieso nicht noch mal verwenden könnten.“ Das Label wiederum, das ist auch klar, kann ein Kleid, das ein Star getragen hat, nie wieder einer anderen Prominenten schicken. Es muss zumindest eine andere Farbe sein.

2016: Jordana Brewster trägt Galvan bei den „Instyle Awards“ in L.A.
© AP, Frankfurter Allgemeine Magazin

Auf Basis der Maßangaben von Sophie Turner schneiderten sie im Düsseldorfer Atelier damals innerhalb weniger Tage ein mintfarbenes Abendkleid, mit Schlitz am rechten Bein, der erst knapp unter der Hüfte endet, sowie dem typischen Galvan-Dekollete (tief, an der Spitze ein schmales V) und mit einem leichten Korsett-Effekt an der Taille für den bestmöglichen Auftritt auf dem roten Teppich. „Im nächsten Moment saß ich mit dem Kleid schon im Flugzeug“, sagt Mira Naurath. Auf dem Weg nach Los Angeles, zum Fitting. Genauer gesagt: zu mehreren Fittings. Ein einziges würde hier nie reichen. Bei solchen Terminen ist gewöhnlich ein Schneider dabei, in Ausnahmen wie bei den Oscars jemand von der Marke – und natürlich der Stylist.

Die Stylisten müssen überzeugt werden

Die Stylisten werden in diesem System immer mächtiger. Wenn Hollywood als Sprachrohr für eine Marke heute unerlässlich ist, dann ist der Stylist derjenige, der über die Redezeit bestimmt. Nicht umsonst erzählen die Galvan-Frauen, dass Sienna Miller, ihr erster großer Star, zur Premiere von „Foxcatcher“ im Jahr 2014 auch für das damals neue Label so gut zu erreichen war, weil der Kontakt über Freunde lief. Die britisch-amerikanische Schauspielerin arbeitet in London ohne Stylist. „Das war einer der einfachsten Fälle, die wir je hatten“, sagt Holmgren. „Am Abend vor der Premiere schickten wir ihr unsere vier, fünf besten Kleider, eins davon trug sie am nächsten Tag auf dem roten Teppich.“

Das Kleid war silbermetallicfarben mit Spaghettiträgern. Sienna Miller konnte sich eben auf ihr eigenes Urteil verlassen. In Los Angeles arbeitet kaum jemand so. „Meist schicken wir Kleider zu den Fittings, die Stylisten organisieren. Das kann alles von einem Monat bis einen Tag im Voraus sein.„ Dazu ist es aber erst mal nötig, diese Menschen überhaupt zu kennen. „Natürlich versuchen wir, eine nette Verbindung zu ihnen zu halten“, sagt Holmgren. „Wenn wir zum Beispiel zufällig in derselben Stadt sind, schauen wir, ob wir sie zu Drinks oder einem Abendessen treffen können. Aber Stylisten haben leider so gut wie nie frei.“

Kaum ein Star entscheidet selbst

So lud das Label Anfang vergangenen Jahres zu einem Abendessen in ein Privathaus in den Hollywood Hills ein, zusammen mit der Style-Boutique Opening Ceremony und dem Kristallhersteller Swarovski. „Viele waren zu der Zeit so kurz vor den Verleihungen schon derart beschäftigt, dass sie an dem Abend nicht kommen konnten.“

Nach drei Jahren im Geschäft kennen die vier Frauen einige Stylisten gut genug, um zumindest zu erahnen, was sie mögen. Denn wenn das Kleid dem Stylisten nicht zusagt und er seinem Star davon abrät, dann wird der kaum den Mut haben, es trotzdem zu tragen. „Im Vergleich zu meiner Zeit bei Jasmine Di Milo ist der Stylist in den vergangenen zehn Jahren immer wichtiger geworden“, sagt Haas. „Es läuft vor allem über ihn.“ Die Stylisten arbeiten längst nicht mehr hinter den Kulissen. Sie bestimmen die Kulisse. „Die Stylisten behalten nach dem Fitting die Kleider, die ihnen gefallen“, sagt Holmgren. „Dann kann man nur noch hoffen, dass das eigene Kleid einen Auftritt haben wird. Bis dahin sind das ungelegte Eier, auf die man sich nie verlassen darf.“

Keine Spontanentscheidungen

Im Fall von Sophie Turner hatte Galvan zumindest die Sicherheit, dass die britische Schauspielerin ein Kleid der Marke tragen würde. So knapp vor den Oscars treffen selbst Stars, die an die Sprunghaftigkeit in Hollywood gewöhnt sind, solche Spontanentscheidungen nicht leicht.

2015: Gwyneth Paltrow bei einer Party der Beautymarke La Mer
© AP, Frankfurter Allgemeine Magazin

Am Freitag, dem 26. Februar, landete Mira Naurath in L.A. Das Wochenende verbrachte sie vornehmlich im Hotelzimmer mit Sophie Turner sowie einem Team aus Stylisten, Fotografen – und Anna-Christin Haas über Facetime. „Ich saß das ganze Wochenende über hier im Wohnzimmer mit dem Handy vor der Nase“, sagt Haas.

Keine Bilder mit Köpfen

Das Kleid muss schließlich von allen Seiten aus toll wirken. Und es muss am Ende auch zweidimensional gut aussehen: auf Papier und auf kleinen Handy-Bildschirmen. Insofern war die Facetime-Session nicht nur für das Urteil der Designerin hilfreich, sondern auch für den abschließenden Eindruck auf Instagram.

„Wann immer Stylisten Bilder von ihren Stars beim Fitting in den Kleidern schicken, um zu zeigen, was noch geändert werden soll, dann ohne Köpfe", sagt Holmgren. Die Gefahr, dass unvorteilhafte Bilder kursieren, ist zu groß. „Wir bekommen Bilder, die Celebritys von vorne und von hinten zeigen, aber ohne Köpfe.“ Und es gibt schon einen Grund, weshalb man die korsettartige Taille in Hollywood noch immer schätzt. „Alles, was ein bisschen zu weit ist, lässt einen auf Bildern kräftiger aussehen, als man eigentlich ist.“

In einem Kleid von Galvan zu den Oscars

Mira Naurath probte mit Sophie Turner an diesem Wochenende auch, wie sie in dem Kleid am besten steht, wie sie die Hände in die Taille legt, in welchem Winkel sie das Bein unter dem Schlitz hervorstreckt. Als Angelina Jolie vor fünf Jahren zu den Oscars ihr legendär geschlitztes Kleid trug, hatte sie die Pose des von sich gestreckten Beins mit hoher Wahrscheinlichkeit vorab einstudiert. „Es kamen öfter mal Sicherheitsmänner mit sündhaft teurem Schmuck", erzählt Naurath. Und klar ging es auch darum, welche Schuhe Sophie Turner zum Kleid trägt und welche Tasche. Die Schauspielerin blieb trotzdem entspannt. „Sie sagte, was ihr gefalle, was nicht, darauf konnten wir uns gut einstellen.“

Dann war es so weit. Sonntagnachmittag in Los Angeles. Bis zur letzten Pose hatten sie alles besprochen. „Plötzlich winkte Sophie Turner in die Kamera", erinnert sich Haas, bei der es dann schon auf spätabends zuging. „Sie rief: 'I'm going to the Oscars now', als könne sie es selbst nicht glauben.“ Und weg war sie. Im Auto, auf dem Weg zu den Oscars, in einem Kleid von Galvan.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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